01.10.2011

ZEITGESCHICHTEDas Gedächtnis gibt nach

Die grandiosen Tagebücher des Sozialdemokraten Friedrich Kellner zeigen, was Deutsche wissen konnten vom Terror in der Nazi-Zeit und von den Verbrechen gegen die Juden: ziemlich viel.
Das vorletzte Jahr des Krieges beginnt mit einer Durchhalterede. Italien ist nicht mehr auf Deutschlands Seite, die sowjetische Armee nähert sich den Grenzen von Polen, Ungarn und Rumänien. Die Landung der Aliierten in Frankreich steht bevor. Nach den Volksgenossen und Soldaten wendet sich Adolf Hitler zum Neujahr 1944 nun an den Herrgott selbst: "Das Ziel unseres Kampfes ist ihm bekannt." Gottes "Gerechtigkeit wird uns so lange prüfen, bis er sein Urteil sprechen kann. Unsere Pflicht ist es, dafür zu sorgen, dass wir vor seinen Augen als nicht zu leicht erscheinen, sondern gnädigen Richterspruch erfahren, der ,Sieg' heißt und damit das Leben bedeutet"!
Zwei sehr unterschiedliche Männer im Deutschen Reich notieren ihre Gedanken über diese Wendung Hitlers zum Religiösen in ihren Tagebüchern. Der eine, Victor Klemperer, lebt in Dresden mit seiner Frau in einem "Judenhaus" und schreibt über den Diktator, dessen Namen er chiffriert: "Neu am Inhalt: Karl wird fromm. (In der Annäherung an den kirchlichen Stil liegt das Neue.)."
Der andere, Friedrich Kellner, bewohnt mit seiner Frau eine Dienstwohnung im Gerichtsgebäude im hessischen Laubach, wo er im Wohnzimmerschrank ein Versteck für seine Mitschrift des Krieges gezimmert hat. Sein Kommentar zur Hitler-Rede: "Der Herrgott, der von allen Nationalsozialisten berufsmäßig gelästert worden ist, der wird jetzt in der höchsten Not von dem Führer angefleht. Eine ungewöhnliche Heuchelei!"
Das große Diarium, das der entlassene Dresdner Romanistikprofessor Victor Klemperer schrieb, erschien 1995 unter dem Titel "Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten"; es ist vielleicht das bedeutendste private Dokument über den Nationalsozialismus, da es in großer Hellsicht und Ausführlichkeit die zwölf Jahre des "Tausendjährigen Reichs" aus der Perspektive eines Ausgegrenzten erzählt - die kleinen Schikanen und die großen Verbrechen, das Leben des Alltags und die Entwicklung der Propaganda. Dieses Dokument hat jetzt ein Pendant: die Tagebücher des Justizinspektors Friedrich Kellner(*). Auf mehr als 900 Seiten kann man hier lesen, wie ein nichtnationalsozialistischer Bürger die Zeit seit September 1938 erlebte. Und was man wissen konnte, wenn man denn wissen wollte.
Friedrich Kellner, 1885 geboren, wenige Jahre jünger als Klemperer, war kein pri-
vilegierter Mann. Der Sohn eines Bäckers und eines Dienstmädchens besuchte die Oberrealschule und schaffte es in die Justizlaufbahn. Mit 22 Jahren absolvierte Kellner seinen einjährigen Dienst als Infanterist in Mainz, 1913 heiratete er dort die Büroangestellte Paulina Preuß. Drei Jahre später kam der einzige Sohn zur Welt, nachdem Kellner kriegsverletzt von der französischen Front zurückgekehrt war.
Eine normale, kleinbürgerliche Familie - aber sozialdemokratisch. Beide Kellners engagierten sich; er verteilte Flugblätter, hielt Reden und warb Mitglieder für die SPD. Kellner hatte Hitlers "Mein Kampf" gelesen, und er nahm das Buch ernst, von dem er sagte, es mache Gutenberg Schande. Nach den Wahlen von 1932, bei denen die NSDAP die stärkste Fraktion im Reichstag wurde, bewarb er sich um seine Versetzung aus Mainz, und zwei Wochen vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 und der ersten Welle des inneren Terrors fing er als Beamter im Amtsgericht Laubach an; ein unbeschriebenes Blatt in einer kleinen und nationalsozialistischen Stadt. Hier wird Kellners Tagebuch entstehen: ein Selbstgespräch aus Verzweiflung, eine Analyse der Gegenwart, ein geplantes Vermächtnis.
"Der Sinn meiner Niederschrift", so beginnt er am 26. September 1938, "ist der, augenblickliche Stimmungsbilder aus meiner Umgebung festzuhalten, damit eine spätere Zeit nicht in die Versuchung kommt, ein 'großes Geschehen' daraus zu konstruieren. (eine 'heroische Zeit' od. dergl.)." Und noch in derselben Passage, am selben Tag zeigt sich seine bittere Hellsicht, als er die deutsche Nachkriegsgeschichte in einem Satz charakterisiert: "Wer die zeitgenössische Gesellschaft, die Seelen der 'guten Deutschen' kennenlernen möchte, der lese meine Aufzeichnungen. Aber ich hege die Befürchtung, nach dem Ablauf der Geschehnisse werden nur wenig anständige Menschen übrig bleiben u. die Schuldigen haben kein Interesse daran, ihre Blamage festgehalten zu sehen."
Zehn engbeschriebene Hefte halten fest, was Kellner erlebt, was er beobachtet, und vor allem: was er liest und hört. Er schneidet Reden und Aufrufe aus den Zeitungen aus und analysiert sie, er schreibt Verordnungen und Erlasse mit. Er setzt die offiziellen Mitteilungen ins Verhältnis zu den Tatsachen, im hessischen Alltag wie an der entfernten Front. Er hört ausländischen Rundfunk, wenn es ihm möglich ist, vor allem aber wertet er die Propaganda kritisch aus. "Wir müssen", so kommentiert er den "Freundschaftsvertrag" von 1939 mit der Sowjetunion, "schon zu Rußland Zuflucht nehmen, um überhaupt einen 'Freund' zu haben. Ausgerechnet Rußland. Der Nat. Soz. verdankt sein Bestehen einzig u. allein seinem Kampf gegen den Bolschewismus (Weltfeind Nr. 1, Antikomintern). Wohin seid Ihr entschwunden, Ihr Kämpfer gegen die asiatische Schmach?"
Nicht einmal zwei Jahre später sind die Kämpfer wieder da, angeblich, um einem Angriff der Sowjetunion zuvorzukommen. Am 22. Juni 1941 heißt es in Kellners Tagebuch: "Wieder ist ein Staat das Opfer seines Nichtangriffspaktes mit Deutschland geworden. Mit was auch unser Vorgehen begründet werden mag, die Wahrheit wird einzig und allein auf dem Gebiete der Wirtschaft zu suchen sein. Rohstoffe sind Trumpf. Und bist du nicht willig, so brauche ich Gewalt." Aber kaum jemand sieht die Sache wie er. Vor allem die Frauen sprechen beim Tee gern davon, hier und da noch eine Stadt, ein Gebiet oder auch gleich ein ganzes Land zu "nehmen". Kellners Erschütterung teilt sich gleichmäßig auf: Er ist so entsetzt von der Leichtgläubigkeit wie von der Rohheit seiner Umgebung.
Aus militärischen Nachrichten, aus Todesanzeigen ("Für Deutschlands Größe u. Freiheit") und Karikaturen, aus Zeitungsmeldungen wie aus Volkes Stimme entsteht ein Bild des nationalsozialistischen Deutschland, das es bisher nicht gab: nicht so anschaulich, nicht so prägnant, nicht so herausfordernd. Denn die Diskussion über die deutsche Schuld spielte sich bislang in dem weiten Raum zwischen zwei Haltungen ab. Die eine Seite betont die gezielte Desinformation der Propaganda, das Leben in Angst und Terror und kam zu dem Schluss: Man konnte es nicht besser wissen. Die andere Seite nimmt den gegenteiligen Standpunkt ein: Alle haben von allem gewusst.
Hier, in diesen Aufzeichnungen, kann man lesen, was alle wissen konnten. Vom Vernichtungskrieg im Osten, von den Verbrechen gegen die Juden, vom Terror der Partei. Von der Hinrichtung von "Volksschädlingen", die sich "defaitistisch" äußerten, und von der "Rassenhygiene". "Die ,Heil- und Pflegeanstalten' sind zu Mordzentralen geworden", schreibt Kellner im Juli 1941. Eine Familie, die ihren Sohn aus einer solchen Anstalt wieder nach Hause holte, bekam später versehentlich den Bescheid, dass ihr Kind verstorben sei und die Asche ihnen bald zugestellt würde. "Das Büro hatte vergessen, den Namen auf der Todesliste zu streichen. Auf diese Weise ist die beabsichtigte vorsätzliche Tötung ans Tageslicht gekommen."
Man kann hier lesen, was man wissen konnte. Und man kann neu nachdenken über die Frage, wie der Satz "Davon haben wir nichts gewusst!" seine Karriere begann. Was man wissen konnte, wurde abgewehrt; aus Begeisterung über die Siege und aus Bequemlichkeit. Als diese Abwehr nicht mehr funktionierte, als zu viel bekannt wurde von dem, was die Nazis im deutschen Namen anrichteten, gab es für die allermeisten längst kein Zurück mehr. "'Das habe ich getan', sagt mein Gedächtnis", heißt es bei Nietzsche, "'Das kann ich nicht getan haben' - sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich - gibt das Gedächtnis nach."
Kellner selbst hält fest, dass "dieses armselige deutsche Volk" zur Geisel der Täter geworden ist: "Jeder ist davon überzeugt, daß wir siegen müssen, um nicht ganz verloren zu sein." Die Nazis selbst warnten die Bevölkerung vor der Rache der Täter. Ein Ende des Krieges war für die meisten nur denkbar als Sieg - oder als die totale Vernichtung.
Kellner lebte bis 1970. Trotz strenger Beobachtung der Partei und diverser Verhöre entging er dem Konzentrationslager. Der NSDAP-Funktionär Engst beschied eine Denunziation 1940 mit Bedauern abschlägig: "Wenn wir Leute vom Schlage Kellner fassen wollen, müssen wir sie aus ihren Schlupfwinkeln herauslocken und schuldig werden lassen. Zu einem Vorgehen ähnlich dem seinerzeit gegen die Juden ist die Zeit noch nicht reif. Das kann erst nach dem Kriege erfolgen."
Wie es zur Herausgabe von Friedrich Kellners Tagebüchern kam, erzählt der Enkel des Autors in seinem Nachwort. Deutsche Verlage hatten zunächst kein Interesse; schließlich gab eine SPIEGEL-Meldung im April 2005 den Ausschlag, in der davon berichtet wurde, wie der frühere US-Präsident George Bush die originalen Kellner-Hefte in der von ihm gestifteten Bibliothek in der Texas A&M University in Augenschein nahm.
Die großartig edierten Bände, die nun endlich erschienen sind, gehören in jede deutsche Bibliothek und möglichst jede Bücherwand - neben die Tagebücher von Klemperer.
(*) Friedrich Kellner: "Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne. Tagebücher 1939 - 1945". Hrsg. von Sascha Feuchert, Robert Martin Scott Kellner, Erwin Leibfried, Jörg Riecke und Markus Roth. Wallstein Verlag, Göttingen. Zwei Bände, 1128 Seiten; 59,90 Euro.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 40/2011
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