10.10.2011

PIRATENPARTEI

Kein Geschlecht, kein Problem

Von Theile, Merlind

Die Piraten wollen modern wirken, aber sie haben kaum weibliche Mitglieder. Gleichberechtigungsdebatten halten sie für überholt. Wer das Problem in der Partei benennt, bekommt Ärger.

Marina Weisband sollte heute gar nicht hier sein. Die Bundespressekonferenz hat die Führung der Piratenpartei eingeladen, im Terminplan stehen nur der Parteivorsitzende Sebastian Nerz und der Berliner Fraktionschef Andreas Baum, aber jetzt sitzt auch noch diese Frau vor der blauen Wand im Berliner Pressehaus. Weisband hat sich schick gemacht, sie trägt ein Kleid mit passendem Blazer, ihr Haar hat sie zu einer aufwendigen Zopffrisur geflochten, wie Julija Timoschenko, das Gesicht der ukrainischen Revolution.

Weisband hat ihren Stuhl vor der blauen Wand nachträglich erkämpft. Sie ist die Bundesgeschäftsführerin der Piratenpartei, es ist ihre Aufgabe, die bundespolitische Richtung zu erklären, aber die Hauptstadtjournalisten wollten eigentlich nur die beiden Männer befragen, es hätte wohl besser ins Bild gepasst.

Nach einer Weile kommt die Frage, auf die Weisband keine Lust hat. Warum sind die Piraten vor allem eine Männerpartei? "Ja, die Frauenfrage", sagt Weisband und guckt genervt. "Wir erheben bei unseren Mitgliedern nicht das Geschlecht. Wir glauben, dass echte Gleichberechtigung anfängt, wenn man aufhört, Frauen zu zählen."

Mit ihrem Wahlerfolg in Berlin haben sich die Piraten als neue Kraft ins politische Bewusstsein der Republik katapultiert. In der Hauptstadt holten sie aus dem Stand fast neun Prozent der Stimmen, in bundesweiten Umfragen kommen sie zurzeit auf acht Prozent. Die Piraten wollen einen neuen Politikstil verkörpern, sie fordern mehr Transparenz und Mitbestimmung, Basisdemokratie, Politik mit den Möglichkeiten des Internets. Alles soll frisch und modern wirken, auch die Absage an die alten Geschlechterkämpfe.

Wie viele Frauen es in der Partei gibt, weiß niemand genau, aber es sind wenige. Auf den Parteitagen sitzen fast nur Männer vor ihren Laptops, unter den 15 Berliner Abgeordneten findet sich eine einzige Frau, im Bundesvorstand sind es zwei. Aber anders als die etablierten Parteien finden es die Piraten gar nicht nötig, daran etwas zu ändern.

Eine Frauenquote, die es inzwischen sogar in der CSU gibt, lehnen die Piraten ab. Sie wollen "post-gender" sein. In dieser Weltsicht kann es keine Benachteiligung von Frauen geben, weil das Geschlecht egal sein soll. Keine Unterschiede, keine Ungleichbehandlung - kein Problem. Und so nehmen die Piraten ihren Frauenmangel hin. "Wir sind aus der Internetszene entstanden, und die ist eben männerdominiert", sagt Parteichef Nerz. Aber warum ist das so? Ist die Haltung der Piraten wirklich modern, einfach naiv oder fürchterlich gestrig?

Marina Weisband hat ihre erste große Pressekonferenz überstanden, jetzt muss sie zu einem Treffen der Berliner Piraten, erschöpft sinkt sie ins Taxi. "Mir kommt das alles noch ziemlich absurd vor", sagt sie. "Ich wollte ja nie ein Parteiamt." Weisband ist 24 Jahre alt, sie studiert in Münster Psychologie, für Politik hatte sie sich nicht interessiert. Bis die Piraten auftauchten. "Ich hatte intuitiv das Gefühl, dass sie Antworten auf die drängenden Fragen haben: die Umgestaltung der Demokratie im Hinblick auf neue Techniken und gesellschaftliche Entwicklungen."

Vor zwei Jahren wird sie Mitglied, im Mai 2011 geht sie das erste Mal auf einen Parteitag. In ihrem Kreisverband ist Weisband durch kluge Wortbeiträge aufgefallen, nun werden Kandidaten für den Bundesvorstand gesucht, irgendjemand schlägt sie vor. Weisband hält eine geschliffene Rede, in der sie auch sagt, dass sie einfach als Mensch wahrgenommen werden möchte. "Bitte wählt mich nicht, weil ich eine Frau bin!", ruft sie. Die Piraten jubeln, Weisband schlägt acht Gegenkandidaten.

Ein Gespräch mit Marina Weisband über die Frauenfrage ist seltsam, weil es so widersprüchlich ist. Sie sagt, sie sei sehr feminin, niemals trage sie Hosen, nur Kleider und Röcke, sie zeige sich gern als Frau. Gleichzeitig ist sie Bundesgeschäftsführerin einer Partei, die keinen Unterschied zwischen Geschlechtern machen will. Dass sie als junge Frau in einer männerdominierten Partei vielleicht auch deshalb wohlgelitten ist, weil sie eine junge Frau ist, sieht sie nicht. "Es ist ja nicht so, dass mir die Piraten alle nur auf den Arsch gucken."

Wie viele Frauen ihrer Generation glaubt Weisband, dass Männer und Frauen überall die gleichen Chancen haben, sie hat es selbst noch nicht anders erlebt. Geschlechterdebatten wirken auf sie zopfig, sie findet, dass Diskriminierung erst dann manifest wird, wenn Frauen aufgrund des Geschlechts bevorzugt werden. "Ich will keine Quotenfrau sein", sagt Weisband. Auf die Frage, wie die Politik bestehende Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft beseitigen könnte, sagt sie, dass es eben Aufklärung brauche, "zum Beispiel mit Bildungsprogrammen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen".

Ankunft in der Berliner Piratenzentrale, Weisband geht ins Hinterzimmer und legt ihre Tasche ab. Nebenan wird es plötzlich laut, ein paar Piraten streiten über den jüngsten Eklat. Parteichef Nerz hat in einem Interview bundespolitischen Ehrgeiz erkennen lassen, zwei Berliner Piraten haben ihm öffentlich widersprochen und Bescheidenheit gefordert. Es ist ein Streit um die Deutungshoheit, wie er oft entsteht, wenn es plötzlich um Macht geht. Weisband verdreht die Augen. "Da gucken halt ein paar Leute, wer den Längeren hat", sagt sie.

Leena Simon sieht das alles nicht so gelassen. Im vergangenen Jahr forderte sie öffentlich ein "Piratinnen"-Netzwerk, um etwas gegen die Bevormundung durch männliche Parteikollegen zu tun. Ihr Landesverband Berlin verwarnte Simon wegen parteischädigenden Verhaltens. Als sie auf dem nächsten Parteitag für den Vorstand kandidierte, wurde sie ausgebuht, auch von Frauen.

"Ich bekam immer zu hören: Dein Problem gibt es gar nicht, wir sind doch post-gender", sagt Simon. "Das ist natürlich sehr bequem." Was genau sie störte, kann Simon nicht sagen, es gab nicht die eine Eskalation. Es waren lauter Kleinigkeiten, die zusammen ein Bild ergaben, in dem Simon sich nicht wohl fühlte. Die ständigen Anmachen der Männer. Der Moderator des Parteitags, der bei der Kandidatenaufstellung rief: "Kommt rauf, wenn ihr Eier habt!"

"Es zermürbt", sagt Simon. "Es ist so was wie die gläserne Decke. Deswegen führen andere Parteien ja die Quote ein. Damit diese männlichen Strukturen überhaupt mal durchbrochen werden." Simon vermutet, dass viele Frauen der Piratenpartei deshalb fernbleiben, als Mitglieder und Wählerinnen. "Man ist abgeschreckt von der Ignoranz und dem Rüpelton", sagt sie. Ausgetreten ist sie nicht, sie sagt, die Atmosphäre in der Partei sei inzwischen etwas besser geworden, aber das "Geflame", das Nachtreten im Internet, höre nicht auf: Es gibt immer noch böse Mails und Beiträge in Foren, in denen Simon für ihren Vorstoß beschimpft wird, in der Mehrzahl vermutlich von Männern.

"Die Meinungsmacher im Netz sind Männer", sagt Constanze Kurz. Sie sitzt in der Cafeteria der Technischen Universität Berlin, dort tagt heute die Gesellschaft für Informatik, Kurz hat als Vertreterin des Chaos Computer Clubs teilgenommen. Als eine von wenigen Frauen hat sie sich in der Hackerszene etabliert, sie ist 37 und unterrichtet inzwischen selbst Studenten. Studentinnen sind kaum dabei.

Deutschlandweit sind bloß 19 Prozent aller Informatik-Erstsemester Frauen. "Die interessieren sich nicht so fürs Programmieren", sagt Kurz. "Man müsste die ganze Lehre verändern, um Frauen stärker anzusprechen, aber eigentlich fängt es ja schon bei der Erziehung an." In den meisten Kinderzimmern lebten die alten Geschlechterstereotype fort: Puppen für die Mädchen, Bauklötze für die Jungs. Es liege auch an dieser Sozialisation, dass technikaffine Berufe immer noch Männerbastionen sind.

Mit der wachsenden Bedeutung des Internets wird dieses Phänomen für Frauen zum Problem. Sie verpassen in einem immer wichtigeren Teil der Welt die Definitionsmacht. Im Netz seien Frauen durchaus aktiv, sagt Kurz, aber eher auf Facebook oder in anderen Foren, wo es um soziale Bindungen geht. "Frauen nutzen das Netz zwar, aber sie gestalten es nicht."

In der Piratenpartei, die aus der Netzwelt entstanden ist, pflanzt sich diese Struktur fort. Kurz findet, dass die Piraten selbst das Problem erkennen und lösen müssten. "Eine demokratische Partei muss da einen anderen Anspruch haben, sie kann ja die Hälfte der Wählerschaft nicht einfach ausblenden", sagt sie. "Die Piraten können sich nicht ewig mit post-gender rausreden. Im Kern ist ihre Haltung total gestrig." Solange sie das nicht einsehen, sagt Kurz, werde ihnen die Frauenfrage immer wieder vor die Füße fallen.

Marina Weisband, die Bundesgeschäftsführerin, glaubt eher, dass sich das Problem von selbst erledigen wird. "Das ist der Zeitgeist", sagt sie, "die Unterschiede zwischen Männern und Frauen schmelzen dahin."

Als sie die Berliner Geschäftsstelle ihrer Partei erreichte, nach der großen Pressekonferenz, standen vor der Tür ein paar Piraten herum und rauchten. Weisband ging auf sie zu, sie riss die Arme hoch und rief: "Ich hab's überlebt!" Die Piraten grinsten, einer sagte: "Guter Mann."


DER SPIEGEL 41/2011
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