10.10.2011

ZEITGESCHICHTEAuf Pullachs Lohnliste

Mit einem Lauschangriff auf den BND kam die CIA 1962 einem prominenten NS-Verbrecher auf die Spur: In Damaskus spionierte Franz Rademacher für den deutschen Geheimdienst.
Von Franz Rademacher stammt die wohl berüchtigtste Reisekostenabrechnung der Weltgeschichte. Im Oktober 1941 hatte sich der Referatsleiter aus dem Auswärtigen Amt (AA) nach Belgrad aufgemacht, weil der dortige AA-Bevollmächtigte verlangte, Juden zu deportieren. Rademacher wollte prüfen, ob das sogenannte Problem "an Ort und Stelle erledigt werden könne". Da SS und Wehrmacht darauf drängten, die Menschen umzubringen, war man sich schnell einig. 1300 Juden wurden erschossen, und Diplomat Rademacher notierte nach seiner Rückkehr als Reisegrund: "Liquidation von Juden in Belgrad".
Das unter Experten seit langem bekannte Dokument erregte im vergangenen Jahr große Aufmerksamkeit; eine Historikerkommission zur Geschichte des AA in der Nazi-Zeit und in den Nachkriegsjahrzehnten hatte den Beleg prominent präsentiert. Entsetzt erklärte Außenminister Guido Westerwelle, das Spesenpapier beweise, im Amt habe man "Mord als Dienstgeschäft abrechnen" können.
Vermutlich wäre Westerwelles Entsetzen noch größer gewesen, wenn ihm jene Unterlagen der US-Geheimdienste in den National Archives in Washington bekannt gewesen wären, die der SPIEGEL nun ausgewertet hat. Die CIA hatte Anfang der sechziger Jahre Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) abgehört. Danach war der flüchtige Rademacher ein deutscher Agent und lieferte Berichte aus Syrien. Vermutlich bezog er dafür sogar Geld vom Steuerzahler. Die Lauschprotokolle deuten ferner darauf hin, dass der BND den Mann davon abhielt, sich zu stellen. Es wäre nach dem Gaswagen-Erfinder Walther Rauff ein weiterer Fall, bei dem der Dienst die Strafverfolgung von NS-Verbrechern aktiv behinderte (SPIEGEL 39/2011).
Dabei zählte Rademacher zu den wenigen Diplomaten, gegen die sofort nach Kriegsende ermittelt worden war. Der ehrgeizige Sohn eines Bahnschaffners aus Neustrelitz in Mecklenburg hatte 1940 das sogenannte Judenreferat "Deutschland III" im AA übernommen. Er besorgte sich kistenweise antisemitische Literatur und galt bald als "Judenexperte".
In seiner neuen Funktion arbeitete der Jurist maßgeblich am Madagaskar-Plan mit: Rund vier Millionen Juden sollten auf die afrikanische Insel verschleppt werden und dort unter Aufsicht von SS und Polizei dahinvegetieren, doch die Idee wurde fallengelassen.
Später war er dann an Deportationen von Juden aus Frankreich, Belgien oder den Niederlanden in Vernichtungslager beteiligt. Mal verlangte das AA von verbündeten Regierungen die Preisgabe ihrer jüdischen Bürger, mal fragte die SS beim Amt an, ob dieses außenpolitische Bedenken gegen bestimmte Deportationen habe; Rademacher trug wesentlich zur reibungslosen Kooperation seines Ministeriums mit den Akteuren des Holocaust bei.
Nach Kriegsende erwogen die Alliierten daher, den Referatsleiter in einem der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse auf die Anklagebank zu setzen. 1952 verurteilte dann ein deutsches Gericht den untersetzten Mann mit der hohen Stirn zu drei Jahren und fünf Monaten Gefängnis. Allerdings entließen ihn die Richter aus der Haft, weil sie angeblich keine Fluchtgefahr sahen und die Revisionsverhandlung abwarten wollten. Rademacher nutzte die Chance und setzte sich über Frankreich nach Syrien ab.
Spätestens 1957 nahmen ihn dort die US-Geheimdienste ins Visier, aber auch deutsche Behörden kannten den Aufenthaltsort. Der US-Historiker Christopher Browning fand schon vor Jahren heraus, dass Rademacher über einen Mittelsmann signalisiert hatte, er erwäge, sich zu stellen. Er schien zwischen Reue und Uneinsichtigkeit zu schwanken; gegenüber einem alliierten Vernehmer hatte er einmal eingeräumt, er habe "große Verbrechen begangen" und wisse nicht, wie er diese "je wieder gutmachen" könne.
Einer US-Geheimdienst-Quelle zufolge hoffte er auf den Einfluss von Hans Globke, enger Berater von Kanzler Konrad Adenauer und als Chef des Kanzleramts dem BND vorgesetzt. Globke hatte vor 1945 im Innenministerium an antisemitischen Gesetzen mitgewirkt, und Rademacher behauptete, mit Globke in Verbindung zu stehen. Am Ende blieb er dann doch in Damaskus.
Möglicherweise handelte er schon damals im Auftrag des BND, der gerade sein Agentennetz im arabischen Raum ausbaute und dabei auch auf Alt-Nazis setzte. Einem Bericht der Agency zufolge interessierte sich der deutsche Dienst jedenfalls "viele Jahre" für Rademacher, ehe er ihn schließlich im Frühjahr 1962 offenbar fest anheuerte.
In Algerien tobte der Befreiungskrieg, und manche Alt-Nazis teilten mit den Führern der algerischen Revolutionäre den Hass auf den Westen und natürlich auf Israel. Rademacher zählte zu einem Kreis alter Kameraden, der Waffen an die Aufständischen lieferte. Einige arbeiteten auch für den BND und wurden ihrerseits, zumindest teilweise, von der CIA überwacht.
Am 21. Mai 1962 meldete die CIA aus München: "Vor kurzem geführte Telefongespräche haben enthüllt, dass Franz Rademacher seit kurzem auf der Gehaltsliste von Uphill (Deckname für den BND -Red.) steht."
Die Anwerbung hatte den CIA-Unterlagen zufolge der BND-Mitarbeiter Hans Rechenberg übernommen, auch er ein ehemaliger NS-Funktionär mit besten Kontakten nach Algerien. Offenbar bat er Rademacher zunächst um eine entlastende Aussage zu Adolf Eichmann, den Cheflogistiker des Holocaust, der zu diesem Zeitpunkt in Israel vor Gericht stand. Auf Referentenebene hatten Eichmann und Rademacher bei der Judenvernichtung zusammengearbeitet.
Allerdings fürchtete Rademacher, ihm könne ein ähnliches Schicksal wie Eichmann widerfahren, den der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad aus Argentinien entführt hatte. Er erwog daher erneut, sich der deutschen Justiz zu stellen, was nach Ansicht Rechenbergs nicht im Interesse des BND lag. Rademacher wäre dann "doch wertlos", erklärte Rechenberg in einem abgehörten Telefonat gegenüber seinem Vorgesetzten.
O-Ton des Abhörprotokolls:
"Rechenberg: … ich habe eigentlich den Gedanken, wir wollen doch immer noch mal einen großen Wälzer über die Endlösung der Judenfrage schreiben - dass wir den Rademacher das machen lassen, von dort aus. Dann hat er eine Beschäftigung. 'Rademacher über Eichmann', das ist sogar ein ganz guter Buchtitel.
Chef: Aha.
Rechenberg: Und ich schicke ihm das ganze Material … Dann haben wir den beschäftigt und der bleibt unten."
Ob Rademacher jemals im Auftrag des BND eine Geschichte des Holocaust geschrieben hat, ist nicht bekannt. Den - allerdings unvollständigen - US-Unterlagen zufolge beschränkte er sich darauf, Berichte über Syrien zu liefern.
Viele können es nicht gewesen sein, denn bereits im Juli 1963 verhafteten die Syrer Rademacher wegen Spionageverdachts. Später nahm der israelische Inlandsgeheimdienst Schin Bet für sich in Anspruch, dem syrischen Feind Dokumente zugespielt zu haben, die Rademacher belasteten. Vermutlich wollte man auf diese Weise den Nazi-Mörder bestrafen, was auch gelang.
Über zwei Jahre saß Rademacher in einem syrischen Gefängnis ein, nach eigenen Angaben davon gut sieben Monate in einer dunklen Zelle. Er erlitt zwei Herzinfarkte und wollte danach nur noch zurück in die Heimat.
1966 flog Rademacher in Begleitung eines Beamten des AA nach Nürnberg, bei seiner Ankunft nahm ihn die Polizei fest. Bald stand er wieder vor Gericht, doch vor dem Ende des Verfahrens starb er 1973.
Manchem Beobachter fiel auf, dass die Staatsanwaltschaft schlampig recherchiert hatte und das Gericht erkennbar bemüht war, Rademacher von möglichst vielen Anklagepunkten freizusprechen.
Ob dahinter der BND steckte, der seinen Ex-Agenten vom Reden abhalten wollte, weiß heute wohl nicht einmal der Dienst selbst. Beträchtliche Teile seines Archivs werden nach Angaben aus Pullach gerade erst erschlossen. Auf Anfrage erklärte der Geheimdienst kürzlich, zu Rademacher seien im BND-Archiv "aktuell keine einschlägigen Akten recherchierbar".
Das könnte sich also noch ändern.
Von Axel Frohn und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 41/2011
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