10.10.2011

INTERNET Revolutionshilfe aus Berlin

Netzaktivisten unterstützen seit Monaten die arabische Freiheitsbewegung. Sie sorgen für sichere Verbindungen ins Internet - auch wenn autoritäre Regime es blockieren.
Ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft in Berlin-Friedrichshain, ein winziger Tisch, ein Notebook, davor ein Schlaks mit blauer Haartolle und eckiger Hornbrille. So sehen sie also aus, die elektronischen Hilfstruppen des arabischen Frühlings, der Revolutionen in Tunesien, Ägypten und anderswo.
Stephan Urbach hat kleine Augen, mal wieder zu kurz geschlafen, sagt er, deshalb gönnt er sich jetzt erst mal einen Schluck Club-Mate. Die süße und sehr koffeinhaltige Brause ist das Lieblingsgetränk vieler nachtarbeitender Aktivisten.
Bis Ende letzten Jahres führte Urbach noch ein Angestelltenleben beim Online-Unternehmen AOL. Im "Technik Support" unterstützte er dort Werbekunden in aller Welt.
Im Technik-Support ist er immer noch, gewissermaßen, nur heißen seine "Kunden" jetzt Mohammad oder Ahmad. Und anders als früher ist er in seinem Berliner WG-Zimmer elektrisiert, wenn ihre Botschaften aufblinken. Erleichtert ist er dann auch, denn jede Botschaft bedeutet, dass sie noch online gehen können und nicht gerade gefoltert werden oder in Haft sitzen. So wie es vielen Bloggern und digitalen Dissidenten ergeht oder ergangen ist, selbst in angeblich post-revolutionären Regimen wie in Ägypten.
Urbach, 31, trägt ein schwarzes, mit Blitzen bedrucktes T-Shirt. Es zeigt das Symbol von "Telecomix", einem losen Netzwerk von internationalen Computerfreaks, das in Schweden entstanden ist. Ihr Grundanliegen ist ein freies, unzensiertes Internet. Das erste Projekt der Aktivisten zielte vor rund drei Jahren darauf, die schwedische Umsetzung der EU-Telekom-Gesetzgebung zu beeinflussen. So entstand der Name.
Während der Protestbewegung in Iran 2009 und der Jasmin-Revolution in Tunesien fungierte Telecomix noch hauptsächlich als Nachrichtenagentur. Die Netzaktivisten verlinkten die Seiten von Dissidenten und kritischen Bloggern, die ihre autoritären Regime herausforderten und als Bürgerjournalisten auch die gleichgeschalteten Staatsmedien. Doch spätestens seit dem 27. Januar war Telecomix das Multiplizieren kritischer Stimmen nicht mehr genug. Das war der Tag, an dem das Mubarak-Regime Ägypten vom Netz nahm. Der Internet-Blackout dauerte mehrere Tage.
Die hilflose und verzweifelte Aktion zeigte, dass der autoritäre Herrscher seine aufmüpfigen Web-Bürger und deren Medium als Bedrohung erkannte; dass sein Regime vor den Mobilisierungsaufrufen über soziale Netzwerke und vor den kritischen Beiträgen vieler Blogger zitterte. Mubaraks technische Gegenattacke rüttelte Internetaktivisten und Hacker weltweit auf - für viele war sie der Weckruf, den Ausgeschlossenen konkret zu helfen. Daraus ist mittlerweile eine sehr lebendige Bewegung entstanden, Telecomix ist eine von mehreren Initiativen.
Aktivisten des Anonymisierungsdienstes Tor beispielsweise geben arabischen Bloggern in Workshops und online schon seit Jahren Hinweise, wie sie sicher surfen und unentdeckt Videos und Fotos außer Landes schicken können. Und auch das Hackerkollektiv Anonymous will verstärkt Ziele in autoritären Staaten ins Visier nehmen, in denen sich Protestbewegungen formieren.
Was als Solidaritätsaktion für die ausgeschlossenen Ägypter begann, hat Telecomix zu einer ausgefeilten Strategie entwickelt - insbesondere ihr Syrien-Einsatz sorgt spätestens seit voriger Woche für internationale Aufmerksamkeit. In der Nacht zu Mittwoch veröffentlichte das Kollektiv ein riesiges Datenkonvolut, aus dem nicht nur hervorgeht, wie das Assad-Regime das Internet überwacht. Es legt auch nahe, dass die Syrer, wie so viele ihrer autoritären Nachbarn, dafür Technologien westlicher Firmen nutzen.
Im Fall Ägypten, sagt Stephan Urbach, sei die Sache noch recht einfach gewesen. Getreu dem Telecomix-Motto "we rebuild" ("Wir bauen wieder auf") habe man ägyptische Aktivisten auf Umleitungen wieder ans Netz gebracht. Dazu organisierten die Telecomix-Agenten zuerst sogenannte Modem-Pools in Ländern, in denen besonders viele ihrer Gesinnungsgenossen aktiv sind, also in Schweden, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland.
Dann suchten sie über den Zwischenspeicher von Suchmaschinen Faxnummern von ägyptischen Bibliotheken, Hotels und IT-Firmen heraus und verschickten darauf Telefonnummern, über die sich Ägypter an ihren dienstverweigernden Internetanbietern vorbei ins Netz einwählen konnten - eine davon war die Nummer des Telecomix-Agenten Urbach.
Der Berliner ist einer der wenigen, die für die digitale Hilfstruppe auch mit ihrem Klarnamen auftreten, viele seiner Mitstreiter kennt auch Urbach nur vom Monitor und unter ihrem Pseudonym.
Spätestens seit Beginn der Operation Syrien ist die Zurückhaltung verständlich. Das Assad-Regime hat nach jüngsten Zahlen der Vereinten Nationen seit Beginn der Protestbewegung Mitte März rund 2900 Landsleute getötet. Mindestens 88 Aktivisten starben nach Amnesty-Recherchen in Haft, viele sind offenkundig zuvor gefoltert worden. Die Menschenrechtsorganisation schränkte ein, es handle sich notgedrungen um eine Ferndiagnose - auch auf Basis von aus dem Land geschmuggelten Fotos und Videos.
Um Urbachs Partner zu treffen, muss man reisen, sie sind über die Welt verstreut, der Telecomix-Aktivist mit dem Pseudonym "Okhin" beispielsweise lebt in Paris. Tagsüber arbeitet der 30-Jährige als Systemadministrator bei einer Internetfirma. Seine Abende und Nächte verbrachte er in den vergangenen Monaten meist in einem besetzten Haus nicht weit von der Place de la République. Er und seine Freunde haben sich zwei Etagen eines ehemaligen Bürogebäudes gesichert und zum Hackertreff umfunktioniert. In der Ecke stehen ausgeweidete Computer, ein Spaßvogel hat alte Computermäuse in einen Vogelkäfig gehängt, Mitstreiter fläzen sich auf alten Sofas. Die schnellen Datenleitungen der Vormieter funktionieren noch, erzählt Okhin schmunzelnd.
Auch über diese Netze läuft der elektronische Hilfseinsatz für Syrien, der deutlich schwieriger sei als die Unterstützung, die Ägypten oder Tunesien erfuhren, sagt Okhin. Das liegt zunächst einmal an der technischen Ausstattung: Das Internet ist in Syrien geringer verbreitet als in anderen Ländern der "Arabellion", es gibt kein ausgebautes "3G"-Mobilfunknetz und weniger Smartphones, mit denen sich Übergriffe unauffällig dokumentieren lassen.
Es liegt aber auch an der erschwerten Kommunikation, weil viele der Protestler im Land ausschließlich Arabisch sprechen. Und nicht zuletzt ist das Assad-Regime ziemlich gut ausgerüstet. Es blockiert das Internet und einzelne Seiten nicht nur bisweilen nach Belieben, sondern überwacht sie mittels modernster Filtertechnologien westlicher Unternehmen; davon haben Okhin und Co. sich bei nächtlichen Hackerfeldzügen selbst überzeugt.
Rund 54 Gigabyte Daten konnten die Telecomix-Agenten bei ihrem Angriff auf das syrische Zensurwesen erbeuten. Damit wollen sie nun konkret nachvollziehen, wie der staatliche syrische Internetanbieter unter Einsatz von US-Technik seine Bürger ausspioniert und ihnen beispielsweise den Zugang zu Kommunikationsdiensten wie Skype versperrt.
Seit dem Sommer versuchen die Aktivisten bereits, Syrern mit Netzzugang sichere Alternativen aufzuzeigen. Zunächst verschickten sie Mitte August eine kurze E-Mail an insgesamt 6000 ausgewählte Adressen. Das Massenschreiben war an "die Kämpfer für Demokratie im syrischen Volk" gerichtet. Betreff: "Wie man die Internetüberwachung der Regierung umgeht". Es waren nur ein paar Zeilen auf Englisch und Arabisch, mit detaillierten Sicherheitsinstruktionen gegen die Zensur im Anhang und einem Link auf den eigenen sicheren Computerchat.
Anfang September schaltete das Kollektiv zusätzlich eine Website mit Anonymisierungssoftware und weiteren Sicherheitshinweisen; seither mehren sich in den Chatkanälen die arabischen Stimmen und Pseudonyme.
Manche der Besucher sind nur neugierig, doch immer mehr nutzen den Kanal, um sich untereinander und mit Telecomix-Aktivisten auszutauschen. Sie berichten über Gräueltaten, Bewegungen der syrischen Armee und Aktionen des gefürchteten Geheimdienstes Muchabarat. Ein Besucher etwa schreibt, jemand mit Geheimdienstkontakten habe ihn ausdrücklich vor allzu viel Offenheit auf Facebook und Co. gewarnt. Andere weisen auf neue Protestaktionen hin, so wie zuletzt, als Aktivisten in Damaskus offenbar Brunnenwasser rot einfärbten.
Wie viele Syrer auf die Telecomix-Angebote zugreifen, ist unklar. Okhin zufolge wurde aber allein der französische Einwahl-Service ins Netz bis zu 9000-mal genutzt; auch die Zahl der arabischsprachigen Unterstützer, die bei Übersetzungen helfen, sei zuletzt stark gestiegen.
In der vorigen Woche konnte man die Zielgruppe der Telecomix-Bemühungen auch direkt nach ihrer Meinung zur "Technik-Hotline" aus dem Westen befragen. In Tunis tagte die dritte Konferenz arabischer Blogger, unter anderem auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung. Es waren szenebekannte Namen vertreten, der Ägypter Wael Abbas beispielsweise, dessen Videos von Polizeiübergriffen und Folter in den letzten Jahren international Aufsehen erregt und zu Prozessen und Verurteilungen geführt haben. Abbas, der für seine Arbeit schon mehrfach Preise erhielt, beurteilt die Arbeit von Telecomix und den Netzaktivisten von Tor als "wertvoll", besonders in Ländern wie Iran und Syrien. Aber auch in seiner Heimat Ägypten sei die Revolution keineswegs zu Ende, wie das Schicksal des Bloggers Maikel Nabil Sanad zeige - der wurde vom aktuell regierenden Militärrat in Haft genommen und begann vor mittlerweile über sechs Wochen einen Hungerstreik.
Treffen wie das in Tunis haben für die meist eigenbrötlerisch agierenden Blogger auch eine soziale Funktion. Denn das Leben als Revolutionshelfer verändert die Menschen, selbst wenn sie wie der Berliner Stephan Urbach Tausende Kilometer vom eigentlichen Geschehen entfernt sind. Vor ein paar Wochen nahmen sich die Telecomix-Aktivisten eine Auszeit. Urbach konnte die Fotos und Videos nicht mehr ertragen, und er hatte mit Verwandten von inhaftierten und gefolterten Syrern in Deutschland gesprochen, die Schicksale hätten ihn überwältigt.
Seine Rettung sei das Chaos Computer Camp im August gewesen, das erste reale Treffen mit anderen Telecomix-Agenten wie Okhin. Und die Veröffentlichung der syrischen Schnüffelprotokolle und die Entdeckung, dass dafür offenbar ein amerikanisches Überwachungssystem im Einsatz ist, haben ihnen neuen Auftrieb gegeben. "Es kann nicht sein, dass westliche Überwachungstechnik zu Folter, Verhaftungen und Schlimmerem führt", sagt Urbach. "Wir brauchen dafür ebenso strenge Exportauflagen wie für Waffen."
Jetzt sitzt er, frisch aufgeladen mit Motivation, also wieder in seinem WG-Zimmer, zahlt von seinem Arbeitslosengeld weiter monatlich rund 400 Euro für seine Telecomix-Aktivitäten und wartet gespannt auf neue Nachrichten von Muhammad oder Ahmad. Manchmal muss er auch schmunzeln, wie neulich, als er bei Wartungsarbeiten ausnahmsweise einmal mitbekam, wofür seine Server so alles genutzt werden. Ein Mensch aus Ägypten lud gerade eine Folge der US-Comedy-Serie "How I Met Your Mother" herunter. "Na ja", sagt Urbach, "Revolution muss auch ein bisschen Spaß machen."
Von Reissmann, Ole, Rosenbach, Marcel

DER SPIEGEL 41/2011
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