10.10.2011

FITNESS

Renaissance der Kniebeuge

Von Eberle, Lukas und Grossekathöfer, Maik

Viele Freizeitsportler meiden die Wohlfühlatmosphäre in den Fitnessstudios. Stattdessen bekennen sie sich zum harten und manchmal sogar paramilitärischen Ganzkörpertraining - in alten Industrieanlagen oder gleich im Freien.

Beim Sprung auf die kniehohe Holzkiste bemerkt Philipp Grittmann, dass der Schnürsenkel an seinem Turnschuh offen ist. Der Student aus Berlin, grüner Kapuzenpullover und Vollbart, will sich kurz setzen, nur schnell den Schuh zubinden, aber Pausen sind verpönt: "Weiter geht's!", ruft sein Trainer. Grittmann stopft den Schnürsenkel in den Schuh, legt sich auf den Boden und macht mit gequältem Gesicht neun Rumpfbeugen.

Und wieder von vorn: drei Klimmzüge, sechs Bocksprünge, neun Rumpfbeugen, sieben Minuten lang. Was aussieht wie Sportunterricht in den fünfziger Jahren, ist das Workout-Programm, das sich Trainer Florian Haseloff für seine Gruppe ausgedacht hat. Mit einer Stoppuhr steht er in einer ehemaligen Lagerhalle der Malzfabrik, einem Zentrum für Kreative in Berlin-Schöneberg.

In der Ecke liegen abgefahrene Lkw-Reifen und Euro-Paletten. Sie sind kein Müll, sondern Fitnessgeräte. Von der Decke hängen Turnringe.

Das Programm, mit dem sich die acht Berliner in Form bringen, nennt sich Crossfit. Es hat eine wachsende Zahl von Anhängern. Immer mehr Freizeitsportler meiden Fitnessstudios und versuchen sich stattdessen an dieser Urform der Leibesertüchtigung, einer Mischung aus Leichtathletik, Turnen und Gewichtheben.

Es sind simple Übungen der alten Schule, Turnvater Jahn im 21. Jahrhundert. Sie stärken das Herz-Kreislauf-System, verbessern die Ausdauer und steigern Kraft und Beweglichkeit. Die Kurse finden in alten Industrieanlagen oder gleich im Freien statt, ohne Hintergrundmusik und sonstigen Wellness-Schnickschnack.

"Freizeitsportler wollen sich zunehmend wieder auf die ursprüngliche Art in Form bringen", sagt Niels Gronau, der für das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte mehrmals im Jahr den deutschen Fitnessmarkt analysiert, "wir erleben die Renaissance der Leibesübungen."

Wie die meisten Fitnesstrends stammt auch Crossfit aus den Vereinigten Staaten. Der Amerikaner Greg Glassman, ein ehemaliger Leistungsturner aus Kalifornien, hatte die Idee, Sportlern zu zeigen, wie sie ihren Körper richtig bewegen. 1995 eröffnete Glassman die erste Crossfit-Halle in Santa Cruz. Sein Inventar: Kletterseile, Kugelhanteln, Turnringe für Armübungen und Holzkisten für das Beintraining.

Das Angebot zog und machte Glassman zu einem erfolgreichen Unternehmer. Mit seiner aufs Wesentliche reduzierten Fitnessidee expandierte er rund um den Globus. Im vergangenen Jahr gab es weltweit etwa 1700 lizenzierte Crossfit-Anbieter, mittlerweile sind es schon rund 2500 Filialen.

In den USA ist aus dieser Bewegung eine Sportart mit eigenen Wettkämpfen geworden. 2007 fanden erstmals die Crossfit Games statt, das sind die Weltspiele der Workout-Disziplinen: Die Teilnehmer müssen schwimmen, im Sand rennen, an Seilen klettern, Wasserkanister schleppen. Im Juli wurden die Crossfit Games im großen Stil ausgetragen. Ein Sportartikelhersteller sponserte das Event in Carson, Kalifornien. Mehr als 26 000 Freizeitsportler hatten sich angemeldet.

Und ständig erobern die Hobbyathleten neue Reviere. Wer früher die Kletterwand im Fitnessstudio hochkraxelte, erklimmt jetzt Brückenpfeiler, Hauswände und Mauern. Und wer früher stumpf seine Kilometer auf dem Rollband runterlief, der meldet sich nun zu einem Hindernisrennen an.

In Hamburg gibt es den Urbanathlon, ein Lauf über zehn Kilometer, bei dem 13 Hindernisse bewältigt werden müssen, darunter ein Geflecht aus Baugerüsten, eine steile Treppe mit 136 Stufen, ein nur halb aufgeblasenes Luftkissen.

Die härtere Variante ist der Strongman Run, 19,6 Kilometer lang, 14 Hindernisse. Premiere in Deutschland war vor vier Jahren. Inzwischen haben die Veranstalter den Nürburgring gebucht, fürs nächste Rennen rechnen sie mit über 10 000 Läufern. Auch diese Disziplin ist aus den USA nach Europa gekommen.

Wer für ein Hindernisrennen dieser Güte trainieren möchte, ist reif für ein Bootcamp. Dort mischt sich Sport mit militärischem Drill. Es gibt diese Camps zum Beispiel in Berlin und Leipzig. In München haben sich Handwerker angemeldet, ein Bäckermeister, viele Studenten, aber auch Manager von Siemens und BMW. Raus aus dem Anzug, ab in den Matsch.

Tanja, eine Betriebswirtin, keucht, stolpert, sie kann sich gerade noch auf den Beinen halten. Die schmächtige Frau muss ihren Partner, den hochgewachsenen Lutz, huckepack durch den Englischen Garten schleppen. Tanja bläst die Wangen auf, ihr Kopf glüht, aber die Einheit hat gerade erst begonnen, und die ausgefeilten Übungen kommen später noch.

Die Freizeitsportler trainieren eine Stunde, machen Kniebeugen, Klimmzüge an einer Verkehrsampel, sie klettern eine Brücke hoch und kämpfen sich viermal durch den Eisbach, dabei verbrennen sie etwa 1200 Kilokalorien. Als sie sich beim Bockspringen vor der Bayerischen Staatskanzlei etwas ungeschickt anstellen, meldet sich ihr Trainer zu Wort: "Ihr Luschen", brüllt Boris Beuke, "alle noch mal von vorn!"

Beuke, 28, trägt eine enge Laufhose und eine neongelbe Jacke. Er ist seit zehn Jahren Soldat, Offizier bei der Bundeswehr, er hat eine Einzelkämpfer-Ausbildung hinter sich und war zweimal am Hindukusch im Einsatz. Über ein Jahr lang hat er afghanische Militärs trainiert. "Die Menschen in Afghanistan haben kein Fitnessstudio, die müssen improvisieren", sagt Beuke, "die hängen eine russische Panzerkette über eine Stange und machen damit Bankdrücken. Das hat mir gezeigt, dass es mit einfachsten Mitteln geht."

Nun bietet Beuke sechswöchige Fitnesskurse an, "für Zivilisten", wie er sagt. Der Kurs läuft ab wie ein Rekrutentraining, die Übungen sind einfach: Liegestütze, Klappmesser, Hampelmannsprünge. Die einzigen Hilfsmittel sind Baumstämme oder Steine. Oft reicht das eigene Körpergewicht als Last.

Es herrscht Kasernenhofton, Beuke nennt seine Kursteilnehmer "Pfeifen" oder "Weichlinge". Er sagt: "Ich bin nicht abwertend, nur direkt. Meine Kurse sind 60 Minuten Ehrlichkeit. Der Kopf von Sportlern schaltet immer vor dem Körper ab. Ich sorge dafür, dass es nicht so ist."

Die Sportler, die er antreibt, wuchten gemeinsam Fässer hin und her, einer muss beim Laufen eine schwere Eisenkette um den Hals tragen. Sie wird nach jeder Übung weitergegeben.

Mitte der neunziger Jahre führten amerikanische Armeeveteranen die neue Trainingsform ein. Ein englischer Major machte später Zivilisten mit Militärtraining im Londoner Hyde Park fit.

Das American College Of Sports Medicine, eine der größten Wissenschaftsorganisationen für Sportmedizin und Bewegung weltweit, veröffentlicht jährlich eine Rangliste mit Fitnesstrends: Bootcamp Fitness landete dieses Jahr erstmals unter den ersten zehn.

In Gifhorn, Wolfsburg und Braunschweig bietet ein ehemaliger Fallschirmjäger "Military-Style-Workout" an, angelehnt an das Training internationaler Spezialeinheiten. Und auf dem Gelände einer Firma in der Oberpfalz, des größten Fitnesscamp-Anbieters Deutschlands, steht ein Hindernisparcours, der Truppenübungsplätzen der US-Streitkräfte nachempfunden ist.

"Bei uns gibt es Trinkpausen, ansonsten unterscheidet sich das Training nicht von dem der Navy Seals", sagt Coach Wasilios Wamwakithis. An den sogenannten Drill Days scheucht er seine Kunden über Holzhürden, lässt sie durch Gummireifen springen, an Stangen hangeln und durch eine Sandgrube robben. "Viele Menschen haben das Gefühl für ihre Leistungsfähigkeit verloren", sagt Wamwakithis. "Wir schaffen extreme Situationen, damit die Leute lernen, wo ihre wahren Grenzen liegen."

Die Sportartikelfirmen haben auf den Trend reagiert. Technogym etwa, einer der führenden Hersteller von Fitnessgeräten, verkauft seit einem Jahr auch Klassiker aus dem Sportunterricht: Medizin- und Gymnastikbälle, Luftkissen für das Gleichgewichtstraining und Keulen, die man schwingen muss. "Der Markt verlangt in Zukunft noch mehr nach Trainingshilfen, mit denen alltägliche Bewegungsabläufe geübt werden können", sagt Marketingassistent Holger Siegmund.

Auch viele Fitnessstudios haben inzwischen verstanden, dass ihr Angebot zeitgemäß bleiben muss. Sie bieten jetzt Kurse in funktionellem Training an. Doch es scheint, als säßen sie in der Glitzerfalle.

Crossfit lebt vom Charme des Alternativen, dem Flair des Untergrunds. "Wir wollen uns in allem von den großen Fitnesstempeln abheben", sagt Florian Haseloff, der Trainer aus Berlin. Sein Crossfit Werk ist 65 Quadratmeter groß, hinten in der Ecke steht noch eine alte Maschine, mit der früher Malzsäcke gefüllt wurden.

Nach dem Training sitzt Philipp Grittmann vor der Halle auf einer Treppenstufe. Er schwitzt, um den Hals hat er ein Handtuch geschlungen. 14 Jahre lang hat der Freizeitsportler in einem Fitnessstudio Gewichte gestemmt, jetzt lässt er seinen Vertrag auslaufen. Crossfit-Training in einem Studio könne er sich gar nicht vorstellen, sagt der Student: "Hier schreibe ich meine neuen Bestleistungen mit Filzstift an die Wand. Wenn ich das im Fitnessstudio mache, fliege ich raus."


DER SPIEGEL 41/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 41/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon sonntags ab 8 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FITNESS:
Renaissance der Kniebeuge