10.10.2011

BILDUNG

Marktplatz für Ideen

Von Musa, Bernd und Schmundt, Hilmar

Ausgerechnet im Zeitalter der Digitalisierung werden viele neue Bibliotheken errichtet. In den futuristischen Prestigebauten entstehen multimediale Erlebniszentren.

Wie eine Wolke scheint das Bauwerk am Nordufer des Genfer Sees zu schweben. Die neue Bibliothek der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Lausanne ist ein futuristischer Klotz aus Glas und Beton.

In dem Rolex Learning Center (so der offizielle Name) wurden zehn Fachbereichsbibliotheken zu einem neuen Lesezentrum zusammengelegt. Einsames Büffeln zwischen Stahlregalen war gestern. Die Bibliothek der Zukunft soll als Marktplatz der Ideen dienen.

Der Unterschied zu klassischen Lesesälen wird schon im Eingangsbereich deutlich. Vitrinen mit Elektronik-Schnickschnack der Firma Logitech stehen herum, an den Wänden hängen überdimensionale Rolex-Uhren - ein Zugeständnis an die Sponsoren.

In einem Café werden frische Croissants und Zeitungen auf Englisch, Französisch, Arabisch und Chinesisch angeboten. Ein Buchladen verkauft "Tim und Struppi"-Bücher und Kitschpostkarten. Sogar ein Nobelrestaurant ist vorhanden.

Barrierefrei mäandern die Wege auf und ab, geschwungen wie Skipisten. Die Fenster öffnen sich automatisch, wenn die Luft zu stickig wird. Spatzen flattern dann herein und fliegen zwischen den bunten Sitzkissen umher, in denen Studenten dösen oder palavern. Unter Designerlampen von Artemide flirten Paare.

Nur Bücher sieht man hier selten. Bildung sei nicht anstrengend, sondern Spaß, wird den Besuchern suggeriert.

"Noch nie wurden so viele neue Bibliotheken errichtet", erklärt Winfried Nerdinger, Professor für Architekturgeschichte, der in München eine Ausstellung zu Vergangenheit und Zukunft der Bibliotheken organisiert hat. Titel: "Die Weisheit baut sich ein Haus".

Die Bibliotheken des neuen Jahrtausends sind oft kathedralenhafte Repräsentationsbauten, erschaffen, um die Zukunftsfähigkeit einer Stadt unter Beweis zu stellen. "Die Liste der Baumeister dieser spektakulären Bücherbauten der letzten Jahre liest sich wie ein ,Who's who' der Architektur", heißt es im Begleitbuch der Münchner Ausstellung: Herzog & de Meuron etwa schufen in Cottbus eine amöbenhaft geschwungene Bücherwabe mit einer bonbonfarbenen Innenarchitektur. Santiago Calatrava baute eine neue Bibliothek in Zürich, Zaha Hadid in Wien, Rem Koolhaas in Seattle, Toyo Ito in Tokio.

Auch China leistet sich eine moderne Superbibliothek. In Peking haben deutsche Architekten einen gleichsam schwebenden Erweiterungsbau für die Nationalbibliothek in die Höhe wachsen lassen. Der verglaste Unterbau ist als Stütze kaum zu erkennen, die Form des Dachs erinnert an eine große Computerfestplatte. Das Gebäude bietet Platz für zwölf Millionen Bücher.

Sogar Kasachstan hofft auf das Prestige, das eine Nationalbibliothek verspricht: Das Bauwerk in Astana erinnert an die Form eines unendlichen Möbius-Bandes, scheinbar ohne Anfang und Ende - eine bibliophile Fata Morgana, finanziert aus Öl- und Gasverkäufen der ehemaligen Sowjetrepublik.

Es ist ein paradoxer Trend, nicht ohne Ironie. Eigentlich wird das klassische Buch durch die Digitalisierung verdrängt. So verkauft der Internetladen Amazon in den USA bereits mehr digitale als gedruckte Bücher. Das bleibt nicht ohne Folgen für die neuen Bibliotheken: Die Bücherdepots wandeln sich zu multimedialen Treffpunkten.

Die Rolex-Bibliothek steht dabei exemplarisch für die maximale Verwandlung in Richtung Erlebniszentrum. Noch offener geht nicht, sonst würde sie vollends zum Freizeitpark mutieren.

"Wir haben hier so etwas wie ein Disneyland des Wissens gebaut", sagt David Aymonin mit einem ironischen Lächeln. Der bärtige Mann hat den Aufbau des Rolex-Centers geleitet. "Wir Bibliothekare sind nicht mehr so sehr den Büchern verpflichtet, sondern mehr den Nutzern."

Die Digitalisierung der Bücher und die verkürzten Studienzeiten, so Aymonin, förderten den Bau neuartiger Bibliotheken: "Viele Studenten verbringen einen Großteil des Tages hier, wir befriedigen daher viele Grundbedürfnisse der Studenten: Essen, Ausruhen, Einkaufen und natürlich den Zugang zu Lehrbüchern." Insbesondere während der Prüfungszeit verdoppelt sich die Nachfrage nach Büchern, Essen und Kaffee.

Die Abkehr von klosterhaften Lesesälen hat auch eine Kehrseite. Ständig kommen Touristen vorbei und knipsen das Gebäude, um einen Blick in die Zukunft zu erhaschen. Aymonin: "Manchmal kommt man sich vor wie in einem Zoo."

Wenn das Rolex-Center der Inbegriff einer extrovertierten Bibliothek ist, steht das Grimm-Zentrum an der Berliner Humboldt-Universität für das genaue Gegenteil: Einkehr, Ruhe, Konzentration. Der architektonische Höhepunkt ist dabei ein terrassenförmiger Lesesaal mit 300 WLAN-Arbeitsplätzen. Hunderte schmale Fenster ähneln in ihrer symmetrischen Anordnung einem Regal voller Bücher, die in Reih und Glied aufgestellt sind.

Eine weitere introvertierte Bibliothek öffnet in wenigen Tagen in Stuttgart. Die Stadtbibliothek bietet ein elegantes Spiel mit Formen - außen Quader, innen Trichter. Kritiker verhöhnen das spartanische Gebäude als "Hochbunker" oder "Stammheim II".

Doch der südkoreanische Architekt Eun Young Yi lässt sich nicht beirren. Der Mensch brauche mehr als die Verspieltheit kommerzieller Orte, entgegnet er. Und setzt noch eins drauf: Mitten in sein Gebäude platziert er großflächig einen vollständig leeren "Raum der Stille".

Einen radikalen Weg beschreiten auch die Macher der Bibliotheca Alexandrina. An jenem Ort, wo vor gut 2000 Jahren die bedeutendste antike Wissenssammlung verbrannte, ist ein moderner Hightech-Palast entstanden. "We are born digital", sagt Direktor Ismail Serageldin.

Gedruckte Bücher spielen in der Bibliothek von Alexandria kaum noch eine Rolle. Ihre Schätze lagern nicht in Regalen, sondern auf Servern; sie gilt als Inbegriff der digitalen Bibliothek.

Früher arbeitete Bibliotheksdirektor Serageldin für die Weltbank. Heute schwärmt er von den Möglichkeiten digitaler Bibliotheken: "Tote Texte werden lebendig!"

Selbst virtuelle Bibliotheken können indes nicht auf Gebäude aus Stein und Glas verzichten. Irgendwo müssen die Online-Werke schließlich gelesen werden. In Cafés fehlt oft der Netzanschluss. Und draußen in der Sonne spiegelt der Bildschirm meist zu sehr. So nimmt die Nachfrage nach öffentlichen Lesestuben auch wegen der Digitalisierung zu.

Nur, sind die Notebooks wirklich so hilfreich beim studentischen Lernen? "Wer ein Buch vor sich liegen hat, kann dabei gut diskutieren, aber ein Laptop-Bildschirm ist eine visuelle Barriere, die die Menschen voneinander trennt", meint Frédéric Kaplan, der im Rolex-Center mit Pädagogen und Programmierern die Zukunft des Lesens erforscht. "Wir wollen den Personal Computer ablösen durch den ,Interpersonal Computer'."

Vor ihm steht ein Roboter, der Grafiken und Texte auf Tischplatten projizieren kann. Kaplan träumt von Datenbanken, die sich durch Berührung von Tischplatten gemeinsam durchforsten lassen.

"Bücherwissen kann sich jeder allein aneignen, aber es anzuwenden lernt man nur, wenn man diskutiert", sagt Kaplan: "Wir erforschen hier, wie man kluge Diskussionen herbeiführt."

Zu diesem Zweck sind in dem Tisch vor ihm Mikrofone eingebaut, die registrieren, an welcher Tischseite am meisten geredet wird.

"Wenn ein Gespräch in einen Monolog abdriftet, interveniert der Tisch, indem er sich verfärbt", sagt Kaplan - und muss über sich selbst lachen: Der Tisch vor ihm leuchtet plötzlich alarmrot.


DER SPIEGEL 41/2011
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