17.10.2011

Kinder in Bedrängnis

Von Thimm, Katja

Heranwachsende müssen heute jede Menge leisten: in der Schule glänzen, den Eltern genügen, zufriedene Menschen werden und die Zukunft Deutschlands garantieren. Häufig halten sie dem Druck kaum stand. Für sie ist alles zu viel - und doch zu wenig.

Das Zuhause von Familie Schmidt-Jortzig erinnert an das Ideal von Kindheit. Es liegt in einem rheinischen Dorf, die Pferdekoppel ist nicht weit, ein großer Garten, und auch im Haus ist Platz für wildes Spiel. Die Mutter hat die Arbeit als Fernsehautorin auf drei Tage in der Woche reduziert. Sie buddelt, backt und bastelt mit ihren Söhnen, sie hat Humor, Verstand, ja sogar Witz, der Ehemann ist ihr ein echter Partner. Und trotzdem.

Trotzdem kommt es der 38-Jährigen zuweilen vor, als laste zu viel Druck auf ihrer Familie. An solchen Tagen zieht sich ein Gefühl von Überforderung durch ihren Alltag, dann dringt die globale Welt mit ihren Fragen, Unwägbarkeiten und Alternativen ungebremst bis in ihr Dorf hinein. Mails und Podcasts, DVDs, Facebook und SMS. Hunderte Handy-Tarife, Dutzende Privatsender. Online-Banking, Online-Shopping, aber auch Hörspiel, Bilderbuch und Ritterburg - alles ist permanent verfügbar. "Reizüberflutung" nennen Wahrnehmungsforscher den Wirrwarr der Angebote.

Fünf und sechs Jahre alt sind die Söhne von Julia Schmidt-Jortzig. Seit sie auf der Welt sind, wurden Street View, Twitter, iPad und das iPhone entwickelt, und was das Leben der beiden Jungen später einmal bestimmen wird, ist im digitalen Zeitalter vielleicht so schwer vorherzusagen wie in keiner anderen Epoche zuvor.

"Es ist", sagt Julia Schmidt-Jortzig, "eine immense Herausforderung, Kinder durch dieses ständig wechselnde Überangebot zu lotsen." Sondieren, bewerten, konsequent bleiben, das sei heute die eigentliche Erziehungsleistung. "Und daran kann man ganz schnell scheitern."

Dabei will sie nichts anderes als Hunderttausende andere Eltern auch: die Kinder bestmöglich auf das Leben vorbereiten und ihnen eine ganz normale Kindheit bieten. Doch viele Väter und Mütter verzweifeln an dieser Aufgabe. Sie fühlen sich überfordert, weil sie nicht wissen, ob sie ihren Töchtern und Söhnen zu viel oder doch zu wenig zumuten. Überfordern oder unterfördern? Die Unsicherheit der Eltern verstört die Kinder.

Ärzte und Psychologen führen lange Listen von Krankheiten und Verhaltensauffälligkeiten, unter denen Jungen und Mädchen heute leiden können: Hypernervosität, Hyperaktivität, Essstörungen, Lernschwierigkeiten, Aggression.

Anfangs hat Julia Schmidt-Jortzig noch Ratgeber befragt. Allein 15 Regalmeter voll mit Erziehungsliteratur bietet die nahe gelegene Buchhandlung. "Das ganze Wissen gerät schnell zum Fluch", sagt die Mutter. "Man denkt irgendwann, das eigene Leben müsse sich dem Buch anpassen. Das hemmt das Vertrauen in die eigenen Instinkte." Es ist eine förderliche Gelassenheit, zu der sie sich durchgerungen hat: Kinder, da sind sich Entwicklungsforscher einig, brauchen unaufgeregte Eltern, Väter und Mütter. Aber wie bloß lässt sich dieses Ziel erreichen?

15 Meter Bücher über Erziehung. Bücher wie das der chinesisch-amerikanischen Juraprofessorin Amy Chua. "Die Mutter des Erfolgs" heißt es und ist ein Hohelied auf Drill, Zwang und Höchstleistung: früher lesen, früher rechnen, früher Geige und Tennis spielen, mehrere Fremdsprachen, und dies alles, um in unserer Gesellschaft des globalen Wettbewerbs zu bestehen oder, besser noch, herauszuragen. Chua schwärmt von Strenge und Strafen, denn die, so schreibt sie, bringen kluge, wohlerzogene Kinder hervor. Produktive, effiziente Jungen und Mädchen, die Eltern und Lehrern gefallen. Weltweit, wochenlang wurde das Buch, das auch in Deutschland ein Bestseller war, diskutiert. Die Anhänger Chuas, die als Tigermutter bekannt wurde, lobten ihren klaren Erziehungskurs, der nur Ziele und kaum Umwege kennt, ihre Gegner waren über ihren Ansatz, der an das Reglement in Militärakademien erinnert, entsetzt.

Auf der anderen Seite des Regals steht die Streitschrift des im Mai verstorbenen Pädagogen Wolfgang Bergmann. "Lasst Eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der Erziehung" wurde ein Erfolg, weil es besorgten Müttern und Vätern vor Augen führt, wie schnell aus Förderung Überforderung werden kann. Bergmann sagt, aus wirtschaftlichen Gründen habe unsere Gesellschaft sich dem Diktat einer "Exzellenzpädagogik" unterworfen. Sein Gegenentwurf zu Chua ist eine Welt, in der es noch Freude an der Kindheit gibt, Lust auf Entdeckungen, Abenteuer, auf Schmutz, Farben, Wasser. Sie scheint für zahlreiche Jungen und Mädchen längst untergegangen zu sein.

Beide Bücher sind so etwas wie die Pole jener großen Frage, welche Erziehung denn nun die zeitgemäße, die richtige sei. Es wächst der Druck in diesem kinderarmen Land, dass jedes Neugeborene sich wie ein erfolgreiches Projekt entfaltet. Und mittendrin stehen die Eltern und sollen an den Stellschrauben drehen.

Die meisten haben, verunsichert, wie sie sind, bloß keinen rechten Plan. Doch es steigt, auch in Deutschland, die Zahl jener Väter und Mütter, die im Geiste Chuas schon ihre Zweijährigen mit Privatkursen für "Kinder auf der Überholspur" auf eine globale Karriere vorzubereiten versuchen - in Fächern wie "Ökonomie" oder "Ziele und Lebensstrategien". Und gleichzeitig mehren sich die Berichte über Eltern, die ihre Kinder, oft bis zur Verwahrlosung, sich selbst überlassen.

So zieht sich die Erziehungsnot durch alle Schichten, sie betrifft Wohlhabende ebenso wie bildungsferne, sozial schwach gestellte Väter und Mütter, Urbayern wie Migranten. Und sie alle - ratlos, überehrgeizig oder nachlässig - riskieren, ihre Söhne und Töchter zu überfordern.

Das kann schon früh einsetzen - und geht in der Regel mit einer gestörten Entwicklung des kindlichen Gehirns einher. Denn dem Gehirn eines Kindes bleibt kaum etwas anderes übrig, als auf Unsicherheit, Überehrgeiz oder Desinteresse mit Signalen der Überforderung zu reagieren. Bereits ein Säugling sendet diese Signale, er schläft schlecht, er isst schlecht, er kränkelt, ist unleidlich, nervös. Die Erwachsenen müssen es nur merken. "Das Gehirn benötigt verlässliche Angebote, um sich überhaupt zu entwickeln, aber es geht unter, wenn man es überflutet", so beschreibt der Bremer Neurowissenschaftler Gerhard Roth das Dilemma. "Stimuliert man es zu wenig oder zu viel, läuft das dem natürlichen Reifungsprozess auf irrwitzige Weise entgegen."

Lange warnten Entwicklungsforscher insbesondere vor den Folgen der Vernachlässigung, dann rüttelten vor allem Hirnforscher die Erziehenden auf, bloß kein Zeitfenster zu verpassen und jedes Kleinkind allumfassend im richtigen Moment mit den richtigen Angeboten zu fördern. Mittlerweile aber fordern Experten, einfach innezuhalten.

Sie plädieren weder für ein neues Laisser-faire noch für eine anstrengungsfreie Schule, nicht für ein beschauliches Bullerbü-Leben und auch nicht für eines ohne Pflichten. Doch sie wollen der kindlichen Neugier Raum und Lauf lassen - jenem natürlichen Motor menschlicher Entwicklung, mit der sich jedes Kind die Welt erschließen kann. Angeboren ist er, ein echter Urantrieb - nur überdreht oder abgewürgt werden darf er nicht.

Eltern und Lehrer, ja die ganze Gesellschaft, müssten endlich das große, prinzipielle, drängende Problem der Erziehung lösen, so sagt es Gerhard Roth: "Es fehlt die Einsicht in das richtige Maß." Die gelte es wiederzufinden. Und wer sich neue Studien anschaut, wer auch mit Sozialwissenschaftlern, Ärzten, Lehrern, Erziehungswissenschaftlern und Psychologen spricht, kann ihm nur beipflichten. Es ist an der Zeit, die Kinder und Jugendlichen dieses Landes zu entlasten.

Wissenschaftler des Robert Koch-Instituts, die drei Jahre lang 18 000 Jungen und Mädchen aus 167 Städten und Gemeinden untersuchten, beurteilen jedes siebte Kind als psychisch auffällig. Bei jedem zehnten Jungen zwischen 11 und 17 Jahren wurde mindestens einmal die Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADHS diagnostiziert - auch das ist ein Ergebnis dieser ersten umfassenden Erhebung zur Kinder- und Jugendgesundheit.

In München berichten 80 Prozent der Gymnasiasten in einer Studie an der Ludwig-Maximilians-Universität von Kopfschmerzen, viele außerdem von Schmerzen im Rücken, im Bauch. Die Ursachen? Stress mit den Eltern, Stress im Freundeskreis, Stress in der Schule. An einer Hamburger Privatschule baten kürzlich einige Väter und Mütter, zumeist Akademiker, eine Lehrerin darum, ihre Kinder auch während der Klassenfahrt mit dem gehirnregulierenden Medikament Ritalin zum Frühstück zu versorgen. Und der Druck steigt. Als Folge der G-8-Reform sollen Gymnasiasten nun innerhalb von acht statt bisher neun Jahren zum Abitur gelangen - und dabei entsprechend viel oder manchmal sogar mehr Unterrichtsstoff bewältigen.

Die Forscher des Robert Koch-Instituts fanden eine erschreckende Vielfalt an Lebensumständen, die ein Kind beschweren können. Alleinerziehende, arbeitslose, chronisch kranke oder schlecht ausgebildete Eltern zählen zu diesen "Risikofaktoren", auch eigene Krankheiten oder ein Migrationshintergrund. Werden sie nicht durch "Schutzfaktoren" wie feste Bezugspersonen, Zuwendung oder ein optimistisches Temperament aufgewogen, können Jungen und Mädchen ins Straucheln geraten.

Rund 200 000 Schüler erreichen jedes Jahr das Klassenziel nicht. 60 000 von 250 000 verlassen die Hauptschule ohne Abschluss. Fast jeder fünfte 15-Jährige versteht bestenfalls einfache Texte.

Natürlich darf da nicht eine ganze Generation von Heranwachsenden für krank erklärt werden. Und längst nicht alle Kinder fühlen sich von Problemen und Schicksalsschlägen gleichermaßen belastet. Ein gewisses Maß an Schwierigkeiten braucht ein Kind sogar, um Begabungen zu entfalten und ein lebenstauglicher Mensch zu werden. Wer von Sohn oder Tochter allerdings im Kindergarten schon regelrecht Leistungen erwartet, verbiegt sie. Für derartige Anstrengungen sind Arbeitsgedächtnis und Langzeitgedächtnis erst mit der Schulreife hinreichend ausgeprägt.

Prinzipiell gilt: Die Grenze zwischen Fordern und Überfordern, zwischen Fördern und Überfördern ist fließend. Wo sie verläuft, hängt ab vom Temperament und Talent des einzelnen Kindes. Sie zu erkennen und zu respektieren ist Aufgabe der Erziehenden. Und ebendas scheint, in Elternhäusern wie Schulen, seltener zu gelingen.

"Eltern und Lehrer, die ein Kind ins Leben geleiten müssten, stolpern selbst verunsichert durch ihr Dasein", so formuliert es der Erziehungswissenschaftler Günther Opp aus Halle an der Saale. "Politiker und Entscheidungsträger wirken ziellos, obwohl unsere Welt nach planvollem Vorgehen geradezu schreit." Ein unheilvoller Kreislauf zeichne sich da ab. "Da bringt eine überforderte Gesellschaft überforderte Kinder hervor, die ihrerseits wieder die Gesellschaft überfordern."

In den vergangenen Jahren haben sich Lebensbedingungen, Werte und Normen so rasant verändert wie wohl seit der industriellen Revolution nicht mehr. Doch nur die wenigsten, die mit Bildung und Erziehung betraut sind, verstehen die Regeln der grenzenlosen digitalen Welt. Sie fühlen sich ratlos und verloren in jener hochtechnologisierten, "ausdifferenzierten Gesellschaft", wie sie der Soziologe Niklas Luhmann beschrieb: Immer mehr Lebensbereiche werden immer komplexer und erfordern immer mehr Expertenwissen. Dem Durchschnittsmenschen aber kommen Gesamtüberblick und Gewissheiten abhanden - und damit oft die Fähigkeit, der nachwachsenden Generation ein brauchbares Rüstzeug für das Durcheinander des Daseins mitzugeben.

In einer Studie für die Konrad-Adenauer-Stiftung geben über 30 Prozent der befragten Eltern an, sie fühlten sich fast täglich durch Erziehung gestresst. "Solche Mütter und Väter verhalten sich oft reichlich diffus", sagt Opp. Sie schimpfen, trösten, strafen und belohnen innerhalb weniger Minuten; fortwährend senden sie widersprüchliche Signale - und überfordern ihr Kind folgenschwer. Zumindest in den ersten Lebensjahren begreift es moralische Kategorien wie "Strafe" oder "Enttäuschung" nicht. Und nur wenn es verlässlich erfährt, dass auf ein bestimmtes Verhalten eine bestimmte Reaktion folgt, lernt es soziale Spielregeln und die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. "Oft empfinden die Eltern ihr Hin und Her selbst als Belastung. Aber sie wissen es nicht besser."

Selten steht den Eltern ein erfahrenes Familienmitglied hilfreich zur Seite. Innerhalb von drei Generationen haben sich die Deutschen zu einem Volk aus Kleinfamilien und Patchwork-Arrangements entwickelt. Es lebt sich ungebunden wie vielleicht nie zuvor in diesem Land, aber es hat Folgen: Die Zahlen des Robert Koch-Instituts besagen auch, dass Kinder alleinerziehender, nicht berufstätiger Mütter dreimal so oft gefährdet sind, an psychischen Verhaltensauffälligkeiten zu leiden wie jene aus vollständigen Familien. Eltern hätten also Hilfe nötig. Doch unterstützende Institutionen wie Kirchen verlieren an Bedeutung, klare Vorstellungen von Elternschaft lösen sich auf. Der Zwang, eigene Entscheidungen zu treffen, wächst - und belastet.

Dabei klingen die Anforderungen zunächst eher einfach. Kinder brauchen eine liebevolle Beziehung zu den Eltern, einen strukturierten Alltag, klare Grenzen, körperliche Unversehrtheit, eine bekannte kulturelle Umgebung, passende Erfahrungen und Lernangebote, stabile Beziehungen zu anderen Menschen und die Idee von einer sicheren Zukunft. Vor alldem steht, vom ersten Tag an, der Aufbau einer verlässlichen Bindung - meist zwischen Mutter und Kind. Gelingt es der Mutter nicht, dessen Bedürfnisse zu erkennen und ihm das Gefühl unbedingter Geborgenheit zu vermitteln, tritt es seinen Weg mit schwerer Bürde an.

"Beträchtliche Schäden im neuronalen System der Stressverarbeitung, der Selbstberuhigung und der Impulskontrolle" könnten die Folge sein, warnt der Neurowissenschaftler Gerhard Roth. Sie zeigen sich spätestens, wenn ein Kind sich nach Wutanfällen nicht wieder zu beruhigen vermag, wenn es inmitten der überbordenden Eindrücke dieser Welt keine Konzentration findet, wenn ihm das Selbstvertrauen fehlt, sich einer unbekannten Situation auszusetzen, wenn es Spielkameraden zusammenschlägt, weil es nicht mitzufühlen weiß.

"Oft lässt sich der frühe Nachteil eben nicht wieder ausgleichen", erklärt Roth. "Drogenkonsum, Gewaltbereitschaft, aber auch Persönlichkeitsstörungen, Angsterkrankungen und anderes psy- chisches Leid im Erwachsenenalter ge- hen, soweit wir heute wissen, meist mit einer frühkindlichen Schädigung dieser Systeme einher."

Zeit, Geduld und Gelassenheit braucht es, um eine sichere Bindung aufzubauen. Und damit genau das, woran es Eltern häufig mangelt.

Im scharfen Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt sehen sie sich genötigt, flexibel auf die Ansprüche des Unternehmens zu reagieren, zu Hause aber verlangt ihr Kind größtmögliche Verlässlichkeit. Allein dieser Spagat erfordert von Vätern und Müttern Managerfähigkeiten, zumal sie als Spielpartner, Fahrdienstleister und Freizeitkoordinatoren beansprucht sind wie keine Elterngeneration zuvor.

"Ich führe an manchen Tagen fünf Telefonate, um meinen vierjährigen Sohn zu verabreden", sagt Julia Schmidt-Jortzig, sie weiß, wie absurd das klingt. "Dann vergleichen fünf Mütter aus demselben Dorf die Kalender, bis sie einen Termin finden, an dem zwei Kinder sich sehen können." Letztlich, sagt sie, verlangten berufstätige Eltern von ihren Kindern die gleiche Effizienz, die von ihnen selbst erwartet werde. Jede Kinderkrankheit, jede Erkältung sprengt den durchorganisierten Alltag.

Und an gesunden Tagen bleiben vielen Jungen und Mädchen weniger als zwei Stunden unverplante Zeit. Fußballtraining, Zirkusschule, Reiten, Kindertanz - "wir haben erst nach einer Weile verstanden, dass unsere Söhne nicht immerzu so viel anregende Dinge wie möglich erleben müssen", erzählt Julia Schmidt-Jortzig. An einem Samstag war das, bei einem Ausflug nach einer turbulenten Woche, der Vater, im Hochschulbereich tätig, hatte beruflich durch Deutschland reisen müssen und die Söhne kaum gesehen. Alle Hektik sollte weichen, und dann quengelten die Jungen, ja, nein, doch, vielleicht, und die Eltern reagierten genervt. "Aber die Jungs hatten von vornherein keine Lust auf einen Ausflug. Die wollten endlich ihre Ruhe."

Kinder brauchen Muße, sagen Entwicklungsforscher, sie erst verschafft den Freiraum, unabhängig von fremden Vorgaben eigene Neigungen zu entdecken. Außerdem denken Jungen und Mädchen, die Zeit für versonnene Selbstgespräche finden, langfristig differenzierter über sich und ihr Verhalten nach. "Reizarme Phasen sind auch eine notwendige Voraussetzung für alles Lernen", sagt Hirnforscher Roth. "Erst in den Stunden der Ruhe und Entspannung geht neuerlerntes Wissen problemlos vom Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis über."

Bewusst kann sich kaum ein Kind gegen den elterlichen Ehrgeiz wehren. Frühestens mit vier Jahren beginnt der Mensch darüber nachzudenken, ob ihm eigentlich gefällt, was er so tun und lassen soll. "Aber diese Fähigkeit zur Selbstreflexion entwickelt sich oft erst gar nicht, wenn man nur lernt: Ich muss leisten, leisten, leisten." Im schlimmsten Fall, sagt Roth, erziehen Tigermütter ihre Kinder zu Schulverweigerern, Magersüchtigen oder künftigen Burnout-Patienten. Darin aber, so geht die Ironie des Lebens, gleichen sie jenen, von denen sie sich vehement abzugrenzen versuchen: Eltern, die ihre Kinder weitgehend sich selbst ausliefern oder gar verwahrlosen lassen.

"Autoritativer Erziehungsstil" heißt die erfolgversprechende Haltung, in der Eltern einem Kind mit "hoher Fürsorge und hoher Kontrolle" begegnen, es beobachten, nach seinen Bedürfnissen fahnden, seine Begabungen fördern und ihr eigenes Erziehungsverhalten immer wieder neu überdenken. Durchzuhalten fällt selbst Überzeugungstätern schwer. "Es hat mich wirklich Kraft gekostet, die Jungen allein durchs Dorf radeln zu lassen", sagt Julia Schmidt-Jortzig. Sie weiß, dass Kinder Freiräume brauchen, um sich auszuprobieren, dass sie nur dann die Sicherheit gewinnen können, sich notfalls schon irgendwie allein zu helfen. Aber auch ihre Ängste mehren sich in der vernetzten Welt, in der jeder Unfall, jeder Missbrauch, jedes Unglück allgegenwärtig scheint. "Ich habe dann also an die rückläufigen Zahlen in den Statistiken gedacht und mich zusammengerissen."

Nichts, sagt der Hirnforscher Gerhard Roth, schütze ein Kind so sehr wie die Erfahrung, bei überlegten, toleranten und fürsorglichen Eltern aufzuwachsen. Derart ausgestattet, habe es beste Chancen, auch in der Schule zu bestehen.

Der rote Backsteinbau auf dem Gelände der Universitätskliniken in Köln beherbergt 54 Jungen und Mädchen. Eine offene und eine geschlossene Station, Tagesklinik und Ambulanz, auch ein Klassenzimmer gehört zu dieser Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die meisten Jungen und Mädchen hier sind mit der Schule nicht im Reinen. "Manche", sagt der Klinikdirektor Gerd Lehmkuhl, "verweigern monatelang den regulären Unterricht."

Thomas Bettner gehört zu seinen Patienten, "ein paradigmatischer Fall", sagt Lehmkuhl. Sechs Schulen hat Bettner hinter sich und fast alles andere auch. Inzwischen ist er 20, ein blonder höflicher Mann, der den Blick beim Sprechen senkt und seinen wahren Namen zurückhalten möchte. "Ich bin ja nun auf einem anderen Weg. Ich hatte Glück."

An Aggression erinnert er sich, an Ritalin und stärkere Medikamente, "also, ADHS", sagt er, "muss angefangen haben, da war ich so zwölf". Er konnte sich nicht konzentrieren, wenn Lehrer redeten oder Mitschüler lärmten, irgendwann erledigte er auch keine Hausaufgaben mehr.

Über 10 000 Stunden verbringt ein Heranwachsender durchschnittlich in der Schule, allein deshalb müsste sie "der schönste Ort in jeder Stadt sein", wie es der Schriftsteller Oscar Wilde einmal wünschte. Stattdessen ist sie auch für Jungen und Mädchen ohne psychiatrische Diagnose oft ein Ort seelischer Belastung. "Das Problem ist, dass zahlreiche Kinder am Rand ihrer kognitiven Fähigkeiten beschult werden", sagt Erziehungswissenschaftler Opp. "Und das liegt daran, dass sich die Gesellschaft darauf verständigt hat, nur noch ein Abitur als wettbewerbstauglichen Abschluss anzuerkennen."

Anders als vor 30 Jahren, als auf eine Hauptschule die Lehre und oft auch ein Meisterbrief folgten, gelten Schüler mit Hauptschulabschluss heute von vornherein als perspektivlos. So sagen 75 Prozent der Eltern, der Schulabschluss ihres Kindes sei "sehr wichtig".

Schon vor der bundesweiten Umsetzung der wettbewerbsverschärfenden G-8-Reform zahlten Väter und Mütter im Jahr zwischen 950 Millionen und 1,5 Milliarden Euro für Nachhilfeunterricht; und auch das Medikament Ritalin, eigentlich gedacht für krankhaft Aufmerksamkeitsgestörte, soll Kindern manchmal nur noch zu besseren Noten verhelfen. Innerhalb von drei Jahren stieg die Zahl verordneter Psychostimulanzien wie Ritalin insgesamt um 40 Prozent an.

Die globale Wettbewerbsgesellschaft verlange mehr als gute Noten, Zuverlässigkeit und Zielstrebigkeit, so beschreibt Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts, die Entwicklung. "Aus dem Dreikampf ist ein Zehnkampf geworden: Will ein Heranwachsender heute erfolgreich sein, muss er sich in einer globalen Welt zurechtfinden, überzeugende Powerpoint-Präsentationen vorbereiten, gesundheitsbewusst Sport treiben, mehrere Sprachen beherrschen, sich ökologisch und klimabewusst verhalten, über die Inhaltsstoffe seiner täglichen Nahrung Bescheid wissen und ein ebenso lässiger wie kundiger Nutzer der neuen Medien sein."

All jene, die nicht zum Zehnkämpfer geboren sind, haben es schwer. "In schlechten Momenten denke ich sogar: Sie haben keine Zukunft", sagt Erziehungswissenschaftler Opp.

Deutschunterricht. In einer Kölner Schule, in der Jungen und Mädchen unterschiedliche Abschlüsse bis hin zum Wirtschaftsabitur erreichen können, verteilt die Lehrerin Blätter, auf denen markante Gesichter abgebildet sind. Zwölf Minuten Zeit zum Nachdenken, dann soll jeder ein Gesicht in ganzen Sätzen beschreiben. Die Schüler sind volljährig, auf dem Weg zum Realschulabschluss. Sie leben in einem Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt gilt, und einige schlürfen im Unterricht "Monster Energy" aus Getränkedosen und wirken dennoch lustlos.

Es treffen in dieser Schule Jungen und Mädchen aufeinander, in deren Leben sich belastende Risikofaktoren häufen: Armut, Bildungsferne oder Gewalt; 90 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Solche Kinder, sagt der Sozialwissenschaftler Thomas Rauschenbach, erlebten "Hürden unterschiedlicher Kulturen und Traditionen, die ihnen oft weitaus mehr Kompetenzen abverlangen als der reine Unterrichtsstoff". Häufig seien sie permanent damit beschäftigt, sich einerseits anzupassen und andererseits die eigene Identität zu behaupten, sagt Hirnforscher Roth. Und das beeinträchtige die Leistungen in der Schule zusätzlich.

"Wie heißt die Wortart, die sich für Beschreibungen besonders gut eignet?", fragt die Lehrerin. "Glubschauge", antwortet einer. "Fett", ein anderer. "Der hat den Hals 'was dicker", bietet eine Schülerin an.

"Nein, sie meint Tuwörter", wirft ein Vierter ein. "Sie sind auf der richtigen Spur", sagt die Lehrerin, "aber ich meine keine Tuwörter." Nach ein paar Minuten ruft ein Schüler: "Wiewort!"

Natürlich müssten sie, gemäß den Lehrplänen aus dem Kultusministerium, längst die Vokabel "Adjektiv" benutzen. "Aber sie starten oft mit so großen Defiziten, dass sich Grundlegendes nicht mehr ausgleichen lässt", sagt die Pädagogin. In manchen Jahren erreicht weniger als die Hälfte einer Klasse den angestrebten Abschluss. Einige besuchen den Unterricht ohnehin nur, damit die Familie Kindergeld erhält.

"Die heutigen sozialen Brennpunkte brennen irgendwie intensiver", so sagt es Jugendpsychiater Lehmkuhl. Es mangelt vielen Heranwachsenden damit auch an jener Alltagsbildung, die neben Grundfertigkeiten wie Rechnen, Schreiben, Lesen einem gelungenen Leben dienlich sind. Ein Mittagessen kochen. Den Berufsweg planen. Mit Leid, Krankheit, Ängsten umgehen. Die Eltern können es nicht vermitteln, in der Schule werden Lebensführung und Sozialverhalten kaum gelehrt. So reiht sich oft Scheitern an Scheitern.

Manchen bleibt, wie dem kranken Jungen, der Thomas Bettner einmal war, nur der Trost am Computer. Fünf Jahre lang war er süchtig, spezialisiert auf Kampfspiele, Zauber und Magie. Eltern und Geschwister erreichten ihn weder mit Ärger noch Zuspruch; so kam er zu Gerd Lehmkuhl, dem Kinder- und Jugendpsychiater, an die Kölner Universitätsklinik. "Leute, die am Computer spielen, tun das, weil ihr Real Life auf gut Deutsch einfach scheiße ist und sie endlich Anerkennung bekommen", sagt Thomas. Auch das Gefühl von Einsamkeit verlor er vor dem Laptop. Nachmittags legte er sich mit dem Gerät aufs Bett, manchmal verging dann die ganze Nacht mit virtuellem Rollenspiel.

Fast zwei Stunden täglich blickt jeder Heranwachsende in Deutschland durchschnittlich auf Bildschirme - auch um sich von den Nöten in der Schule abzulenken. "Viele beschäftigen sich nahezu zwanghaft mit mehreren Medien gleichzeitig", sagt Psychiater Lehmkuhl, "die Kanäle in die Welt locken mit dem Versprechen, trotz aller Niederlagen dazuzugehören."

Die ganze Malaise gründe auf einem "typischen Realitätsverlust unserer Zeit", urteilt Erziehungswissenschaftler Opp. "Mächtige Medien gaukeln uns vor, dass der Supermarkt des Lebens jedem mühelos offensteht. Aber im Alltag erfahren wir das Gegenteil. Natürlich verunsichert das Heranwachsende. Wie soll sich da ein stimmiges Selbstbild entwickeln?"

Auch die Jugendlichen in der Kölner Schule reden von großen Autos, Weltreisen, Villen und Anwaltskanzleien. Dass ein Anwalt aber Abitur und Studium braucht, ist nicht allen bewusst. Ihnen fehlt der Schlüssel zur Welt - jene unbefangene Neugier, die der Motor aller menschlichen Entwicklung ist. Und selbst die Ehrgeizigen klagen über ausufernde Hausaufgaben, zu viel Unterrichtsstoff, gedrängte Klausurtermine, Konzentrationsprobleme und schlaflose Nächte.

"Der große Engpass ist das Arbeitsgedächtnis", sagt der Neurowissenschaftler Gerhard Roth. "Dort werden alle neuen Eindrücke verarbeitet, bevor sie dauerhaft im Langzeitgedächtnis abgelegt werden." Dieser Zwischenspeicher ist, auch genetisch bedingt, verschiedenartig ausgeprägt, daher denken und kombinieren Menschen in unterschiedlichem Tempo. "Doch bei neuem Stoff stoßen selbst Schnelldenker nach fünf Minuten an ihre Grenzen. Dann brauchen sie einen Moment der Entlastung. Einen Witz, den Verweis auf Altbekanntes."

Und dieses Vorgehen koste eben Zeit. Für einen "skandalösen Fehler" hält Entwicklungsforscher Roth daher die G-8-Reform mit ihrer verkürzten Schulzeit trotz gewaltigem Unterrichtsstoff. "Es werden noch mehr Kinder noch erschöpfter sein und noch mehr Defizite ansammeln", sagt er voraus.

Denn alles Wissen baut aufeinander auf. Damit ein Mensch die neuen Eindrücke versteht, die er aufnimmt, muss sein Gehirn aus den gespeicherten Informationen die passenden Versatzstücke abrufen und mit den unbekannten verbinden. Erst dann ergibt sich der Sinn - ähnlich wie sich ein fremdsprachiger Satz mit nie gehörten Vokabeln nur durch die Kombination mit den bekannten erschließt. "Eine Turbo-Schule", kritisiert Hirnforscher Roth, "missachtet die grundlegenden Mechanismen des Lernens."

So kann ein Kreislauf entstehen, der schwer zu unterbrechen ist. Jede neue Überforderungserfahrung zieht die nächste nach sich, und Kinder, deren Seelennot bis in die Nacht reicht, sind zusätzlich beeinträchtigt. Auch Schlafmangel behindert langfristig den Lernerfolg.

Thomas Bettner, der Patient aus der Jugendpsychiatrie, kennt das alles, "totales Abschalten im Unterricht und im Kopf nur noch schwarze Löcher". Aber am schlimmsten, sagt er, war das Mobbing. Es waren Worte, keine Prügel, die den schmalbrüstigen Jungen mit der Brille an den Abgrund brachten.

Die Hänseleien haben an Gemeinheit zugenommen, diesen Eindruck teilen Kinderärzte und Pädagogen. "Schon zehnjährige Mädchen vergleichen beim Sportunterricht ihren Brustumfang", sagt auch die Hamburger Lehrerin, die auf der Klassenfahrt Schüler mit Ritalin versorgen musste. "Bustiers gehören zur Grundausstattung. Wer keins braucht und keins hat, wird schrecklich verspottet."

Sechs Gruppengespräche mussten sie und eine Sozialpädagogin neulich mit den Schülerinnen ihrer Klasse führen, weil ein Mädchen Feinrippunterhemden trug. "Es war hart", sagt die Lehrerin. "In Zeiten von ,Germany's Next Topmodel' kostet es ein Kind Kraft, zu Rippchenunterhemden zu stehen. Da kann man lange über Selbstbewusstsein und Individualität reden." Die Rollenvorbilder aus der Casting-Show beeinflussen ihre Schülerinnen, wie sie es vergleichbar in 32 Berufsjahren nicht erlebt hat. Kaum ein Mädchen erscheint ungeschminkt in der Schule. Doch zwischen äußerem Schein und tatsächlicher emotionaler und intellektueller Reife liegen manchmal vier Entwicklungsjahre - und einmal mehr ein gestörtes Selbstbild, das dem natürlichen Gang der Hirnreifung zuwiderläuft.

Thomas Bettner, der von sich heute sagt, er habe Glück gehabt, hat es geschafft. Lauter kleine Ziele habe er sich gesetzt, in Etappen in die Gesellschaft zurückgefunden. "Große Ziele hätten mich gelähmt", meint er. Seit vier Jahren nimmt er keine Medikamente mehr, seit zwei Jahren ruhen auch die Spiele im Computer. Stattdessen treibt er Kampfsport und trainiert Verteidigung. Ganz anders gehe er heute über die Straße, findet er. Und jetzt erst recht, nach dem Abitur.

Professor Lehmkuhl, der Jugendpsychiater, und auch die Eltern hätten ihm geholfen. "Die haben mich irgendwie nie aufgegeben."

Aber wie es jene schaffen sollen, die alleingelassen werden, kann er sich nicht vorstellen.

Es ist, als ob der Motor stotterte in diesem Land. Die unbefangene, angeborene Neugier scheint sich im Alltag von Schulen und Elternhäusern zu verlieren. Zunehmend machen die Unwägbarkeiten des Lebens Eltern und Pädagogen zu schaffen - und damit den ihnen schutzbefohlenen Kindern. Anders lässt sich die Spurensuche kaum lesen.

Er müsste dringend geschmiert werden, der Motor. Die Kluft zwischen dem, was ist, und dem, was möglich wäre, ist längst zu groß. Sie steht für den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Leben - und für jene Sprengkraft, die eine ganze Gesellschaft überfordern kann.

Politiker und Bildungsexperten kennen das explosive Gemisch, doch noch viel zu selten kommen ihre Vorschläge jenen Kindern zugute, in deren Leben sich Risikofaktoren häufen: Jungen und Mädchen aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien. Dabei drängt die Zeit, 2029 gehen die Männer und Frauen des geburtenstärksten Jahrgangs 1964 in den Ruhestand. Bis dahin müssten auch die Migrantenkinder von heute, die in einigen Großstädten bereits 40 Prozent der Heranwachsenden stellen, in der Mitte der Gesellschaft angekommen sein. Wie sich Wohlstand und sozialer Frieden anders erhalten ließen, ist nicht vorstellbar.

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen bemüht sich seit einigen Monaten mit ihrem "Bildungspaket" um Abhilfe. Sie hat 1,6 Milliarden Euro pro Jahr für Gutscheine bereitgestellt; Eltern können sie gegen Musikstunden, Sporttraining oder Nachhilfestunden einlösen. Doch nur wenige füllen überhaupt die Antragsformulare aus. Die Ministerin spricht von einer "Holschuld", aber viele, die diese Gutscheine gebrauchen könnten, fühlen sich ohne Formular schon überfordert. Auch zahlreiche Modellprojekte in Kindergärten und Schulen sollen helfen. Doch im föderalen Bildungssystem kann sich kaum eines bundesweit durchsetzen.

Gerade hat auch Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung und ehemaliger Wissenschaftssenator in Hamburg, grundsätzliche Reformvorschläge vorgelegt; der Politikjournalist Felix Berth fordert ebenfalls zu einem Umbau der Bildungspolitik auf. Angesichts der Schwerfälligkeit politischer Apparate mag einiges in ihren Schriften utopisch klingen. Aber es klingt auch, als lasse sich mit ihren Ideen das um sich greifende Gefühl von Überforderung lindern.

Ginge es nach ihnen, müssten jährlich nicht 200 000 Kinder eine Klasse wiederholen. Stattdessen würden, dank der eingesparten Millionen, Lehrkräfte für zusätzlichen Förderunterricht eingestellt. Dräger will Migranten mit Stipendien in den Lehrerberuf locken und, ähnlich wie in den USA, Schulen mit herausragenden Angeboten in sozialen Brennpunkten ansiedeln lassen. Auch das Ehegattensplitting für Kinderlose, Transferleistungen wie Kindergelderhöhungen oder das Elterngeld für Gutverdiener hält er für verzichtbar. 14 Milliarden Euro könnten stattdessen auch dem Ausbau von Kindertagesstätten zugutekommen. Studien deuten darauf hin, dass die staatlich organisierte Betreuung vor allem belasteten Jungen und Mädchen nützt.

Es ist die Abkehr vom alten Gießkannenprinzip, die sich die Reformer wünschen - mehr Chancengleichheit, weniger Verteilungsgerechtigkeit. Das aber hieße zwangsläufig, denen mehr zu geben, die schlechter gestellt sind, und das Jammern der anderen zu ertragen. Doch sonst, so warnt Berth, müsse sich das Bürgertum - wie in Frankreich oder England - irgendwann mit Polizeigewalt vor der Wut der Ausgegrenzten schützen.

Auch die alte Idee von der kindgerechten Ganztagsschule findet sich unter den Vorschlägen. Vor allem benachteiligte Schüler ziehen einen Vorteil daraus, wenn sie den Unterrichtsstoff nachmittags in kleinen Lerngruppen wiederholen können, unterbrochen von Pausen für Sport, Musik, Theaterspiel oder Austausch mit Freunden. Die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn stellte bereits vor neun Jahren vier Milliarden Euro als Anschubfinanzierung bereit. Doch nur wenige Ganztagsschulen haben sich zu einem kindgerechten Ideal entwickelt. Und meist fehlt es an Lehrern, die bereits im Studium erfahren, was Lernen und Persönlichkeitsentwicklung psychologisch und neuronal verlangen.

Das Ziel aber ist dringlicher denn je. Eine Gesellschaft braucht Orte gebündelter Gemeinschaft, wie es gute Ganztagsschulen sein könnten. Modellversuche in anderen Staaten Europas zeigen, dass vor allem "niedrigschwellige" Angebote Kinder, Eltern und Lehrer entlasten. Dazu zählen auch Stadtteilzentren, in denen rund um Schulen und Kindergärten alles engmaschig vernetzt wie in einem Dorf zu finden ist: Erziehungshilfen und Ausländerberatung; Kinderarzt, Psychologe, Gynäkologe und Hebamme; der sozialpädiatrische Dienst, Zweigstellen des Jugendamts, der Kirchen und der Polizei.

"Wir müssen im Interesse der Kinder besser zusammenarbeiten", drängt Rauschenbach, der Leiter des Deutschen Jugendinstituts. "Eltern sind nicht automatisch dazu befähigt, ihre Söhne und Töchter allein zu erziehen, bloß weil es laut Verfassung ihr Recht und ihre Pflicht ist." In Artikel 6 des Grundgesetzes ist das so festgehalten - aber auch, dass die staatliche Gemeinschaft darüber wacht, wie diese Aufgabe zu erfüllen ist.

Am besten so, dass man selbst gern in diese Welt hineinwachsen wollte.


DER SPIEGEL 42/2011
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Kinder in Bedrängnis