Welche Folgen wird die Rückkehr des vor über fünf Jahren von der Hamas verschleppten Soldaten Gilad Schalit haben? Joram Cohen, Chef des Inlandsgeheimdienstes, zeigt sich skeptisch: "Die Hamas wird gestärkt und die Fatah geschwächt, die Motivation für weitere Anschläge und Entführungen könnte wachsen." 60 Prozent der in früheren Jahren freigetauschten Palästinenser seien zum Terror zurückgekehrt. Seit 2004 sollen sie 183 Israelis getötet haben.
Exakt 1935 Tage lang war Schalit im Gaza-Streifen festgehalten worden, als die israelische Regierung am vorigen Dienstag den Gefangenenaustausch beschloss: 1027 Häftlinge für einen einzigen Soldaten. Zunächst kommen 450 Männer und 27 Frauen frei; zusammen sollen sie 600 Israelis getötet haben. Weitere 550 Gefangene werden in zwei Monaten entlassen. Über "90 Prozent des Deals" seien bereits vor drei Jahren entschieden worden, sagt Cohen. Das Abkommen basiert auf einer vom deutschen Vermittler, dem BND-Agenten Gerhard Konrad, vorgelegten Formel. Seine Pendeldiplomatie hat maßgeblich zum Erfolg beigetragen, auch wenn er an der letzten Verhandlungsphase nicht beteiligt war.
Dass es trotzdem so lange dauerte, lag am anfänglichen Desinteresse beider Seiten. Doch die Situation hat sich geändert: Der israelische Premier ist von den Sozialprotesten angeschlagen, zudem unterstützt die neue Führung der Geheimdienste einen Austausch. Die Hamas wiederum brauchte nach dem von den Palästinensern bejubelten Uno-Mitgliedsantrag von Präsident Mahmud Abbas, ihrem Gegenspieler, ebenfalls einen Erfolg. Für ihren Führer Mahmud al-Sahar ist die Vereinbarung ein "Happy End". Er sagt: "Wir haben erkannt, dass dieser Deal das Äußerste war, was wir von Israel kriegen konnten." Im Juli hatte die Hamas den Israelis einen Brief übermittelt, in dem sie ankündigte, auf die Freilassung einiger prominenter Terroristen zu verzichten und die Ausweisung anderer zu akzeptieren. Auch Jerusalem machte Zugeständnisse: Erstmals werden israelische Araber, Palästinenser aus Jerusalem und besonders gefährliche Attentäter freigelassen, Leute "mit Blut an den Händen", wie es in Israel heißt. Für das Land war der verlorene Sohn zum nationalen Trauma geworden: Zigtausende demonstrierten, beteten und spendeten für seine Freilassung. In der Anteilnahme an Schalits Schicksal spiegeln sich die Schuldgefühle einer Nation, die ihre Kinder in den Krieg schickt - mit dem Versprechen, sie um jeden Preis zu retten.
DER SPIEGEL 42/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.