17.10.2011

SPIEGEL-GESPRÄCH„Dämonen und Engel“

Der in Harvard lehrende Psychologe Steven Pinker untersucht in einer großen Studie die Entwicklung von Gewalt und die Bedingungen ihres Rückgangs in der Geschichte der Zivilisation.
Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Gewalt. Krieg, Folter, Mord und Totschlag sind keine Naturkatastrophen. Aggression ist Bestandteil der menschlichen Natur. Deshalb kann die Gewalt auch nicht aus der Geschichte verschwinden.
Oder doch? In seinem neuen Buch, einem wahren Opus magnum von über tausend Seiten, argumentiert der weltbekannte Evolutionspsychologe und Bestseller-Autor Steven Pinker, 57, dass die menschliche Gattung immer weniger gewalttätig werde(*). Wir leben gegenwärtig, so die provozierende These des Harvard-Professors, in einer beispiellosen Phase des "neuen Friedens" - trotz Terrorismus, Selbstmordattentaten, Bürgerkriegen und religiösem Fundamentalismus.
Den von ihm diagnostizierten Trend der abnehmenden Gewalt bezeichnet Pinker, der in den USA als einer der einflussreichsten Denker gilt, als das vielleicht wichtigste Phänomen, "das es je in der menschlichen Geschichte gegeben hat".
Die kühne Behauptung, die allem Anschein widerspricht, stößt in der Debatte über das Buch auf heftigen Widerspruch - und setzt Pinker dem Vorwurf aus, ein geschichtsdeterministischer Optimist, sogar ein wissenschaftlicher Rassist zu sein. Denn die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung sieht Pinker in der Ausbreitung der europäischen Zivilisation mit ihren Gedanken der Aufklärung. Den moralischen Fortschritt des westlichen Humanismus hält er für eine Tatsache.
Mit einer Fülle von Daten und Diagrammen versucht Pinker, seinen Befund zu untermauern. Zur Urzeit der Jäger und Sammler betrug die Wahrscheinlichkeit für einen Menschen, gewaltsam ums Leben zu kommen, nach Schätzungen von Archäologen um die 50 Prozent. Schon mit der Entstehung der ersten Hochkulturen 3000 vor Christus ging die Zahl gewaltsamer Todesfälle erheblich zurück. Vom Spätmittelalter bis zur heutigen Zeit geschahen noch einmal 10- bis 50-mal weniger Morde. Und im 20. Jahrhundert - trotz zweier Weltkriege, Hitler und Stalin - starben in Europa und den USA weniger als ein Prozent der Menschen eines gewaltsamen Todes. Hochgerechnet auf die Bevölkerungszahlen früherer Zeiten, gibt Pinker zu bedenken, hätten die beiden Weltkriege zwei Milliarden Tote fordern müssen.
Die Aufklärung mit ihrer moralischen und sozialen Ächtung verschiedener Gewaltformen (wie Sklaverei, Folter, grausame Strafen, religiöse Verfolgung) hat Pinker zufolge eine "humanitäre Revolution" genauso wie eine "Revolution der Rechte" und damit eine weltgeschichtliche Wende zum Guten hervorgebracht.
Als Psychologe, der sich durch seine Forschungen über Sprache, Bewusstsein und Geist hohes Ansehen erworben hat, befindet Pinker, dass die Menschen immer zwischen "fünf inneren Dämonen" (Raub, Machtstreben, Rache, Sadismus, ideologische Verblendung) und "vier besseren Engeln" (Empathie, Selbstbeherrschung, Moralgefühl, Vernunft) hin und her gerissen seien. Was die Oberhand gewinnt, ist eine Frage des strategischen Kalküls: Was zahlt sich unter bestimmten Umständen mehr aus, was lässt uns besser leben - Gewalt oder Friedfertigkeit?
Die Dämonen verschwinden nicht, deshalb bleiben Gewaltausbrüche eine permanente Gefahr. Aber es besteht auch kein Grund zum Fatalismus; es kommt nur darauf an, diejenigen Veränderungen in unserer kulturellen und materiellen Lebenswelt auszumachen und zu verstärken, die dazu führen, dass die Friedensneigung des Menschen sich durchsetzt.
Pinkers Studie ist eine leidenschaftliche Antithese zum verbreiteten Kulturpessimismus und dem Gefühl des moralischen Niedergangs der Moderne.
SPIEGEL: Professor Pinker, Zeitungen, Fernsehen und Internet überschütten uns täglich mit Meldungen von Krieg, Mord und Totschlag. Wie kommen Sie zu der These, dass wir in den friedlichsten aller Zeiten leben?
Pinker: Anschläge, Krieg, Terrorismus geben gute Nachrichten her, und es gibt genug davon, um die Titelseiten am Morgen oder die Abendnachrichten zu füllen. Das führt zu dem paradoxen Ergebnis, dass der informierte Bürger das Gefühl für das wirkliche Ausmaß der Gewalt verliert. Wie hoch aber ist der Anteil gewaltsamer Todesfälle im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung der Erde? Alle verfügbaren Statistiken zeigen, dass die Gewalt tatsächlich zurückgeht, in unterschiedlichem Ausmaß, in wechselndem Tempo; die Kurve verläuft nicht gleichmäßig, sie tendiert auch nicht gegen null, so dass die absoluten Zahlen erschreckend bleiben.
SPIEGEL: Deshalb ist die wahrgenommene Gewalt stärker als die tatsächliche?
Pinker: Unsere kognitive Veranlagung begünstigt diesen Eindruck. Die Menschen schätzen die Wahrscheinlichkeit eines Geschehens nach erlebten Beispielen aus ihrer Erinnerung ein. Herausragende Ereignisse wie ein Amoklauf bestimmen unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit. In London gab es im 14. Jahrhundert 55 Morde auf 100 000 Einwohner im Jahr, heute sind es ungefähr 2.
SPIEGEL: Nun scheint es aber gerade in unserer Zeit neue Formen von Gewalt zu geben, Selbstmordattentate zum Beispiel.
Pinker: Deren Zahl hat zweifellos zugenommen. Aber die Daten zeigen auch, dass der Terrorismus seinen Höhepunkt in den siebziger und achtziger Jahren hatte. Seitdem schwächt er sich eher wieder ab.
SPIEGEL: Sie behaupten, die abnehmende Gewalt sei ein fortschreitender zivilisatorischer Prozess. Aber vielleicht ist dies nur eine Reaktion der westlichen Welt auf die Erfahrungen zweier Weltkriege?
Pinker: 1945 war eine Zäsur, vor allem was die Todesrate in zwischenstaatlichen Kriegen betrifft. Davor konnten wir zwei gegensätzliche Trends beobachten: Die Zahl
der Kriege, insbesondere der großen Kriege, an denen Weltmächte beteiligt waren, ging über 500 Jahre lang zurück. Doch die Zahl der Kriegsopfer nahm zu. Die Kriege wurden kürzer, aber blutiger. Der Zweite Weltkrieg war ein Gipfelpunkt. Er dauerte - man kann sagen: nur - sechs Jahre, aber in dieser Zeit kamen mehr als 50 Millionen Menschen ums Leben. Das ist beispiellos. Nach 1945 nahmen die Häufigkeit zwischenstaatlicher Kriege und die Opferzahlen pro Krieg gleichermaßen ab. Und gleichzeitig gewann die Anerkennung universell gültiger Menschenrechte stetig an Bedeutung. Diese Entwicklung hat nicht mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begonnen, aber sie hat sich beschleunigt.
SPIEGEL: Könnte es sein, dass Sie eine Entwicklung des Westens zum universellen Phänomen erklären?
Pinker: Ja, es ist eine westliche Erscheinung, aber sie hat Folgen, sie weitet sich auf die ganze Welt aus. Ich weiß, das klingt sehr eurozentrisch.
SPIEGEL: Europa als Vorreiter, der Rest folgt? Das klingt ein wenig naiv.
Pinker: Aber in vielerlei Hinsicht ist es so. Es ist wie in der Mode: Manager tragen die gleichen Anzüge überall auf der Welt.
SPIEGEL: Die demokratisch-freiheitliche Grundordnung kommt in Mode? Da gibt es viele Gegenbeispiele.
Pinker: Zuerst kommt der Begriff, dann die Realität. Demokratie ist eine englische, holländische, amerikanische Erfindung oder zumindest eine Wiedererfindung nach der griechischen Polis, aber sie breitet sich über die ganze Welt aus - wenn noch nicht überall als Wirklichkeit, dann doch als anerkannter Wert. Sehen Sie sich den sogenannten arabischen Frühling an. Wir wissen noch nicht, was daraus wird, aber die Möglichkeit der Demokratie ist darin angelegt. Vor einem Jahr hätte man es noch als idealistische Träumerei bezeichnet, eine demokratische Revolution in der islamischen Welt für möglich zu halten.
SPIEGEL: Die Zahl scheiternder Staaten scheint demgegenüber zuzunehmen. Und da, wo der Westen Staaten aufbauen will, wie in Afghanistan, ist der Erfolg äußerst fragwürdig.
Pinker: Bürgerkriege begannen vor allem in den sechziger Jahren, sie setzten mit dem Ende des Kolonialismus ein. Die Entkolonialisierung brachte vielerorts inkompetente, korrupte Regierungen an die Macht, die von Aufständischen herausgefordert wurden. Die Sowjetunion und die USA suchten sich ihre jeweiligen Lieblinge aus und bewaffneten sie. Aber die Zahl dieser Bürgerkriege nimmt seit einiger Zeit wieder ab. Ohnehin kommen darin weniger Menschen um als in großen Kriegen zwischen Staaten. Selbst in Zeiten zunehmender Bürgerkriege geht die absolute Gewalt also zurück.
SPIEGEL: War das 20. Jahrhundert nicht das blutigste in der Geschichte?
Pinker: Das ist nicht ganz klar.
SPIEGEL: Wie bitte? 15 Millionen Tote im Ersten Weltkrieg, über 50 Millionen im Zweiten, die Opfer Stalins und Maos?
Pinker: Wir verkürzen das 20. Jahrhundert zu oft auf die Zeit von 1914 bis 1945, vielleicht bis 1980 in Asien, aber es gibt einige Jahrzehnte, besonders in Europa, die ungewöhnlich friedlich waren. Es ist irreführend, auf die absolute Zahl zu starren, man muss sie in Relation zur Erdbevölkerung setzen. Die Mongolenstürme, der Zusammenbruch von Dynastien in China, der Sklavenhandel im Nahen Osten und über den Atlantik, die Auslöschung eingeborener Völker wie der Indianer oder der australischen Aborigines, die Kreuzzüge oder die europäischen Religionskriege - alle diese Konflikte richteten mehr Schaden an, relativ gesehen.
SPIEGEL: Und was ist mit dem Holocaust?
Pinker: Völkermord hat, wie Krieg, nach 1945 global abgenommen. Der Holocaust war als Genozid in der Menschheitsgeschichte nicht einzigartig, wohl aber in seinen Umständen und seiner Ausführung. Hitlers manische Entschlossenheit, das europäische Judentum auszulöschen, unabhängig von den Erfordernissen der Kriegsführung, war eine historisch extreme Tat. Doch die Menschheitsgeschichte weist viele Beispiele von Völkermord auf, ohne dass der Begriff bereits existiert hätte. Schon die Bibel erzählt Geschichten von ausgelöschten Stämmen und Völkern. Das massenhafte Töten unbewaffneter Zivilisten kommt ständig vor.
SPIEGEL: Geraten Sie mit diesem Geschichtsrelativismus nicht in die Nähe der Holocaust-Revisionisten?
Pinker: Ich bestreite nicht, dass der Holocaust, das geplante und systematisch organisierte Bestreben, das Judentum in Europa bis zum letzten Angehörigen auszurotten, singulär ist. Ich behaupte lediglich, dass Völkermord an sich nicht einzigartig ist. Der Begriff des Verbrechens gegen die Menschlichkeit, der sich daraus entwickelt hat, die Geltung universeller Menschenrechte ist dagegen neu und in der Geschichte ziemlich exotisch.
SPIEGEL: Wie erklären Sie, dass ein aufgeklärtes Kulturvolk wie die Deutschen in die Barbarei zurückfallen konnte?
Pinker: Ausnahmen, die aus besonderen historischen Umständen entstehen, gibt es immer wieder. Nicht alle Deutschen waren Nazis, eine zur Gewalt entschlossene Minderheit kann sich einer Gesellschaft bemächtigen. Das ändert nichts an der Tendenz, dass Demokratie, Freihandel, wirtschaftliche Verflechtung die Kriegsgefahr verringern. Der Feind wird zum zahlenden Kunden. Die gesamte Europäische Union, die als Wirtschaftsgemeinschaft demokratischer Staaten begann, ist auf diesem Gedanken aufgebaut, der eine Schlussfolgerung aus den Lehren des Zweiten Weltkriegs ist. Das ist das Tröstliche: Die Menschheit kann aus ihren Fehlern lernen.
SPIEGEL: Haben die Europäer mehr gelernt als die Amerikaner, die viel bereitwilliger in den Krieg ziehen?
Pinker: Das kann man so sehen, obwohl die Eindämmungspolitik des Kalten Kriegs ebenfalls eine Konsequenz des Zweiten Weltkriegs war. Die USA wollten den Fehler des Appeasements gegenüber einem totalitären Regime nicht wiederholen, kein neues München zulassen. Der Korea- und der Vietnam-Krieg lassen sich so erklären, als - möglicherweise missratene - Versuche, die kommunistische Expansion zu stoppen.
SPIEGEL: Stellen die USA eine kulturelle Ausnahme unter den Demokratien dar, weil ihre Gesellschaft viel gewalttätiger ist als diejenigen Europas?
Pinker: Die USA sind in mancherlei Hinsicht eine ungewöhnliche Demokratie. Die Mordrate ist viel höher als in jeder anderen entwickelten westlichen Gesellschaft. Die Todesstrafe ist immer noch nicht abgeschafft. Der Prozess der Zivilisation, so wie ihn der deutsche Soziologe Norbert Elias definiert hat, beruht darauf, Recht und Gewalt an den Staat zu übertragen, statt sie selbst in die Hand zu nehmen. So gesehen ist der Staat der große Friedensbringer. In den USA hat sich die urtümliche Kultur der Ehre viel stärker
gehalten: Gewalt gegen Gewalt, ein Mann verteidigt sich selbst, verschafft sich sein Recht, sucht nicht unbedingt Zuflucht beim schützenden Staat. Eine Einstellung, die sich aus den anarchischen Bedingungen ableiten lässt, unter denen die USA historisch entstanden, sowie aus dem Wildwest-Klischee, dass der nächste Sheriff mehrere Tagesritte weit entfernt ist. Diese Kultur der Ehre bleibt vor allem im Westen und im Süden der USA lebendig. Man kann das sogar unter Laborbedingungen testen: Probanden aus dem amerikanischen Süden lassen sich leichter zu cholerischen Ausbrüchen mit Testosteron-Ausschüttung provozieren als solche aus dem Norden. Das Muster lässt sich bis in die Politik hinein erkennen: Die Tauben kommen aus Massachusetts, die Falken aus Texas.
SPIEGEL: Ist die von Ihnen festgestellte Tendenz der abnehmenden Gewalt ein Lernprozess, oder verändert sich die menschliche Natur?
Pinker: Ich denke, es ist ein Lernprozess, wobei die Fähigkeit, zu überlegen und daraus zu lernen, natürlich selbst Bestandteil der menschlichen Natur ist. Die Menschen können mit Hilfe der Sprache eine unendliche Vielzahl von Gedanken hervorbringen. Dabei stoßen sie auf Wege und Möglichkeiten, das Leben zu erleichtern und zu verbessern. Gewaltverzicht gehört heute dazu. Es gilt die alte Maxime: Aus Schaden wird man klug. Alle Menschen haben den angeborenen Wunsch nach einem Leben in Freiheit und Glück.
SPIEGEL: Heißt das im Umkehrschluss, dass Gewalt sich früher auszahlte?
Pinker: Aggression und Gewalt sind in der menschlichen Natur angelegt, weil sie in der Evolution förderlich sein können. Der Prozess der Zivilisation läuft aber darauf hinaus, Normen und Institutionen zu schaffen, die Gewalt ersetzen und gewissermaßen unrentabel machen. Geregelter Gewaltverzicht ist schlicht eine Methode des Utilitarismus: Er maximiert den Nutzen für die größtmögliche Zahl.
SPIEGEL: Warum ist der Mensch das gewalttätigste Lebewesen auf der Erde? Tiere haben keine Freude am Töten, die meisten haben sogar eine Tötungshemmung gegenüber Artgenossen.
Pinker: Da wäre ich nicht so sicher. Das Reißen der Beute bereitet Raubtieren durchaus eine gewisse Freude. Die Einzigartigkeit der menschlichen Gattung macht sie auch einzigartig in ihrer Fähigkeit zur Gewalt. Die Menschen können Bündnisse schmieden und Banden bilden. Das ermöglicht Kriege und Überfälle. Hinzu kommt die Technologie. Die Menschen können sich Distanzwaffen schaffen: Speere, Pfeile, Geschosse, Bomben. Hemmschwellen gibt es auch beim Menschen, nicht nur bei Tieren, ganz einfach weil jede Gewaltanwendung ein Risiko mit sich bringt.
SPIEGEL: Tiere sind nicht sadistisch.
Pinker: Sadismus ist vermutlich ein Trieb, der anerzogen werden muss. Es gibt eine natürliche Abneigung dagegen, anderen unnötiges Leid zuzufügen. Wenn diese erst einmal überwunden ist, kann man aber auf den Geschmack kommen. Man kann wahrscheinlich auch Tieren Sadismus antrainieren.
SPIEGEL: Organisierte Gewalt als Volksbelustigung wäre demnach eine kulturell erworbene Erscheinung?
Pinker: Die Gladiatorenspiele der Römer, die öffentliche Hinrichtung, zu der das ganze Dorf zusammenströmt, das ist ein Gefallen an ritualisierter Gewalt, dem viele Menschen offenkundig etwas abgewinnen konnten.
SPIEGEL: Das unterscheidet sie von der unvermittelten, scheinbar grundlosen Gewalt, wie sie etwa bei Straßenkrawallen oder Attacken in U-Bahn-Haltestellen ausbricht.
Pinker: Die Menschen drehen durch, wie man so sagt, und wissen hinterher gar nicht mehr zu erklären, was über sie gekommen ist. Solche Ausbrüche kommen praktisch nur in der Gruppe vor. Niemand ist unter bestimmten Umständen davor gefeit. Der Soziologe Randall Collins hat das "Vorwärtspanik" genannt.
SPIEGEL: Wie eine Flucht nach vorn?
Pinker: In einer Phase anhaltender Angst und Spannung ergibt sich plötzlich eine Gelegenheit zur Entladung, und der Reflex der Aggression setzt ein. Ähnliches kann man bei Schimpansen beobachten, scheinbar sinnlose, exzessive Gewaltausbrüche. Es ist wie ein primitiver, brutaler, schrecklicher Zug der Natur, noch nicht einmal unbedingt ein massenpsychologisches Phänomen. Drei, vier reichen schon, um eine Gewaltorgie auszulösen.
SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, selbst in so eine Situation zu geraten?
Pinker: Ich persönlich? Ich würde gern glauben, dass ich nicht dazu imstande bin.
SPIEGEL: Sind Sie schon mal mit Gewalt konfrontiert worden?
Pinker: Sehr wenig, ich bin ja in der zweiten Hälfte, der friedlichen, des 20. Jahrhunderts geboren, noch dazu als Kanadier in Montreal. Ich wurde in der Schule gelegentlich gemobbt, aber nicht so schlimm. Einmal allerdings hat mir meine Mutter eine Tracht Prügel verabreicht.
SPIEGEL: Ein Schock für Sie?
Pinker: Na ja, ich war sechs oder sieben Jahre alt, und ich dachte: Was, diese Furie ist meine Mutter? Ich war unangekündigt stundenlang von zu Hause ferngeblieben, meine Mutter machte sich schreckliche Sorgen, und als ich in fröhlicher Unschuld wieder auftauchte, gab es Hiebe. Das war nicht Teil eines erzieherischen Programms, einer Strategie der Disziplinierung - sie verlor einfach die Beherrschung, ein gutes Beispiel für den eben erwähnten archaischen Reflex.
SPIEGEL: Und Sie haben selbst niemanden gequält?
Pinker: Doch, einmal eine Laborratte. Ich habe heute noch ein schlechtes Gewissen deswegen. Ich habe einfach die Versuchsanordnung befolgt, ich wollte schlicht ein guter Laborassistent sein. Das bestätigt die Vermutung, dass man Menschen dazu bringen kann, andere zu foltern, wenn ihnen das Verfahren von höherer Stelle für legitim erklärt wird.
SPIEGEL: Versagen die moralischen Mechanismen in Situationen, in denen man die Verantwortung nach oben abgibt?
Pinker: Es ist gefährlich, sich auf das Gewissen des Einzelnen zu verlassen. Menschen sind zu vielem imstande; wir müssen die sozialen Kontrollinstanzen so aufbauen, dass gewaltloses Verhalten die bessere Alternative ist. Die fünf historischen Kräfte, die der Gewalt entgegenwirken, haben derzeit zumindest tendenziell die Oberhand: der demokratische Rechtsstaat mit seinem Gewaltmonopol, die wirtschaftliche Globalisierung, die Feminisierung der Gesellschaft, der Kosmopolitismus und der Fortschritt von Wissenschaft und Vernunft.
SPIEGEL: Ist die Utopie einer gänzlich gewaltfreien Weltgesellschaft denkbar?
Pinker: Eine gute Frage. Ich glaube nicht, dass die Gewalt völlig verschwindet. Es wird immer Psychopathen geben. Konflikte gehören zum menschlichen Wesen. Wir können sie nicht eliminieren, wohl aber reduzieren, in ihren Ursachen und in ihren Auswirkungen.
SPIEGEL: Sie glauben an den moralischen Fortschritt der Menschheit?
Pinker: Zumindest an dessen Möglichkeit, ja. Wir leben, alles in allem, in glücklichen Zeiten; aber Geschichte ist nie endgültig, sie strebt keinem Schlusspunkt zu. In der Geschichtsphilosophie ist es wie in der Kindererziehung: Der Glaube an das Gute ist wunderbar, aber Abschreckung ist wirkungsvoller als Nachsicht.
SPIEGEL: Professor Pinker, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Steven Pinker: "Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit". Aus dem amerikanischen Englisch von Sebastian Vogel. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 1212 Seiten; 26 Euro. Das Gespräch führten die Redakteure Johann Grolle und Romain Leick.
Von Romain, Martin Leick und Johann Grolle

DER SPIEGEL 42/2011
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