17.10.2011

GESTORBENKarl Wienand

Karl Wienand, 84. Er war der Mann fürs Grobe, fürs Heikle, ein Klüngler vor dem Herrn, ein mit allen Wassern gewaschener Rheinländer. Und er war für die SPD der beste Manager, den die Partei je hatte, lobte einst Helmut Schmidt. Einer, der keine Scheu hatte, auch in den Niederungen der Politik sich zu bewegen, und der Affärenvorwürfe mit dem Hinweis konterte, dass "selbst der Sauberste stinkt, wenn er in einen Eimer Scheiße steigt". Der Sohn eines kommunistisch gesinnten, von den Nazis verfolgten Vaters musste mit 17 Jahren in den Krieg. Beinamputiert kehrte er aus der Gefangenschaft zurück, studierte Jura und Volkswirtschaft und zog 1953, als jüngster Abgeordneter, in den Bundestag ein. 1967 wurde er Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion. Als die Bundesregierung damals einen neuen Kurs in der Ostpolitik einschlug, "Wandel durch Annäherung", führte er in inoffizieller Mission Gespräche mit DDR-Vertretern - Jahre später, die Wiedervereinigung war längst vollzogen, wurde er wegen Spionage für das Ost-Berliner Regime zu einer Haftstrafe verurteilt, was Juristen bis heute kritisieren. Schon 1991 war er in anderer Sache entlastet worden. Der ehemalige CDU-Abgeordnete Julius Steiner hatte behauptet, beim gescheiterten Misstrauensvotum gegen SPD-Bundeskanzler Willy Brandt 1972 sei seine Stimme für den Regierungschef für 50 000 Mark von Wienand gekauft worden - Geldgeber freilich, das stellte sich heraus, war die Stasi. Karl Wienand, der nach seiner Polit-Karriere als Unternehmensberater arbeitete, starb am 10. Oktober.

DER SPIEGEL 42/2011
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