24.10.2011

MANAGERGeld oder Ehre

Ex-VW-Boss Pischetsrieder erhält noch immer ein Millionensalär aus Wolfsburg. Jetzt muss er sich wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung verantworten.
Vieles hat man Bernd Pischetsrieder, einst Vorstandschef von BMW und dann von VW, schon unterstellt: Entscheidungsschwäche, Missmanagement, Phlegma - Steuerhinterziehung war bislang nicht unter den Vorwürfen.
Es fiel allenfalls auf, dass Pischetsrieder offenbar ein besonderes Händchen für alle Fragen der Vermögensbildung haben muss. Der 63-Jährige gilt als einer der wohlhabendsten Automanager des Landes. Sein Vermögen wird auf einen höheren zweistelligen Millionenbetrag geschätzt. Dennoch lässt er sich jetzt lieber vor Gericht zerren, als 200 000 Euro Steuern zu zahlen.
Am Montag dieser Woche muss der einstige Autoboss sich vor dem Landgericht München verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, bei seinen Steuererklärungen der Jahre 2000 bis 2003 Mieteinnahmen aus seinen Immobilien durch den Abzug von Zinskosten gesenkt zu haben. Doch die entsprechenden Darlehen seien gar nicht für diese Immobilien aufgenommen worden. Deshalb habe er Steuern hinterzogen.
In den neunziger Jahren soll es wegen eines vergleichbaren Falls ein Ermittlungsverfahren gegen den damaligen BMW-Chef gegeben haben, das aber eingestellt worden sei. Pischetsrieder lehnt einen Kommentar dazu ab. Er sei, so sagt er einem Vertrauten, "völlig entspannt". Vor allem aber scheint er angriffslustig zu sein.
Die Staatsanwälte hätten wohl geglaubt, er gebe klein bei und zahle die angebliche Steuerschuld, um eine Anklage zu vermeiden. Geld gegen Ehre sozusagen. Aber er wolle den Vorgang geklärt haben, denn er sehe sich im Recht. Auch die erwartbaren Negativschlagzeilen bei seinem Auftritt vor Gericht scheut Pischetsrieder nicht. Er habe in der Presse schon so viel Schläge abgekriegt, auf eine miese Schlagzeile mehr komme es nun auch nicht mehr an.
Sein Ruf hat auch gelitten, weil er seit fast fünf Jahren das Gehalt eines Vorstandschefs kassiert, ohne dafür erkennbar viel arbeiten zu müssen. Kurz vor seinem Rauswurf als VW-Boss im November 2006 war sein Vertrag bis 16. April 2012 verlängert worden.
Der Konzern vereinbarte mit Pischetsrieder, dass er VW bis zu diesem Datum berät - zu Bedingungen, die "mit dem bisherigen Anstellungsvertrag weitgehend vergleichbar" sind. Im Jahr 2006 erhielt er 3,5 Millionen Euro. Seitdem dürfte er also Jahr für Jahr rund 3 Millionen Euro kassiert haben.
Ein Büro im 13. Stock der VW-Zentrale hat er noch. Alle paar Wochen wird er dort gesehen. Dass ein VW-Manager sich jemals Rat beim Ex-Boss geholt hätte, ist indes nicht bekannt. Aber das Geld fließt. Und das Leben am Chiemsee, wo Pischetsrieder residiert, ist angenehm. Zum Essen geht der Konzernrentner gern zum Sternekoch Heinz Winkler im benachbarten Aschau.
Pischetsrieder sitzt noch in einigen Aufsichtsräten, doch das ist alles kein Vollzeitjob. Er ist damit der wohl bestbezahlte Spaziergänger der deutschen Industrie.
Würde der einstige Autoboss jetzt tatsächlich wegen Steuerhinterziehung verurteilt, drohte ihm eine Bewährungs- oder Geldstrafe. Davor soll ihn der Münchner Anwalt Kurt Kürzinger bewahren. Bei ihm scheint Pischetsrieder in guten Händen. Kürzinger ist auf Steuerstrafrecht spezialisiert. Die Kanzlei bietet auf ihrer Homepage eigens eine "Notfall-Rufnummer" an. "In dringenden Fällen wie z. B. Durchsuchung oder Verhaftung."
Von Dinah Deckstein und Dietmar Hawranek

DER SPIEGEL 43/2011
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