NAHOST
Frage des Willens
Jerusalem hat mehr als 1000 Gefangene gegen den Soldaten Gilad Schalit eingetauscht. Können die Israelis und die Hamas womöglich doch über den Frieden reden?
Mohammed al-Scharatha hat seine Zeit im Gefängnis genutzt. Er hat sich an der israelischen Fernuniversität eingeschrieben, Studienfach: Geschichte des jüdischen Volkes. Man müsse den Feind kennen, sagt Scharatha, sein Denken, seine Kultur, seine Herkunft. Nur dann könne man ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen. Er hatte viel Zeit zum Studium, 22 Jahre lang saß er in Haft, er hat zwei Soldaten getötet. Dort würde er heute noch sitzen, bis an sein Lebensende, hätte die Hamas nicht den israelischen Unteroffizier Gilad Schalit entführt und ihn nach mehr als fünf Jahren gegen 1027 palästinensische Gefangene ausgetauscht.
Stattdessen steht Scharatha, 55, klein, grau, ohne Reue, in einem Festzelt im Norden von Gaza. Vor dem Zelt parken teure Geländewagen, Limousinen und Busse, aus denen ohne Pause Menschen quellen, die nichts anderes wollen, als ihn zu begrüßen, zu umarmen, zu fotografieren.
Viele Israelis sorgen sich dagegen, dass nun wieder ein verhängnisvoller Geist aus der Flasche entwichen ist. Seit Jahren gab es keinen schweren Selbstmordanschlag mehr. Nun fürchtet Israel, dass alles von vorn beginnen könnte, wenn Ikonen des Widerstands wie Mohammed al-Scharatha wieder frei herumlaufen.
Männer wie Chalil Abu Alba, der ein Bein verlor, als er einen Bus in eine Menschenmenge steuerte und acht Israelis tötete. Wie Muad Abu Schrah, der den Selbstmordattentäter auswählte, der sich in Haifa in die Luft sprengte. Oder wie Amna Muna, die im Internet mit einem israelischen Teenager flirtete, ihn nach Ramallah lockte und ermorden ließ.
477 Terrorplaner, Sprengstoffexperten und Mörder hat Israel in der vergangenen Woche freigelassen, zu insgesamt 883 lebenslangen Haftstrafen und noch einmal 4940 Jahren waren sie verurteilt worden. Weitere 550 Gefangene sollen folgen. Es ist der größte Austausch gefangener Palästinenser in Israels Geschichte, noch nie hat das Land so viele auf einmal begnadigt, noch nie so viele zurückkehren lassen in ihre Heimat. Obwohl die Regierung weiß, dass andere Freigelassene in der Vergangenheit wieder zum Terror zurückgekehrt sind. Das ist ein Sieg für die Hamas und alle, die noch immer glauben, mit Selbstmordanschlägen lasse sich ein Volk befreien.
Mohammed al-Scharatha hat nie daran gezweifelt, dass es so kommen würde. Denn er hat es genau so geplant, lange bevor Gilad Schalit entführt wurde. Er hat schon damals den Feind studiert und erkannt, dass auch die Militärmacht Israel verletzlich ist - wenn es um ihre Soldaten geht.
Im Jahr 1989 führte Scharatha eine Gruppe von Hamas-Kämpfern an, die verkleidet als ultraorthodoxe Juden zwei israelische Soldaten entführte. Sie ermordeten sie, verscharrten die Toten und forderten zum ersten Mal ein Tauschgeschäft: Leichen von Soldaten gegen Gefangene. Auch damals machten die Eltern der Soldaten Druck, aber die Regierung blieb hart. Einer der Toten wurde erst nach sieben Jahren gefunden.
Die Milizen, die damals unter Scharathas Führung standen, heißen heute Kassam-Brigaden. Sie waren es, die 2006 einen Tunnel unter der Grenze hindurchgruben, einen Panzer in die Luft jagten und Gilad Schalit nach Gaza verschleppten. Mohammed al-Scharatha hätte es sich nicht besser ausdenken können.
Als Scharatha ins Gefängnis kam, gab es in Gaza noch israelische Siedlungen und Frauen, die kurze Röcke trugen. Mit dem Auto war man in einer Stunde in Tel Aviv. Als er am Dienstag zurückkehrt, säumen Kassam-Kämpfer die Hauptstraße, 30 Kilometer lang, vom Grenzort Rafah bis nach Gaza-Stadt.
Dort, auf dem zentralen Katiba-Platz, hat die Hamas eine Bühne errichtet. Kindergruppen tanzen, Märtyrermütter brüsten sich ihres Leids, Islamisten aus Indonesien überbringen Grüße. Eine Zehnjährige skandiert: "Wir werden mehr Soldaten entführen, unser Widerstand geht weiter!" Und wenn es zwischendrin zu leise wird, dann brüllt ein Einheizer: "Das Volk will einen neuen Gilad Schalit." Die Menge brüllt es ihm nach.
Gilad Schalit ist da noch nicht einmal in Israel. Kaum freigelassen, muss er schon einem ägyptischen Fernsehsender ein Interview geben. Quälend lange Minuten sieht man ihn, blass, ausgemergelt, um Atem ringend. Erst dann darf er in seine Heimat zurückkehren. Er wird vom Premierminister empfangen, sein Vater schließt ihn in die Arme, dann fliegt er nach Hause, wo seine Mutter Nudeln kocht.
Es ist schon dunkel an diesem Tag, als Scharatha und die anderen Freigelassenen in Gaza-Stadt ankommen. Vor ihnen tänzelt Ismail Hanija auf die Bühne, der Premierminister von Gaza trägt einen maßgeschneiderten Anzug und hält die Finger zum Victory-Zeichen gespreizt.
"Gaza hat unter der Blockade, dem Krieg, unter Tötungen und Zerstörungen gelitten, Israel hat alles getan, um Gilad Schalit zu kriegen", ruft Hanija. "Aber wir sind standhaft geblieben!"
Das ist die Botschaft der Hamas, die Rückkehr der Gefangenen sei der Lohn für fünf Jahre Leiden. "Manche haben gesagt, wir würden mit der Entführung nichts erreichen, aber wir haben einen hohen Preis erzielt", ruft Hanija. Das war auf Präsident Mahmud Abbas von der Fatah gemünzt, der das Westjordanland regiert. Hanija sagt: "Wir haben die neue Formel für Verhandlungen mit Israel."
Jede der beiden Quasi-Regierungen hat einen anderen Weg eingeschlagen, und jetzt geht es um die Frage, welcher der erfolgreichere ist. Die eine hat bei der Uno die Mitgliedschaft beantragt, der Gewalt abgeschworen und eine Gender-Beauftragte für die Polizei eingestellt. Die andere hat 10 000 Raketen, ein Heer von Sittenwächtern und eine Arbeitslosigkeit von weit über 40 Prozent.
Eigentlich sieht die Bilanz nach gut vier Jahren Herrschaft schlecht aus für die Hamas. Genau deshalb ist für sie dieser Sieg so wichtig, die Tatsache, dass sie Israel einen politischen Erfolg abgerungen hat, zum ersten Mal. Das gefällt auch vielen Fatah-Mitgliedern im Westjordanland, denen ihr Präsident zu zahm und zu erfolglos ist.
Am Morgen nach der Feier pflücken die Müllsammler die Überreste vom Rasen, und unter einer Palme sitzt Abu Ubaida und lächelt zufrieden. Normalerweise trägt er eine Maske und trifft sich lieber in geschlossenen Räumen. Wegen der israelischen Drohnen, der Himmel über dem Gaza-Streifen hängt voll von ihnen. Abu Ubaida ist Sprecher der Kassam-Brigaden. Aber an diesem Tag hat er keine Angst.
"Der Tag gestern war wundervoll", sagt Abu Ubaida. Er schaut auf die haushohen Poster hinüber, die dort noch vom Vorabend über der Tribüne hängen. Ein vermummter Kämpfer schleppt Gilad Schalit auf dem Rücken, daneben explodiert ein Panzer. Der schüchterne Soldat Schalit ist hier zum besiegten Goliath geworden.
Doch zum Schicksal des echten Gilad Schalit schweigt Abu Ubaida. Er könne nur wiederholen, was israelische Medien berichtet haben: Er habe Zugang zu Radio und Fernsehen gehabt, sei gut behandelt worden, nur seine Schrapnellwunden hätten vielleicht einer besseren Behandlung bedurft. "Aber angesichts der Umstände haben wir unser Bestes gegeben." Im Übrigen: kein Kommentar.
Kann er sich weitere Gespräche zwischen Hamas und Israel vorstellen?
Es gebe nicht viel zu reden, sagt er und lacht. "Die Israelis haben nichts mit Mahmud Abbas zu verhandeln, es wäre doch ironisch, wenn sie etwas mit der Hamas zu verhandeln hätten."
Aber genau so ist es. Monatelang haben sie miteinander gefeilscht, indirekt, erst über einen deutschen, dann einen ägyptischen Vermittler. "Das waren fast direkte Verhandlungen", kommentiert Israels ehemaliger Außenminister Schlomo Ben-Ami. Die Hamas habe sich fast schon "in die Umlaufbahn von Friedensverhandlungen" katapultiert.
Das mag zu optimistisch sein. Aber auch ein hochrangiger Hamas-Politiker gibt zu, dass etwas in Bewegung gekommen sei. Weil das aber von der offiziellen Hamas-Linie abweicht, möchte er damit lieber nicht zitiert werden.
"Beide Seiten haben erkannt, dass sie miteinander Absprachen treffen können", sagt der Nahostexperte Uzi Rabi von der Universität Tel Aviv. "Wir sollten diese Situation ausnutzen und über einen langfristigen Waffenstillstand reden." Aber er weiß auch, dass das ein gefährlicher Kurs ist, denn Verhandlungen mit der Hamas schwächen Präsident Mahmud Abbas, den einzigen moderaten Gesprächspartner, den Israel derzeit hat.
Andersherum könnte man allerdings die Frage stellen: Wenn die israelische Regierung erfolgreich mit Terroristen verhandeln kann, die Raketen auf ihr Land abschießen, warum dann nicht auch mit Mahmud Abbas? Wieso ist Abbas "kein Partner für Frieden", während man mit dem Erzfeind komplexe Abkommen unterzeichnet? Das zeige doch, meint Rabi, dass schwierige Entscheidungen, auch wenn sie Israels Sicherheit gefährden können, möglich seien. Dass es eine Frage des Willens ist.
Aber guter Wille sei jetzt nötig, meint Rabi. Wenn die Uno-Initiative erfolglos bleibe und es keinen Friedensprozess gebe, dann könnte Israel mit dem Gefangenen-Deal dazu beitragen, dass sich bald wieder die radikaleren Kräfte durchsetzen.
Einen Vorgeschmack gab es schon während der großen Hamas-Feier. Da pries der Fatah-Führer von Gaza die Hände der Schalit-Entführer und überbrachte Grüße von Mahmud Abbas: "Er verspricht euch, mit dem Widerstand fortzufahren und alle Gefangenen zu befreien."
DER SPIEGEL 43/2011
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