24.10.2011

ZEITGESCHICHTE

Die schlimmste Stunde

Von Neef, Christian

Zu Kriegsende machte Stalins Geheimdienst Jagd auf deutsche Diplomaten. Wer gefasst wurde, landete in der Moskauer Lubjanka. Jetzt sind Verhörprotokolle aufgetaucht.

Alexej Matwejewitsch Sidnjew ist General der sowjetischen Spionageabwehr und erst 38 Jahre alt, als er im Frühsommer 1945 seinen bisher wichtigsten Posten antritt. Er soll im besetzten Berlin Spitzenleute des gestürzten Hitler-Regimes ausfindig machen. Am 8. Juni 1945 weist er per Direktive 143c seine Männer an, nach einem 52-jährigen Deutschen zu suchen: nach Joachim von Ribbentrop, Hitlers Außenminister.

Sechs Tage später wird Ribbentrop geschnappt - allerdings nicht von den Russen, sondern von den Briten, in einer Hamburger Wohnung. Pech für Sidnjew, umso eifriger spornt er daraufhin seine Leute an: Sie sollen wenigstens noch namhafte Funktionäre des Auswärtigen Amtes fassen, die sich "in Berlin verstecken".

Einige der früheren Untergebenen Ribbentrops gehen den Sowjets tatsächlich noch ins Netz. Am 13. August erhält Stalin die Meldung, die Spionageabwehr habe 374 Männer festgesetzt, nicht nur in Berlin, auch in Osteuropa. Darunter

seien zahlreiche Ex-Diplomaten, die man bei Bedarf als "Kriegsschuldige" vor Gericht stellen könne. Sie hätten an der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs ebenso mitgewirkt wie die deutschen Militärs.

Es sind Männer aufgelistet wie Fritz Grobba, Ex-Gesandter in Bagdad, Carl Clodius, Hitlers Sonderbeauftragter für Rumänien, Herbert von Richthofen und Adolf-Heinz Beckerle, die letzten Gesandten in Bulgarien, Mitarbeiter der früheren deutschen Vertretung in Moskau und diverse Militärattachés. Die meisten von ihnen werden in die Lubjanka gebracht, die Moskauer Geheimdienstzentrale, dort monatelang vernommen und meist zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt. Die Verhörprotokolle verschwinden im Archiv.

189 Dokumente sind nun aus den Geheimdienstkellern wieder aufgetaucht, russische Historiker haben sie ausgewertet und publiziert(**1). Der fast 900 Seiten starke Band enthält die Vernehmungen sowie Briefe, Tagebücher und spätere Gnadengesuche der Inhaftierten.

Selten bietet sich eine Gelegenheit wie diese, Einblick in die weniger bekannten Details der Außenpolitik des Dritten Reiches zu bekommen. Da ist nachzulesen, wie Bulgariens Zar Boris III. gezwungen wird, sich Hitlers Krieg gegen Jugoslawien und Griechenland anzuschließen. Wie Berlins früherer Gesandter in Bagdad einen Staatsstreich inszenieren und mit Hilfe des Jerusalemer Großmuftis eine arabische Legion für den Kampf gegen "Engländer, Juden und Bolschewisten" zusammenstellen soll. Oder wie Papst Pius XII. und Rumäniens König Michael mit den Deutschen kooperieren.

Die Verhörprotokolle sind zugleich Psychogramme. Wer sie liest, steigt mit hinab in die Verhörstuben der Lubjanka, erlebt die manchmal zurückhaltenden, manchmal aufbrausenden Untersuchungsführer und wie die festgenommenen Deutschen in den Vernehmungen ihre Worte wägen. Wie die einen ahnungslos tun, andere ihre früheren Kollegen belasten und wieder andere offenherzig zugeben, was ihnen den Strick einbringen kann.

Es ist ein ständiges Sich-Belauern von Vernehmern und Vernommenen, alles wird säuberlich protokolliert: wann die Befragung beginnt und wann sie endet, welchen Rang der verhörende Offizier besitzt, dass der Dolmetscher verwarnt wurde, wahrheitsgemäß zu übersetzen. Und unter dem Text steht jeweils die Unterschrift des Inhaftierten und der Vermerk: "Meine Worte wurden richtig wiedergegeben." Mitunter mag man das beim Lesen nicht wirklich glauben.

Eindeutig ist den Protokollen dagegen zu entnehmen, was Stalins Geheimdienst interessierte und was nicht. Natürlich suchen die Verhörer zuallererst Beweise, dass auch deutsche Diplomaten die Kriegsmaschine gegen die Sowjetunion schmierten. Ein Mann wie Adolf-Heinz Beckerle kommt ihnen da gerade recht.

Ihn haben die Sowjets in Bulgarien gefasst, er war Obergruppenführer der SA und Hitlers letzter Statthalter in Sofia. Zuvor hatte er als Polizeichef in Frankfurt am Main und im besetzten Lódź gedient. Im März 1945 erzählt Beckerle einem hohen Abwehr-Offizier von den Geheimverträgen mit den Bulgaren, denen Hitler im Fall der Unterstützung jugoslawische und griechische Gebiete versprochen hat:

Hitlers Instruktion bestand darin, dass ich auf einer uneingeschränkten Erfüllung aller deutschen Forderungen bestand, ohne das Ehrgefühl von Zar Boris zu verletzen … Ich habe alles unternommen, um die Beziehungen zwischen Bulgarien und Russland zu verschärfen und zwischen beiden Ländern eine militärische Auseinandersetzung zu provozieren.

Beckerle ist freigebig mit seinen Eingeständnissen. Ungefragt gewährt er dem verhörenden Oberstleutnant zusätzliche Einblicke in seine Tätigkeit in Bulgarien:

Auf Weisung Himmlers habe ich die Aussiedlung von 14 000 bis 15 000 Juden aus Mazedonien und Thrakien erreicht. Sie wurden auf mein Verlangen hin nach Polen gebracht. Ihr weiteres Schicksal ist mir unbekannt.

Der Verbleib dieser Menschen interessiert auch den Russen nicht, er fragt nicht nach, er will nicht wissen, warum Beckerle Tausende in den Tod treiben ließ: Hitlers Judenverfolgung ist für Stalin kein Thema.

Dafür verwenden seine Schergen Stunden über Stunden darauf, den Verhafteten möglichst viele Namen zu entlocken. Sie interessieren sich auch für eigene Leute, für jene, die wirklich oder angeblich mit Deutschland zusammengearbeitet haben - die Suche nach Spionen ist unter Stalin zur Obsession geworden.

General Karl Spalcke, zuletzt Militärattaché in Rumänien, wird immer wieder nach den Kontakten zwischen Reichswehr und Roter Armee befragt, die während der Weimarer Republik sehr intensiv waren. Er hat die sowjetischen Militärs betreut, wenn sie zur Manöverbeobachtung nach Deutschland kamen. All diese Offiziere leben zwar nicht mehr, Stalin hat sie vor Kriegsbeginn als Landesverräter hinrichten lassen. Nun lässt der Diktator nach Belegen für seine Unterstellungen suchen.

Spalcke: Während meiner Gespräche mit den Kommandeuren der Roten Armee habe ich stets versucht, Antworten auf Fragen zu bekommen, die den Generalstab interessierten. Aber diese Fakten habe ich gesammelt, ohne dass die Kommandeure das merkten.

Vernehmer: Sie lügen. Uns ist bekannt, dass die Kommandeure der Roten Armee zugunsten Deutschlands arbeiteten und dass Sie von ihnen Aufklärungsdaten erhielten. Warum streiten Sie das ab?

Wahre und vermeintliche Schuld werden nicht abgewogen, die Sowjetoffiziere arbeiten im Akkord. Und so geht das Schicksal sehr ungleich mit den Verhafteten um. Gotthold Starke, bis 1941 Botschaftsrat in Moskau, war Vertrauter des Botschafters Graf von der Schulenburg - jenes Mannes, den Hitler 1944 wegen Beteiligung an der Stauffenberg-Verschwörung hängen lässt. Starke hat Schulenburg noch einen Tag vor seiner Verhaftung besucht, und der trägt ihm damals auf, nach Hitlers Niederlage Stalins Außenminister eine Botschaft zu übermitteln: dass es für ihn "die schlimmste Stunde" gewesen sei, als er 1941 Molotow "die sinnlose Kriegserklärung" überreichen musste. Die Nähe zu Schulenburg hilft Starke nicht, er verschwindet im Gefängnis der Stadt Wladimir. Seine Gnadengesuche werden ignoriert, obwohl er 1948 in einem Brief an Außenminister Molotow beteuert:

I ch war immer überzeugt, dass das Glück nicht vom Westen, sondern nur vom Osten kommen kann. Deswegen bin ich sicher, dass ich sowohl für die Deutschen als auch für die Russen in der Ostdeutschen Besatzungszone nützlich sein kann.

Starke kehrt erst 1955 nach Deutschland zurück. Der 73-jährige Herbert von Richthofen, ein Diplomat der alten kaiserlichen Schule und einst Gesandter in Sofia, stirbt sogar in den Kellern der Lubjanka. Sein Nachfolger Beckerle dagegen, der Juden in den Tod geschickt und auch in Lódź schlimm gewütet hat, kehrt unversehrt nach Deutschland zurück und erhält von der Stadt Frankfurt eine Entschädigung von 6000 Mark. Ende 1966 wird er doch noch verhaftet, zu einer Verurteilung aber kommt es nicht.

Eines der interessantesten Schicksale ist das des Journalisten Hermann Pörzgen, seit 1937 Moskauer Korrespondent der "Frankfurter Zeitung". Während des Krieges arbeitet er als deutscher Presseattaché in Tanger, Paris und dann in Sofia. 1944 wird er in Bulgarien verhaftet und nach Moskau gebracht.

Pörzgens Berichterstattung aus der Sowjetunion in den dreißiger Jahren, ja selbst private Fahrten in die Leningrader Eremitage werden ihm nun als Spionage ausgelegt. Er habe "Artikel verleumderischen Charakters geschrieben" - seine "antisowjetische" Haltung sei offenbar, notieren die Untersuchungsführer. Pörzgen wird zu 15 Jahren Haft verurteilt; auch seine Gnadengesuche bleiben erfolglos.

Er kommt erst 1955 mit den letzten Kriegsgefangenen wieder nach Deutschland - und kehrt schon ein Jahr später freiwillig nach Moskau zurück, als Korrespondent seiner alten Zeitung, die nun "Frankfurter Allgemeine" heißt.

Das Land der Sowjets lässt ihn nicht los, er bleibt weitere 20 Jahre, 1976 stirbt er dort. Pörzgen gilt heute als Nestor der deutschen Russland-Berichterstattung. Er immerhin wird 1990 von der Moskauer Militärstaatsanwaltschaft rehabilitiert, 14 Jahre nach seinem Tod.

(*1) Koloriertes Foto.(**2) "Die diplomatischen Geheimnisse des Dritten Reiches 1944-1955". Moskau 2011; 876 Seiten; 616 Rubel.

DER SPIEGEL 43/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 43/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon sonntags ab 8 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZEITGESCHICHTE:
Die schlimmste Stunde