24.10.2011

Die letzte Ehre

Global Village: Fast 60 Jahre nach ihrem Tod belebt Evita den Geist des Peronismus.
Die Immobilie liegt im vornehmsten Viertel von Buenos Aires. Weißer Marmor schmückt die Fassade, auf dem Dach thront ein Engel, der Eingang ist mit einem schmiedeeisernen Tor gesichert. Eine Treppe führt in die beiden Kellergeschosse hinab, das Gebäude bietet Platz für drei Familien. Doch seine größte Attraktion ist die prominente Nachbarin: In der Gruft nebenan ruht Evita Perón.
Seit vier Monaten steht das weiße Mausoleum neben dem Evita-Grab auf dem Recoleta-Friedhof von Buenos Aires zum Verkauf. An der Rückwand klebt ein Zettel mit der Telefonnummer eines Immobilienmaklers. Der Preis auf Anfrage: 250 000 US-Dollar.
Ein schönes Grab in Recoleta kostet normalerweise 80 000 Dollar. Es ist die Nähe zur berühmten Toten, die den Preis so in die Höhe treibt: "Da will einer vom Evita-Boom profitieren", sagt Gabriel Miremont, Kurator des Evita-Museums.
Recoleta ist der Friedhof der Reichen und Berühmten, zwölf argentinische Präsidenten und zwei Nobelpreisträger liegen hier begraben. Viele Mausoleen sind verwahrlost, aus manchen Grüften riecht es modrig, doch vor dem Evita-Grab reißt der Besucherstrom nicht ab. Schulklassen schieben sich durch die Gänge, Touristen zücken die Kameras, Mütterchen stecken Nelken und Freesien in das Gitter vor der Evita-Gruft.
"Nie zuvor haben sich so viele Leute für Evita interessiert", sagt Miremont, während er sich einen Weg durch die Besucherschlangen bahnt. Er ist oft hier, er organisiert im Auftrag der Familie Ausstellungen über den "Engel der Armen"; Evitas letzte noch lebende Schwester, sagt er, habe ihn "wie einen Sohn adoptiert".
Jahrelang pilgerten meist Habenichtse aus den Vororten zum Evita-Grab. In der feinen Gesellschaft von Buenos Aires war der Peronismus verpönt, er galt als eine Bewegung schmieriger Provinz-Caudillos. Jetzt, 59 Jahre nach Evitas Tod, ist das berühmteste Präsidentenehepaar der argentinischen Geschichte salonfähig geworden: Evita und ihr Mann Juan Perón, der das Land von 1946 bis 1955 regierte.
Dass das so ist, dafür hat ein anderes Präsidentenpaar Sorge getragen: Vor kurzem erst enthüllte Cristina Fernández de Kirchner zwei riesige Evita-Bildnisse an der Fassade eines der höchsten Gebäude der argentinischen Hauptstadt. Jede Nacht werden die acht Stockwerke hohen Kunstwerke über der Prachtstraße Avenida 9 de Julio wie Kirchtürme angestrahlt - auch am vorigen Sonntagabend, als Kirchner sich zur Wiederwahl als Argentiniens Präsidentin stellte.
Sie und ihr vor einem Jahr verstorbener Mann und Amtsvorgänger Néstor seien die wahren Erben von Evita und Juan Perón, verkündet die Präsidentin immer wieder. "Unter den Kirchners", präzisiert Miremont, "hat der Peronismus die Mittelschicht erobert."
Es gibt Handpuppen von Perón und Evita zu kaufen, es gibt Comics und Videospiele, im Szeneviertel Palermo hat jüngst die erste Perón-Kneipe eröffnet. Dort steht, mitten im Gastraum, ein Evita-Altar; die Eigentümer wachen darüber, dass die Weihrauchkerzen nicht erlöschen. Zum Steak kredenzen die Kellner Perón-Wein, einen passablen Malbec. Eine neue Evita-Biografie brachte es innerhalb weniger Tage zum Bestseller.
Miremont hat in seinem Museum Devotionalien aus dem ganzen Land zusammengetragen: Kleider und Hüte, das berühmte trägerlose schwarze Kleid, mit dem Evita beim Besuch im Vatikan den Papst schockierte; einen Kühlschrank aus der ersten peronistischen Staatsfabrik, Spielzeugautos, die Evita an Kinder aus armen Familien verteilte; Zeitschriften, in denen sie als Prostituierte verfemt wurde. Der Andrang ist riesig. "Argentinier sind Fetischisten", sagt Miremont.
Evita starb 1952 im Alter von nur 33 Jahren an Krebs und stieg zur Heiligen auf. Zwei Wochen lang dauerten die Trauerfeierlichkeiten, Millionen erwiesen ihr die letzte Ehre, ihr Leichnam wurde einbalsamiert und aufgebahrt. Drei Jahre später stürzte das Militär Perón, er ging nach Spanien ins Exil. Die Generäle ließen alle öffentlichen Spuren des Peronismus tilgen.
Aber wohin mit der toten Evita? Die Militärs ließen die Leiche, "ein Meisterwerk der Balsamierungskunst" (Miremont), schließlich nach Italien schmuggeln, wo sie unter falschem Namen beigesetzt wurde. Später holte Perón sie in seine Villa nach Madrid. "Tote kann man nicht umbringen", kommentiert Miremont.
1973 kehrte Perón aus dem Exil zurück, gewann erneut die Wahl, starb aber wenige Monate später. Seine dritte Frau Isabelita wurde Präsidentin, und sie ließ Evitas Leichnam nach Argentinien zurückbringen. Berater hatten ihr eingeredet, Evitas Geist könnte auf sie übergehen. "Um sicherzustellen, dass es sich nicht um eine Wachskopie handelte, ließ man der Toten sogar einen Finger abschneiden", berichtet Miremont.
Kurz nach dem Militärputsch 1976 wurde Evita Perón schließlich in der Gruft ihrer Familie in Recoleta bestattet. Dort liegt sie, drei Stockwerke tief, bis heute hinter einer Marmorplatte in einem Eisensarg.
Besonders treue Peronisten fordern nun die postume Wiedervereinigung mit ihrem Gatten. Der liegt auf seinem einstigen Landsitz San Vicente.
Auch Evita soll dorthin verlegt werden, fordern ihre Verehrer, doch ihre Familie ist dagegen. Wer immer ihre Nachbargruft auf dem Recoleta-Friedhof erwirbt, muss daher keine Sorge haben, seine Immobilie könnte an Wert verlieren.
"Die Familie", sagt Miremont, "würde den Leichnam lieber verbrennen, als ihn noch einmal zu bewegen."
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 43/2011
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