24.10.2011

ETHNOLOGIEMenschenjagd im Paradies

Auf der Südseeinsel Nuku Hiva wurde ein deutscher Segler offenbar ermordet. Der mutmaßliche Täter ist auf der Flucht. Ein Fall von Kannibalismus?
Es passt alles so gut zusammen: das Paradies in der Südsee; der Insulaner mit dem Tattoo auf der Brust; der sympathische deutsche Abenteurer; und schließlich der grausige Fund von verbranntem Menschenfleisch.
Hat der Eingeborene den Weltumsegler gegessen? Angewidert schüttelt Déborah Kimitete den Kopf. Sie kann nicht fassen, was in den vergangenen Tagen über ihre Gemeinde hereinbrach. "Wir sind sehr verletzt", sagt die stellvertretende Bürgermeisterin der Pazifikinsel Nuku Hiva, der größten des französisch-polynesischen Marquesas-Archipels. "Was aus dieser Geschichte gemacht wurde, ist Rassismus, eine Beleidigung für alle Marquesaner."
Kimitete trägt ein weißes Baumwollhemd, ein Zopf hält ihre Haare streng zurück. Kunstvoll geschnitzte Skulpturen schmücken ihr Büro im Rathaus von Taiohae, dem Hauptort der Insel. Rund um die kleine Siedlung steigt das Gelände steil an und verliert sich in zackigen, mit Grün überwucherten Gipfeln. Über zwei Stunden dauert der Fußmarsch bis zu jenem Platz im Hakaui-Tal, an dem der 40-jährige Stefan Ramin starb.
Zusammen mit dem Einheimischen Henri Haiti, 31, soll der Segler aus Haselau bei Hamburg am 9. Oktober auf Ziegenjagd gegangen sein. Laut der Lebensgefährtin Heike D., 37, kehrte Haiti ohne Ramin zurück, lockte sie dann in den Wald, versuchte, sie zu vergewaltigen - und floh. In einem niedergebrannten Lagerfeuer fanden sich später verkohlte Knochen, Fleischreste und Zähne. Es waren Ramins Zähne.
Seither ist auf Nuku Hiva nichts mehr, wie es einmal war. Eine 17-köpfige Spezialeinheit der französischen Polizei macht nun Jagd auf Haiti (die Marquesas-Inseln sind französisches Staatsgebiet). Seit der Tat versteckt er sich in der Wildnis. Und die Inselgemeinschaft muss sich gegen den Vorwurf wehren, eine Gruppe kaltblütiger Menschenfresser zu sein. "Die Menschen haben Angst", sagt Kimitete. "So etwas passiert normalerweise nicht bei uns."
Nur rund 2900 Menschen leben auf Nuku Hiva. Einmal pro Tag kommt das Flugzeug aus dem tahitianischen Papeete. Der Hauptort Taiohae hat ein Hotel, zwei Kirchen, eine Schule und ein paar Lädchen.
Mitte September warf das deutsche Seglerpaar - sie eine Yogalehrerin, er ein Unternehmensberater - vor der Insel Anker. Seit 2008 waren sie schon auf den Weltmeeren unterwegs. Er war früh mit dem Segel-Virus infiziert worden. Als Stefan 16 war, schenkte ihm sein Vater das erste Boot.
"Baju" heißt der 14 Meter lange Katamaran aus Aluminium, den die beiden Deutschen in den vergangenen dreieinhalb Jahren ihr "Häuschen auf dem Wasser" nannten - ausgerüstet, um die "abgelegensten Paradiese der Erde" zu entdecken, wie die Segler auf ihrer Internetseite schrieben. Nun dümpelt das Schiff vor der Strandpromenade in der sanften Pazifikdünung.
Was geschah wirklich an jenem Tag, als Ramin den Insulaner bat, ihn auf die Ziegenjagd zu begleiten - wie das Touristen hier häufiger tun? Kam es in den Bergen zu einem Unfall? Gerieten die beiden Männer in Streit? Augenzeugen gibt es nicht; der mutmaßliche Täter holte Heike D. erst später.
Joseph Jaffé hat mit D. gesprochen. Der schlaksige Deutsche bot sich als Übersetzer an, als die örtlichen Polizisten versuchten, die unter Schock stehende Seglerin zu befragen. Doch er darf über das Verhör nichts sagen.
Und eigentlich will der Ethnologe und Linguist mit der Sache auch nichts mehr zu tun haben. Jaffé ist aus einem anderen Grund auf Nuku Hiva. Für die Inselbewohner kommt die Gruselstory zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Sie proben für das größte marquesanische Kulturereignis seit Jahren. Ethnologe Jaffé ist einer der Organisatoren.
Vom 15. bis zum 18. Dezember wollen die Insulaner Mata Va'ha, das Augen-auf-Festival, feiern. "Wir hoffen, die Kultur der Marquesaner wiederzubeleben", sagt Jaffé, "es geht um eine neue Suche nach Identität." 2000 Tänzer und Musiker werden auf der Insel erwartet.
Von der Gemeindehalle neben dem Rathaus klingt der Ton dunkler Trommeln herüber. Die Einheimischen tanzen den Haka Manu, den Vogeltanz. Männer mit massigen Körpern stampfen mit den Füßen den kraftvollen Rhythmus, in den Händen die 'U'u, die traditionelle Kriegerkeule der Marquesaner. Viele der Tänzer sind tätowiert. Schweiß glänzt auf ihren nackten Oberkörpern.
Auch der Flüchtige ist einer, der die Traditionen ehrte. Auch er ist breitschultrig und trägt Tattoos. Aber ist er deshalb auch ein Menschenfresser, wie "Bild" spekulierte?
Jaffé kennt die Vorurteile. "Europäer teilen die Welt gern in Gut und Böse ein", sagt der Forscher. Für die Touristen sei die Sache mit den Kannibalen eine "Obsession". "Es gab früher Menschenopfer in dieser Gegend", sagt der Ethnologe, "daran besteht kein Zweifel." Doch das sei alles lange her. Und viele Berichte über Kannibalismus wurden schon damals phantasievoll ausgeschmückt.
So beschrieb der amerikanische Anthropologe A. P. Rice vor gut hundert Jahren den Menschenopferkult der Marquesaner. Als "größter Triumph" habe es bei ihnen demnach gegolten, Gefangene zu verspeisen. Die Einheimischen, behauptete Rice, hätten ihnen zunächst Arme und Beine gebrochen, damit sie weder wegrennen noch sich wehren konnten. Schließlich seien die Opfer aufgespießt und geröstet worden.
Auch der amerikanische Schriftsteller Herman Melville, der später "Moby-Dick" schrieb, prägte das Bild von den mordlüsternen Wilden. Nach einer Reise nach Nuku Hiva verarbeitete er seine Eindrücke in dem Roman "Typee" (1846). Darin berichtet er von einem "hölzernen Kochgefäß", das auf dem Dorfplatz steht. Melville hebt den Deckel und erblickt Teile eines menschlichen Skeletts, die Knochen noch "frisch und feucht".
Was ist daran Legende, was Wahrheit? Heute jedenfalls gibt es keine Menschenopfer mehr. "Die ursprüngliche Inselkultur wurde schon vor über hundert Jahren ausgelöscht", sagt Jaffé. Der letzte überlieferte Fall eines Menschenopfers stamme aus dem Jahr 1880, so der Forscher. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Marquesaner christianisiert, durch eingeschleppte Seuchen und Opium nahezu ausgerottet - und mit ihnen gingen auch die traditionellen Bräuche zugrunde. So lebten 1842 rund 12 000 Menschen auf Nuku Hiva. 1934 waren es nur noch 634.
In Taiohae sinkt die Sonne hinter die zackigen Bergkämme und zeichnet letzte hellgrüne Muster auf die dichtbewachsenen Hänge. Die Polizei rückt dem Flüchtigen näher.
Unweit eines Jägercamps, in dem Essen gestohlen worden war, fand sich das Schlaflager eines Mannes. Doch bis Ende voriger Woche war Haiti noch nicht gefasst. Er kennt die verborgenen Pfade der Jäger und die Grotten in den Bergen, in denen er ungestört übernachten kann. Dem Insulaner wird versuchte Vergewaltigung, Entführung und Mord vorgeworfen.
Fest steht bislang nur, dass Ramin verbrannt wurde. "Die Kannibalismus-Theorie spielt bei unserer Untersuchung keine Rolle", sagt Staatsanwalt José Thorel.
Auch der Vater und ein Freund des Toten reisten Ende der Woche nach Nuku Hiva, um Abschied zu nehmen. Schon kurz nach der Tat schickte Erwin Ramin eine E-Mail an die Veranstalter des Mata Va'ha-Festivals. "Ich befürchtete, dass die das Fest absagen", sagt der Vater, "ich habe darum gebeten, das nicht zu tun; diese Leute versuchen, ihre Kultur zurückzugewinnen."
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 43/2011
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