31.10.2011

FLÜCHTLINGE„Meine Tochter wird verkauft“

Der Roma-Flüchtling Nevzrat Bekirov, 40, über die bevorstehende Abschiebung seiner sechsköpfigen Familie nach Mazedonien
SPIEGEL: Herr Bekirov, Sie, Ihre Frau und Kinder gehören zu elf Roma-Familien in Hamburg, die unmittelbar vor der Abschiebung stehen, weil sie keine juristische Berechtigung auf Asyl haben.
Bekirov: Ja, unser Asylantrag wurde abgelehnt. Wir haben gekämpft, demonstriert, aber verloren. Meine Frau weint nur noch. Wir warten jetzt auf den Termin unserer Abschiebung. So, wie auch ein schwer krebskranker Mann. So, wie auch Familien, die seit Jahren in Hamburg leben, oder Kinder, die hier geboren wurden und zur Schule gehen.
SPIEGEL: Sie selbst sind vor 14 Monaten aus Mazedonien geflüchtet und leben seitdem in einem Flüchtlingsheim. Warum sind Sie eigentlich hier?
Bekirov: Wir flohen mit dem Bus nach Hamburg, weil ich Angst um meine große Tochter Ajdan hatte. Wir hatten Schulden, weil wir arbeitslos waren. Das sind sicher 90 Prozent der Roma in Mazedonien. Es gibt einfach keine Arbeit für uns. Wir können nur Müll sammeln oder Lumpen verkaufen. Aber das reicht zum Leben nicht.
SPIEGEL: Warum hatten Sie ausgerechnet Angst um Ihre Tochter Ajdan?
Bekirov: Weil wir Schulden hatten, wurde meine Tochter von unseren Gläubigern in Mazedonien mehrfach belästigt. Sie war damals 16 und darum in einem gefährlichen Alter. In mazedonischen Roma-Familien kommt es vor, dass Gläubiger die Kinder der Schuldner zur Prostitution zwingen. Darum sind wir nach Deutschland geflo-hen.
SPIEGEL: Was passiert, wenn der Abschiebetermin feststeht und Sie zurückmüssen?
Bekirov: Dann ziehen wir in eine Wellblechhütte ohne Wasser, ohne Heizung, Klo und Strom. Hoffentlich werden die Kleinen nicht krank. Mein Sohn wird nicht mehr zur Schule gehen können, sondern Müll sammeln. Und Ajdan wird womöglich von den Gläubigern verkauft. Wissen Sie, wie das für einen Vater ist? Wie sterben.

DER SPIEGEL 44/2011
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