31.10.2011

PROGNOSENMal wieder Weltuntergang

Gruselrunde im Bundestag: Eine Kommission bereitet sich auf den Zusammenbruch von Demokratie und Kapitalismus vor.
An diesem Montag wird ein ganz besonderer Geburtstag gefeiert: Der siebenmilliardste Erdbewohner erblickt das Licht der Welt (siehe Seite 144). Die Vereinten Nationen haben das Datum symbolisch festgelegt. "Wir wünschen dem Baby Glück", hieß es vorab in einer Erklärung. Trotz aller Probleme auf der Welt handle es sich um ein fröhliches Ereignis.
Doch die Freude wird nicht von allen geteilt, schon gar nicht in der Enquetekommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" des Deutschen Bundestags in Berlin. Seit Anfang des Jahres arbeitet die Allparteienrunde aus 17 Politikern und 17 Wissenschaftlern daran, sich einen Überblick über die Gesamtlage der Menschheit zu verschaffen. Die ersten Eindrücke fallen ausgesprochen trist aus, die Stimmung vieler Teilnehmer tendiert Richtung Hoffnungslosigkeit.
Man weiß nur noch nicht, was schlimmer ist: die bevorstehenden Hungerkatastrophen? Die Umweltzerstörung? Das Ende der Ressourcen?
Ihren vorläufigen Tiefpunkt erreichte die Stimmung in der Kommission Anfang vergangener Woche. Zum Thema Bevölkerungsentwicklung hatte man auf Vorschlag des Grünen-Politikers Hermann Ott den führenden Experten für düstere Prognosen eingeladen: Dennis Meadows, 69, Ex-Direktor am Massachusetts Institute of Technology und Hauptautor von "Die Grenzen des Wachstums".
Die Siebziger-Jahre-Studie des Club of Rome dürfte, gleich nach Johannes-Offenbarung und Maya-Kalender, die populärste Schauergeschichte aller Zeiten sein. Das Buch hatte eine Auflage von über zwölf Millionen Exemplaren. 1973 wurde der Club of Rome dafür mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.
Für Meadows sind sieben Milliarden Menschen alles andere als ein Grund zum Feiern. Nach seinen Berechnungen hätte bei zwei, maximal drei Milliarden längst Schluss sein müssen. Jeder weitere Erdbewohner sei zum Tode verurteilt, so wie es schon Meadows' Vorbild, der missgelaunte britische Pfarrer Thomas Robert Malthus, vor 200 Jahren geweissagt hatte: "Beim Gastmahle der Natur ist durchaus kein Gedecke für ihn gelegt."
Dementsprechend düster fiel das Szenario aus, das Meadows den deutschen Abgeordneten präsentierte. Es droht mal wieder Weltuntergang. Der Menschheit stehe eine Hungersnot biblischen Ausmaßes bevor. Das westliche Wirtschaftssystem werde demnächst kollabieren.
Die Demokratie als Herrschaftsform, ohnehin ein, so Meadows, "junges Phänomen", sei aller Voraussicht nach zum Scheitern verurteilt. "In den nächsten 20 Jahren wird sich die Welt radikaler verändern als in den vergangenen 100 Jahren", prophezeite er den verstörten Abgeordneten und rief dazu auf, sich rechtzeitig auf die veränderte Lage einzustellen. Er selbst habe sich für daheim ein Notstromaggregat samt 500-Liter-Reservetank zugelegt.
Nun haben sich die Prognosen aus Meadows' Anti-Wachstums-Studie zum Glück als übertrieben herausgestellt, auch wenn man ihm zugutehalten kann, dass er als einer der Ersten auf die Endlichkeit irdischen Guts hingewiesen hat. Doch sein auf Basis der bekannten Vorräte modelliertes Szenario für Silber (angeblich erschöpft im Jahr 1983), Zinn (1985), Zink (1988), Erdöl (1990), Kupfer (1991), Erdgas (1992), Wolfram (1998) oder Aluminium (2001) ist nicht eingetreten; manche Klimaschützer würden womöglich sagen: bedauerlicherweise.
Selbst die weltweiten Goldminen waren, anders als Meadows es vorhergesagt hat, nicht schon im Jahr 1979 restlos erschöpft, sondern werfen bis heute stattliche Gewinne ab.
Der Menschheit als solcher geht es trotz des rasanten Bevölkerungswachstums nicht ganz so schlecht, wie Meadows einst prognostiziert hat. Die Lebenserwartung auf der Welt ist seit seinem Bestseller nach Uno-Angaben um zehn Jahre gestiegen, die Kindersterblichkeit um fast zwei Drittel gesunken. Die Zahl der Menschen, die unter Übergewicht leiden (1,5 Milliarden), ist weltweit größer als die Zahl derer, die von chronischem Hunger geplagt werden (eine Milliarde).
Es gäbe deshalb Gründe, Meadows' Vorhersagen kritisch zu hinterfragen. Technischer Fortschritt kam in seinem Modell systematisch zu kurz, ebenso menschliche Kreativität und Anpassungsfähigkeit. Dass Metalle recycelt werden könnten, wurde zwar erwähnt, in der Berechnung mit Meadows' Supersoftware World 3 aber trotzdem kaum gewürdigt.
Doch die Enquetekommission des Bundestags ließ wenig Zweifel an den Thesen des Altmeisters erkennen. Meadows war als Ratgeber gefragt. "Wie kommen wir da wieder raus?", fragte die Vorsitzende Daniela Kolbe von der SPD bang. Ihr Parteifreund Michael Müller, Ex-Staatssekretär im Umweltministerium, wollte wissen, ob die Zukunft der Welt womöglich in Asien liege. Meadows lobte Singapur: "Eine Diktatur, aber dafür mit smarten Leuten an der Macht."
Da fühlten sich die Demokraten im Bundestag dann doch ein bisschen beleidigt.
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 44/2011
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