31.10.2011

LITERATURMordende Erbse

Die Heldin heißt Aomame, grüne Erbse, ein seltsamer Name für eine Frau. Sie arbeitet als Auftragskillerin. Auf dem Weg zu einem Mord gerät sie in einen Stau, sie steigt aus dem Taxi, klettert über eine klapprige Treppe in einen U-Bahnhof und gelangt auf diesem Weg in eine parallele Welt, in der am abendlichen Himmel zwei Monde scheinen, der altbekannte gelbe Mond und ein kleiner moosgrüner. Die Kunst des japanischen Bestsellerautors Haruki Murakami, 62, besteht darin, dass sich seine Leser nach wenigen Seiten über gar nichts mehr wundern. Vor einem Jahr kamen die ersten beiden Bände von Murakamis surrealistischem Roman-Epos "1Q84" in Deutschland heraus, nun ist der dritte Band erschienen. Darin wird die Geschichte von Aomame und ihrem Freund Tengo, den sie aus der Ferne liebt, weitererzählt. Die Geschichte spielt im Jahr 1984, dem George-Orwell-Jahr, doch statt mit "Big Brother" haben es Aomame und Tengo mit den "Little People" zu tun, mit kleinwüchsigen Wesen, die eine Parallelwelt bevölkern. Die ersten beiden Bände boten eine beeindruckende Reflexion über Gewalt und Religion, verhüllt in ein schillerndes Erzählpanorama. Über zwei Millionen Käufer fanden sie in Japan. Der dritte Band ist nun leider eine Enttäuschung. Murakami braucht viel zu viele Seiten, um zu erzählen, was bisher geschah, und die Motive aus den ersten beiden Büchern variiert er nur. Die Welt im Jahre 1Q84 gewinnt keine weiteren Facetten hinzu. Murakami überschätzt auch die Spannung der Frage, ob sich Aomame und Tengo, die sich seit ihrem zehnten Lebensjahr lieben, aber nicht finden, doch noch begegnen werden. Seit einigen Jahren wird der Schriftsteller als möglicher Literaturnobelpreisträger gehandelt. Seine Romane seien viel zu unterhaltsam, als dass er diesen Preis je erhalten würde, meinen Skeptiker. Für den dritten Band von "1Q84" gilt das nicht. Der ist langweilig.

DER SPIEGEL 44/2011
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