31.10.2011

AFFÄRENFeldzug gegen die Familie

Ein Steuerskandal erschüttert die Welt der deutschen Schiedsrichter. Tippgeber für die Ermittler war der ehemalige Referee Manfred Amerell, der sich vom DFB und von dessen Präsidenten Theo Zwanziger verraten fühlt.
Er kannte den Ort und die Zeit, wann die Beamten zuschlagen würden, und er wollte es mit eigenen Augen sehen. In aller Frühe fuhr Manfred Amerell, der einstige Schiedsrichtersprecher des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), am vorigen Montag von München ins baden-württembergische Sauldorf. Es war kalt an jenem Morgen. Er parkte in der Nähe des Hauses von Michael Kempter, einem früheren Kollegen, den Amerell einmal sehr gern hatte. Damals, in einem anderen Leben.
Als um neun Uhr drei Fahrzeuge mit Neu-Ulmer Kennzeichen vor dem Anwesen vorfuhren, in dem Kempter mit seinem Bruder Robert wohnt, beobachtete Amerell die Aktion von seinem Auto aus. Er sah, wie sechs Beamte das Haus betraten, und er wartete, bis sie es rund drei Stunden später wieder verließen. Sie hatten Unterlagen mitgenommen.
Es war eine Szene wie in einem Film. Amerells Film.
Seit vergangener Woche ist die deutsche Schiedsrichterbranche in einen Steuerskandal verstrickt. Mehrere Staatsanwaltschaften ermitteln bundesweit gegen 21 aktive und ehemalige Referees des DFB, darunter auch Michael Kempter. Den Männern wird vor allem vorgeworfen, Honorare für Spieleinsätze am Fiskus vorbeigelenkt zu haben. Kempters Anwalt Christoph Schickhardt bestätigte, dass gegen seinen Mandanten ermittelt wird. Kempter habe mit den Fahndern "sachlich und völlig transparent über die Anschuldigungen gegen ihn gesprochen".
Es ist ein Fall, der die Integrität der Schiedsrichterbranche ins Wanken bringen könnte. Es ist aber auch die Geschichte eines Mannes, der sich auf einem Feldzug befindet.
Manfred Amerell, 64, war jahrelang einer der ranghöchsten Schiedsrichter in Deutschland. Ende 2009 wurde er von dem damaligen Nachwuchsreferee Michael Kempter der sexuellen Belästigung bezichtigt. Amerell verlor seinen Posten bei dem Verband, der für ihn eine zweite Familie gewesen war. Seither fühlt er sich verraten von seiner Zunft, vom DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, von Kempter, mit dem er, wie Amerell angibt, eine "einvernehmliche" Beziehung gehabt habe.
Seit längerem schon droht er, es allen heimzuzahlen. Womöglich ist Amerell nun ein erster Schlag gelungen. Denn er war es, der im Frühjahr Kontakt mit der Augsburger Steuerfahndung aufgenommen hatte, um mutmaßliche finanzielle Unregelmäßigkeiten früherer Schiedsrichter-Freunde zu melden. Aus Durchsuchungsbeschlüssen geht hervor, dass die Razzia auch auf seinen Anzeigen beruht.
Zu den Schiedsrichtern, die so ins Visier der Strafverfolger gerieten, gehören die angesehensten Vertreter der Branche, unter ihnen Felix Brych. Der Referee aus München, ein Jurist, der beim Bayerischen Fußball-Verband als Hauptabteilungsleiter Sport arbeitet, bestätigte, dass die Münchner Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt. Zu den Anschuldigungen äußerte er sich nicht, "da es sich um ein schwebendes Verfahren handelt".
Steuerfahnder und Staatsanwälte in ganz Deutschland interessieren sich vor allem dafür, was mit den Honoraren geschah, die Schiedsrichter vom Weltfußballverband Fifa für ihre Einsätze kassierten, pro Länderspiel immerhin rund 4500 Euro plus Spesen. Aus Kreisen der Ermittler heißt es, dass Beträge im "sechsstelligen Bereich" am Fiskus vorbeigeschleust worden seien - Einnahmen, die die Fifa den Unparteiischen auf Konten im Ausland überwiesen haben soll, aber auch Zinserträge, die dort anfielen.
Die DFB-Funktionäre, in deren Frankfurter Zentrale am Montagmorgen voriger Woche ebenfalls fünf Beamte auftauchten und Akteneinsicht verlangten, reagierten bislang gelassen auf den Steuerfall. Keiner der betroffenen aktiven Schiedsrichter wurde aus dem Verkehr gezogen. Sollten sich die Vorwürfe erhärten, muss der Verband wohl reagieren, will er nicht das Image seiner Schiedsrichtergarde dauerhaft ramponieren.
Es wäre ein kleiner Sieg für Amerell, der beteuert, es gehe ihm in der Sache nicht "um Rache", sondern "um Gerechtigkeit und Wahrheit". Drei Tage nach dem Einsatz der Steuerfahnder bei Kempter sitzt er im Restaurant Zirbelstube in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs. Er wirkt aufgewühlt. Er hat einen Stapel Akten dabei. "Belege für Sauereien", sagt Amerell.
Als die Affäre Kempter/Amerell vor knapp zwei Jahren öffentlich ausgebreitet wurde, erlebte das Publikum ein unwürdiges Schauspiel. Kempter, lange Zeit von Amerell protegiert, berichtete von "intimen Berührungen" des Mentors. Amerell präsentierte in einer Talkshow Kurzmitteilungen seines Zöglings, die zeigen sollten, dass alles in beiderseitigem Einverständnis geschah.
Bis heute beschäftigt der Fall die Gerichte. Amerell sieht durch die öffentlichen Anschuldigungen seine Persönlichkeitsrechte verletzt und verlangt von Kempter 150 000 Euro Schmerzensgeld. Einen Prozess vor dem Landgericht Hechingen verlor Amerell im Mai, im Dezember steht die nächste mündliche Verhandlung im Berufungsverfahren vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht an.
Vor kurzem kam heraus, dass Michael Kempter 2009 zu einer Geldstrafe von 23 750 Euro verurteilt worden war, weil er Einnahmen aus seiner Tätigkeit als Schiedsrichter nicht versteuert hatte. Dennoch wurde er vom DFB für die Fifa-Schiedsrichterliste vorgeschlagen. Verbandspräsident Zwanziger erklärte nun, er habe bis April dieses Jahres von Kempters Vorstrafe nichts gewusst.
Amerell hingegen wurde durch die Affäre mit Kempter aus seinem alten Leben katapultiert. Er hat in den vergangenen Monaten sieben Kilo abgenommen. Wegen der "unfassbaren psychischen Belastung" habe er seinen Hotelbetrieb in Augsburg aufgeben müssen. Weil in der Stadt überall über ihn "getratscht" werde, zog er nach München, wo er seit Jahren eine zweite Wohnung hat.
Der Mann mit den tiefen Falten um die Mundwinkel ist ein Getriebener. "Kempter und der DFB verfolgen mich die ganze Zeit", sagt Amerell. Er spricht mit bebender Stimme, hält minutenlange Monologe, schimpft über DFB-Präsident Zwanziger.
Über sieben Monate belieferte Amerell Steuerfahnder mit selbstrecherchierten Daten und Informationen. Als "dauerhafter Zuträger" erschien er fast wöchentlich in den Büros der Beamten, "was ehrlich gesagt schon etwas nervt", wie ein Ermittler notierte.
Was die Beamten am Ende recherchiert hatten, ist gleichwohl beachtlich. So soll die Fifa Honorare für die Einsätze deutscher Schiris bei internationalen Spielen auch auf deren Konten in der Schweiz und in Liechtenstein überwiesen haben, etwa bei der LGT-Bank. "Bei den nicht versteuerten Einkünften und Umsätzen", heißt es in einer Notiz, "geht es um Beträge im sechsstelligen Bereich."
Warum überweist der Weltfußballverband Honorare für Schiedsrichter, die ihren Hauptwohnsitz in Deutschland haben, nicht ausschließlich auf Konten in Deutschland? Die Fifa beantwortet diese Frage nicht, aus der Zentrale in Zürich kommt nur die Mitteilung, man könne "zu laufenden Verfahren nicht Stellung nehmen". In einer Notiz von Ermittlern heißt es: "Scheinbar ist die Fifa nicht an ordentlichen Abwicklungen interessiert."
Viele der beschuldigten Schiedsrichter sollen geständig sein, ist aus Kreisen der Fahnder zu hören. Gut so, sagt Amerell im Lokal in München. Aber eigentlich interessiert ihn der Steuerfall nicht mehr. Er ist schon weiter. Er hat eine Klage gegen den DFB wegen Verleumdung vorbereitet. "Der ganze Mist wird ans Tageslicht kommen", sagt Amerell.
Dann klappt er seine Akten zu und fährt nach Hause. Es ist spät geworden, aber er hat noch zu tun.
Von Rafael Buschmann, Gerhard Pfeil und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 44/2011
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