31.10.2011

MEDIZIN„Rotwein im Kofferraum“

Sportarzt Heinz Liesen über Doping im Kalten Krieg, Ohrfeigen bei Olympia und den Appetit von Fußballern
Liesen, 70, gehörte zu Deutschlands führenden Sportärzten. Von 1967 an arbeitete er an der Deutschen Sporthochschule in Köln; 1987 begann er, das Sportmedizinische Institut in Paderborn aufzubauen. Liesen betreute unter anderem die deutsche Feldhockeyauswahl, die Nordischen Kombinierer und die Fußball-Nationalelf von Franz Beckenbauer. 2006 wurde der Professor emeritiert.
SPIEGEL: Professor Liesen, die Athleten, Trainer und Ärztekollegen sahen in Ihnen entweder einen Heilsbringer oder einen Scharlatan. Was davon waren Sie?
Liesen: Weder das eine noch das andere. Mir ging es immer darum, die Gesundheit des Sportlers zu erhalten, sonst wird er ausgepowert und geht kaputt.
SPIEGEL: Was reizte Sie, sich um gesunde statt um kranke Menschen zu kümmern?
Liesen: Hochleistungssportler sind extrem belastet und empfindlich. Als ich in den siebziger Jahren mit dem Hockeyteam auf Turnierreisen war, hatten wir zwei Spieler, die schnell krank wurden. Ich fand heraus, dass die beiden immunologisch platt waren. Ihr Testosteronspiegel war stark gesunken. Daraufhin habe ich ihnen etwas Testosteron gegeben …
SPIEGEL: Da geht es doch schon los: Testosteron steht auf der Dopingliste.
Liesen: Damals noch nicht. Eine Gabe an die Spieler reichte aus, um deren Immunsystem so zu aktivieren, dass sie über Nacht wieder einsatzfähig waren. Und gesund blieben. So etwas muss erlaubt sein, wenn ich als Arzt Verantwortung tragen soll. Wir sind keine Flickwerkstatt.
SPIEGEL: Wären Sie dafür, Testosteron freizugeben?
Liesen: Ja. Ich sehe es als Mittel zur besseren Regeneration an.
SPIEGEL: Es steigert eindeutig die Leistung und ist ein Klassiker des Dopings. Wie wollen Sie da eine Grenze ziehen?
Liesen: Indem man es nur so dosiert einsetzen dürfte, um ein Defizit auszugleichen. Aber ich weiß, das kann man kaum sauber trennen. Auch wenn ich Testosteron nur minimal gebe, zur besseren Erholung, habe ich größere Trainingseffekte. Dieser Konflikt ist schwer zu lösen.
SPIEGEL: An der Freiburger Uni-Klinik haben Ärzte bis vor fünf Jahren systematisch Radrennfahrer gedopt. Und nun belegen Historiker, dass zu Zeiten des Kalten Krieges im Westen gezielt nach leistungssteigernden Effekten von Medikamenten geforscht worden war, gebilligt von der Bonner Politik. Wundert es Sie da, dass die deutsche Sportmedizin in einem schlechten Licht steht?
Liesen: Es waren doch meist Sportler, die experimentierten und uns voraus waren. 1973 bat ich einen Zehnkämpfer, an der Kölner Sporthochschule zu erzählen, was er so mache. Er sagte, er schlucke regelmäßig ein Anabolikum und esse täglich fünf bis sieben Kilo Fleisch. Ich glaubte ihm das zunächst nicht. Seine Freundin bestätigte mir, ihr werde schlecht beim Kochen - aber er futtere das. Wir wussten damals nicht, was Anabolika überhaupt bei Leistungssportlern bewirken.
SPIEGEL: Waren Sie naiv?
Liesen: Ahnungslos. Einer meiner Kollegen in Köln war damals der Ex-Radprofi und Biochemiker Manfred Donike …
SPIEGEL: … als Dopingfahnder bekannt …
Liesen: Sein Spitzname war "Kanüle", weil er sich auf dem Rennrad oft eine Spritze gesetzt hatte. Wir arbeiteten viel zusammen, und wenn wir müde wurden, holte er ein Fläschchen mit Kristallen heraus, Amphetamine, die wir uns in den Kaffee taten. Dann waren wir wieder zwei Stunden lang hellwach. Wie riskant das war, wussten wir noch nicht. Solche Stimulanzien machen das Gehirn kaputt.
SPIEGEL: Wann merkten Sie, welch große Rolle die Rivalität zur DDR spielte?
Liesen: Das war während meiner ersten Olympischen Spiele, 1976 in Montreal. Damals verwendeten wir eine Spritze, eine Kombination aus Berolase und Thioctacid, die vorher in Köln getestet worden war. Die Präparate standen zwar nicht auf der Dopingliste, sie zu verabreichen war allerdings für die Gesundheit nicht ganz unproblematisch. Der Ruder-Vierer holte damit überraschend Bronze.
SPIEGEL: Und das sprach sich herum?
Liesen: Eines Morgens traf ich August Kirsch, den Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, im olympischen Dorf. Er packte mich und sagte: "Toll, wie das funktioniert. Das brauchen wir auch." Ich erwiderte, das sei nicht zu verantworten, ohne vorher die Reaktion der Athleten zu untersuchen. Da schrie Kirsch mich an, ich wolle dem westdeutschen Sport Medaillen verwehren. Dann hat er mir links und rechts eine geknallt. Ich stand da wie ein dummer Junge.
SPIEGEL: Ein Schlüsselerlebnis?
Liesen: Sicherlich. Einerseits wusste ich ja, dass Kirsch mit meinem Chef in Köln, Wildor Hollmann, Tennis spielt und Einfluss hat. Auf der anderen Seite hat es mein Bewusstsein geschärft, was man als Sportmediziner mitmachen darf - und was eben nicht.
SPIEGEL: Warum haben Sie 1987 ausgerechnet Hartmut Riedel, einen der führenden DDR-Sportärzte, nach dessen Flucht an Ihr Paderborner Institut geholt?
Liesen: Riedel hatte wichtige Arbeit geleistet. Er hatte nachgewiesen, dass man keine hohen Anabolika-Dosierungen braucht, wie sie in der DDR üblich waren. Er konnte belegen, wie man Nebenwirkungen verhindert, ohne an Leistungsfähigkeit einzubüßen. Ein seriöser Mann, der die Gesundheit der Athleten in den Mittelpunkt stellte.
SPIEGEL: Meinen Sie das ernst? Riedel hatte in einem System Karriere gemacht, in dem die Gesundheit der Sportler nichts galt.
Liesen: Versetzen Sie sich doch mal in seine Lage: Sollte er aufbegehren? Dann wäre er in Bautzen verschwunden.
SPIEGEL: Sie glaubten sofort an ihn?
Liesen: Ja. Ich traf Riedel nach seiner Flucht mehrmals. Ich hatte zunächst die Traumvorstellung, er bringe Wissen mit, wie wir unser Training verbessern können. Wir dachten, die DDR sei besser, weil sie besser trainiere. Wie sehr die dopen, davon hatte ich doch keine Ahnung.
SPIEGEL: Sie hätten Ihren neuen Kollegen einfach danach fragen können.
Liesen: Ich wollte Riedel nicht dazu provozieren, geheimes Wissen preiszugeben. Das wäre gefährlich für ihn geworden. Abends, wenn wir das Institut verließen, schaute immer jemand nach, ob draußen eine schwarze Limousine steht. Riedel wusste zu viel über den DDR-Sport, die hätten den am liebsten gekidnappt.
SPIEGEL: Wie kamen Sie darauf?
Liesen: Ich war gewarnt durch Begegnungen mit Manfred Höppner, dem Vizechef des Sportmedizinischen Dienstes der DDR. Der kam jedes Jahr nach Köln, zu Manfred Donike, um zu erfahren, wie sich die Dopinganalytik so entwickelt. Höppner bekam ein neues West-Auto hingestellt, mit Kästen von Rotwein im Kofferraum, alles von Donike besorgt. Als wir einmal anfingen zu erzählen, was ein geflüchteter Sportarzt jetzt bei uns mache, unterbrach Höppner uns: "Sagen Sie jetzt nichts mehr, ich müsste das sonst alles melden." Selbst der hatte Angst.
SPIEGEL: Sie begannen vor der Wende, die deutsche Fußball-Nationalelf zu betreuen. Bei Ihrer ersten Weltmeisterschaft, 1986 in Mexiko, fiel auf, dass Sie große Mengen an Spritzen und Tabletten verabreichten. Alles für die Gesundheit?
Liesen: Es ging darum, die Spieler optimal bei Hitze und Höhenlage zu versorgen. Anfangs wurde mittags trainiert, wenn es heiß war - völliger Unsinn. Einmal lag danach Felix Magath mit Schüttelfrost, Durchfall und Übelkeit im Bett. Er hatte ein leichtes Hirnödem. Ich spritzte ihm einen Proteinaseninhibitor, ein paar Stunden später war die Sache weg. Ich sagte, wenn ihr wirklich weiter mittags trainieren wollt, dann mit Kappe auf dem Kopf. Da hieß es: Unmöglich, was meinst du, was die Medien dann mit uns machen! Erst nach dem nächsten Fall wurde nachmittags um fünf trainiert.
SPIEGEL: Warum war es so schwer, zu den Fußballern Vertrauen aufzubauen?
Liesen: Ich musste mich erst durchsetzen. Die Fußballer kannten kein Aufwärmprogramm, keine Regenerationsläufe. Sie ernährten sich sehr schlecht, zu viel Bier und Fleisch. Ich wollte ihnen das klarmachen, aber sie sagten: "Wenn du uns das verbieten willst, kannst du gleich wieder gehen." Du stehst blöd da, wenn Franz Beckenbauer dann flachst, wir in Bayern, wir haben früher am Abend vorm Spiel noch Schweinshaxe gegessen. Aber der Franz unterstützte mich sehr.
SPIEGEL: 1990 wurde die Nationalelf Weltmeister. Auch dank Ihrer ärztlichen Kunst und Trainingssteuerung?
Liesen: Da musste ich gar nicht mehr viel bewegen. Als wir vom Viertelfinalspiel ins Quartier zurückkamen, gab es eine Mannschaftsbesprechung. Franz sagte: "Jetzt wollen wir es packen und den Titel holen. Einer weiß ganz genau, wie wir das am besten hinkriegen. Und der sagt uns ab heute, wann und in welchem Umfang wir trainieren." Dann rief er mich und sagte: "Der macht das, und ihr habt alle zu gehorchen." So war Franz.
SPIEGEL: Wieso ließ Ihnen Beckenbauer so viel Freiheit?
Liesen: Er hielt mich für kompetent. Er holte mich oft auf dem Trainingsplatz zu sich und sagte: "Guck den mal genau an. Ich brauch den in zwei Tagen. Sieh zu, dass der wirklich fit ist."
SPIEGEL: Nach der WM zogen Sie sich weitgehend vom Leistungssport zurück. Was war geschehen?
Liesen: Ich hielt es nicht mehr aus, wie verlogen Anti-Doping-Politik betrieben wurde. Es ging nur um Geld, Prestige und Macht. Ich bekam als Mitglied der Medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees mit, wie man vor allem Proben von Amerikanern unter den Tisch kehrte, um nicht die Fernsehgelder von US-Sendern zu riskieren.
SPIEGEL: Wie lief so was ab?
Liesen: Damals waren die Fläschchen mit den Urinproben noch aus Glas. Wenn aus Versehen eine B-Probe auf den Boden fiel, war die weg. Und der Athlet konnte nicht mehr gesperrt werden.
SPIEGEL: Sie blieben trotzdem bis 1999 im Präsidium des Deutschen Sportärztebunds. Warum noch so lange?
Liesen: Ich wollte mich dafür einsetzen, dass die Prävention an Bedeutung gewinnt. Aber das war ein harter Kampf.
SPIEGEL: Haben Sie ihn verloren?
Liesen: Joseph Keul, Chef der Freiburger Sportmedizin und nicht gerade mein Freund, hatte seltsame Wege eingeschlagen. Die wollte ich nicht mitgehen. Er sagte damals, er habe 1,5 Millionen Mark von der Telekom erhalten, für Anti-Doping-Forschung, wie er es nannte. Ich vermutete, dass er etwas anderes beabsichtigte.
SPIEGEL: Nämlich das Geld zum Dopen von Telekoms Radteam zu verwenden?
Liesen: Jupp ging es darum, herauszufinden, wie seine Leute nicht erwischt werden konnten, denn Freiburg betreute ja das Radteam. Ich bin dann bei der Delegiertenversammlung der Sportärzte spontan aufgestanden und gegangen. Mein größter Fehler, ich hätte durchhalten sollen. Ein Jahr später war Jupp tot.
Von Detlef Hacke und Udo Ludwig

DER SPIEGEL 44/2011
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