07.11.2011

KARRIERENDie neue Mitte

Als die Mauer fiel, war Sahra Wagenknecht traurig. Sie glaubte, der Kapitalismus werde für lange Zeit triumphieren. Nun, da sich Krise an Krise reiht, hofft die Sozialistin, ihn doch noch besiegen zu können. Dabei hat sie sich gut mit dem System arrangiert. Von Markus Feldenkirchen
Sie steht im Foyer des Heinrich Pesch Hauses, unweit von Oggersheim, unweit des Bungalows, den Helmut Kohl bewohnt, und wird begafft. Um sie herum Männer in Anzügen, Frauen in Blusen, Sekt in der Hand, westdeutsches Bürgertum. Sie verfolgen jede ihrer Bewegungen, fasziniert, neugierig, vorsichtig, als dürfe man sie weder anfassen noch ansprechen.
Sahra Wagenknecht fühlt sich unwohl, ihre Stirn zerknittert, ihr Blick schweift über die Leute hinweg ins Nirgendwo, als wären sie gar nicht da. Sie trägt ein typisches Wagenknecht-Kleid, eine seltsame Mischung aus Pariser Laufsteg und Großmutters Erbstück, die Haare sind am Hinterkopf festgetackert. Eigentlich müsste das Taxi schon da sein, es wird knapp, den letzten Flieger noch zu erwischen, sie will weg.
Jetzt aber fasst sich ein Mann ein Herz, geht ein paar Schritte auf sie zu und spricht sie an. "Ich habe immer den Helmut Kohl gewählt, und trotzdem muss ich Ihnen sagen: Sie sprechen mir aus der Seele! Sie sind eine wunderbare Frau. Und wenn ich das noch hinzufügen darf: eine wunderschöne Frau!" Wagenknecht sieht sich um, als könne eine andere gemeint sein. Aber da ist niemand.
Drinnen im Saal hat sie eben mal wieder den Kapitalismus bekämpft. Sie wurde gefeiert von den Leuten, die jetzt um sie herumstehen, ihr Gegner, ein Professor und Freund des Kapitalismus, hatte keine Chance. Vor einigen Jahren wäre dies hier im Westen ein ungleicher Kampf gewesen, Wagenknecht hätte gar nicht erst anreisen müssen. Sie hätte nicht nur den Professor gegen sich gehabt, sondern auch das Publikum. Den Zeitgeist sowieso.
Sie, die immer am Rande stand, die ihr Leben lang Außenseiterin war, scheint plötzlich in der Mitte der Gesellschaft angelangt zu sein, sogar hier, in der Nachbarschaft von Helmut Kohl, dessen Wiedervereinigung sie niemals wollte.
Ihr Bewunderer steht noch immer neben ihr und wartet auf eine Reaktion. "Ja, ähm, gut", sagt Wagenknecht schließlich, sie wirkt hilflos, sie ist so viel Zuneigung noch nicht gewöhnt. Dann ist das Taxi endlich da.
Die Kombination aus Schönheit, Geheimnis und Kapitalismuskritik ist in diesen Zeiten eine äußerst attraktive - nicht nur in Oggersheim. In ihrer Partei, der Linken, sprechen sich inzwischen selbst politische Gegner wie Bodo Ramelow dafür aus, Wagenknecht zur Parteivorsitzenden zu küren. Sie selbst lehnt eine Kandidatur zwar noch ab, weil ihr der Job zu stressig sei und weil sie sich nicht auf eine Kampfkandidatur gegen die Vorsitzende Gesine Lötzsch einlassen wolle. Doch der Druck auf sie wird wachsen.
Es gibt dieser Tage kaum eine Talkshow, in die sie nicht eingeladen wird. "Immer wenn ich den Fernseher anmache, sehe ich dich", hat ihr ein Parteifreund neulich sehr beeindruckt erzählt.
Sie hat ihr ganzes Leben einsam gegen den Kapitalismus gekämpft, und nun, nach all den Finanzkrisen, geben 83 Prozent der Deutschen an, ebenfalls das Vertrauen in den Kapitalismus verloren zu haben. Vor den Banken schlafen jetzt Menschen in Zelten, um zu protestieren. Es scheint, als wolle die Geschichte ihr doch noch recht geben.
Später im Taxi zum Frankfurter Flughafen sitzt sie unruhig auf der Rückbank. Sie will auf keinen Fall den letzten Flieger verpassen, die Zeit ist jetzt knapper als früher, sie ist gefragt. "Was heute nicht mehr funktioniert", sagt Wagenknecht, "ist dieses: Ihr habt doch alles versiebt in der DDR, jetzt haltet mal den Mund." In den Neunzigern sei das ein Totschlagargument gewesen. Es schien, als habe der Kapitalismus auf ewig gesiegt.
Die Neunziger waren jene Zeit, als die Deutschen Sahra Wagenknecht für Stalins Tochter hielten. "Ich wurde hingestellt als potentieller Gewaltdiktator, als Frau, die Gulags in Deutschland errichten will." Was sie verschweigt, ist, was sie selbst zu diesem Image beigetragen hat.
Sie glaubt, dass es viele solche Missverständnisse um ihre Person gebe. Um ihre Version zu erzählen, hat sie einen Sonntagabend in der Havanna-Bar vorgeschlagen. Sie liegt in der Nachbarschaft ihrer Wohnung im Berliner Stadtteil Karlshorst, vereinbart war 17 Uhr. In ihrer SMS hieß es: "Um die Zeit ist es da auch noch relativ ruhig, und es gibt, glaube ich, die Cocktails sogar zum halben Preis."
Das Havanna ist ein Ort, der die Mallorca-Hits des Sommers mit einem Hauch von Kuba vereint. Wagenknecht möchte drinnen sitzen, weil die Haare noch feucht sind vom Duschen nach dem Joggen. Sie nimmt Platz unter einem Porträt von Ernesto "Che" Guevara und bestellt einen Daiquiri Hemingway. "Cocktail Happy Hour ist super", sagt sie.
Sie sitzt da, erzählt von ihrem Leben und wirkt lustiger als die strenge Dame aus dem Fernsehen.
Dass ihre Geschichte die einer Außenseiterin werden würde, war ihr schon in die Wiege gelegt. 1969 in Jena geboren, wächst sie ohne ihren Vater auf. Der stammt aus Persien, studiert in West-Berlin und darf nur als Tagesbesucher ins andere Deutschland. Als Sahra drei Jahre alt ist, bricht der Kontakt ab. Zurück bleiben das H in der Mitte ihres Vornamens, ein Anklang ans Persische, sowie die dunklen Haare und Augen.
Weiß sie, was aus ihm geworden ist? Hat sie je nach ihm gesucht?
Sie schaut auf die Tischplatte. Eigentlich möchte sie nicht über das Schicksal des Vaters reden, dann aber sagt sie, dass es bekanntlich nicht leicht sei, in Iran zu recherchieren. "Und vielleicht will ich gar keine Gewissheit haben, was sie mit ihm gemacht haben." Wagenknechts Blick verliert sich im Raum. Im Iran des Schahs wurden Systemkritiker in der Regel gefoltert. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich nicht gemeldet hätte, wenn er noch am Leben wäre."
Mit drei Jahren verweigert sie den Besuch im Kindergarten. "Ich wollte lesen. Im Kindergarten aber musste man hüpfen, springen und singen. Das fand ich langweilig", erzählt sie im Havanna.
Eine Rolle spielt auch das Erbe des Vaters, die dunklen Augen, das Haar, der Teint. "Als Kind hatte ich deshalb Angst, die anderen würden mich nicht mögen." Sie hört Sprüche wie "Huch, was ist denn das für ein Wesen?" Von da an zieht sich Sahra Wagenknecht in sich zurück. Sie wird zum Sonderling.
"Bei Ihnen alles okay?", fragt die Bedienung. Wagenknecht schaut ihr leeres Cocktailglas an und kichert. "Wenn ich nicht aufpasse, trinke ich viele von dem Zeug." Man kann sich das nur schwer vorstellen, so diszipliniert, wie sie wirkt.
In der Schule, zur DDR-Zeit, bleibt sie Außenseiterin. Während des Zivilverteidigungsunterrichts in Wittstock, einer vormilitärischen Ausbildung für Schüler, soll sie Uniform tragen, den Gleichschritt proben und mit Gasmaske über den Boden robben. Die Nächte muss sie mit drei Mädchen in einer Stube schlafen. "Für mich ist das Vollstress, nicht alleine sein zu können." Vom ersten Tag an verweigerte sie die Nahrungsaufnahme. "Wenn ich mich wirklich unwohl fühle, dann kann ich nicht mehr essen. Das ist bis heute so."
In der DDR wird ihr die Unfähigkeit zu essen als Hungerstreik ausgelegt, der Vorgang wird aktenkundig, später ist er der entscheidende Grund, warum sie nicht studieren darf. In ihrer Beurteilung heißt es, dass sie "nicht genügend aufgeschlossen" sei "fürs Kollektiv".
Statt zu studieren soll sie erst mal arbeiten, als Sekretärin. Dass man ihr ausgerechnet eine Stelle an der Universität zuweist, gehörte wohl zu den kleinen Perversitäten dieses Staates. Nach drei Monaten kündigt sie, "weil mir die Arbeit zu eintönig war. Ich wollte lesen". Sie zieht sich in ihre Karlshorster Wohnung zurück und unterrichtet sich selbst.
Das Klingelschild ist verwittert, die Stimme aus der Gegensprechanlage klingt schüchtern wie die eines Mädchens. "Ja bitte?" Wagenknecht wohnt noch heute in derselben Wohnung wie damals als 19-Jährige, zu DDR-Zeiten zahlte sie 40 Ostmark für die drei Zimmer.
Oben im Arbeitszimmer steht sie in einem ihrer roten Samtkleider vor mintgrüner Tapete und erläutert die einzelnen Phasen ihres Selbststudiums. An der Wand hängen Porträts von Marx und Goethe, auf einem Schaukelstuhl aus Bambus sitzt ein kleiner Stoffhund.
Der Raum ist übersät mit Büchern, sie lagern in den weißen Holzregalen, die ihr Großvater ihr gezimmert hat, auf dem Schreibtisch, selbst auf dem Teppich.
Sie deutet auf einen Abschnitt ihrer Bücherwand. "Hier ging's los", sie zeigt den kompletten Goethe, Thomas Mann, Shakespeare, Peter Hacks, die deutschen Klassiker. "Und hier ist der Faust." In ihrer Hand hält sie nun ein 30 Jahre altes, zerfleddertes Reclam-Heftchen, das sich in fünf Teile aufgelöst hat. In der 10. und 11. Klasse hat sie mal eben Faust I und II auswendig gelernt, einfach so, weil es ihr gefiel. Sie konnte jede Zeile aufsagen.
Im Regal gegenüber die Philosophen, eine ganze Wand mit allem, was Marx, Engels, Lenin und die anderen Kommunisten je von sich gegeben haben, auch eine 13-bändige Stalin-Gesamtausgabe. Zwischen den Herren steht ein Foto von Rosa Luxemburg, Wagenknechts Lieblingskommunistin. Und hier die Ökonomie, ein drittes Regal, sie streicht mit dem Handrücken über Buchrücken, auf denen Namen wie Adam Smith oder Alan Greenspan stehen. Man müsse die kapitalistischen Feinde kennen, sagt Wagenknecht. Sie lesen, deuten, verstehen.
Ende der achtziger Jahre, während draußen vor dem Fenster die DDR dahinsiecht, sitzt Wagenknecht in diesem Zimmer und unterrichtet sich selbst, diszipliniert, "wie eine Besessene". Tagsüber die Philosophen, abends "was Leichtes", wie sie sagt, Goethe und Shakespeare. Sie gibt Nachhilfe, ab und zu ruft ihre Mutter an, sonst redet sie mit niemandem. Ihr Leben nimmt autistische Züge an.
In der DDR gilt sie nun als Asoziale, wird geächtet, sogar von der eigenen Familie. Das Strafgesetzbuch der Republik untersagte, "sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit" zu entziehen. Als Strafe drohen bis zu zwei Jahre Knast.
Als sie am 10. November aus dem Radio vom Fall der Mauer hört, empfindet sie dies als schlimmsten Tag ihres bisherigen Lebens. Sie weiß jetzt, dass es um den Sozialismus geschehen ist, dass sie verloren hat. Das ihr zustehende Begrüßungsgeld holt sie niemals ab.
Es ist die erste große Paradoxie im Leben der Sahra Wagenknecht. Sie trauert einem Staat nach, der sie zur Hungernden werden ließ, sie zur Asozialen erklärte und einsam machte.
In einer Ecke läutet jetzt ihr Handy mit der Titelmelodie aus dem Film "Die fabelhafte Welt der Amélie". Eben habe auch noch die "Tagesschau" angerufen, erzählt sie, sie wollten ein Statement von ihr zur Griechenland-Krise. Die "Tagesschau" ruft nun fast täglich bei ihr an.
An einem lauen Herbstabend läuft sie nach einer Lesung durch den örtlichen Bahnhof und sagt, dass sie riesigen Hunger habe. "Holen wir uns eine Tüte?" Sie steuert einen Imbiss namens Asia Hung an und bestellt Reis mit Wok-Gemüse. Das mit dem Essen ist gerade kein Problem für sie. Es geht ihr gut.
Dies ist die zweite Paradoxie ihres Lebens. Jenes System, das sie einst so verfluchte, bietet ihr jene Möglichkeit zur Entfaltung, die sie offenkundig zufrieden macht. Die Asia-Tüte nimmt sie mit in die 1. Klasse. Auf der Höhe von Lutherstadt Wittenberg ist es Zeit, mal wieder über Walter Ulbricht zu reden, ihr einstiges Idol. Sie erzählt, dass sie kurz nach der Wende das Archiv der SED besucht hat und sich die Protokolle der Sitzungen des Politbüros geben ließ. "Wenn schon alles den Bach runtergeht, wollte ich wenigstens wissen, warum", sagt sie. "Warum wurde diese riesige Chance vertan, nach dem Zweiten Weltkrieg einen anderen Weg zu gehen?"
In der Kurzfassung lautet ihre Erklärung so: Bis zu Erich Honeckers Machtübernahme 1971 lief es gut für den Sozialismus. Walter Ulbrichts Konzept des "Neuen Ökonomischen Systems" hätte den Kapitalismus des Westens durchaus in die Knie zwingen können. Dann aber kam Honecker und verspielte den Sieg. Er schmiss mit sozialen Leistungen um sich, zerstörte die Kleinbetriebe und erstellte Fünfjahrespläne ohne Ehrgeiz. Während Ulbricht noch Ziele hatte, war Honecker ein Weichei. Dies ist Wagenknechts Version. In Wahrheit verfolgte Ulbricht zwar ein anderes Konzept als Honecker. Die Vorstellung, damit den Westen überholen zu können, ist jedoch abenteuerlich.
Aus dem SED-Archiv zurück in ihrer Wohnung, verfasst sie einen langen Artikel, der 1992 in den "Weißenseer Blättern" abgedruckt wird, einer kommunistischen Postille, die ein Stasi-Theologe herausgibt. Der Essay trägt den Titel "Marxismus und Opportunismus" und ist ihr frühes Glaubensbekenntnis. Sie verteidigt darin den Mauerbau, preist die Verdienste Ulbrichts und Josef Stalins. Über Terror und Gulags verliert sie kein Wort. Sie schreibt: Was immer man - berechtigt oder unberechtigt - gegen die Stalin-Zeit vorbringen mag, ihre Ergebnisse waren jedenfalls nicht Niedergang und Verwesung, sondern die Entwicklung eines um Jahrhunderte zurückgebliebenen Landes in eine moderne Großmacht.
"Das war ein ausgezeichneter Aufsatz", sagt Hans Heinz Holz. Er liegt auf einem Sofa im Tessiner Bergdorf Sant'Abbondio und kann durch sein Wohnzimmerfenster auf den Lago Maggiore sehen. Bei Holz hat Wagenknecht Examen gemacht, er war nach der Wende ihr Professor, Mentor und auch ihr Bruder im Geiste.
Holz saß als 17-Jähriger wegen Widerstands gegen die Nazis in Gestapo-Haft, er ist sein Leben lang glühender Kommunist geblieben. Er trägt ein blaues Hemd, blaue Krawatte, neben dem Sofa lehnt eine Krücke. Einige Rippen sind gebrochen, die Folgen einer Krankheit, aber er lächelt, wenn er von Sahra, seiner Studentin, erzählt. "Wir haben unglaublich intensiv geredet. Über Stalin, Marx und die Richtigkeit des Mauerbaus." Natürlich sei sie damals schon attraktiv gewesen, doch zugleich ungeheuer scharfsinnig und intelligent. "Sie war eine junge, begeisterte Revolutionärin."
Wagenknecht besuchte ihn auch in Sant'Abbondio, er lud sie ein zu seinen Philosophischen Seminaren, eine ganze Woche tagten sie unter einer Pergola oder im Schatten seiner Zeder. Unten funkelte die Sonne auf dem tiefgrünen See.
Holz hätte es gern gesehen, wenn seine Sahra Professorin geworden wäre, aber sie ging in die Politik. "Sie hat sehr zielstrebig ihre Karriere verfolgt", sagt er. "Unter Preisgabe erheblicher Positionen. Sie ist nicht mehr das, was sie mal war: die begeisterte Revolutionärin. Sie ist jetzt sehr, sehr anpasserisch."
Vor ein paar Jahren trafen sie sich noch einmal bei einem Kongress der "Jungen Welt", Wagenknecht begleitete Oskar Lafontaine, sie saßen am Tisch und redeten. "Da zeigte sich sehr deutlich, dass Sahra sich auf den Kurs von dem Lafontaine eingelassen hatte." Er klingt jetzt enttäuscht, wie ein Vater, der seine Tochter an einen anderen verloren hat.
"Ich war sehr beeindruckt von ihm", sagt Wagenknecht heute über ihren Professor. "Aber mit Diktatur des Proletariats kann man heute keinen Blumentopf mehr gewinnen."
Sie sitzt im ICE von Berlin nach Leipzig, am Abend soll sie aus ihrem neuen Buch "Freiheit statt Kapitalismus" lesen. Zwischen dem Artikel "Marxismus und Opportunismus" und diesem Buch liegen 19 Jahre, zwei Jahrzehnte, in denen sie sich von einer Verteidigerin Stalins zur gemäßigten Kritikerin der Marktwirtschaft gewandelt hat. In ihrem Buch taucht Stalin nicht mehr auf, selbst ihren Ulbricht hat sie verschwiegen, es fehlt auch die Absicht, eine Mauer zu errichten. Dafür ist jetzt viel von Ludwig Erhard und Walter Eucken die Rede, den Vätern der sozialen Marktwirtschaft.
Dass Wagenknecht heute keine Außenseiterin mehr ist, dass sie zur Stimme ihrer Zeit werden konnte, liegt nicht allein daran, dass der Kapitalismus in Not geraten ist. Die Verhältnisse mögen ihr entgegengekommen sein, aber sie hat sich auch selbst auf sie zubewegt. Man hat sich quasi in der Mitte getroffen.
Wagenknecht redet nicht gern über ihren eigenen Wandel, vielleicht verbietet es ihr Stolz, einfach zu sagen, dass sie früher ziemlichen Unsinn erzählt hat.
Stattdessen spricht sie von einem Dortmunder Unternehmer, der sie Ende der Neunziger eingeladen habe, seinen Maschinenbaubetrieb zu besuchen. Der Mann sei freundlich, sozial engagiert und die Angestellten seien zufrieden gewesen. "Das ist dann doch etwas anderes, als wenn man es nur aus den Büchern oder Statistiken kennt." Sie habe erkannt, sagt sie, dass der Kapitalismus produktiver gewesen sei als die DDR, vor allem innovativer, dass er viel größeren Wohlstand generiere als die Planwirtschaft, auch wenn dieser Wohlstand leider falsch verteilt werde.
Auch die Vorzüge der offenen Gesellschaft weiß sie inzwischen stärker zu würdigen. Bei "Günther Jauch" kann sie den Kapitalismus in Grund und Boden reden. Im "Schwarzen Kanal" wäre das mit dem real existierenden Sozialismus nicht gegangen. "Wenn ich in der DDR eine so massive Systemkritik geäußert hätte, dann wäre Gott weiß was geschehen."
1997 heiratete sie den Filmproduzenten Ralph Niemeyer aus Bonn, der heute in Irland lebt. Dank ihm, seinen Freunden, seiner Verwandtschaft, habe sie erstmals verstanden, wie der Westen ticke.
Den entscheidenden Anteil an ihrem Wandel aber dürfte Oskar Lafontaine haben. Was er und Wagenknecht heute von sich gäben, sei nahezu deckungsgleich, lästern sie in der Linken. Die Frage sei, wer von wem abschreibe. Lafontaine hat ihr die Freude am Aufstieg beigebracht. Seit Jahren setzt er sich in der Linken für sie ein, hat ihren Aufstieg aus der "Kommunistischen Plattform" zur stellvertretenden Parteichefin und nun voraussichtlich auch zur Vize-Fraktionschefin befördert. Vermutlich ist es so, dass sie sich mit der Bundesrepublik weit besser arrangiert hat, als sie es mit der DDR je konnte.
"Das ist offenbar in 'ner Kleingartenanlage, wo ich gleich lese", sagt Wagenknecht kurz vor dem Aussteigen. Das Wort Kleingartenanlage klingt, als spräche sie über alte Strümpfe. Am Leipziger Bahnhof wartet der Siegfried von der örtlichen Linken mit seinem scheckheftgepflegten Chevrolet Nubira.
Vor einem Tor mit der Aufschrift "Kleingartenverein Seilbahn" sagt der Siegfried, dass er sie hier leider rauslasse, weil er den Wagen noch parken müsse.
Wagenknecht steigt aus dem Nubira und trippelt einen Schotterweg entlang, vorbei an Gartenlauben und Gartenzwergen. Ihr Gesicht verrät, dass ihr das hier nicht schmeckt. "Sie hätten gestern dabei sein sollen, da war ich in Bielefeld in einem richtig schönen großen Theater." Wagenknecht denkt nicht nur in ökonomischen, sondern auch in ästhetischen Kategorien. Jetzt steht sie vor einem Schild mit der Aufschrift "Samstag ab 11 Uhr Kesselgulasch aus der Kanone". Im Saal wird es nicht besser: An den Wänden hängen 28 Collagen zur Geschichte des Kleingartenvereins "Seilbahn". Ein Büchertisch bietet "Freiheit statt Kapitalismus" und Werke wie "Ossis fallen immer auf. Ein Rentner-Trio auf Reisen". Auf den Stühlen sitzt ihre Klientel von früher, viele Jeanshemden, viele Herrenhandtaschen.
"Nun zum Thema", sagt die Moderatorin: "Das Thema heißt:" Kurze Pause. "Das Thema heißt: Sahra wird aus ihrem Buch vorlesen." Wieder Pause. "Und dieses Buch hat 'nen Titel." Sie schaut runter auf das vor ihr liegende Buch: "Freiheit statt Kapitalismus". Selten ist eine Lesung umständlicher angekündigt worden.
Leider fehlt ein Mikrofonständer. "Das ist jetzt etwas ungewohnt, mit dem Mikro in der Hand zu lesen", sagt Wagenknecht. Sie hat nun schlechte Laune. Als sie loslegen will, pfeift auch noch die Anlage, ihr Blick wird immer genervter. Sie, die für eine menschlichere Gesellschaft kämpft, kann sehr ungemütlich wirken, wenn ihr etwas nicht passt. Dann endlich der erste Satz ihres Buchs:
"Wer möchte überhaupt noch im Kapitalismus leben?"
Sie liest langsam, mit dunkler, weicher Stimme, betont die Worte, als erzählte sie von bösen Löwen und Schlangen. Es ist ihre Gutenachtgeschichte, die Gutenachtgeschichte des Kapitalismus.
An seine Stelle will sie einen "kreativen Sozialismus" setzen. In diesem werden die Banken und andere Industrien wie die Energiebranche verstaatlicht sein. Erben wird man nur noch bis zu einer Million Euro, Betriebe sollen nach dem Tod des Unternehmers in den Besitz der Belegschaft übergehen, generell sollen die Mitarbeiter über die Mehrheit des Betriebs verfügen, in dem sie arbeiten. Eine "neue Eigentumsverfassung" nennt sie das. Private Vermögen und hohe Einkommen werden massiv besteuert. Dass ein solches Modell nirgendwo auf der Welt erfolgreich probiert wurde, stört sie nicht.
Im Kleingartenverein Seilbahn kommt ihr "Kreativer Sozialismus" ausgezeichnet an, im Westen dagegen weniger. In Ludwigshafen gibt es einen kurzen Moment, in dem die Stimmung gegen sie kippt. Es ist der Moment, da sie den Menschen erzählt, dass sie Erbschaften stark begrenzen will. "Ach du grüne Neune", raunt einer im Publikum, ein anderer ruft "Heiliger Strohsack".
Das Problem der Sahra Wagenknecht ist, dass die meisten Menschen sie nur als Kritikerin des Kapitalismus schätzen, weil sie klug und belesen ist. Sie feiern ihre Zerstörungskraft, ohne zu mögen, was sie errichten will. Sie wollen die Exzesse des freien Markts bändigen, aber keinen Sozialismus, nicht mal einen "kreativen". Auch deshalb profitiert ihre Partei bis heute nicht von der Krise.
Die Mehrheit sehnt eher den Rheinischen Kapitalismus der alten Bundesrepublik zurück, jener goldenen Zeit, als die Marktwirtschaft noch Konkurrenz hatte, als der Kapitalismus nicht nur effizienter, sondern auch anständiger sein wollte als sein sozialistischer Gegner.
Trotzdem hätte Wagenknecht nach dem Ende des Kalten Krieges, des Wettbewerbs der Systeme, nie geglaubt, dass der Sieger so rasch seinen Ruf ruinieren würde. So ist am Ende eines langen Abends in der Havanna-Bar noch eine Frage offen: Hat sie, seine schärfste Kritikerin, den Kapitalismus am Ende überschätzt?
Die Frage gefällt ihr, sie lächelt, ein ambivalentes Lächeln, das die alte wie die neue Wagenknecht vereint.
"Ja", sagt sie, als sie ausgelächelt hat. "Das muss man wohl so sagen." ◆
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 45/2011
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