07.11.2011

Der Verteidigungsminister

Global Village: Wie ein Engländer seinen Kunden beibringt, sich gegen Randalierer auf der Straße zu wehren
Man könnte John Aldcroft einen Krisengewinnler nennen, aber fair wäre das nicht. Die Leute rennen ihm den Laden ein, aber was soll er machen: zusperren? Kunden aussortieren, die ihm nicht passen?
John Aldcroft, 45, bringt Londonern bei, wie sie sich wehren können, wenn sie auf der Straße angegriffen werden, ein gutes Geschäft nach den Krawallen im August. Er steht an der Tür in einem Keller im Stadtzentrum und lässt sich von Neukunden ihre Anmeldezettel in die Hand drücken. Es sieht aus wie am Flughafen-Gate. Die Kunden zeigen Aldcroft ihre Boarding-Karten, sie haben bei ihm mehr Sicherheit gebucht. So hat er es ihnen versprochen.
Seine Kampftechnik ist Krav Maga, auf Deutsch heißt das etwa Kontaktkampf, Juden in Bratislava haben diese Technik vor dem Zweiten Weltkrieg gegen antisemitische Gewalt entwickelt. Die israelische Armee nutzt sie bis heute. Krav Maga setzt auch natürliche und instinktive Reaktionen bei der Selbstverteidigung ein, Verhalten unter Stress wird intensiv trainiert.
Militärstrategen glauben, dass Krav Maga ideal ist für den Nahkampf gegen Palästinenser. John Aldcroft glaubt, dass es ideal ist für Leute, die sich unwohl fühlen auf der Straße, "ideal für London also".
Halb sieben abends. Links Fitnessgeräte, rechts eine magentafarbene Trainingsmatte. 17 Männer, 3 Frauen und ein Ziel: zurückschlagen können. Sie beginnen mit Rollenspielen, einer ist Opfer, der andere Täter. Es sind normale Londoner, IT-Angestellte, Studenten, Banker.
Menschen wie John Tavaris, 42. Er zieht den Kopf ein, ballt die Fäuste, schaut sich um, als würde er verfolgt, dann sagt er: "So will ich nicht durch die Straßen laufen. Ich will selbstbewusster werden."
Oder Graham Batstone, 22. Sein Bruder ist Polizist in Los Angeles und macht schon länger Krav Maga. "Fang lieber auch damit an", hat er Graham gesagt. "Wir müssen uns wehren können."
Wehren können gegen eine Gefahr, die lange Zeit fiktiv war in London und Anfang August plötzlich sehr real wurde: Da erschoss die Polizei einen 29-Jährigen, der sich seiner Festnahme widersetzte. Angeblich hatte er zuvor auf die Polizei gezielt.
Viele aber glaubten das nicht, und auch die eingesetzte Untersuchungskommission kam zu dem Schluss, dass kein Schuss von dem Mann abgefeuert wurde. In den Tagen darauf machten Trupps vermummter Randalierer die Stadt zum Kriegsgebiet. Sie plünderten Läden, legten Feuer, überfielen Passanten.
Nach fünf Tagen hatte die Polizei gewonnen, seitdem herrscht Ruhe. Eine Ruhe, die viele beunruhigt. Fragt man die Schüler von John Aldcroft, ob sie noch mal mit Randale rechneten, sagen sie: "Sure." Vor der Randale glaubten sie, in einer friedlichen Gesellschaft zu leben. Seither wissen sie vom Hass der anderen. Vielleicht ist es wie in der Politik. Wenn sich ein Land vor einem anderen fürchtet, erhöht es den Verteidigungsetat. Wenn sich Bürger vor der Unterschicht fürchten, investieren sie in Selbstverteidigung.
John Aldcroft, schwarze Shorts, schwar-zes T-Shirt, schwarzer Gürtel, profitiert davon. Aldcroft ist ein höflicher Mann, ein Army-Veteran, der irgendwann merkte, dass er in der Armee nicht alt wird. Er quittierte den Dienst und wurde Fitnesstrainer. Einer seiner ersten Kunden war Richard Wright, der Keyboarder von Pink Floyd. Wright verlangte nach Selbstverteidigungstechniken. So lernte Aldcroft Krav Maga kennen. Und gründete seine Schule der Selbstverteidigung.
Mann gegen Mann, Frau gegen Frau. Schnelligkeit: "Versucht, die Hüfte des anderen zu berühren", ruft Aldcroft. Befreien: Der eine spielt den Kriminellen, umfasst den Hals des anderen, der muss den Gegner mit einem gezielten Tritt loswerden. Oder eben: Messerangriff. Wie schlägt man jemandem das Butterfly aus der Hand? Krav Maga ist einfach. Wenn es gut läuft, beherrscht man nach drei Monaten die wichtigsten Griffe. Aldcroft will Krav Maga nun in England populär machen.
Es gibt hier einen Begriff für Leute aus den ärmeren Schichten: "Chav". Es waren die Chavs, die "Prolls", die randalierten. Die Leute aus den Problemvierteln Croydon, Hackney, Tottenham. John Aldcroft nennt sie "feral": wild, ungezähmt.
Er kennt die Chavs, er hat sie gesehen. Auf der anderen Straßenseite seines Studios liegt der City of Westminster Magistrates' Court, das Gericht, an dem viele der Randalierer verurteilt wurden. Die Richter verhandelten Tag und Nacht. Vor dem Eingang steht einer der bulligen Transporter, die Verurteilte ins Gefängnis bringen.
John Aldcroft will kein Krisengewinnler sein. Es ist ihm unangenehm, dass er jetzt Geld verdient mit der Angst. Aber: "Die Leute fühlen sich eben unsicher." Wieso soll er ihnen nicht helfen und ihnen Handgriffe zeigen, mit denen sie sich verteidigen können? Wieso nicht dabei helfen, die Angst loszuwerden?
Er versteht sie, seine Kunden. Er versteht ihre Wut. Er findet es richtig, dass die Randalierer hart bestraft worden sind. "Sie sagen, sie hätten nichts", sagt er. "Ein Kind in Afrika könnte ihnen erzählen, was ,nichts' bedeutet." Als die Verurteilten Anfang August am Gericht in die Gefängnistransporter einstiegen, stand er gegenüber und sah ihnen nach.
Es war Sommerpause in der Schule der Selbstverteidigung. Normalerweise geht es danach schleppend los. Dieses Jahr war es anders. Seit September drängeln sich neue Schüler auf der Trainingsmatte. "Die Krawalle", sagt Aldcroft.
Bald zieht er um. In ein neues Studio, er braucht mehr Platz.
Von Raphael Geiger

DER SPIEGEL 45/2011
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