07.11.2011

Agentenoperette

Buchkritik: Der gefeierte „Tschick“-Autor Wolfgang Herrndorf überrascht mit einem Thriller.
Nicht alle Rätsel lösen sich in diesem rätselhaften Buch. Am Schluss aber erfahren wir, wer der Mann war, der zu Beginn der Geschichte "wie gekreuzigt" auf einer Lehmziegelmauer stand, in der einen Hand einen verrosteten Schraubenschlüssel, in der anderen einen blauen Plastikkanister, die er gegeneinander schlug und dabei rief: "Meine Kinder, meine Kinder!"
Es ist der Ex-Soldat, Ex-Hippie, Ex-Surfer Jean Bekurtz, der schließlich seine Berufung darin gefunden hat, die verdreckten Kinder eines Slums in einer nordafrikanischen Hafenstadt ein wenig Schreiben und Rechnen zu lehren, ein bisschen Weltgeschichte und das, was er von Biologie versteht. Das meiste davon hat er sich angeeignet, als er in einer Kommune am Rande der Wüste für die kollektive Versorgung mit Nahrungsmitteln zuständig war. "Es war Jeans überbordender, mitunter verzweifelter Enthusiasmus, der die Gemeinschaft anfangs zusammenschweißte, und es war auch Jean, der als Erster das Interesse am Gemüse wieder verlor."
Der Witz dieses Satzes, der die größten Dinge im Kleinsten zur Strecke bringt - und eine Jesusfigur auf den richtigen Weg - ist typisch für Wolfgang Herrndorf. Nachdem der 46-jährige Autor mit dem Jugendroman "Tschick" im vergangenen Jahr einen großen, verdienten Erfolg hatte, widmet er nun seine lakonische Kunst einem neuen Genre, dem Agentenroman.
Auf knapp 500 Seiten folgt der Leser gebannt der komplizierten, aber perfekt konstruierten Jagd nach einem rätselhaften Objekt, das möglicherweise gefährlich, in jedem Fall aber von höchstem Interesse für die unterschiedlichsten Kreise ist. Ein schwedischer Atomspion gehört dazu, ein arabischer Waffenschieber ist bereit, dafür zu foltern und zu töten, und schließlich ist auch die CIA mit ihrem unvollkommenen Personal dabei. "Zwei
von uns können nicht mal Französisch. Einen Arabisch-Übersetzer hatten wir gleich gar nicht, da mussten wir aus Belgien noch einen einfliegen, der liegt jetzt mit Magen-Darm-Grippe im Hotel. Unser Funker ist schwerhörig, kommt aus Iowa und hat die ersten 48 Stunden geglaubt, dass er in Libyen operiert."
"Sand" ist ein perfekter Thriller, mit einem literarischen Überschuss, der sich an mindestens drei Merkmalen zeigt: Herrndorfs Liebe zu skurrilen Nebenfiguren, seiner Neigung zu künstlerischen Anspielungen und Verweisen (so taucht zweimal ein Ich-Erzähler auf, winzig und doch prägnant, wie die Selbstporträts der Maler in der Renaissance) und schließlich seiner immensen sprachlichen Kunst. Klassische Topoi des Genres, wie die Beschreibung von Paranoia und Gedächtnisverlust, verhandelt er so souverän wie kreativ. Und die Schönheit seiner Sätze ist zuverlässig melodisch und licht.
Das eigentliche Rätsel dieses Buchs ist, warum er es geschrieben hat. In seinem Blog "Arbeit und Struktur" gibt Wolfgang Herrndorf seit März vergangenen Jahres darüber Auskunft, dass sein Leben ein kurzes wird. Mit der Diagnose bösartiger Gehirntumor im Februar 2010 ist er inzwischen ein Langzeitüberlebender, und "Sand" kann das letzte Buch sein, dessen Erscheinen der Autor erlebt.
Die Entscheidung für einen Thriller ist eine Entscheidung für Konfektion; es gilt, sich in einem Genre zu bewähren, dessen höchste Anforderung die Bewirtschaftung von Handlungskomplexität ist. Und den Leser für die Zeit seiner Lektüre folgenlos aus seiner Welt zu beamen, ist das größte Versprechen eines Thrillers. Vielleicht ist es gerade das Andere, das der existentiellen Not Ferne, das Herrndorf zu dieser Art Literatur führt (die ja die Frage von Leben und Tod in programmatischer Kühle verwaltet).
Sein Blog aber ist der Ort, an dem er seinem immensen, berechtigten Ehrgeiz als Autor gerecht wird. "Dass eine Gesellschaft es sich leisten kann", heißt es da zum Papstbesuch am 22. September, "eine Millionenstadt einen Tag lang lahmlegen zu lassen durch den Besuch eines Mannes, der eine dem Glauben an den Osterhasen vergleichbare Ideenkonstruktion als für erwachsene Menschen angemessene Weltanschauung betrachtet, ist erstaunlich. Und herzlichen Dank. In hundert Jahren kennt dich kein Mensch mehr, römischer Irrer. Mich schon. - Wie Manie und Größenwahn sich zuverlässig zurückmelden, wenn mir der Arsch auf Grundeis geht."
Herrndorfs Blog ist Literatur im höchsten, emphatischen Sinn - der Text führt den Leser direkt zu sich selbst; er ist radikal in seiner Verdichtung, in seinem Humor, in seiner Beschreibung des Elends. Er spendet Sinn, Verzweiflung und Trost. Hier zeigt sich einer so, wie es nur dieser eine kann, und eben deshalb geht es uns alle an.
Mit "Sand" nun verhält es sich etwa so, als hätte Beethoven am Ende seines Lebens noch eine Operette für das Bonner Stadttheater geschrieben.
Es wäre sicher eine sehr gute Operette geworden.
Aber es sind die Streichquartette, die bleiben.
Wolfgang Herrndorf: "Sand". Rowohlt Verlag, Berlin; 480 Seiten; 19,95 Euro. Erscheint am 15. November.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 45/2011
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