07.11.2011

AFFÄRENAktion Abseits

Die Untersuchungen gegen DFB-Schiedsrichter ziehen immer weitere Kreise, Steuerfahnder überprüfen mittlerweile rund 70 frühere und aktive Unparteiische. Die Ermittler vermuten systematischen Betrug - sie stießen auf frisierte Steuererklärungen und Schwarzgeldkonten.
Die Zielperson, auf die es die Beamten abgesehen hatten, war nicht zu Hause, dafür aber die Tochter. Mit Zustimmung der Ermittler rief das Mädchen bei seinem Vater an. Es war kein langes Telefonat. Er müsse bitte umgehend kommen. Überraschender Besuch stünde in der Tür: die Steuerfahndung.
Jan-Hendrik Salver reagierte schnell. 15 Minuten nach dem Anruf erschien der Schiedsrichter des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) in seinem Haus im Stuttgarter Stadtteil Steckfeld. Und er war kooperationsbereit.
Salver, 42, zeigte den Fahndern vom Finanzamt Stuttgart II den Ort, wo er seine Unterlagen aufbewahrt. Und er übergab, unaufgefordert, auch einen Ordner, in dem sich unter anderem Hinweise auf ein ungewöhnliches Konto befanden - bei der Liechtensteiner LGT-Bank.
Es war der Montag vor zwei Wochen, als die Beamten bei Salver aufmarschierten. Es war kein guter Tag für das deutsche Schiedsrichterwesen.
Denn neben Salver suchten Steuerfahnder noch weitere DFB-Referees auf. Monatelang war die Aktion "Abseits" von den Ermittlern vorbereitet worden, bereits Anfang August stand der Termin der Razzia fest: der Morgen des 24. Oktober. Den Beschuldigten wird vorgeworfen, Einkünfte aus Spieleinsätzen vor allem im Ausland am Fiskus vorbeigeschleust zu haben.
Der Fall weckt Zweifel an der Integrität deutscher Schiedsrichter. Zwar versuchte der DFB, in dessen Frankfurter Zentrale die Ermittler ebenfalls Unterlagen einsammelten, in den Tagen danach den Vorgang herunterzuspielen. "Ich gehe davon aus, dass bei den allermeisten Fällen eher wenig oder überhaupt nichts herauskommen wird", erklärte Präsident Theo Zwanziger. Tatsächlich weitet sich die Affäre immer weiter aus.
Als die Aktion "Abseits" vorvergangene Woche anlief, richteten sich die Untersuchungen gegen 21 Unparteiische, darunter die Erstliga-Referees Felix Brych aus München und Markus Schmidt aus Stuttgart. Mittlerweile überprüfen die Behörden sämtliche Schiedsrichter, die in "den letzten zehn bis zwölf Jahren" vom DFB international eingesetzt worden sind. Es handelt sich um einen Kreis von rund 70 Personen.
Von Kavaliersdelikten könne nicht die Rede sein, heißt es aus Kreisen der Ermittler. Vielmehr müsse "von einem System ausgegangen werden", so steht es in einer Notiz der Fahnder. Manche der Beschuldigten sollen über 100 000 Euro an Einnahmen verschwiegen haben, vor allem für die Leitung internationaler Spiele. Die Honorare wurden demnach von der Fifa und der Uefa auch auf Konten im Ausland überwiesen, im Falle der Fifa häufig in der Schweiz und in Liechtenstein. Auch soll ein Steuerberater aus Bayern, ein ehemaliger Erstliga-Schiedsrichter, mit frisierten Steuererklärungen bei Tricksereien geholfen haben.
Was rollt da auf den Deutschen Fußball-Bund zu? Je tiefer die Ermittler in der Schiedsrichterszene schürfen, desto mehr legen sie das Bild einer fragwürdigen Gesellschaft frei.
Der Job des Unparteiischen ist manchmal undankbar. Wenn Zehntausende Fans im Stadion ihre Wut über Entscheidungen herausbrüllen, wenn es Beschimpfungen hagelt, wenn Bierbecher fliegen. Und wenn hinterher die Fernsehsender jeden Fehler sezieren.
Der Job des Schiedsrichters hat aber auch seinen Reiz. Bis zu 5800 Euro verdienen die Besten pro Einsatz. Wer es in der Rangordnung des DFB zum Fifa-Schiedsrichter gebracht hat, lernt zudem die Welt kennen.
Deutsche Schiedsrichter sind beliebt im Ausland. Sie gelten als kompetent, konsequent und unbestechlich. Deutsche Referees pfeifen Spiele in der saudi-arabischen Premier League, der Stars League in Katar oder in der J-League in Japan. Sie werden gebucht für wichtige Meisterschaftsspiele in Rumänien, Moldau oder Aserbaidschan, in Ländern also, wo man wenig Vertrauen in die eigenen Leute hat. Und immer gibt es gutes Geld zu verdienen.
Auch der Stuttgarter Schiedsrichter Salver kam viel herum. Seinen bisherigen Karrierehöhepunkt erlebte der Schwabe bei der Europameisterschaft 2004 in Portugal, wo er als Linienrichter von Markus Merk im Finale an der Seite stand. 2008 assistierte Salver bei Partien der Olympischen Spiele in Peking. Erst vorigen Mittwoch hatte er wieder einen schönen Einsatz, im Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand, beim Champions-League-Spiel zwischen Inter und dem OSC Lille.
Insgesamt hatte Salver als Referee bislang über 450 Einsätze, mehr als 100 davon im Ausland. Wie viel Geld er damit verdiente, legte er dem Finanzamt nie vollständig offen. Erst am vorvergangenen Montag, als die Steuerfahnder auftauchten, machte er reinen Tisch.
Salver hatte offenkundig ein Schwarzgeldkonto bei der Liechtensteiner LGT-Bank. Mehr als 50 000 Euro hatte die Fifa ihm seit 2006 dorthin überwiesen: für Einsätze bei Spielen der Fußball-WM 2006 in Deutschland, bei zwei Junioren-Weltmeisterschaften in Kanada und in Nigeria sowie bei den Olympischen Sommerspielen in Peking.
Ein Einzelfall? Wohl nicht. Eher ein gängiges Modell.
Auch die Uefa überweist Honorare für deutsche Schiedsrichter auf Konten im Ausland. Es gebe "kein Reglement der Uefa", welches festlege, dass Schiedsrichter ihre Gage nur auf Konten in ihren Heimatländern überwiesen bekommen dürften, heißt es in der Uefa-Zentrale im Schweizer Nyon. Ein Sprecher der Fifa betont, dass jeder, der für den Weltverband arbeite, "für die eigene Steuererklärung verantwortlich" sei.
Deutsche Ermittler werten diese Praxis bei Fifa und Uefa als "Verstoß gegen die eigenen Ethik-Regeln". Beide Verbände müssten "wissen, dass sie bei Auszahlungen auf ausländische Konten gegen eigene Vorschriften verstoßen und Beihilfe zur Steuerhinterziehung leisten können".
Fifa und Uefa widersprechen dieser Deutung. Die Uefa betont, dass allen Schiedsrichtern "sehr deutlich gemacht worden" sei, dass sie ihre Einnahmen im jeweiligen Heimatland "gemäß der dort geltenden Gesetze zu versteuern haben". Die Fifa argumentiert, es sei "nicht verboten, als Ausländer ein Bankkonto in der Schweiz zu führen".
Die Spitzenleute des DFB dürften angesichts immer neuer Enthüllungen beunruhigt sein. Von einem regelrechten Netzwerk zur Steuerhinterziehung gehen die Fahnder offenbar aus. Und eine der Schlüsselfiguren, so steht es in den Akten, sehen sie in dem früheren DFB-Schiedsrichter Winfried Buchhart, der bis 1999 Spiele in der Bundesliga pfiff.
Buchhart, 53, ist Inhaber der Schrobenhausener Treuhand GmbH, eines Steuerbüros in der berühmten Spargel-Region zwischen Augsburg und Ingolstadt. Mindestens sechs der Schiedsrichter, die die Ermittler der Steuerhinterziehung bezichtigen, werden von Buchharts Kanzlei vertreten, auch die Stuttgarter Schiedsrichter Salver und Schmidt. Fahnder des Finanzamts Augsburg-Stadt gehen davon aus, dass die Treuhand GmbH Steuererklärungen der Referees fast schon routinemäßig mit erfundenen Kosten für Dienstfahrten, Bewirtung, Rechtsberatung oder Geschenke manipulierte, um so die Steuerbelastung ihrer Mandantschaft zu senken. Weder Salver noch Schmidt äußerten sich auf Fragen zu den Vorwürfen.
Auch Buchhart kommentierte die Anschuldigungen nicht, "aus Gründen des Steuergeheimnisses", wie er sagte. Er beantwortete auch die Frage nicht, ob er seinem Mandanten Salver geraten hatte, sich jahrelang Geld von der Fifa auf ein Konto bei der Liechtensteiner LGT-Bank
überweisen zu lassen - und diese Einkünfte vor dem deutschen Fiskus zu verbergen.
Steuerfachmann Buchhart ist ein hochrangiger Fußballfunktionär. Er sitzt im Vorstand des Bayerischen Fußball-Verbands (BFV), wo er nach eigener Darstellung "für Ordnung in den Büchern sorgt" - die Vereine des BFV haben ihn zum Wirtschaftsprüfer des Verbandes gewählt.
Was kommt da noch? Sicher ist schon jetzt, dass manche Funktionäre beim Deutschen Fußball Bund jenen Mann verfluchen werden, der die ganze Affäre ins Rollen gebracht hat.
Manfred Amerell war lange Schiedsrichterobmann im DFB. Vor knapp zwei Jahren verlor der streitbare Bayer wegen angeblicher sexueller Belästigung des jungen Referees Michael Kempter seinen Posten. Seither führt Amerell einen Feldzug gegen den Verband und gegen Kempter, weil er sich verleumdet und verraten
fühlt.
Als ehemaliger ranghöchster Schiedsrichter in Süddeutschland weiß Amerell, was in der Szene läuft. Im März erstattete er bei der Steuerfahndungsstelle in Augsburg Strafanzeige gegen ehemalige Kollegen wegen des Verdachts diverser Steuerunregelmäßigkeiten. So brachte er die Fahnder auf die Spur. In den Wochen darauf belieferte Amerell die Beamten mit immer neuen Fakten und Daten, fast jede Woche erschien er in der Behörde, um neue Erkenntnisse vorzulegen.
Beinahe obsessiv verfolgte Amerell dabei die Steuersache Kempter. Als Ermittler vorvergangenen Montag das Anwesen des jungen Schiedsrichters im baden-württembergischen Sauldorf aufsuchten, war Amerell bereits vor Ort. Doch die Beamten betraten das Haus nicht, sie nahmen auch keine Unterlagen mit.
Amerell ist ein Gegner, wie man ihn sich nicht wünscht. Er ist sehr wütend, er ist penibel - und er hat ein Elefantengedächtnis.
So hat Amerell auch manche Begegnungen mit dem Linienrichter Salver nicht vergessen. Etwa jene im Januar 2009 beim Neujahrsempfang der Schiedsrichter-Gruppe Stuttgart. Amerell hatte dort einen Vortrag gehalten. Danach sei Salver auf ihn zugekommen und habe ihm 300 Euro als Honorar offeriert, angeblich bar - und ohne Beleg.
Auch diese Petitesse brachte Amerell im Juni der Steuerfahndungsstelle Augsburg in einem einseitigen Schreiben mit "Betreff: Jan-Hendrik Salver" zur Kenntnis. Der Bericht endete mit dem Satz: "Sollte dieser Vorgang strafrechtlich relevant sein, wird hiermit Anzeige gegen Herrn Salver erstattet."
(*) Mit dem Fußballprofi Ciriaco Sforza beim Spiel 1. FC Kaiserslautern gegen den HSV im September 1999.
Von Rafael Buschmann, Gerhard Pfeil und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 45/2011
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