07.11.2011

TV-SHOWS

Der Harmlose

Von Niggemeier, Stefan

Günther Jauch ist der prominenteste Moderator des deutschen Fernsehens. Doch seine Methode stößt in seiner sonntäglichen Talk-Sendung an Grenzen: Er möchte niemandem weh tun - und kann es wohl auch nicht. Von Stefan Niggemeier

Der Abspann lief schon, aber das Mikrofon von Günther Jauch war noch nicht ganz heruntergedreht. Eine Stunde hatte er gerade in seiner Talkshow mit Bundeskanzlerin Angela Merkel gesprochen. "So", sagte sie, während das Publikum applaudierte. "Danke schön", sagte er, verneigte sich und schüttelte ihre Hand. Wer genau hinhörte, konnte durch die Titelmusik den Satz erahnen: Hat auch nicht so weh getan, oder?

Das sollte seine Sorge nicht sein.

Das sollte nicht die Sorge des Mannes sein, der gerade die Gelegenheit und die Aufgabe hatte, von der Bundeskanzlerin öffentlich Rechenschaft zu fordern.

Jauch ist der vielleicht prominenteste Moderator im deutschen Fernsehen. Seine Talkshow läuft auf dem dafür prominentesten Platz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Die Bühne ist gewaltig; die Kuppel über dem Raum kann man als Symbol dafür lesen, dass "Günther Jauch" in der Tradition seiner Vorgängersendungen als zentraler Ort der medialen Debatte über Politik wahrgenommen werden will. "Ersatzparlament" hat man das früher genannt.

Jauch ist kein gewählter Volksvertreter, dem die Regierungschefin Rede und Antwort stehen muss, und natürlich ist er doch genau das. Anders als bei seinen Vorgängerinnen Anne Will und Sabine Christiansen folgt das sogar nicht nur aus seiner Rolle als Moderator dieser Talkshow. Es ergibt sich auch aus seiner Popularität, die darauf beruht: Er wird als jemand wahrgenommen, der an hervorgehobener Stelle stellvertretend für den normalen Bürger zu reden und zu fragen weiß.

Er sitzt dort am Sonntagabend in der ARD, um - für uns - die Kanzlerin dazu zu bringen, sich und ihre Entscheidungen zu erklären. Die Frage, ob das für sie ein bisschen unangenehm sein könnte, sollte ihn dabei nicht umtreiben.

Man könnte die Nachfrage bei Merkel als nette Plauderfloskel abtun, wenn der Satz nicht das Unbehagen beim Anschauen der Sendung so genau auf den Punkt brächte: Günther Jauch möchte niemandem weh tun.

Das ist auch nicht seine Art. Das ist aber ein Problem.

Bevor er es wagt, einige Minuten lang eine konsequente Gegenposition zu Angela Merkel einzunehmen, schlüpft er in einen dickgepolsterten Schutzmantel der Uneigentlichkeit: "Ich würd gerne bei uns auch so einen kleinen Laborversuch machen", sagt er. "Ich bin Euro-Skeptiker, also ich schlüpf jetzt in diese Rolle, ich bin Zweifler, ich bin Abweichler, und Sie sind die Bundeskanzlerin, Sie erklären mir das, wir sind ganz offen miteinander, und wenn wir irgendwas nicht kapieren, fallen wir uns auch gern gegenseitig ins Wort."

Ungeschützt traut er sich diese Konfrontation nicht zu. Dabei ist diese Konfrontation eine Selbstverständlichkeit. Sie dient der Klarheit.

Günther Jauch hat eine brauchbare Analogie formuliert, um die Qualität von Moderationen einer Talkshow zu beschreiben. Dem "Zeit-Magazin" sagte er vor zwei Jahren: "Ich sitze oft vor dem Fernseher und denke: So, jetzt hat sie oder er den Politiker! Der Ball liegt vor dem leeren Tor, man muss ihn nur noch reinschieben. Aber was passiert? Die Kollegen stoppen den Ball und laufen mit ihm in die andere Richtung."

Es ist immer leichter, das vom Tribünenplatz zu analysieren, als es auf dem Spielfeld selbst besser zu machen. Und doch ist es erstaunlich, wie oft Jauch in den ersten acht Wochen seiner neuen Aufgabe den Ball nicht nur gestoppt, sondern verdribbelt, ins Aus gespielt, im eigenen Tor versenkt hat - und gelegentlich sogar in die Hand genommen, um erst mal allen zu zeigen, was für niedliche Muster da draufgedruckt sind.

Als Hilmar Kopper, der frühere Vorstandssprecher der Deutschen Bank, sagt, wenn man nicht wolle, dass die Banken irgendwelche dubiosen Produkte verkaufen, solle man sie verbieten, "wir warten nur auf ein Gesetz" - da konfrontiert Jauch mit diesem erstaunlichen Wunsch nicht den FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle, sondern den Grünen Jürgen Trittin, der dazu eigentlich nur nicken kann.

Als Altkanzler Helmut Schmidt meint, dass man China doch nicht mit Forderungen nach mehr Demokratie behelligen solle, und sich sogar in die skandalöse Formulierung versteigt: "Die haben das Recht, nach ihrer eigenen Façon selig zu werden" (Applaus im Publikum) - da kommt Jauch nicht auf die Idee zu fragen, ob nicht genau das der Wunsch vieler Chinesen sei, den ihr Staat ihnen verwehrt.

Und als Peer Steinbrück erklärt, die SPD habe "kein Interesse", jetzt die Kanzlerkandidatenfrage zu stellen - da weist Jauch ihn nicht einmal sachte auf die Ironie hin, dass er es ist, der diese Frage stellen lässt, nicht zuletzt in diesem Moment, in dieser Sendung, wenn er ein Buch bewirbt, in dem er sich von Helmut Schmidt das Siegel "kanzlertauglich" abholt.

Wie gesagt: Vielleicht lernt er es noch. Aber es wird allmählich Zeit, denn wenn Jauch doch mal riskiert, die Behaglichkeit zu stören, wird es bisher oft pampiger Populismus: Angela Merkel erinnert an den Amtseid, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, und aus Jauch platzt es heraus: "Vom deutschen Volk und nicht von der EU" (Applaus im Publikum).

Einiges, was in der Sendung spannt und kneift, mag Ausdruck davon sein, dass Jauch die Show, die seinen Namen trägt, noch nicht eingetragen hat. Den Experten, der gerade das Prinzip der Credit Default Swaps erläutert hat, fragt er: "Würde eine Finanztransaktionsteuer helfen?" - "Nicht zwingend." - "Aber diese Steuer wird immer wieder erwähnt, und damit man einfach mal versteht, worum's da geht, versuchen wir, Ihnen das in einer Minute zu erklären", Film ab.

Ein andermal zeigt er einen Einspielfilm, in dem der Generationenvertrag erklärt wird, aber bevor er eine Diskussion darüber führen lässt, fragt er die Teilnehmer in der Runde, um wie viel jünger sie sich fühlen, als sie sind.

Die Redaktion hat ohnehin einen bestürzenden Hang zum Läppischen, der sich nicht allein durch den Versuch erklären lässt, die Sendung aufzulockern. Sie hat einen modernen Rollator ins Studio gestellt, der sich heute zehntausendfach verkauft, um zu zeigen, woran man sieht, "dass diese Republik älter wird". Die Kanzlerin wird von Jauch als Erstes gefragt, ob sie ein glücklicher Mensch sei. Beim früheren Wirtschaftsminister Brüderle erkundigt er sich zunächst: "Haben Sie das Gefühl, dass Sie die Banken auch mal so richtig rangenommen haben, oder war das mehr Schonwaschgang?"

Und manchmal scheint es, als wollte Jauch nicht nur niemandem weh tun, sondern könnte es auch nicht.

Wenn es politisch ans Eingemachte geht, um komplexe Themen wie die Finanzpolitik, macht er keine gute Figur, und das auch im Wortsinne: Verknotet und sichtbar unbehaglich sitzt er da, und wann immer die Kamera ihn einfängt, schaut er gerade hilfesuchend in seine Karten. Gelegentlich sitzt er wie ein Neffe von Opa Hoppenstedt zwischen den Polit- und Talkshow-Profis. An den Ball lassen ihn die anderen oft gar nicht erst ran.

Dass er nicht als Teil des politischen Spielbetriebs wahrgenommen wird, ist eine seiner Stärken, aber er müsste dessen Regeln beherrschen und genau wissen, worum gerade gespielt wird.

Manchmal reicht eine Nachfrage, um ihn aus dem Tritt zu bringen. Als er von Hilmar Kopper wissen will, wer denn jetzt schuld an der Krise sei, erwidert der: "Von welcher Krise reden wir jetzt? Die alte oder jetzt die neue?" Nach einer schmerzhaften Sekunde des Schweigens rettet sich Jauch in ein: "Sowohl als auch." Später versucht er die Flucht auf vertrautes Terrain: "Ich möchte noch mal zurückgehen auf den normalen Kunden, der bei 'ner Bank ein Konto hat …"

Natürlich muss Jauch seine Form in diesem für ihn neuen Genre noch finden, natürlich wird er eine Routine entwickeln. Aber das Problem, das zumindest in den ersten Ausgaben seiner Sendung deutlich wurde, ist fundamental: Jauchs Methode stößt hier an Grenzen.

Er ist sympathisch, zugänglich und neugierig. Er lässt es menscheln, und das ist ja nicht nur ein Fluch, sondern auch eine große Kunst: jemanden wie Angela Merkel dazu zu bringen, für einige Momente die Maske fallen zu lassen. Das ist nur vielleicht nicht die wichtigste Aufgabe einer Talkshow wie seiner in Zeiten wie diesen.

Jauch fragt aus der Position eines etwas naiven, aber gewitzten und lebensklugen Laien und fordert: Ich versteh das nicht, erklär mir das! Er repräsentiert trotz seiner Prominenz den kleinen Bürger, der die großen, abgehobenen Politiker mit der Lebenswirklichkeit konfrontiert. Er tippt ihnen von unten ans Knie und ruft: "Nee, immer noch nicht kapiert."

Das reicht nicht mehr. Es hilft nicht, um Themen wie die Schuldenkrise zu durchdringen und verständlich zu machen. Es genügt nicht, um die Entscheidungen und Positionen der Mächtigen ernsthaft und wirkungsvoll hinterfragen zu können (wenn wir jetzt überoptimistisch unterstellen, dass das gewollt ist).

Es müsste jemand da sitzen, der ausstrahlt: "Jawohl, Frau Merkel, das habe ich verstanden, und weil ich es verstanden habe, möchte ich Sie mit folgenden Einwänden konfrontieren." Jemand, der weiß, wo es weh tut, und dorthin geht.

Es wäre falsch zu sagen, dass es "Günther Jauch" nicht gelingt, brisant zu sein. Es gelingt "Günther Jauch" aktiv, nicht brisant zu sein. Das Erste, was Günther Jauch von Helmut Schmidt wissen will: Wie gravierend ist die aktuelle Krise, wenn er seine fast einhundert Lebensjahre Revue passieren lasse - im Vergleich mit ein, zwei Weltkriegen sieht so ein Wirtschaftsdrama doch gleich viel weniger bedrohlich aus.

Mag sein, dass das Publikum, das seit fast 14 Jahren vielleicht aus einem fehlgeleiteten Gefühl staatsbürgerlicher Pflicht nach dem "Tatort" noch eine Stunde dranbleibt, nicht aufgerüttelt werden will. Vielleicht will es angesichts des ganzen beunruhigenden Gerüttels da draußen in der Welt bewusst ein Talk-Ritual als Beruhigungsmittel. Aber das wird nicht gutgehen. Dass der Widerstand, wie er sich in der Occupy-Bewegung formiert, sich nicht nur gegen die Banken richten könnte, sondern auch gegen die Zahnlosigkeit der Medien, gegen die Kuschel- und Beschwichtigungsrituale einer Institution wie des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, scheint hier undenkbar. Dabei ist Jauch dafür ein Paradebeispiel.

Jauch hat kein Interesse daran, etwas grundsätzlich in Frage zu stellen. Alles Anarchische ist ihm fremd, im Kleinen wie im Großen.

Gelegentlich liest er mit großem Ernst Zuschriften von Zuschauern vor wie den Hinweis eines Mannes, man müsse die Frau Merkel doch auch mal loben für ihre Konstanz: "Fragen Sie doch mal zwei Wirtschaftsexperten, und Sie bekommen drei Meinungen." Diese Kapitulation vor einem gemeinschaftlichen Versuch, zu verstehen und im Streit die beste Lösung zu finden, steht dank Jauch und seiner Redaktion stolz am Ende einer einstündigen Gesprächssendung mit der Kanzlerin.

Hat auch nicht so weh getan, oder? - Nein, ihr nicht. ◆


DER SPIEGEL 45/2011
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