14.11.2011

AUSLANDSEINSÄTZEBedrohliche Druckknöpfe

Bevor die Soldaten in den Krieg ziehen, gehen sie shoppen. Denn Hemden und Helm der Bundeswehr taugen nicht für Afghanistan.
Der Feldwebel Andreas O. fliegt nach Afghanistan. In seine Gepäckkiste packt er zwei neue Combat-Shirts, einen neuen Helm, neue Stiefel und ein Chest-Rig, eine Art Tragegeschirr mit Taschen auf der Brust für Munition und andere überlebensnotwendige Dinge.
Andreas O. ist Infanterist, er wird in Afghanistan Patrouille fahren, er wird afghanische Soldaten ausbilden, und wenn es ganz schlecht läuft, wird er schießen und beschossen werden. "In schwierigen Situationen muss die Ausrüstung perfekt sitzen und funktionieren", sagt O. Er hat sich optimal vorbereitet auf den Krieg.
Für einen hohen Preis: Rund 1000 Euro haben allein Shirts, Helm und Chest-Rig gekostet. Er hat das alles selbst bezahlt. 1000 Euro sind viel Geld für einen Zeitsoldaten, der etwa 2000 Euro verdient.
Fast alle seiner Kameraden rüsten sich auf eigene Kosten aus - insbesondere Soldaten, die außerhalb der gesicherten Feldlager ihren Dienst tun. Sie besorgen sich Helme, Schutzwesten, Brillen, Gehörschutz, Stiefel, Handschuhe und sogar Hosen.
2008 warf der Vater eines in Afghanistan getöteten deutschen Soldaten der Regierung vor, die Truppe "miserabel" auszustatten.
Im Sommer 2010 stritten sich der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus (FDP) und der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) über Ausrüstungsfragen. Königshaus nannte die Lage ein "Drama". Man dürfe es nicht übertreiben mit der Kritik, konterte Guttenberg. Die Mängel würden beseitigt.
Seitdem ist zu wenig passiert. Der Wehrbeauftragte Königshaus hat auf seiner letzten Reise nach Afghanistan viele Klagen gehört. Fast jeder Soldat, der außerhalb des Lagers eingesetzt wird, hat auf eigene Kosten Ausrüstung beschafft. Ohne die privaten Einkäufe sei es schwer, die Aufträge zu erfüllen.
Die Combat-Shirts, dünne atmungsaktive Hemden in Tarnfarben, stehen bei allen Soldaten ganz oben auf der Einkaufsliste.
Die von der Bundeswehr gestellten T-Shirts und Feldblusen seien bei Temperaturen um 40 Grad unter der schweren Schutzweste unbequem und nicht so atmungsaktiv, klagt Andreas O. Die Feldbluse sei sogar gefährlich, "weil die Druckknöpfe bei der Explosion eines Sprengsatzes von der Druckwelle in den Körper gepresst werden könnten".
Auch die Feldhose ist für den Einsatz nur bedingt geeignet. Eine Dienstvorschrift bestimmt, dass die Erste-Hilfe-Ausrüstung in der Beintasche der Feldhose zu verstauen ist. Doch das Notfallpaket ist immer größer geworden. Die Taschen der Hose wuchsen leider nicht mit.
Seine Munition verstaut Andreas O. in seinem Chest-Rig. "Da kann man die Taschen für die Munition anordnen, wie es für einen persönlich am praktischsten ist." Den Helm hat sich Andreas O. gekauft, weil sein Kopfhörer-Set mit Mikrofon für den Funk und integriertem Gehörschutz nicht unter den normalen Gefechtshelm passt.
So addieren sich die privaten Einkäufe im Durchschnitt auf rund 1500 Euro, errechnete das Büro des Wehrbeauftragten. Einen Zuschuss vom Arbeitgeber gibt es nicht. Wohl können beispielsweise Unteroffiziere als "Teilselbsteinkleider" alle fünf Jahre 383,47 Euro Kleidungsgeld beantragen, weibliche Unteroffiziere sogar 511,29 Euro. Dieses Geld gibt es allerdings nur für die Ausgehuniform, nicht für den Flecktarn-Kampfanzug.
Den Bedarf hat die Bundeswehr in vielen Fällen längst erkannt. Zum Teil liegt die Ausrüstung sogar schon in den Regalen - allerdings nur in kleiner Zahl oder reserviert für Spezialkräfte. Zudem widersprechen die Wünsche der Soldaten einer sehr lange gepflegten Regel: Jedes Stück passt zum anderen, und alle tragen das Gleiche, eine einheitliche Uniform eben.
Der Wehrbeauftragte hält das für unzumutbar. "Die Bundeswehr muss schneller Innovationen in die Truppe bringen, um die hohen Kosten für Privatbeschaffungen zu reduzieren", fordert Königshaus. Wer nach zehn Jahren Bundeswehr in Afghanistan die Verbesserungswünsche noch immer als modische Spielerei bezeichne, werde der Professionalität der Soldatinnen und Soldaten nicht gerecht.
Allmählich scheint sich die Bundeswehr dem Modernisierungsdruck zu beugen. Eine Arbeitsgruppe prüft derzeit einen sogenannten zertifizierten Warenkorb. Daraus sollen die Soldaten künftig nach Belieben wählen dürfen. So werde die Ausrüstung flexibler und individueller, heißt es im Verteidigungsministerium. Selbstverständlich wird jede Ware erst einmal eingehend geprüft, bevor sie in den Korb kommt. 16 Ausrüstungsteile sollen bis Februar kommenden Jahres getestet sein, darunter auch das beliebte Combat-Shirt.
Einstweilen unterstützt die Bundeswehr die Selbstausbeutung. Als Andreas O. mit seinen Kameraden kurz vor seiner Abreise nach Afghanistan zu einer Übung in original Bundeswehr-Feldbluse und mit Bundeswehr-Helm antrat, schickte ihn sein Kompaniechef gleich wieder zum Umkleiden auf die Stube. "Wir sollten mit den neuen Klamotten üben, die wir uns gekauft hatten", sagt Andreas O., "unsere Vorgesetzten wissen doch selber, wie schwierig das ist mit dem dienstlich gelieferten Zeug."
Von Ulrike Demmer

DER SPIEGEL 46/2011
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