21.11.2011

Das Netz der Bösen

Während sich die Ermittler bei der Zwickauer Terrorzelle eine Panne nach der anderen leisteten, konnten sich die drei Neonazis im Untergrund jahrelang auf ihre Helfer verlassen. Jetzt rollen die Fahnder die Unterstützertruppe auf und stoßen auf eine überraschend große Zahl: etwa 20.
Böhnhardt und Mundlos saßen in ihrem Wohnmobil. Sie hatten zwei Pumpguns, die Mossberg, die Winchester. Sie hatten eine Maschinenpistole, die Pleter aus Kroatien. Sie hatten einen Revolver, Achtunddreißiger Spezial. Dann noch die Ceska, nicht die für die Türkenmorde, die zu Hause in Zwickau lag, aber eine Ceska 70. Eine Handgranate, und außerdem die beiden Heckler & Koch P2000, die sie den Polizisten in Heilbronn, denen sie in den Kopf geschossen hatten, abgenommen hatten, der toten Michèle Kiesewetter und ihrem schwerverletzten Kollegen Martin A.
Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos saßen im Camper, in Eisenach, sie hatten genug Waffen dabei, um in einen Krieg zu ziehen, aber ihnen muss klar gewesen sein, dass sie in der Falle saßen. Denn sie hatten noch etwas an Bord, das heute auf der Inventarliste der Ermittler mit den Wohnmobil-Asservaten steht. Einen Funkscanner, dazu eine Liste mit den Funkkanälen von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst.
Sie werden es also gewusst haben: Diesmal würden sie nicht mehr wegkommen. Diesmal würde ihnen keine Waffe helfen. Und auch nicht der gefälschte Reisepass mit dem Bild von Mundlos, ausgestellt auf den Namen Max B. Keine Polizeipanne würde sie retten, wie so oft in der Vergangenheit, und auch keiner ihrer Helfer, auf die sie sich so lange verlassen konnten. Es war zu Ende. Erst schoss Mundlos Böhnhardt in die linke Schläfe, dann sich in den Mund. Darauf deutet später zumindest die Leichenschau hin.
Jahrelang hatte ein enges Netz die beiden Männer und ihre Freundin Beate Zschäpe getragen, geschützt, abgeschirmt. Nun zog sich das andere Netz zusammen, das der Fahnder. Ein Netz, das in der Vergangenheit mal an der falschen Stelle ausgeworfen, mal viel zu schnell wieder eingezogen wurde - und das so löchrig war, dass sie nie erwischt wurden.
Heute, zwei Wochen nach dem Tod von Böhnhardt und Mundlos, können die Fahnder des Bundeskriminalamtes (BKA) beide Netze rekonstruieren. Ihre Sondereinheit "Trio" folgt dabei den Fragen, die man sich inzwischen im ganzen Land stellt, und das so voller Scham, dass all diese Fragen längst nur noch wie Anklagen klingen: Wer hat in den Ermittlungsbehörden so unglaublich versagt? Gab es sogar eine heimliche Allianz, eine "braune Staatsaffäre", wie die "Zeit" postwendend behauptete?
Und wer gehörte nun alles zum Netz der Unterstützer aus der rechtsextremen Szene, ohne jemals aufzufallen, aufzufliegen? Dass die Neonazis, seit 1998 auf der Flucht, knapp 14 Jahre lang ohne Helfer mitten in Deutschland leben, ja sogar zu Morden, Bombenanschlägen und Banküberfällen durchs Land reisen konnten, das schlossen die Ermittler schon früh aus. Aber die Zahl, die der Erfurter Verfassungsschutz vergangene Woche intern nannte, ist doch eine Überraschung: Auf etwa 20 Personen schätze er den Schutzring rund um die Zelle des "Nationalsozialistischen Untergrunds". Alles nur Mitläufer? Oder auch Mitwisser? Komplizen, die etwa das Bekennervideo für zehn Morde kannten, darunter die Attentatsserie mit neun toten Zuwanderern? So oder so: Eine derart große Zahl von Unterstützern macht das Versagen der Behörden nur noch peinlicher.
Die Bundesanwaltschaft führt inzwischen fünf Männer und Beate Zschäpe offiziell als Beschuldigte. Dazu kommen noch eine Handvoll Kontaktpersonen. Aber schon jetzt scheint klar, dass es weitere Verdächtige geben wird.
Deutlich schält sich auch heraus, wie eng das Terror-Trio und seine Unterstützer mit der rechtsextremen NPD verbunden waren. So halten die Fahnder neuerdings auch den früheren NPD-Landesvize Ralf Wohlleben für eine Schlüsselfigur. Die Ermittlungen befeuern damit auch die Debatte um ein Verbot der NPD. Und sie werfen Fragen zur Zukunft des Verfassungsschutzes auf, der nicht erkannt hat, was sich in Thüringen zusammenbraute - obwohl er mindestens drei V-Leute im Umfeld der Terroristen platziert hatte.
Die Ermittlungen reichen nun bis tief in die neunziger Jahre zurück. Es sind die alten Kontakte aus dieser Zeit, die dem Wort "Untergrund" im Namen der Terrorgruppe noch eine zweite Bedeutung gegeben haben. Denn Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe lebten nicht nur im Untergrund. Sie operierten auch auf festem Untergrund. Sie konnten sich auf Kameraden verlassen, von denen die meisten schon damals im militanten Thüringer Heimatschutz (THS) organisiert waren, einer Droh- und Dröhntruppe in der Tradition der SA.
Seit Mai 1995 registrierte der Verfassungsschutz THS-Treffen im Wochentakt, und die Anzahl der braunen Haudraufs wuchs. Anfangs waren es 20, dann 80. Die "Kameradschaft Jena" schob sich im August 1995 erstmals ins Blickfeld der Staatsschützer - als lokaler Statthalter des THS. Im selben Jahr gründete das Landeskriminalamt die "Sonderkommission Rex", zwischen 15 und 20 Mann stark, um mit einem erfahrenen Staatsschützer aus dem Westen an der Spitze die zunehmende Gewalt von rechts zu bekämpfen.
Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe gerieten bald ins Visier der Soko, dazu noch fünf andere; Namen, von denen jetzt mindestens vier bei der Suche nach Helfern eine Rolle spielen: André K., der "Führer" der Kameradschaft. Ralf Wohlleben, der am Donnerstag mit den Ermittlern sprach; dazu der Kamerad Mark-Rüdiger H. Und schließlich Holger G., vor einer Woche festgenommen, weil nicht nur die Wohnmobile, die Mundlos und Böhnhardt beim Polizistenmord von Heilbronn und in Eisenach benutzt hatten, auf seinen Namen angemietet waren. Nach neuen Erkenntnissen lief auch das gemietete Fluchtauto auf seine Personalien, das bei einem der Morde in Dortmund im April 2006 zum Einsatz kam.
Holger G. kam aus Jena-Lobeda, wie Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe aus einer dieser Plattenbausiedlungen, in denen mit der DDR auch die Aussicht auf ein geordnetes Leben untergegangen war. Er wohnte bei seiner Mutter; Nachbarn erinnern sich an Springerstiefel, Bomberjacke und an die Tage, an denen er sich mit Kumpeln betrank und Leute anpöbelte.
"Jeder wusste, dass er eine Nazi-Größe ist", sagt seine Lehrerin heute. Als Ende 1996 und Anfang 1997 drei Briefbombenattrappen verschickt wurden, darunter eine an die Polizeidirektion in Jena, gehörte auch Holger G. zu den 15 Verdächtigen, bis zur Einstellung des Verfahrens.
Schon 1995 hatte der Verfassungsschutz in Erfurt in einem Bericht "Ansätze für die Bildung rechtsextremistischer Terrorgruppen" gesehen, allerdings nur vage. Spätestens im Januar 1998 muss dann aber allen klar geworden sein, dass diese Nazis aus Jena nicht nur einen Mordshass hatten, sondern auch genug Hass zum Morden. Am 26. Januar ließ die Polizei die Garage öffnen, die Zschäpe für sich, Böhnhardt und Mundlos gemietet hatte. Sie fand 1,4 Kilo TNT.
Ein paar Monate später, im Mai 1998, übernahm der Verfassungsschutz für seine Hauspostille einen Zeitungsausschnitt aus der "Thüringischen Landeszeitung". Anonym zitiert werden darin Mitarbeiter des Amtes. Da heißt es, Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe, inzwischen abgetaucht, stünden "beispielhaft für eine neue bundesweite Gefahr", für die "Entwicklung einer braunen Terror-Szene". Wie weitsichtig.
Das also war die Lage im Jahr 1998: Die Verfassungsschützer konnten die Gefahr geradezu riechen. Sie schalteten deshalb ihre Kollegen in Sachsen ein, begannen mit Telefonüberwachungen, Observationen. Und es gab eine Neonazi-Szene, die zu allem bereit zu sein schien, natürlich auch dazu, die Kameraden im Untergrund zu unterstützen. Zwei Netze. Warum aber sollte das Netz der Extremisten so gut seinen Zweck erfüllen, das der Ermittler so schlecht? Die reihten Fehler an Fehler, und manches erinnert nun an eine andere Terrorzelle: die in der Hamburger Marienstraße 54 um Mohammed Atta, die monatelang ihren Anschlag auf Amerika planen konnte, ohne gestört zu werden.
Der erste Fehler passierte schon bei der Durchsuchung der Garage. Der Verfassungsschutz hatte Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe zwischen dem 24. November und dem 1. Dezember 1997 observiert und sie dabei beobachtet, wie sie Rohre aus einer Wohnung schleppten, einen Kanister Brennspiritus und Gummiringe kauften. Das alles brachten sie zu ihrer Garage. Aber ganz sicher, ob die drei Neonazis wirklich Bomben bauten, waren sich die Geheimen nicht. Also ging das Landeskriminalamt (LKA) mal nachsehen, beschaffte sich einen Durchsuchungsbeschluss und drückte ihn Böhnhardt in die Hand. Der ging stiften, ungehindert.
Doch was in der Rückschau noch unbegreiflicher ist: Die Staatsanwaltschaft ermittelte damals nicht wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung, was den Fahndungsdruck in den nächsten zehn Jahren hochgehalten hätte. Die Haftbefehle lauteten nur auf Vorbereitung eines Sprengstoffverbrechens, und das verjährt nach fünf Jahren.
Im Herbst 1999, vom Trio noch immer keine Spur, der nächste Schnitzer. Ort diesmal: Niedersachsen. Der Thüringer Verfassungsschutz bat die Kollegen um Amtshilfe, weil Kamerad Holger G., der Pöbel-Nazi aus Jena-Lobeda, schon 1997 mit seiner Mutter nach Hannover gezogen war. Er grölte immer noch rechtsradikale Parolen und marschierte mit Gleichgestimmten durch Innenstädte. Deshalb erwarteten die Thüringer, dass die Geflüchteten Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe mit ihm Kontakt aufnehmen würden. Möglicherweise, so der Verdacht, sollte der Northeimer Neonazi Thorsten Heise Verbindungen ins Ausland vermitteln. In ihrer schriftlichen Bitte sprachen die Verfassungsschützer ausdrücklich von "Rechtsterroristen".
Die niedersächsischen Geheimdienstler observierten Holger G., sie notierten, dass er aus einer Telefonzelle anrief, obwohl er ein Handy dabeihatte. Nach drei Tagen beendeten sie die Überwachung und stuften G. nur als "Mitläufer" ein. Ein schwerer Fehler, wie Niedersachsens Verfassungsschutzpräsident Hans-Werner Wargel vergangene Woche zugab. Denn ein reiner Mitläufer war Holger G., wie sich bald zeigen würde, wohl nicht.
Spätestens 2005 verloren die Geheimen ihn von ihrem Radarschirm. Er zog mit einer Frau zusammen, die zwei Kinder hatte, arbeitete als Gabelstaplerfahrer, jobbte manchmal an einer Tankstelle. 2009 wurden seine Einträge im Verfassungsschutz-Computersystem Nadis gelöscht. Dass sie den Unterstützer einer Terrorgruppe aus den Augen verloren hatten, begriffen die Verfassungsschützer in Hannover erst vor zwei Wochen.
Den größten Aussetzer leisteten sich aber die Thüringer, im Jahr 2000. Noch hatten die Ausländerhasser Böhnhardt und Mundlos nicht damit begonnen, neun Zuwanderer zu erschießen und die Ermittler vor ein jahrelanges Rätsel zu stellen. Da baten Verfassungsschutz und Landeskriminalamt die Kollegen in Sachsen um ihre Mitarbeit. Tatsächlich legten die auch bald danach ein Observationsfoto vor, das sie bei Chemnitz geschossen hatten. Die Thüringer waren sich nicht ganz sicher, schalteten das Bundeskriminalamt ein, und deshalb gibt es heute dazu in den Verfassungsschutzakten ein Schreiben, in dem das BKA mitteilt: Der auf dem Bild, das sei "wahrscheinlich" Böhnhardt.
Damals warteten alle auf einen Zugriff des LKA Thüringen, das die Federführung hatte: nicht nur der heimische Verfassungsschutz, auch das Bundesamt in Köln, das bei der Jagd nach dem Trio mitmachte und zeitweilig dessen Kameraden Ralf Wohlleben und André K. observiert hatte. Aber kaum zu glauben: Es passierte nichts. Bis heute kann keiner erklären, warum.
Es hat also nicht nur der Verfassungsschutz in Erfurt versagt, auf den nun viele Finger zeigen, auch andere haben Fehler gemacht. Aber so wie der Dienst damals arbeitete, war er für das Versagen prädestiniert. Ex-Chef Helmut Roewer hat Thüringens Innenministerium zwar schriftlich versichert, "die Betroffenen" seien "keine Quellen des Amtes" gewesen. Doch unter Roewer, einem Import aus dem Westen mit Kinnbart, kühner Locke und Querdenker-Image, schien es wenig Grauzonen zu geben, in die sich der Verfassungsschutz nicht getraut hätte. Roewer legte sich selbst einen Decknamen zu, "Stephan Seeberg", er hatte manchmal 60 000 Mark in bar in seinem Panzerschrank, wofür auch immer. Und was Quellen anging, hatte er bis zu seinem Rauswurf 2000 kaum Hemmungen.
Die wichtigste Quelle bei den Neonazis war Tino Brandt, heute 36, damals stellvertretender Landesvorsitzender der NPD, Kopf des Thüringer Heimatschutzes - und seit 1994 Roewers Spitzen-Zuträger, Deckname "Otto". Brandt war nicht nur gut vernetzt mit der NPD-Führung in Berlin, sondern hielt auch engen Kontakt zur "Kameradschaft Jena".
Auch der nächste V-Mann war kein kleiner Mitläufer, sondern der Chef der thüringischen Sektion des braunen Musiknetzwerkes Blood & Honour. Mit ihm und Brandt hatten die Verfassungsschützer damit zwei der wichtigsten Neonazis in Thüringen auf ihrer Gehaltsliste.
Neben den beiden Spitzen-Quellen, so bestätigen heute thüringische Regierungskreise, gab es aber noch einen dritten Spitzel im Umfeld der Jenaer Neonazis. In keinem anderen Bundesland war der Verfassungsschutz deshalb so nah dran an der Spitze der rechtsextremen Szene wie in Thüringen - und verstand trotzdem so wenig von dem, was unter seinen Augen geschah.
Natürlich belieferten diese Zuträger die Geheimen fleißig mit Klatsch, Tratsch und ein paar harten Fakten. Aber alles, ohne dass es irgendetwas geholfen hätte. So wenig wie die Telefonüberwachung. In einem Vermerk der Verfassungsschützer heißt es etwa, André K. aus der "Kameradschaft Jena" sei abgehört worden. Man habe deshalb auch erfahren, dass sich Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe nach Südafrika absetzen wollten. Doch dass es jemals so einen Trip nach Südafrika gegeben hat, dafür haben die Ermittler bisher nicht den geringsten Beleg.
Offenbar wird jetzt auch, wie tief die Gräben zwischen Polizei und Verfassungsschutz in Thüringen waren. Glaubt man den damals Beteiligten, arbeiteten sie mehr gegen- als miteinander. Sie seien damals von Roewer ausgebremst worden, sagt heute ein leitender Beamter der "Soko Rex". Der Verfassungsschutzchef habe ihnen entgegengehalten, die rechtsradikalen Straftaten seien nicht mehr so bedeutsam. Womöglich wollte Roewer auch seine Top-Quellen schützen. Die Polizisten hätten mehrfach festgestellt, dass der vom LKA observierte Nazi-Führer Tino Brandt bei Vernehmungen über Ermittlungsinterna Bescheid gewusst habe. "Die Auflösung der ,Soko Rex' war offenbar politisch gewollt", behauptet der ehemalige hochrangige Soko-Mann, "die Brisanz der Gruppe um Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe wurde von den Vorgesetzten auch im LKA völlig unterschätzt."
Roewer sieht das Versagen genau andersherum. Damals sei der Verdacht aufgekommen, dass es bei der Polizei ein Informationsleck gebe. Deshalb habe der Innenminister die Verfassungsschützer angewiesen, nach dem Neonazi-Trio zu suchen, mit einer Zielfahndung, und außerdem auch noch die möglichen Verräter bei der Polizei. Das alles habe enorm viel Kraft gekostet und das Amt bis an die Grenze der Belastbarkeit getrieben.
Ob Roewers Vorwürfe oder die der Polizisten stimmen, wird nun eine unabhängige Kommission aufarbeiten, unter Führung des ehemaligen Bundesrichters Gerhard Schäfer.
Wie nah die Geheimen trotz aller Schwächen immer mal wieder an die Terrorzelle herankamen, zeigt ein Vermerk des Landesamts aus dem Jahr 2001. Demnach soll Ralf Wohlleben, einer aus der "Kameradschaft Jena", einem V-Mann erzählt haben, der Kontakt zu den Eltern der Geflüchteten sei derzeit "gestört". Für die Beamten hieß das: Die drei Gesuchten hatten aus dem Untergrund offenbar noch immer Kontakt zu Verwandten und womöglich Kuriere aus der Szene, die sie dafür nutzen konnten. Nur: Warum geschah trotz der Hinweise nichts weiter?
Weil es den Beamten irgendwann egal war, wo Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe steckten, wenn sie nur nicht wieder auftauchten? Als 2003 die Verjährungsfrist ablief, hängten nicht nur die Polizisten in ihren Revieren die Fahndungsplakate ab. Auch für den Thüringer Verfassungsschutz und das Bundesamt in Köln war der Fall weitgehend erledigt. Sie verloren die letzten Spuren, aber was schlimmer war: Sie hatten auch ihr Gespür verloren für die richtige Analyse.
Die naheliegende Frage, warum drei Hardcore-Neonazis, die abtauchen mussten, nicht wieder aufgetaucht waren, stellte niemand. Dabei gab es eigentlich nur drei Möglichkeiten: tot. Im Ausland. Oder aber: Sie hatten in der Zwischenzeit neue Straftaten begangen, konnten deshalb nicht zurück aus dem Untergrund.
Für deutsche Geheimdienstler war das offenbar unvorstellbar. "Ungeachtet der Tatsache, dass es den ,Bombenbastlern von Jena' jahrelang gelungen war, sich ihrer Verhaftung zu entziehen, gibt es keine wirkungsvolle Unterstützerszene, um einen nachhaltigen Kampf aus dem Untergrund heraus führen zu können", heißt es in einem vertraulichen Papier des Bundesamts für Verfassungsschutz aus dem Juli 2004. In dem Lagebild, das sich mit der "Gefahr eines bewaffneten Kampfes deutscher Rechtsextremisten" seit 1997 befasst, resümieren die Geheimen: "Möglich ist derzeit allenfalls ein von Kleinstgruppen oder Einzelpersonen geführter ,Feierabendterrorismus'." Und: "Mit Anschlägen auf Objekte ist eher zu rechnen als mit solchen auf Personen."
Zu diesem Zeitpunkt, 2004, hatten die Neonazis offenbar schon fünf Einwanderer erschossen. Aber noch mehr lagen die Geheimdienste mit der Einschätzung daneben, für Terror aus dem Untergrund fehle der nötige Rückhalt.
Denn es gab nicht nur ein oder zwei Unterstützer. Etwa 20 Mitglieder der rechten Szene in Thüringen, das hat die bisherige Durchsicht der Akten ergeben, sollen nach der Flucht Kontakt zu dem Trio gehalten haben. Manche nur in den ersten Jahren, andere bis zum Schluss. Nicht alle werden gewusst haben, dass Böhnhardt und Mundlos auf Einwanderer und Polizisten schossen oder Bomben legten. Aber bei einigen besteht der Verdacht, dass ihnen klar war, wem sie halfen: einem Mordkommando.
Für die frühen Jahre haben die Ermittler zum Beispiel André K. auf ihrer Unterstützerliste. Der "Führer" der "Kameradschaft Jena" galt damals als enger Freund von Böhnhardt und Mundlos. Er soll zumindest versucht haben, dem Trio eine Flucht nach Südafrika zu organisieren. Dafür, so hieß es nun in einer geheimen Ausschusssitzung des Landtags, habe André K. die nötigen Papiere besorgen wollen; auf eine Anfrage des SPIEGEL reagierte er nicht.
K. habe allerdings als unzuverlässig gegolten, heißt es in Ermittlerkreisen. Deshalb soll in dieser ersten Zeit nach der Flucht Ralf Wohlleben ins Zentrum gerückt sein. Beim Verfassungsschutz gibt es noch eine alte Meldung, dass er damals den drei Bombenbauern sein Auto überlassen habe. Damit seien sie geflüchtet, bis die Karre liegengeblieben sei.
Mit den Namen André K. und Ralf Wohlleben wird nun auch eine Verbindung sichtbar, nämlich die zwischen der NPD und den "Freien Kameradschaften". Die offizielle Sprachregelung der Nationaldemokraten lautet dazu: Das Zwickauer Terror-Trio ist eine "Mörderbande", die NPD hat mit diesen "Killern" nichts zu tun. Doch Wohlleben war NPD-Mitglied, André K. auch, und Wohlleben nicht irgendeines. Der Mann aus Jena stieg 2002 zum stellvertretenden Landesvorsitzenden und Pressesprecher auf, er kandidierte bei Wahlen für die NPD. Und zusammen mit André K. kaufte er 2002 eine Gaststätte in Altlobeda, genannt "Braunes Haus", in dem die NPD danach regelmäßig Parteitreffen abhielt.
Welche Rolle die beiden thüringischen NPD-Männer nach dem Jahr 2000 für das Terror-Trio spielten, ist unklar. Andere dagegen müssen noch in jüngster Zeit mit Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe zu tun gehabt haben, allen voran André E., 32.
Der Zwickauer wohnt mit seiner Frau Susann am Rande einer Plattenbausiedlung. Unter der Adresse betreibt E. einen Versandhandel für Szene-"T-Hemden" und eine Firma für die Montage von Solarzellen.
André E., längeres blondes Haar, Kinnbart, schwarze Klamotten, gilt aber nicht nur als Fachmann für Montagen aller Art, sondern auch für das Montieren von Videos und Fotos. In den Trümmern von Zwickau fanden die Fahnder Flugblätter von E.s Firma "Aemedig". Der Fund nährt einen Verdacht: dass er geholfen haben könnte, unter anderem beim Bekennerfilm des "Nationalsozialistischen Untergrunds".
Darin hatten die Macher Szenen aus dem Comic "Der rosarote Panther" mit Originalbildern von den Tatorten der Terrorgruppe montiert. Wer diesen Film hergestellt hat, muss die Morde und Bombenanschläge gekannt haben. Kann es sein, dass Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe den Film allein erstellt haben? Oder ist es so, wie Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich glaubt: "Die drei waren es nach derzeitigem Erkenntnisstand wohl nicht"?
Dass das Ehepaar E. das Trio unterstützt haben muss, belegen außerdem zwei Bahn-Cards, die zwar auf die Namen André und Susann E. lauten, aber von Zschäpe und Böhnhardt benutzt wurden. Bezahlt von E.s Konto.
Die Verbindung würde zumindest zum Milieu passen. André E.s Zwillingsbruder soll beim "Schutzbund Deutschland" aktiv gewesen sein, der 2006 verboten wurde, und gilt heute als Funktionär der "Jungen Nationaldemokraten", der Jugendorganisation der NPD. Und Susann E.s Name taucht auf einer Bestellliste der in Neonazi-Kreisen beliebten Klamottenmarke "Thor Steinar" auf. Ende vergangener Woche standen Kamerateams vor der Wohnung von André und Susann E., doch alle Anfragen der Reporter ließ der 32-Jährige unbeantwortet.
Ausgesagt hat dagegen Holger G., 37, derzeit in Untersuchungshaft. Schon am Tag nachdem die Polizei Böhnhardt und Mundlos tot im Wohnwagen gefunden und Zschäpe in Zwickau die gemeinsame Wohnung in die Luft gesprengt hatte, bekam Holger G. in Niedersachsen Besuch von der Polizei.
Zunächst behauptete er, dem Trio nicht geholfen zu haben, dann sprach er von einer Gefälligkeit. Er selbst will schon etwa 2004 aus der Szene ausgestiegen sein. Irgendwann hätten Mundlos und Böhnhardt bei ihm gestanden, hätten sich selbst als Aussteiger bezeichnet und gefragt, ob er etwas für sie tun könne.
Holger G. soll der Terrorgruppe seinen Führerschein gegeben haben, später auch noch seinen Reisepass. Sein Mandant habe "nicht gewusst, was mit den Papieren passiert", sagt sein Rechtsanwalt Stefan Hachmeister.
Der nächste Rechte, der in Erklärungsnot gerät, kommt aus Johanngeorgenstadt im Erzgebirge. Matthias D., gelernter Fleischer, soll schon 1999 eine Zwickauer Wohnung gemietet haben. Gelebt hat dort aber wohl Beate Zschäpe unter falschem Namen, als Susann Dienelt. Und als sie 2008 in die gemeinsame Wohnung mit Böhnhardt und Mundlos zog, an der Frühlingsstraße, soll auch hier Matthias D. im Mietvertrag gestanden haben und die Miete von seinem Konto abgegangen sein. Mit den Straftaten der Gruppe will er allerdings nichts zu tun haben.
Genauso wenig wie Max B. Es war sein Pass, mit dem Böhnhardt und Mundlos auf ihre letzte Fahrt gingen, nach Eisenach; das Foto war wie üblich ausgetauscht. Inzwischen hat die Polizei den Mann in Dresden gefunden und vernommen. Der Pass, so gab er an, sei schon vor Jahren gestohlen worden. "Wie er in den Händen von Nazis landen konnte, kann ich mir nicht erklären", sagte er auf Anfrage.
So steht der Fall also nun, zwei Wochen nach dem Tod im Wohnmobil. Noch immer ist die Überraschung größer als der Überblick, auch der Bekennerfilm auf der DVD wirft noch neue Fragen auf. Er stammt aus dem Dezember 2007 und endet damit, dass eine zweite DVD angekündigt wird. Hat die Gruppe also noch weitergemacht, oder bestätigt sich die Vermutung, dass sie sich nach dem Mord an der Polizistin in Heilbronn ganz auf Banküberfälle verlegt hat, um an Geld zu kommen?
Jedenfalls müssen die DVDs vier Jahre lang in der Wohnung gelegen haben, ehe sie wohl Beate Zschäpe kurz nach der Brandstiftung zur Post brachte. Eine adressiert an einen lokalen Fernsehsender, eine an die "PDS", eine an eine Boulevardzeitung, Außenredaktion Halle, eine an die "Nürnberger Nachrichten", ohne Briefmarke und unverschlossen, überbracht womöglich durch einen weiteren Helfer. Es wirkt, als hätte Zschäpe eine Art Testament hinterlassen wollen, damit die Nachwelt erfährt, was geschah.
Ihr Strafverteidiger Wolfgang Heer aus Köln sagte, er habe seiner Mandantin geraten, zunächst die Akteneinsicht abzuwarten, bevor sie Erklärungen zur Sache abgibt. Der Haftbefehl laute auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, nicht aber auf Mord.
Aus der zerstörten Wohnung konnten die Fahnder auch einen Computerstick mit Tausenden Dateien bergen, darunter eine Liste mit Namen und Adressen, auf der diverse Politiker stehen. Hinter einem der Namen hatten die Neonazis vermerkt: "Rote Sau". Dazu kommen noch Fragmente von Landkarten mit roten Kringeln. Ein Waffengeschäft in Neubrandenburg steht auf der Liste, ein Wahlkreisbüro; daneben finden sich auch jüdische Kultureinrichtungen, Bundeswehrstandorte, Asylbewerberheime. Unter den Waffen haben die BKA-Experten auch eine polnische Pistole "Radom" VIS 35, Kaliber 9 Millimeter, gefunden, die zweite Mordwaffe von Heilbronn, mit der Böhnhardt und Mundlos schossen.
Die Ermittlungen haben auch ergeben, dass das Trio in Norwegen und Schweden gewesen sein soll. Warum?
Auf der Inventarliste der Zwickauer Wohnung steht auch eine Holzkiste, "die für den Einbau einer Schusswaffe vorbereitet war", wie es in einem Bericht der Ermittler heißt. Wofür?
Und was wollten die Mörder mit einer DVD, die eine "Aktions-Datenbank" und Ordner mit den Namen "Nürnberg", "Dortmund", "München" enthält?
Alles muss jetzt wohl überprüft werden, wirklich alles. Weil nichts mehr undenkbar ist.
Von Jürgen Dahlkamp, Udo Ludwig, Maximilian Popp, Sven Röbel, Holger Stark, Andreas Ulrich und Steffen Winter

DER SPIEGEL 47/2011
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