21.11.2011

GEHEIMDIENSTEFromme Spione

Stasi-Mitarbeiter, die in der Bundesrepublik im Einsatz waren, gehören zu einem vergessenen Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte. Recherchen der Stasi-Unterlagen-Behörde zeigen, wie gezielt und flächendeckend die DDR den Westen unterwandern ließ.
Sein Geheimnis nahm er mit ins Grab. Als Pastor Josef Frindt im Alter von 81 Jahren starb, trauerten die Gläubigen im münsterländischen Dorsten um einen frommen Mann Gottes. Sie wussten nicht, dass er auch ein Diener der Stasi gewesen war.
Unter dem Decknamen "Erich Neu" soll der Pfarrer 95 Spitzelberichte verfasst haben. Unter anderem über einen vielversprechenden Kollegen: Joseph Ratzinger.
Frindt, der in Münster studiert hatte und später dort lehrte, lieferte Informationen über aufstrebende Theologen und künftige Würdenträger - darunter auch den späteren Papst, der dort Hochschuldozent gewesen war.
Zwei Jahre nach Frindts Tod kam seine mutmaßliche Agententätigkeit durch Recherchen der Berliner Stasi-Unterlagen-Behörde heraus. Die Mitglieder seiner Herz-Jesu-Gemeinde sind entsetzt. "Viele konnten sich das nicht vorstellen", sagt ein Kirchenvorstand, "die Menschen suchen nun nach den Beweggründen, warum er das getan hat."
Die Enthüllungen aus Münster und Umgebung sind eine ungewöhnliche Erfahrung für westdeutsche Bürger, die jahrelang glaubten, das Stasi-Trauma gehe sie nichts an. Inoffizielle Mitarbeiter (IM) und ihre Spitzelberichte galten als Exklusivthema für Ostdeutschland. Westspione wie Pfarrer Frindt dagegen gehören zu einem vergessenen Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte.
In dieser Woche veröffentlicht die Stasi-Unterlagen-Behörde ein Handbuch zur Hauptverwaltung A (HVA) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), des Auslandsgeheimdienstes des einst sagenumwobenen Markus Wolf(*). Das Werk erlaubt neue Einblicke in die Stasi-Arbeit in der alten Bundesrepublik. Erstmals wird nun deutlich, wie gezielt und flä-chendeckend der Ost-Berliner Geheim-
dienst Politik und Gesellschaft im Westen ins Visier genommen hatte.
Detailliert wie nie zuvor lässt sich jetzt rekonstruieren, wo und wie die Stasi ihre Netze auswarf. Allein in der alten Bundeshauptstadt Bonn waren 149 Zuträger aktiv, in West-Berlin 542 (siehe Grafik).
Die meisten Spione hatten Wolfs Leute demnach in der Industrie rekrutiert, um auf diese Weise an westliches Know-how zu gelangen. Bestens vernetzt waren sie außerdem in der SPD. Durch 78 IM und Kontaktpersonen hielt sich Ost-Berlin auf dem Laufenden; allein 13 Personen dienten als Informationsquelle für Vorgänge im Präsidium. Auch über Interna aus den Gewerkschaften, Kirchen und Universitäten wusste die Stasi gut Bescheid.
Im Dezember 1988 dienten 1929 Bundesbürger der DDR als Inoffizielle Mitarbeiter oder waren Kontaktpersonen. Ihre Klarnamen und Berichte blieben jedoch meist verborgen, weil MfS-Mitarbeiter in den Tagen der Wende das Material über ihre westdeutschen Agenten größtenteils geschreddert hatten.
Wie gut der DDR-Geheimdienst in der Bundesrepublik verdrahtet war, hatten zuvor nur spektakuläre Einzelfälle gezeigt. Im Kanzleramt spitzelte Willy Brandts Referent Günter Guillaume. Auch aus dem Bundesnachrichtendienst und dem Verfassungsschutz lieferten Stasi-Agenten Informationen.
Doch das war längst nicht alles. In vier Jahrzehnten führte die HVA insgesamt rund 12 000 Inoffizielle Mitarbeiter in der Bundesrepublik und West-Berlin, dem sogenannten Operationsgebiet. Wie ihre Arbeit im Detail funktionierte, wird die Stasi-Unterlagen-Behörde künftig, nach Orten und Institutionen sortiert, genauer rekonstruieren können. Beispielhaft hat Stasi-Forscher Helmut Müller-Enbergs als Erstes die Spitzelarbeiten in Münster aufgeklärt. Dort hatte das MfS im Dezember 1989 noch 16 IM beschäftigt, die auf rund 400 Personen angesetzt waren.
Münster war für Ost-Berlin doppelt interessant, als wichtige CDU-Hochburg in Nordrhein-Westfalen ebenso wie als Universitätsstadt mit linkem Milieu. Die Fänger von Stasi-Chef Erich Mielke suchten und fanden IM im konservativen Establishment, sie dockten bei der Politik an, bei Polizei und Bundeswehr. Und sie rekrutierten junge Studenten - hoffnungsvolle Talente, die irgendwann einmal zu den Führungskräften der Bundesrepublik zählen und damit wichtige Zuträger der DDR sein könnten.
Auf die Kirche, auf christliche Initiativen und Verlage hatte die Stasi in Münster gleich mehrere Personen angesetzt. Für Müller-Enbergs gibt es aufgrund der gefundenen Unterlagen "keinen Zweifel" daran, dass sich hinter IM "Erich Neu" der Pfarrer Frindt verbarg. Der Seelsorger kannte im Erzbistum Münster auch Werner Thissen, den späteren Erzbischof von Hamburg. Der wiederum war bekannt mit Ratzinger, der schon damals einen guten Draht nach Rom hatte.
Womit die Stasi den Kirchenmann ködern konnte, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben, auch der genaue Inhalt seiner Berichte ist nicht bekannt. Womöglich erhoffte sich Frindt mit seinem Stasi-Dienst eine bessere Lebenssituation für seine Schwester, die in der DDR wohnte. Vielleicht war der Pastor, der eine Zeitlang alkoholkrank war, auch erpressbar.
Bei vielen West-IM dürften finanzielle Belohnungen eine Rolle gespielt haben. In Münster gelang es dem MfS, sich in vielen Behörden einzunisten. MfS-Mitarbeiter hörten etwa Telefone des Polizeipräsidiums ab, und sie platzierten IM in Dienststellen der Bundeswehr - etwa in der "Erprobungsstelle 53", deren Arbeiten über die Toxizität von Nebelmitteln die DDR interessierte.
Auch drei Münsteraner Unternehmen waren Zielobjekt der Staatssicherheit. Eine ganze Reihe Mitarbeiter berichtete außerdem von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. IM "Park" etwa arbeitete in der Universitätsbibliothek und erstellte spezielle Dossiers über Personen. Vermutlich wollte die Stasi erfahren, wer als zukünftiger Spion in Frage käme.
Die Ost-Berliner wussten nämlich, dass Studenten mit linker Gesinnung und Sympathie für die DDR später einmal gute Hilfskräfte sein könnten. Und einige West-IM sind noch heute stolz auf ihre einstige Arbeit für die Brüder im Osten: Peter Wolter gehört zu ihnen.
Der Student der Soziologie und Philosophie der Universität Münster trat in den siebziger Jahren in den Marxistischen Studentenbund Spartakus ein, der von der DDR verdeckt finanziert wurde. Wolter war häufig in Ost-Berlin und kam mit der HVA in Kontakt.
Er machte eine passable Karriere als Journalist, arbeitete für die Deutsche Presse-Agentur und war Chef vom Dienst der Nachrichtenagentur Reuters. Besonders interessierte sich die Stasi für die Arbeit eines Verwandten, der beim Verfassungsschutz in Köln arbeitete. Zwölf Jahre lang schickte Wolter Berichte nach Berlin.
Kurz nach der Wiedervereinigung wurde Wolter verhaftet. Er gab zu, den Geheimen der DDR zu Diensten gewesen zu sein. Er sei kein Spion oder Agent gewesen, er bezeichnete sich als "Kundschafter". Das Oberlandesgericht in Düsseldorf verurteilte ihn zu zwei Jahren Haft auf Bewährung. Wolter gründete bereits zuvor in Münster die Obdachlosenzeitung "draußen!". Seine Zeit als West-IM verklärt er bis heute. Er habe dazu beigetragen, sagt Wolter, "dass Europa ein halbes Jahrhundert Frieden hatte".
(*) Helmut Müller-Enbergs: "Hauptverwaltung A - Aufgaben, Strukturen, Quellen". Berlin; 356 Seiten; 5 Euro.
Von Gunther Latsch und Udo Ludwig

DER SPIEGEL 47/2011
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