21.11.2011

DOKUMENTATIONSchuld und Liebe

Der amerikanische Anthropologe und Anarchist David Graeber ist ein Vordenker der Occupy-Bewegung. Der SPIEGEL druckt Auszüge aus seinem in den USA erschienenen Buch „Debt. The First 5000 Years“.
Schuldest du einer Bank einhunderttausend Dollar, gehörst du der Bank. Schuldest du ihr einhundert Millionen Dollar, gehört dir die Bank. Sprichwort
Warum Schulden? Woher rührt die seltsame Macht dieser Idee? Verbraucherschulden sind das Herzblut unserer Wirtschaft. Moderne Volkswirtschaften leben davon, dass sie Schulden machen. Schulden sind längst ein zentrales Thema der internationalen Politik. Doch niemand scheint genau zu wissen, was Schulden eigentlich wirklich sind und was davon zu halten ist.
Die Geschichte lehrt uns eines: Menschliche Beziehungen, die auf Gewalt beruhen, benötigen eine moralische Legitimation, und unser Begriff von Schuld kann da sehr hilfreich sein. Mafiosi wissen das, militärische Eroberer ebenso: Tausende von Jahren konnten gewalttätige Männer ihren Opfern erzählen, dass diese ihnen etwas schuldeten. Und wenn nur, dass sie ihnen ihr Leben zu verdanken hätten, ihnen also "ihr Leben schuldeten" (eine vielsagende Formulierung), weil man sie nicht umgebracht hatte.
Über Schulden wird seit mindestens fünftausend Jahren gestritten. Und tatsächlich findet der Kampf zwischen Arm und Reich überwiegend in Form von Konflikten zwischen Gläubigern und Schuldnern statt - es sind Kämpfe um die Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit von Zinszahlungen beispielsweise, Kämpfe um die Aufhebung der Leibeigenschaft, Kämpfe um Zwangsenteignungen und Entschädigungen, die zur Beschlagnahme von Schafherden und Weinbergen führen oder zum Verkauf der Schuldnerkinder in die Sklaverei.
Gleichzeitig haben Volksaufstände in den letzten fünftausend Jahren aber mit verblüffender Regelmäßigkeit immer wieder auf die gleiche Weise begonnen: mit der rituellen Zerstörung der Schuldenbelege - ob Steintafeln, Papyri oder Journale, je nachdem, was zur betreffenden Zeit und am betreffenden Ort gerade verwendet wurde.
Wir haben das alles vergessen, obwohl viele unserer moralischen oder religiösen
Begriffe, die wir heute benutzen, aus genau diesen Konflikten hervorgegangen sind. Begriffe wie "Abrechnung" und "Erlösung" sind darunter nur die offensichtlichsten, weil sie direkt der Sprache der antiken Finanzwirtschaft entlehnt sind. Im weiteren Sinne trifft das Gleiche aber auch auf Begriffe wie "Schuld", "Freiheit", "Vergebung" und sogar "Sünde" zu. Und die Frage, wer tatsächlich wem etwas schuldet, spielt in unserem Grundwortschatz zu Recht und Unrecht eine zentrale Rolle.
Und doch gibt es einen zentralen Widerspruch, der eine grundsätzliche moralische Verwirrung manifestiert: Die Mehrzahl der Menschen ist fast überall auf der Welt der Meinung, dass man geschuldetes Geld zurückzahlen muss, gleichzeitig aber glaubt sie, dass jeder, der Geld verleiht, böse ist.
Fast alle großen Religionen haben sich mit diesem Widerspruch, mit diesem Dilemma auseinandergesetzt. Einerseits sind alle menschlichen Beziehungen, weil es in ihnen immer auch um irgendeine Form von Schulden geht, moralisch kompromittiert. Andererseits: Sprechen wir davon, dass jemand sich verhält, als wäre er niemandem etwas schuldig, dann bezeichnen wir damit keinesfalls einen Menschen, den wir für einen Ausbund an Tugend halten.
In der säkularen Welt besteht Moral überwiegend darin, unsere Verpflichtungen anderen gegenüber zu erfüllen, und wir neigen dazu, uns diese Verpflichtungen als Schulden vorzustellen, die man zurückzahlt. Mönche können dieses Dilemma vielleicht vermeiden, indem sie sich ganz und gar von der irdischen Welt lösen, wir Übrigen sind aber dazu verurteilt, in einem Universum zu leben, das nicht viel Sinn ergibt.
Die zentrale Frage lautet: Was genau heißt es, dass unser Sinn für Moral und Gerechtigkeit auf die Sprache einer geschäftlichen Transaktion reduziert wird? Was heißt es, wenn wir moralische Verpflichtungen auf Schulden reduzieren?
Eigentlich ist der Unterschied zwischen einer Verpflichtung und einer Schuld einfach und offensichtlich. Eine Schuld ist die Verpflichtung, eine bestimmte Geldsumme zu bezahlen. Eine Schuld also lässt sich, anders als jede andere Verpflichtung, genau in Zahlen fassen.
Dadurch werden Schulden einfach, kalt und unpersönlich - was sie wiederum übertragbar macht. Schuldet man einem anderen Menschen einen Gefallen oder sogar sein Leben - dann gilt die Schuld speziell für diesen Menschen. Wenn man aber 40 000 Dollar zu einem Zinssatz von 12 Prozent schuldet, ist es egal, wer der Gläubiger ist; auch muss sich keine der beiden Parteien darum kümmern, was die andere braucht, will oder wozu sie imstande ist - wie sie es bestimmt täte, wenn es um einen Gefallen ginge oder um Dinge wie Respekt oder Dankbarkeit. Die menschlichen Auswirkungen spielen keine Rolle, man muss nur rechnen, Kreditsummen, Saldi, Strafzahlungen und Zinssätze kalkulieren.
So betrachtet, besteht der springende Punkt also darin, dass Geld es schafft, Moral in eine Frage der unpersönlichen Rechenkunst zu verwandeln - und auf diese Weise Dinge zu rechtfertigen, die uns ansonsten skandalös oder unanständig vorkämen. Der Aspekt der Gewalt kann da als zweitrangig erscheinen. Wenn man aber etwas genauer hinschaut, stellt man fest, dass diese beiden Aspekte - Gewalt und Quantifizierung - eng miteinander zusammenhängen.
Das ist letztendlich der Ursprung der moralischen Verwirrung, die alles zu durchdringen scheint, was mit Schulden zu tun hat.
Der sich daraus ergebende Zwiespalt ist wohl so alt wie die Zivilisation selbst. Wir beobachten dies schon in den frühesten Aufzeichnungen aus dem alten Mesopotamien; philosophisch kommt er erstmals in religiösen Texten des Hinduismus, den Veden, die ab 1500 vor Christus entstanden, zum Ausdruck; im Laufe der Geschichtsschreibung taucht er in endloser Gestalt immer wieder auf; und bildet selbst heute noch den wesentlichen Kern unserer Institutionen - von Staat und Markt und unseren grundsätzlichen Vorstellungen über das Wesen der Freiheit, der Moral, des Gemeinwesens. Sie alle wurden durch eine Geschichte von Kriegen, Eroberungen und Sklaverei geformt, Vorgänge, die wir gar nicht mehr erkennen, weil sie jenseits unserer Vorstellungen sind.
Es gibt offensichtliche Gründe, warum es nun sinnvoll ist, die Geschichte der Schulden erneut unter die Lupe zu nehmen. Im September 2008 sahen wir den Beginn einer Finanzkrise, die beinah die gesamte Weltwirtschaft zum Stillstand gebracht hätte. Es fuhren weniger Schiffe über die Meere, Tausende kamen ins Trockendock. Baukräne wurden abgebaut, weil keine Gebäude mehr errichtet wurden. Banken wagten kaum noch, Kredite zu vergeben. Darauf folgten nicht nur öffentlicher Zorn und Entrüstung, es schien auch der Beginn eines öffentlichen Dialogs zu sein über das Wesen des Geldes und der Finanzinstitutionen, die inzwischen das Schicksal von ganzen Nationen in ihren Händen halten.
Dass die Menschen für einen solchen Dialog bereit waren, liegt daran, dass sich die Geschichte, die man seit ungefähr einem Jahrzehnt erzählt hatte, als kolossale Lüge herausgestellt hatte. Man kann es wirklich nicht schonender ausdrücken.
Jahrelang war die Rede von einer Vielzahl ganz neuer, raffinierter finanzieller Innovationen. Als sich dann der Staub auf die Trümmer legte, stellte sich heraus, dass viele, wenn nicht sogar die meisten davon nichts anderes waren als perfekt ausgeklügelter Betrug.
Sie bestanden beispielsweise darin, armen Familien Immobilienkredite zu verkaufen, die so gestaltet waren, dass ein Ausbleiben der Rückzahlungen letztendlich unausweichlich war. Es wurden Wetten darüber abgeschlossen, wie lang die Darlehensnehmer durchhalten würden, bevor sie zahlungsunfähig waren. Kredite und Wetten wurden dann zu Paketen verschnürt und an Anlageinstitutionen verkauft, mit der Behauptung, diese würden in jedem Fall Geld abwerfen. Und besagte Investoren reichten diese Pakete untereinander weiter, als handelte es sich dabei um echtes Geld. Die Verantwortung für die Auszahlung der Wetten wurde gern einem riesigen Versicherungskonzern übertragen, der, sollte er unter der Last der sich daraus ergebenden Schulden zusammenbrechen, vom Steuerzahler gerettet werden müsste.
Die Gesamtschuld brachte die Welt dermaßen ins Schleudern, dass es fast das System selbst zerstört hätte.
Armeen und Polizeikräfte bereiteten sich auf Aufstände und Unruhen vor, doch diese blieben aus. Ebenso aber kam es nicht zu einem Umbau des Systems, das dafür verantwortlich war.
Unternehmen, die den Kapitalismus geradezu definierten, gerieten in die Krise. Citigroup und General Motors mussten vom Staat gerettet werden, Lehman Brothers war zusammengebrochen und damit auch die Glaubwürdigkeit all jener, die immer mit ihren Sachkenntnissen argumentiert hatten. Es schien sogar so, als wären die meisten Amerikaner offen für radikale Lösungen. Umfragen ergaben, dass eine überwältigende Mehrheit der Amerikaner der Ansicht war, man solle die Banken nicht retten, egal welche wirtschaftlichen Konsequenzen dies hätte, sondern normalen Bürgern, die auf schlechten Hypothekendarlehen sitzengeblieben waren, zu Hilfe kommen.
So etwas ist in den USA bemerkenswert. Seit der Kolonialzeit sind die Amerikaner ein Volk, das wenig Mitgefühl für Schuldner hat, obwohl das Land zum großen Teil von flüchtigen Schuldnern besiedelt worden ist.
Aber gleichzeitig sind die USA ein Land, in dem die Vorstellung, dass es eine Frage der Moral ist, Schulden zu begleichen, tief verwurzelt ist. Zu Kolonialzeiten wurde des Öfteren das Ohr eines zahlungsunfähigen Schuldners an einen Pfahl genagelt. Und die Vereinigten Staaten gehörten auch zu den letzten Ländern, in denen dauerhaft ein Insolvenzrecht eingeführt wurde: Bis 1898 wurde ein solches Recht aus "moralischen Gründen" abgelehnt.
Es war eine epochale Veränderung. Vielleicht ist gerade dies der Grund, weshalb diejenigen, die die Debatten in den Medien und in der Legislative moderierten, beschlossen, dies sei nicht der richtige Zeitpunkt für eine grundlegende Auseinandersetzung.
Die US-Regierung hat im Grunde genommen ein Drei-Billionen-Dollar-Pflaster auf die Wunde geklebt und nichts geändert. Die Banker wurden gerettet; kleine Schuldner wurden es - mit einigen wenigen Ausnahmen - nicht.
Im Gegenteil: Mitten in der größten Rezession seit den dreißiger Jahren sehen wir bereits den Anfang einer Gegenreaktion - angetrieben von Finanzunternehmen, die sich nun an dieselbe Regierung wenden, die sie gerettet hat, und diese auffordert, die ganze Wucht des Gesetzes gegen normale Bürger zu richten, die sich in finanziellen Schwierigkeiten befinden. "Es ist kein Verbrechen, Geld zu schulden", heißt es in der Tageszeitung "Star Tribune". "Dennoch kommen Menschen immer wieder dafür ins Gefängnis, dass sie ihre Schulden nicht bezahlen." In Minnesota "ist die Ausstellung von Haftbefehlen gegen Schuldner in den letzten vier Jahren um 60 Prozent hochgeschnellt, auf 845 Fälle im Jahr 2009".
Mit anderen Worten: Wir sind dabei, wieder sogenannte Schuldgefängnisse zu errichten, wie es sie im 18. Jahrhundert in Großbritannien gab, Gefängnisse übrigens, in denen die adligen Insassen von Bediensteten bewirtet und von Prostituierten besucht werden durften, während die "gemeinen Bürger" in winzigen Zellen aneinandergekettet wurden und viele von ihnen starben.
Mittlerweile ist der Dialog verstummt; der Zorn in der Bevölkerung hinsichtlich der Rettungspakete zerbröckelt. Wir haben den Punkt erreicht, an dem der IWF, der sich nun als Gewissen des globalen Kapitalismus neu zu positionieren versucht, davor warnt, dass es keine Übernahme der Schulden mehr geben werde, wenn man so weitermache wie bisher. Die Öffentlichkeit würde dies nicht noch einmal hinnehmen. Ansonsten drohe der totale Zusammenbruch.
Die Geschichte bietet Hinweise darauf, was uns erwarten könnte. Ein Beispiel: In der Vergangenheit kam es in ähnlichen Situationen fast immer zur Bildung von Institutionen, die verhindern sollten, dass alle komplett durchdrehen. Geldverleiher wurden so davon abgehalten, sich mit Bürokraten und Politikern zu verbünden, um die Schuldner auszusaugen, so wie es heute der Fall zu sein scheint. Außerdem entstanden Institutionen, die die Schuldner schützen sollten.
Nun scheint alles anders zu sein: Institutionen wie der IWF beispielsweise schützen nicht Schuldner, sondern Gläubiger. Wir leben heute an einem wahr-haft seltsamen, historischen Scheidepunkt. Die Schuldenkrise hat uns anschaulich gezeigt, dass der Kapitalismus nicht wirklich funktionieren kann in einer Welt, in der die Menschen glauben, er werde ewig währen.
Während der vergangenen Jahrhun-derte sind die meisten Menschen davon ausgegangen, man könne nicht endlos neue Kredite schaffen, weil sie glaubten, das Wirtschaftsystem selbst würde vermutlich nicht ewig Bestand haben.
Doch irgendwie haben die erwarteten Revolutionen nie stattgefunden. Die Grundstrukturen des Finanzkapitalismus sind überwiegend bestehen geblieben. Erst jetzt - in dem Moment, in dem immer deutlicher wird, dass die aktuellen Regelungen nicht tragfähig sind - stellen wir fest, dass wir uns kollektiv etwas vorgemacht haben.
Es gibt gute Gründe dafür, dass der Kapitalismus schon bald nicht mehr existieren wird, vielleicht wird sogar schon die nächste Generation ihn nicht mehr erleben. Doch angesichts eines nun wirklich nahenden Endes des Kapitalismus ist die häufigste Reaktion, selbst unter den Linken, einfach nur Angst. Wir klammern uns an das Bestehende, weil wir uns keine Alternative mehr vorstellen können, die nicht noch schlimmer wäre.
Der amerikanische Kapitalismus hat sich militarisiert. Es ist in den vergangenen 30 Jahren ein gewaltiger bürokratischer Apparat zur Erzeugung und Beibehaltung von Hoffnungslosigkeit errichtet worden, eine gigantische Maschine, die in erster Linie darauf abzielt, jede Vorstellung von möglichen Zukunftsalternativen zu zerstören.
Als Reaktion auf die Umwälzungen der sechziger und siebziger Jahre versuchen die Herrscher dieser Welt nun in einer regelrechten Besessenheit, das Wachsen sozialer Bewegungen zu verhindern, damit diese weder Alternativen vorschlagen noch den Eindruck erwecken, sie könnten gewinnen.
Um das zu erreichen, ist ein riesiger Apparat aus Armeen, Gefängnissen, Polizeikräften, verschiedenen Formen von privaten Sicherheitsunternehmen, polizeilichen und militärischen Nachrichtendiensten erforderlich, genauso wie Propagandamaschinen jeder erdenklichen Art, von denen die meisten ein durchdringendes Klima der Angst, hurrapatriotischer Konformität und schlichter Verzweiflung erzeugen, die jeden Gedanken daran, die Welt zu verändern, als müßige Phantasievorstellung erscheinen lässt.
Die Erhaltung dieses Apparats scheint den Verfechtern "freier Märkte" noch wichtiger zu sein als die Aufrechterhaltung irgendeiner tragfähigen Marktwirtschaft.
Mit anderen Worten, es gibt anscheinend einen tiefgreifenden Widerspruch zwischen der politischen Notwendigkeit, den Kapitalismus als einzige Möglichkeit zu etablieren, und der uneingestandenen Notwendigkeit des Kapitalismus andererseits, seine eigenen künftigen Horizonte zu begrenzen, damit die Spekulation nicht, wie vorauszusehen ist, verrücktspielt. Ist Letzteres erst einmal geschehen, würde die ganze Maschine implodieren, und wir hätten noch nicht mal den Hauch einer Vorstellung davon, wie man alles neu organisieren könnte. Das Einzige, was wir uns vorstellen können, ist die Katastrophe.
Um uns zu befreien, müssen wir uns selbst wieder als historische Figuren begreifen, als Menschen, die das Geschehen in der Welt beeinflussen. Und selbst wenn wir erst am Anfang einer sehr ausgedehnten historischen Wende stehen: Wir sind es, die bestimmen, wie es ausgeht.
Klar ist, dass neue Ideen nicht entstehen, solange wir unseren vertrauten Denkkategorien treu bleiben. Sie sind fast ausnahmslos Ballast und genauso Teil der Strategie eines Apparats, der uns die Hoffnung nimmt. Wir müssen neue Ideen formulieren und begreifen, dass die wahre Geschichte der Märkte eine ganz andere ist, als man uns lehrt.
Jedes System, das die Welt auf Zahlen reduziert, kann nur durch Waffen in Schach gehalten werden, ob es sich dabei um Schwerter und Keulen handelt, oder wie heute um Drohnen, die intelligente Bomben werfen. Dieses System kann nur funktionieren, indem es ständig Liebe in Schulden verwandelt.
Mir ist klar, dass die Verwendung des Wortes "Liebe" an dieser Stelle provokant erscheint. Trotzdem: Märkte, denen man erlaubt, sich ganz und gar von ihren gewalttätigen Ursprüngen zu befreien, verwandeln sich unweigerlich in etwas anderes, in Netzwerke der Ehre, des Vertrauens, der gegenseitigen Verbunden-heit.
Mit der Aufrechterhaltung eines Systems der Nötigung jedoch erreicht man das genaue Gegenteil: Es verwandelt Unternehmungen der Kooperation, der Kreativität, Hingabe, Liebe und des Vertrauens weiterhin in Zahlen. Dieses System produziert eine Welt, die nichts anderes ist als eine Reihe von kaltblütigen Berechnungen. Mehr noch: Indem der menschliche Gemeinsinn selbst in Schulden umgewandelt wird, verwandeln diese die eigentliche Grundlage unseres Seins in Fragen der Schuld, der Sünde und des Verbrechens, und sie machen aus der Welt einen Ort der Ungeheuerlichkeiten, der nur überwunden werden kann, indem man irgendeine gewaltige, kosmische Transaktion vornimmt, die alles auslöscht.
Der Versuch, die Dinge umzukehren, indem man fragt: "Was schulden wir der Gesellschaft?", oder sogar der Versuch, uns darüber zu unterhalten, was wir "der Natur schulden" oder irgendeiner anderen Manifestation des Kosmos, ist ein fehlgeleiteter Lösungsansatz. Es ist ein verzweifelter Versuch - eigentlich nur die verzweifelte Bemühung, etwas von der überaus moralischen Logik zu retten, die uns überhaupt erst vom Kosmos getrennt hat.
Tatsächlich ist sie, wenn überhaupt, der Höhepunkt eines Prozesses, des Prozesses, der den Zustand einer regelrechten Demenz erreicht hat, da er auf der Prämisse beruht, wir wären so absolut, so vollständig von der Welt losgelöst, dass wir einfach alle anderen Menschen - oder alle anderen Lebewesen oder sogar den ganzen Kosmos - in einen Sack werfen könnten und anfangen, mit ihnen zu verhandeln. ◆
David Graeber: "Debt. The First 5000 Years". © 2011 Melville House Publishing.

DER SPIEGEL 47/2011
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