21.11.2011

ESSAYShows, die keine sein wollen

Warum politische Talkrunden schlechtes Theater sind Von Manfred Clemenz
Es muss irgendeinen Grund geben, warum politische Talkshows so erfolgreich sind. Immerhin können sie süchtig machen wie Joggen oder Glücksspiel. Ich weiß, wovon ich rede, und schlage deshalb drei Erklärungen für den Erfolg vor.
Erstens: den Gladiatoren-Effekt. Wer wird exekutiert, wer überlebt? Der Zuschauer kann den Daumen heben oder senken.
Zweitens: den Micky-Maus-Effekt. Wie die Micky-Geschichten, in denen weltgeschichtliche Ereignisse auf eine knappe, amüsante Story reduziert werden, bringen Talkshows schwierige Zusammenhänge auf einfache, allerdings meist widersprüchliche Formeln. In etwas gehobener Terminologie: Viele Zuschauer erwarten von den Shows eine Art Erleuchtung.
Drittens: den Buñuel-Effekt. In seinen Filmen ("Der diskrete Charme der Bourgeoisie") schildert der spanische Regisseur Menschen und Paare, die nach Befriedigung suchen (Liebe, Sex, Essen, Drogen), aber dabei stets frustriert werden. Bei Luis Buñuel ist es ein Spiel, ästhetisch zwingend und ironisch inszeniert, in den Talkshows aber bitterer Ernst. Der Zuschauer selbst wird frustriert: eine sadomasochistische Konstellation.
In einem SPIEGEL-Interview hat Bundestagspräsident Norbert Lammert die Talkshows kritisiert: "Sie simulieren nur politische Debatten. In Wahrheit benutzen sie Politik zu Unterhaltungszwecken." Seltsam. Wenn Talkshows politische Debatten simulieren, dann simulieren sie auch politische Wirklichkeiten, was brisanter ist. "Wirklichkeit" bedeutet auch Wahrheitsanspruch, das heißt, Talkshows geben vor, Wahrheit zu konstituieren. Um Wahrheit zu konstituieren, dürfen sie aber nicht nur Unterhaltung sein.
Trotzdem liefern Talkshows Wirklichkeitskonstruktionen, die bei Einschaltquoten von bis zu fünf Millionen Zuschauern wirkmächtig sind. Werden wir durch diese Wirklichkeitskonstruktionen besser informiert oder eher desinformiert? Wirken die Politiker wenigstens hier glaubwürdig? Die Fragen lassen sich nur beantworten, wenn wir verstehen, mit welchen Inszenierungen Talkshows ihre Wirkung erzielen. Nicht von ungefähr lautet das Leitmotiv der Plasberg-Show: "Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft". Damit steht auch Baudrillards berühmte These auf dem Prüfstand: Gibt es "Wirklichkeit" ohnehin nur als "Simulacrum", als medial vermittelte Wirklichkeit? Dann würden wir stets nur eine medial vermittelte Wirklichkeit mit einer anderen medialen Wirklichkeit vergleichen können.
Schaut man sich aufmerksam politische Talkshows an, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein geheimer Lehrplan am Werke ist, der nahezu alle Moderatoren auf eine Grundorientierung, gleichsam die verschwiegene Erkenntnistheorie der Talkshows, festlegt. Dies gilt für so unterschiedliche Formate wie "Anne Will", "Hart aber fair" und die Gesprächsrunden von Sandra Maischberger oder Maybrit Illner. Dieser diskursive Polarstern der Talkshows lässt sich in maximaler Schlichtheit formulieren: Bitte keine Fakten, Fakten sind langweilig, unpersönlich, unemotional, nicht sexy.
Dies entspricht einer Maxime, die von angelsächsischen Wissenschaftlern gelegentlich so formuliert wird: "Don't hustle me with facts." Bleiben Sie mir mit Fakten vom Leibe. Das wird dort aber als Gag verstanden. Hier ist es der geradezu genrekonstituierende Sprechakt. Der amerikanische Medienkritiker Neil Postman hat dies einmal folgendermaßen formuliert: "Du sollst die Erörterung meiden wie die zehn Plagen, die Ägypten heimsuchten."
Der Unterschied zu anderen Institutionen, die auch nicht unbedingt auf Fakten fixiert sind, etwa - mit Verlaub gesagt - dem Parlament, besteht darin, dass dies in den Talkshows in einer eigenartigen Ambivalenz von Offenheit und Verhüllung auch so proklamiert wird. Die geniale Lösung dieses Problems hat Frank Plasberg mit seinem "Faktencheck" erfunden. Behauptet ein Diskutant, die Atomwirtschaft verdiene durch die Laufzeitverlängerung insgesamt 130 Milliarden Euro zusätzlich, und ein anderer Diskutant bestreitet dies, dann kann man darauf wetten, welche Antwort Plasberg gibt: Wir wollen jetzt nicht näher auf dieses "Zahlenfeuerwerk" eingehen, in der Regel mit dem Zusatz: Das klären wir morgen im Faktencheck. Der "Faktencheck" sieht dann so aus, dass ein von Plasberg ausgesuchter "Experte" seine Meinung kundtut. Aber was ist nun mit den Fakten? Mit der Wirklichkeit? Mit der Wahrheit?
Ein Einzelfall? Keineswegs. Notorisch ist Anne Wills oder Maybrit Illners Diktum: "Wir wollen jetzt nicht ins Detail gehen", bezeichnenderweise immer an jenen Punkten, an denen das Ringen um die Wirklichkeit beginnen könnte. Moderatoren sind in erster Linie an Personalien, an Emotionen, an Action, nicht an Inhalten interessiert. Legendär schon eine Ermahnung Maybrit Illners an ihre Gäste: "Sie retten sich so schön in die Inhalte." Günther Jauch, so schien es zunächst, hätte eine Ausnahme von dieser Regel werden können. Nach zwei Talkrunden wirkte er freilich von den Inhalten überfordert. Das Gespräch mit der Kanzlerin wurde zum braven Abfragen ohnehin bekannter Merkel-Statements.
Heiner Geißler hat während seiner Stuttgart-21-Schlichtung gezeigt, dass die Auseinandersetzung um Inhalte keineswegs unemotional oder langweilig ist. Aber Geißler hat noch mehr gezeigt: dass die Diskussion um Fakten immer erst der Beginn der Wahrheitssuche ist, dass Fakten nicht einfach sind, sondern in der Regel Fakten aus einer bestimmten Perspektive sind, und dass auch über diese Perspektiven diskutiert werden muss, um zu einem Urteil zu gelangen. Stuttgart 21 gewissermaßen als medialer, politischer und wissenschaftstheoretischer Großversuch.
Der wahrscheinlich wichtigste Baustein der Wirklichkeitskonstruktion der Talkshows ist die Gästeauswahl, sie ist das dramaturgische Kernstück der Show. Untersuchungen zeigen, dass Politiker in diesen Runden überrepräsentiert sind im Vergleich etwa zu Experten oder Wissenschaftlern. Damit ist die parteipolitische Auseinandersetzung programmiert und - da kaum ein Parteisprecher wegen seines polemischen Tons gerügt wird - auch für Stimmung, für Leben in der Bude gesorgt.
Eine Plasberg-Sendung im März zur Frage, was sich alles in Deutschland ändern müsse, zeigt am Extremfall, wie das Instrument der Zusammensetzung funktioniert: Eingeladen waren ausschließlich Vertreter der im Bundestag vertretenen Parteien. Da unter anderem Libyen Thema war, stand zwangsläufig der Grünen-Vertreter Cem Özdemir mit seiner Kritik an der deutschen Uno-Enthaltung auf verlorenem Posten, während sich eine eigenartige Allianz zwischen CDU, FDP, der Linken und partiell auch der SPD ergab. De facto repräsentierte die Runde Wirklichkeit, Wirklichkeit allerdings ausschließlich aus der Sicht der vertretenen Parteien und in längst bekannten Formulierungen. Argumente, die neue Wirklichkeitsaspekte hätten enthalten können, wurden dabei nicht vorgetragen. Wirklichkeit erscheint als Abbild des Parteienspektrums.
Was Peter Sloterdijk über Politik sagt, dass sie "dem Monolog eines Autistenclubs nahekommt", ließ sich hier wie in vielen anderen Sendungen live beobachten. Man stelle sich vor, anstelle der FDP-Vertreterin Birgit Homburger wären etwa der FDP-Mann Gerhart Baum oder Norbert Lammert für die CDU (die beide die Enthaltung der Deutschen im Uno-Sicherheitsrat kritisierten) Teilnehmer der Diskussion gewesen. Die mediale Wirklichkeit hätte anders ausgesehen.
Wirklichkeitskonstruktion qua Gästeauswahl wird flankiert durch Wertungen und Perspektiven der Moderatoren, die als Anregungen gedacht sind, in Wirklichkeit aber Steuerungsversuche, diskursive Schaltelemente sind. Paradigmatisch sind Einblendungen in die Diskussion ("Einspieler"), etwa die Bilder verschleierter Frauen und ausländischer Geschäfte, die die "Überfremdung" dokumentieren sollen. Reinhold Beckmann hat die Bedeutung dieses eigentümlichen Typs von "Faktencheck" auf den Begriff gebracht: "Das ist nicht manipuliert. Das ist die Wirklichkeit." In einer Sendung zum Thema Fukushima zeigte Anne Will einen Film, in dem sechs Passanten zu ihrer Haltung zur Atomenergie befragt wurden. Bei allen Passanten herrschte große Betroffenheit angesichts der Ereignisse. Nächste Frage: Würden Sie den Anbieter wechseln? Drei Passanten verneinen dies. Für Anne Will war dies der Beleg dafür, dass wir zwar atomkritisch eingestellt sind, aber nicht bereit sind, auch mehr für alternative Energie zu bezahlen. Es mag sein, dass die Bundesbürger wirklich so denken. Es mag aber auch sein, dass dieses Ergebnis reiner Zufall ist. Verkauft aber wurde es als eine quasi-repräsentative Umfrage.
Zugespitzt formuliert: Wirklichkeit ist das, was die Moderatoren für Wirklichkeit halten, nicht das, was - im günstigen Fall - durch einen offenen und nicht instrumentalisierten Diskurs zutage träte. Dies ist der latente Autoritarismus der politischen Talkshows. Erst an dieser Stelle wird der Unterhaltungswert der Sendung relevant. Da die Diskutanten fast immer die Autorität der Moderatoren hinnehmen, lässt sich die Diskussion so steuern, dass der Unterhaltungswert gesichert bleibt und nicht durch unkontrollierbare, faktenorientierte und damit gewissermaßen anarchische Diskussionen über die Wirklichkeit gestört wird.
Es geht bei den Talkshows um mehr als um eine Simulation von Politik. Es geht um die Simulation von Wirklichkeit, bei der die entscheidende steuernde Rolle weniger den Diskutanten als vielmehr den Moderatoren zufällt. Der Blick auf die kontroverse Oberfläche verschleiert die zugrundeliegende Inszenierung. Das TV-Format Polit-Talkshow fördert Information und Aufklärung nicht, es trägt vielmehr zu deren Verhinderung bei, zugunsten eines vorpolitisch-affektiven Verständnisses von Politik. Es liefert "circenses" statt Politik. Vermutlich ohne es zu wissen, sind die TV-Moderatoren glühende Verfechter der baudrillardschen These, dass die Differenz zwischen Medium und Wirklichkeit irrelevant geworden ist. Doch die Gleichung geht nicht auf: Wir alle wissen oder könnten zumindest wissen, dass es Politik und Wirklichkeit auch jenseits von Will, Illner, Maischberger oder Plasberg gibt - auch wenn insbesondere Letzterer das Gegenteil suggeriert.
Viel wäre schon gewonnen, wenn allen klar wäre, dass es in Talkshows um inszenierte Wirklichkeiten geht. Niemand, der im Theater oder in der Oper sitzt, glaubt, er wäre mit Hamlet in Dänemark oder würde das Leben der "Bohème"-Künstler in Paris real erleben. Gerade diese eigentümliche Illusion aber konstituiert den ästhetischen Schein: Wir können Gedanken und Gefühle frei schweifen lassen. Bezogen auf die Talkshows wäre dies die Botschaft an die Zuschauer: Wir, die Moderatoren und Gäste, kreieren eine Wirklichkeit, die durch ihre Begrenztheit auch ein Stück Illusion ist: Verwendet sie, wie ihr wollt, seid euch aber darüber im Klaren, dass es eine Inszenierung ist. Dann könnten sich die Talkshows bei gekonnter Regie ein Stückchen der ästhetischen Würde eines Theaterstücks annähern. Es wäre dann - einige Themen ausgenommen - noch immer Boulevard-Theater, aber eines, das wirklich unterhaltsam wäre.
Ich möchte politische Talkshows nicht abschaffen, sondern sie als das zeigen, was sie sind und zugleich verleugnen: Show. Wäre dies allen Beteiligten klar, würde es den Charakter des Talks verändern. Gegebenenfalls würde ein Teilnehmer auch einmal die Runde verlassen.
Clemenz, 72, lehrte Sozialpsychologie an der Goethe-Universität Frankfurt. Er ist Psychotherapeut und Kunsthistoriker.
Von Clemenz, Manfred

DER SPIEGEL 47/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 47/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ESSAY:
Shows, die keine sein wollen