21.11.2011

KUNSTGESCHICHTESchwindel am Schmelzofen

Zuerst wurde die „säugende Wölfin“, das Sinnbild Roms, als Fälschung enttarnt. Nun bahnt sich neuer Ärger an. Gesucht wird ein genialer Antiken-Betrüger, der „Spanische Meister“.
Wer kennt sie nicht, die Bronze-Wölfin, die in Roms Kapitolinischen Museen die Zähne fletscht, während zwei Knäblein sich an ihren Zitzen laben? 2500 Jahre soll das Symboltier der Ewigen Stadt alt sein. Ein "etruskischer" Bildhauer habe es geschaffen.
So steht es in den Kunstführern.
Doch nun zeigt sich: Das rund drei Zentner schwere Metall ist ein Imitat. Bereits im Jahr 2006 - nach einer umfassenden Restaurierung der Skulptur - hatte die italienische Kunstgeschichtlerin Anna Maria Carruba diesen Verdacht geäußert.
Eine Prüfung des Archäologen Edil-berto Formigli, der sich unter anderem auf eine C-14-Datierung stützt, bestätigt das Ergebnis nun: Die Lupa stammt aus dem Mittelalter. Sie wurde in einem Stück, ohne Lötspuren an Kopf und Beinen, gegossen. Im Altertum war diese Technik unbekannt.
Das Original, so vermuten Experten, geriet schon während des 4. Kreuzzugs im Jahr 1204 in Byzanz in einen Schmelzofen.
Kurz danach schritten Nachahmer zur Tat und erschufen eine neue Lupa. Auftraggeber könnten die Grafen von Tusculum gewesen sein, eine der mächtigsten Familien Roms, aus deren Geschlecht mehrere Päpste hervorgingen.
Was für eine Enttäuschung. Und was für eine Blamage: Hunderte Altertumsgelehrte lobten wortreich die vermeintlich "antike" Schönheit des Raubtiers. Weder Dante bemerkte den Trug noch Theodor Mommsen.
Das Museum auf dem Kapitolshügel allerdings mag die böse Nachricht einstweilen noch nicht wahrhaben. Auf sei-ner Internetseite preist es die Wölfin weiterhin als Arbeit aus dem "5. Jahrhundert vor Christus".
Doch alles Leugnen hilft nicht. Bis in die Gegenwart treiben Gaukler und Betrüger ihr Unwesen.
Besonders ein krimineller Künstler quält die Fachleute: Der "Spanische Meister" soll 30 Jahre lang Falsifikate höchster Güte in Umlauf gebracht haben.
Manche vermuten sein Atelier im Raum Neapel. Andere Hinweise deuten eher Richtung Südspanien. Eine römische Staatsinschrift mit einem Relief des Kaisers Tiberius, die dem Gauner zugeschrieben wird, sei "von Valencia aus in den Markt geschleust" worden, erklärt der Schweizer Kunsthändler Christoph Leon.
Auch Josef Floren, Verfasser eines Lehrbuchs zur altgriechischen Plastik, ist sicher: "Es gibt einen Superfälscher in Spanien." Umgeben von Schmelzöfen und Gussformen soll der Mann mit begnadeten Fingern zu Werke gehen. Der Archäologe Stefan Lehmann von der Universität Halle-Wittenberg billigt ihm "großes Talent" zu.
Zu packen sei der Kerl bislang jedoch nicht: "Wir jagen ein Phantom."
Immerhin glaubt Lehmann nun des-sen "Handschrift" zu kennen. Insgesamt neun Bildnisse schreibt er dem Unbekannten zu. Einige von ihnen stehen bis heute als gefeierte Exponate in Museen.
Eines der verdächtigen Stücke tauch-te erst am 8. Juni auf: Sotheby's in New York versteigerte an diesem Tag den Bronzekopf eines bärtigen Römers, angeblich aus der Zeit Kaiser Hadrians. Bei einem Preis von 872 500 Dollar fiel der Hammer.
Dass an der Skulptur mit dem Rauschebart etwas faul sein könnte, war schon Götz Lahusen aufgefallen, einem Verfasser grundlegender Werke zur römischen Porträtkunst.
Er wunderte sich über den "erstaunlich guten Erhaltungszustand" der Figur: "Man fragt sich unwillkürlich, wie sie derart unbeschadet annähernd zwei Jahrtausende überstehen konnte, zumal sie aussieht, als sei sie gewaltsam vom Sockel heruntergerissen worden."
Lehmann glaubt nun die Herkunft der Bronze zu kennen: "Das ist ein Werk des Spanischen Meisters."
Fakt ist, dass sich das zwielichtige Haupt zeitweise in der Hand des berüchtigten Londoner Kunsthändlers Robin Symes befand. Einst war der ein Strippenzieher des Gewerbes. Zu seinen Kunden zählten saudische Scheichs und russische Oligarchen.
Symes fuhr mit Chauffeur im Bentley, er besaß eine Dependance in New York, dazu eine Villa auf einer griechischen Insel. Im Winter weilte er in Gstaad. Zum Faltenglätten besuchte er Schönheitskliniken in Montreux.
2003 sank sein Stern. Ein Rechtsstreit riss ihn in den Konkurs. Er musste 2005 für sieben Monate ins Gefängnis. Im Moment der Verhaftung besaß Symes 33 Depots, gefüllt mit echten Picassos und Tiepolos. Hinzu kamen Objekte aus Raubgrabungen und gefälschte Altertümer.
Beispiel: Als im vorletzten Jahr beim Auktionshaus Bonhams Reste aus dem alten Besitz des Kunsthändlers zur Versteigerung kamen, tauchte auch der Bronzekopf eines verträumt blickenden griechischen Jünglings auf.
Symes hatte den Knaben in den achtziger Jahren für einen Millionenbetrag an die Getty-Sammlung in Kalifornien verkauft. Als britische Experten seine Echtheit bestritten, gaben die Amerikaner das Stück wütend an den Trickser zurück. Derart herabgesunken brachte die vermeintliche Pretiose bei der Bonhams-Auktion nur noch 1320 Pfund.
Auch diese Arbeit ordnet Stefan Lehmann dem iberischen Antiken-Kujau zu. Der sei an folgenden Merkmalen zu erkennen:
‣ Der Fälscher stellt fast nur Büsten und Köpfe her;
‣ er lötet nie, weil sich dies nicht in antiker Manier nachahmen lässt;
‣ die Hälse der Figuren sind stets ausgefranst, als wären sie brutal abgerissen worden. Die Gesichter dagegen haben nur kleine Kratzer;
‣ die Patina wirkt elegant und gut verteilt - Hinweis auf Ätzmittel.
Als Vorbild nutze der Ganove echte Skulpturen, die er mit "Details von anderen klassischen Meisterwerken, etwa Frisur oder Tracht", garniert, erklärt der Professor aus Halle. "So entstehen Klitterungen auf höchstem Niveau."
Alle diese verdächtigen Kennzeichen finden sich auch bei einer Bronze, welche die Zürcher Galerie Rhéa im Frühjahr auf der weltgrößten Antiquitätenmesse in Maastricht zeigte. Dargestellt ist ein Mann mit soldatischem Kurzhaar - angeblich der römische Kaiser Geta, ermordet 211 nach Christus.
Über Herkunft und Fundort ist nichts bekannt. Was auffällt: Die grünschimmernde Plastik hat mehrere Beulen an der Stirn, die allerdings von innen nach außen vorstehen. Ist auch dieses Antlitz unecht und stammt aus der Hand des Meister-Schummlers?
Wie die mutmaßliche Trugware auf den Kunstmarkt gelangt, lässt eine Ausstellung erahnen, die im Jahr 2000 in der Provinzstadt Stendal (Sachsen-Anhalt) stattfand. Zum Erstaunen der Fachwelt präsentierte das dortige Winckelmann-Museum eine Sensation: Eine bis dahin unbekannte Büste des Welteroberers und Trunkenbolds Alexander des Großen sei aufgetaucht.
Der Organisator Max Kunze - zu DDR-Zeiten Leiter des Pergamonmuseums in Ost-Berlin - hatte den Ausstellungskatalog geschrieben. Dort lobte er den erzenen Griechenherrscher als fabelhafte Arbeit aus dem 3. Jahrhundert. Zur Herkunft äußerte er sich nicht.
Sieben Wochen später ging das Objekt zurück zu Symes. Sein weiterer Verbleib ist unbekannt.
Lehmann empörte sich, das Museum diene als "Waschanstalt" fragwürdiger Altertümer. Es kam zum juristischen Streit.
Zwar räumte Kunze ein, mit der Kapitalgesellschaft Robin Symes Ltd. verbunden gewesen zu sein. Deren Chef aber will er kaum kennen. Auch habe er kein Geld für seine Gutachten erhalten.
Ungeschoren kam der Antikengewaltige aus der Honecker-Zeit dennoch nicht davon. Das Gericht hielt ihm vor, gegen Richtlinien zum Schutz vor Raubgrabungen verstoßen zu haben. Exponate ohne Herkunftsnachweis hätte er nicht ausstellen dürfen.
Lehmann reicht das nicht. Er will weiter das Wort Waschanstalt benutzen, das ihm die erste Instanz verbot. Im kommenden Februar geht der Prozess beim Oberlandesgericht in Naumburg in die nächste Runde.
Aber noch in einem anderen Fall stellte Kunze seinen Sachverstand in den Dienst von Symes. Bereits 1999 hatte er vier Porträts aus dessen Depots für antik erklärt, die der münstersche Archäologe Floren durchweg für gefälschte Ware hält. Eines davon gelangte über Umwege ins Nationalmuseum von Tadschikistan.
Wurde da in großem Stil Gegenwartsnippes zu klassischem Augenschmaus umgedeutet?
Der Angegriffene fühlt sich dagegen verleumdet. Er habe nach reiner Überzeugung und bestem Wissen geurteilt: "Die Alexanderbüste ist definitiv echt."
Allerdings steht er mit dieser Meinung ziemlich allein da. Der Kunsthändler Leon etwa stuft die Skulptur als "dreiste Fälschung" ein. Ebenso urteilt die große US-Archäologin Brunilde Ridgway.
Beweise allerdings sind nicht leicht zu erbringen.
Zwar lässt sich die Echtheit antiker Statuen mit technischem Gerät beweisen - etwa durch die Prüfung des Isotops Blei-210 in der Bronze. Auch die Analyse der Patina im Rasterelektronenmikroskop bringt klare Resultate. Doch solche Tests finden bislang kaum statt.
Der Druck allerdings nimmt zu, die schwarze Liste wird länger. Erst vor wenigen Wochen geriet auch das Antikenmuseum Basel ins Visier der Fachleute. Dort stehen zwei wunderschöne Frauen aus Metall - der ganze Stolz des Hauses.
Allerdings geben die Damen Rätsel auf. Von keiner der beiden ist die Herkunft bekannt. Die eine soll eine Göttin darstellen. Aber welche?
Die andere zeigt eine etwa 40-jährige Römerin mit strenger Miene. "Zuerst dachten wir, es sei die berühmte Kaiserin Sabina", so der Direktor Peter Blome. Gemeint ist die Gattin Hadrians. Doch der Verdacht zerschlug sich. Nun heißt es vage, es handle sich wohl um eine "verschleierte Priesterin".
Eine Expertise brachte weitere Verwirrung. Die Kopfbinde der Frau steht für die römische Zeit ohne Parallele da. Ebenso ungewöhnlich ist ihre Frisur aus Haarknoten und Querzopf. Ersteren trug die Damenwelt um 50 v. Chr., für Letzteren gibt es kein Vorbild.
Was für ein Potpourri.
Zudem fehlt dem Denkmal der Standzapfen. Es hätte auf keiner Säule befestigt werden können.
Trotz all dieser Sonderbarkeiten regte sich bei den Gelehrten kein Misstrauen. Selbst am Top-Zustand des Metalls störte sich bislang niemand.
Durch Lehmanns Alarmruf dürfte sich das nun ändern. Er deutet das Rätsel um die seltsame Priesterin völlig neu und macht daraus einen spannenden Kriminalfall.
"Das strittige Exponat ist keine 30 Jahre alt", sagt er. "Es ist eine phantastische Schöpfung aus dem Atelier des ,Spanischen Meisters'."
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 47/2011
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