21.11.2011

BRASILIEN Rios verschleppte Kinder

Bei der Fußball-WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 will Brasilien sein Image als Schwellenland abschütteln. In den Elendsvierteln Rio de Janeiros, die als größtes Sicherheitsrisiko gelten, erobert der Staat die Kontrolle zurück - mit rabiaten Methoden.
Die Männer kamen in der Dunkelheit. Sie trugen Sturmgewehre, sie packten Jonathan und schleppten ihn in einen Transporter. Was dann passierte, daran erinnert er sich nicht mehr. Er war mal wieder auf Crack.
Jonathan, der zehn Jahre alt sein könnte, vielleicht aber auch zwölf, ist ein Crack-Kid, eines von Hunderten drogensüchtiger und obdachloser Kinder, die auf Rio de Janeiros Straßen leben. Sein Vater, ein Dealer, wurde durch einen Gesichtsschuss getötet, als Jonathan ein Kleinkind war. "Mama war kurz darauf auch weg", sagt er. Seine Stimme klingt rau und trocken, ihm fehlen die vorderen Schneidezähne.
Zu seinem Revier gehörte das Complexo do Borel, eines der berüchtigtsten Elendsviertel, nur 20 Minuten mit dem Bus von den weltberühmten Stränden von Copacabana und Ipanema entfernt. Bis zu der Nacht im Sommer. Dann wurde er verschleppt. Von staatlichen Sicherheitskräften.
Jetzt sitzt der Junge im Garten eines Landhauses, knapp zwei Autostunden von Rio entfernt. Das Gebäude hat löchrige Dachziegel, von den Wänden bröckelt der Putz. Es gibt keinen Arzt und keinen Therapeuten. Es gibt nur bullige Aufpasser, die Funkgeräte am Gürtel tragen und die dafür sorgen, dass Jonathan und rund 20 weitere Minderjährige, die hier herumstreunen, das Gelände nicht verlassen.
An Orte wie diesen werden jene Kinder abtransportiert, die Rios Regierung als Sicherheitsrisiko einstuft; Kinder, die nicht nur rauben, um zu überleben, sondern für einen Raub womöglich auch töten würden.
Im Sommer 2014 richtet Brasilien die Fußball-WM aus, zwei Jahre später finden in Rio die Olympischen Spiele statt. Beide Großereignisse gelten als historische Chance für das Land. Brasilien will der Welt beweisen, dass der Schritt vom Schwellenland hin zu einer der bedeutendsten Industrienationen gelungen ist.
Nichts soll diese Selbstdarstellung stören. Deshalb hat die Stadtverwaltung Rio de Janeiros in diesem Frühjahr ein Gesetz erlassen, das den Zwangsentzug drogenabhängiger Straßenkinder erlaubt. Wie lange Crack-Kids wie Jonathan weggesperrt bleiben, ist unklar, genauso wie die Frage, wer sich um sie kümmert. Hauptsache, sie verschwinden aus dem Blickfeld.
Zwei der sechs Millionen Einwohner Rios leben in Favelas, verlässliche Zahlen gibt es nicht. Anfang der achtziger Jahre kapitulierte die Stadtverwaltung vor der sozialen Misere in den Elendsvierteln. Dadurch blühten inmitten des Zentrums Inseln der Gewalt und der Selbstjustiz, in denen Drogengangs die Macht übernahmen und fortan über Leben und Tod der Favela-Bewohner bestimmten.
Seit feststeht, dass Rio de Janeiro Gastgeber der zwei wichtigsten Sportereignisse dieses Jahrzehnts werden wird, läuft die Rückeroberung der lange ausgegrenzten Problemzonen - vor allem im Süden und Südosten der Stadt grenzen Favelas fast unmittelbar an Orte, die während der WM und der Sommerspiele Hunderttausende Touristen frequentieren werden.
Eine eigens ausgebildete Einheit, die Unidade de Polícia Pacificadora (UPP), rückt mit Unterstützung von Spezialkräften und des Militärs seit November 2008 nach und nach in die bedeutendsten Favelas ein, beschlagnahmt Waffen, verhaftet Drogenbosse und errichtet ein dichtes Netz eigener stationärer Kontrollpunkte. Die schwerbewaffneten und überall sichtbaren UPP-Beamten sollen symbolisieren, dass der Staat hier wieder regiert.
Mittlerweile hat Rios Stadtverwaltung 19 der größten Elendsviertel unter Kontrolle gebracht. Erst am vorvergangenen Sonntag stürmten 3000 Polizisten und Soldaten die Favela Rocinha, einen der am stärksten ausgeuferten Slums, in dem bis zu 250 000 Menschen leben sollen.
Die "Operation Friedensschock" begann morgens um vier Uhr. Panzerfahrzeuge postierten sich an strategisch wichtigen Punkten, schwerbewaffnete Spezialkräfte durchkämmten die steilen Gassen, in der Luft lag das einschüchternde Röhren der Helikopter, von denen aus der Einsatz koordiniert wurde. Wenige Stunden später war Rocinha eingenommen. Es fiel angeblich kein einziger Schuss.
Doch so friedlich bleibt die Lage nicht immer. Als die Sondereinheiten im vorigen Jahr den Complexo do Alemão besetzten, kam es zu tagelangen Schießereien. Mehr als 40 Menschen starben. Auch als die Sicherheitskräfte im Juni vorigen Jahres den Complexo do Borel stürmten, lieferten sie sich ein heftiges Gefecht mit der Drogengang Comando Vermelho, dem Roten Kommando.
Nun erteilt Coronel Robson in den besetzten Favelas die Befehle. Robson, 48, seit 26 Jahren Polizist, ist der führende Mann der Sondereinheit UPP. Die Operation Friedensschock ist sein Projekt, das ganze Land schaut jetzt auf ihn. Am Erfolg seiner Mission, so glauben viele, werde die Welt die Integrationskraft und Fortschrittlichkeit der brasilianischen Gesellschaft schließlich messen.
Andererseits greifen die Pläne des Coronels tief in den Mythos des brasilianischen Fußballs ein. Das "jogo bonito", das schöne Spiel, hat seinen Ursprung in den Favelas, viele der besten Spieler des Landes wuchsen im anarchischen Kosmos der brasilianischen Millionenstädte auf. Die Frage ist, was davon bleibt.
"Ohnmacht", sagt der UPP-Chef, "ist das Letzte, was sich Rio de Janeiro zweieinhalb Jahre vor der Fußball-Weltmeisterschaft leisten kann." Es ist ein Samstagnachmittag, zwei Uhr. Es regnet. Coronel Robson ist auf Streifzug. Er hat auf dem Beifahrersitz einer schwarzen Limousine Platz genommen, auf den Schultern seiner Uniform glänzen jeweils drei Sterne, die Mütze liegt schräg über dem Kopf.
Das Fahrzeug biegt in eine Seitenstraße, dem Weg zur einzigen Einfahrt in die Favela Morro do Turano. Das Tor, das durch die Steinmauer führt, heißt "boca", Mund. Es ist ein Elendsviertel, in das Robsons Leute im vergangenen Jahr einmarschiert sind. An der Ecke zu dem Tor parkt ein gepanzertes Fahrzeug. Die Insassen, zwei Polizisten, tragen Uniform und kugelsichere Weste. Als sie die Limousine ihres Vorgesetzten mit den abgedunkelten Scheiben entdecken, springen sie auf die Straße und salutieren.
Dann passiert der Wagen die boca. Vor gut einem Jahr hätten die Drogenbosse, die den Slum kontrollierten, an dieser Stelle das Feuer auf den Coronel eröffnet. Heute bleibt es ruhig. Eine enge Straße aus Kopfsteinpflaster schlängelt sich nach oben, an den Hängen ein Meer aus Hütten. Sie wurden aus Steinen, Kistenbrettern, Blechkanistern oder Palmwedeln gezimmert und werden von Holzstelzen gestützt. Trotzdem scheint es, als stürzten sie jeden Moment in die Tiefe.
In der Luft liegt der penetrante Geruch von verbranntem Plastik, eine Müllabfuhr gibt es hier nicht. Es sind kaum Männer auf den Straßen zu sehen, einige Frauen sitzen vor ihren Hütten. Die Ruhe wirkt bedrückend - als würden die Menschen in den UPP-Kräften keine Beschützer sehen, sondern Besatzer und sich vor ihnen verschanzen.
Coronel Robson, geschieden, eine Tochter, mit einer Polizistin liiert, befehligt in Morro do Turano nun rund 300 Militärpolizisten. Sie haben sich in Abständen von etwa 150 Metern postiert, Maschinenpistole im Anschlag und Schlagknüppel am Gürtel. So sollen sie einerseits Gewalt unterbinden und andererseits Favela-Bewohnern den Eindruck von Sicherheit vermitteln. Zu oft hätten Polizei und Armee bei früheren sporadischen Einsätzen in den Elendsvierteln Spuren des Todes und der Verwüstung hinterlassen, sagt Coronel Robson. Er hofft auf Annäherung.
Sogar den Drogenhandel dulden die UPP-Kräfte, Umschlagplatz sind die Gassen hinter der boca. Wenn es dunkel geworden ist, stehen jede Nacht Dutzende Touristen und Bewohner aus den wohlhabenden Vierteln Rios hier Schlange, um an Kokain oder Crack zu kommen - allesamt Menschen, zu deren Schutz Coronel Robson eigentlich da ist.
Dealer, die am besten im Geschäft sind, verdienen hier in guten Monaten umgerechnet bis zu 200 000 Euro. Einer von ihnen ist Peterson. Wie jeden Abend steht er auf dem Dach einer Steinhütte, er tänzelt von einem Bein auf das andere. Seit die UPP-Sicherheitskräfte die alten Drogenbosse aus der Gegend vertrieben haben, kontrollieren er und ein Freund jetzt den Markt. Das Dach ist sein Beobachtungsposten, hier hat er die Polizisten im Blick, "wie sie sinnlos da rumstehen und auf ihre Handys starren".
Peterson ist 19 Jahre alt. Er sagt, er habe die Mauern der Favela noch nie verlassen. Die Geschichte des Jungen ist in dieser Umgebung so etwas wie eine Durchschnittsbiografie: Der Vater erschoss die Mutter, als Peterson zwei Monate alt war, kurz nach der Tat war auch der Vater tot, ein Racheakt. So wuchs der schlaksige Kerl mit dem kurzrasierten Haar bei seiner Großmutter auf.
"Wir können die Drogen nicht aus Rio de Janeiro verbannen", sagt Coronel Robson trocken, "wer das glaubt, der ist naiv." Sein Fahrer ist am Gipfel des Hügels angekommen, den die Favela verschlungen hat. Hier steht ein blau und weiß angestrichener Container, der an ein Playmobil-Haus erinnert, ein Stützpunkt der UPP. Coronel Robson streift die Mütze vom Kopf und lässt sich von einem Beamten eine Tasse Kaffee bringen.
Er ist jetzt weltweit gefragt. Vor wenigen Wochen stellte Robson sein Konzept in Buenos Aires vor. In Berlin hielt er einen Gastvortrag bei der Heinrich-Böll-Stiftung, bei einer Konferenz in Barcelona sprach er, und auch in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá trat er auf. Alle wollen wissen, wie der Coronel die Favelas befrieden und Gräben in der brasilianischen Gesellschaft überwinden will, die unüberwindbar scheinen.
In der Favela Complexo do Borel gibt es einen Platz, der Chácara do Céu heißt, Villa zum Himmel. Bis vor anderthalb Jahren beschossen sich an dieser Stelle Mitglieder zweier rivalisierender Drogengangs, nirgendwo in dem Elendsviertel starben bei Gefechten mehr Menschen.
Seit kurzem können Kinder hier Fußball spielen. Es riecht nach Gummi, ein Kunstrasen wurde frisch verlegt, Jungen und Mädchen toben um einen Polizisten herum. Der Beamte trägt ein T-Shirt, Weste und Waffe hat er abgelegt. Eben hat er Fußballschuhe und Trikots an die Kinder verteilt, die meisten haben bislang immer nur barfuß gespielt. Auf den Ärmeln ihrer Trikots ist kaum sichtbar der Name Zico aufgedruckt - der frühere Nationalspieler, einer der größten Fußballstars, die Brasilien jemals hervorgebracht hat, unterstützt das Projekt.
"Wir wollen die Kinder erreichen, die noch nicht drogensüchtig sind", sagt Coronel Robson, "Kinder, die noch nicht verloren sind." Für Crack-Kids wie Jonathan dagegen ist in seinem Weltbild kein Platz. Der UPP-Chef hat einen kalten Blick auf Brasiliens Gesellschaft und kein Problem, die Zwangseinweisung Minderjähriger "zum Schutz der Allgemeinheit" zu verteidigen.
In Brasilien stößt das rabiate Vorgehen der Sicherheitskräfte vermehrt auf Widerstand. Die landesweit bekannte Professorin Raquel Rolnik, die an der Universität von Sāo Paulo Stadtplanung lehrt und für die Vereinten Nationen als Sonderberichterstatterin für das Recht auf angemessenes Wohnen aktiv ist, wirft der Regierung vor, dass sie "mit den Umsiedlungsprojekten gegen Grundrechte verstößt".
Auch der frühere Weltfußballer Romário kritisierte die Einsätze. Romário, seit zwei Jahren Mitglied der Sozialistischen Partei Brasiliens, hielt kürzlich vor dem Parlament eine Rede. Er sagte: "Wir können nicht zulassen, dass Menschen vertrieben werden." Und er sprach von "Verhältnissen wie im besetzten Palästina".
Romário, 1994 mit der brasilianischen Nationalmannschaft Weltmeister, stammt aus der Favela Jacarezinho in Rio de Janeiro.
(*) Unten: bei der Eröffnung einer Fußballschule im Februar in Rio de Janeiro.
Von Gilbert, Cathrin

DER SPIEGEL 47/2011
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