Von Hacke, Detlef
Stefan Bradl beherrscht die Kunst, eine Rennmaschine am Limit zu bewegen, er kennt sich aus mit Fahrwerken, Elektronik und Motoren. Zuletzt galt seine Aufmerksamkeit allerdings simpler Alltagstechnik: Türklingel und Briefkasten.
Vorige Woche erreichte Bradl, wohnhaft in 86573 Obergriesbach, Ortsteil Zahling, ein ersehntes Schreiben. Es umfasst einige Seiten und ist auf Englisch formuliert, es wurde in Italien aufgesetzt und in Japan abgesegnet. Bradl brauchte es nur noch zu unterzeichnen. Jetzt besitzt er einen Fahrervertrag für die kommenden zwei Jahre. Und damit eine Perspektive, wie sie lange kein deutscher Motorradrennfahrer mehr hatte. "Ein Traum", sagt Bradl.
Das Papier besiegelt seinen Aufstieg in die MotoGP-Klasse, die höchste Kategorie der Motorradweltmeisterschaft. Sie ist die Formel 1 des Zweiradsports. Im italienischen LCR-Team wird Bradl eine Werksmaschine von Honda steuern.
Vor zwei Wochen gewann er den Titel in der Moto2, der nächstkleineren Klasse. Dort fahren alle mit Einheitsmotoren, die 140 PS leisten und an denen nichts verändert werden darf. Inzwischen hat Bradl auf der Strecke von Valencia erstmals sein neues Arbeitsgerät ausprobiert. "Power ohne Ende", sagt er. "Das ist eine Rakete." 240 PS haben mit den 61 Kilo von Bradl und den 150 Kilo Maschinengewicht leichtes Spiel. Bradl ist jockeyhaft klein, er hatte bei dem Test damit zu kämpfen, "dass beim Beschleunigen das Vorderrad am Boden bleibt und das Hinterrad nicht dauernd durchdreht". Damit die Leistung nicht zu brachial einsetzt und der Ritt zum Rodeo wird, zügelt eine Elektronik die Motorkraft. "Ohne diese Fahrhilfen", sagt Bradl, "würde man nach drei Kurven abfliegen."
Zwei Tage lang raste er unfallfrei auf der Strecke umher. Dann stieg Bradl erschöpft vom Sattel, hatte aber mit beachtlichen Rundenzeiten die LCR-Techniker überzeugt. Letzte Zweifel an der Tauglichkeit des Neulings waren ausgeräumt.
Vor allem der japanische Industriekonzern Honda, weltweit größter Produzent von Motorrädern, hatte Bradls Klassenwechsel vorangetrieben. Auch die Vermarktungsgesellschaft der Rennserie, Dorna, will endlich einen deutschen Spitzenpiloten in der MotoGP starten sehen. Gemeinsam übernehmen Honda und Dorna Finanzgarantien. Sie würden einspringen, falls es LCR-Teamchef Lucio Cecchinello nicht schafft, den Saisonetat von sechs Millionen Euro mit eigenen Sponsoren abzudecken. Cecchinello hofft, mit Bradl an ein werbefreudiges Unternehmen wie Red Bull heranzukommen.
Sie alle spekulieren darauf, dass Bradl eines Tages populär wird und zum Zweirad-Vetter von Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel aufsteigt. Die Superstars der MotoGP kommen aus Spanien, Italien, Australien und Amerika. Bradl ist ein Exot. Ein erfolgreicher deutscher Rennfahrer zu sein, sagt er, sei bei seiner Zukunftsplanung "recht hilfreich".
Sein WM-Sieg schürte jedoch einen Konflikt. Einerseits hatte Bradl seinem Team Kiefer Racing zugesagt, weiter in der Moto2 zu fahren. Andererseits hatte der tragische Unfalltod des Italieners Marco Simoncelli Ende Oktober den Fahrermarkt in der MotoGP abrupt in Bewegung gebracht.
Eine Folge davon war, dass LCR seine Kandidaten an Konkurrenzteams verlor. Cecchinello suchte weiterhin einen Piloten und frischte den Kontakt zu Bradl auf. Der Deutsche zeigte sofort Interesse. Denn für ihn ergab es kaum Sinn, eine weitere Saison in der Klasse zu bleiben, in der er es gerade zum Weltmeister gebracht hatte. Nur: Er stand ja bei Kiefer im Wort.
Auch dieses Problem regelte Honda. Die Japaner boten Kiefer an, eine sechsstellige Ablöse zu zahlen. Damit war der Weg frei. "Wie oft hätte ich noch die Möglichkeit bekommen, MotoGP zu fahren?", sagt Bradl. "Ich musste die Chance einfach nutzen."
Obwohl er erst 21 Jahre alt ist, hat er schon zu viel erlebt, um eine gute Gelegenheit zu übersehen. Seinen ersten Grand Prix fuhr er bereits mit 15. Mit 17 trat er vom Rennsport zurück, weil er den Drill in einem spanischen Nachwuchsteam, zu dem er gewechselt war, hasste. Drei Monate später saß Bradl allerdings wieder auf einer Rennmaschine, weil ihm langweilig geworden war. Seitdem hat er sieben Grand Prix gewonnen. Viel Geld hat er bislang nicht damit verdient. Noch vor einem Jahr arbeitete er als Gabelstaplerfahrer, um die Winterpause zu überbrücken.
Mit Gelegenheitsjobs ist nun Schluss, er wird sich ganz auf den Rennsport konzentrieren. Honda möchte mit Bradl den stark gesunkenen Absatz von Zweirädern beleben. Nur rund 130 000 fabrikneue Motorräder und Roller legen sich die Deutschen dieses Jahr zu. Vor elf Jahren waren es noch fast doppelt so viele.
Stefan Bradls Vater Helmut, 50, früher ebenfalls ein erfolgreicher Rennfahrer, betreibt daheim in Zahling ein Geschäft für Motorräder und Zubehör. Im Angebot hat das Familienunternehmen auch Rasenmäher. Die verkaufen sich besser.
DER SPIEGEL 47/2011
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