28.11.2011

BUNDESREGIERUNGDie halbe Kanzlerin

Angela Merkel wirkt oft wie ein Regierungsautomat, kühl und unnahbar. Dabei hat sie ein munteres Gemüt, das sie aber öffentlich nur selten zeigt. Auch deshalb erscheint die deutsche Demokratie so ausgedorrt. Und der Europapolitik fehlt die emotionale Grundlage. Von Dirk Kurbjuweit
Wenn Angela Merkel morgens aufsteht, beginnt sie nicht gleich damit, den Euro zu retten, sie führt sich nicht auf wie eine Frau, die Europa dominiert, Deutschland dominiert, die Union dominiert, sie führt sich nicht auf wie eine Frau, die angeblich Helmut Kohl weggebissen hat, Wolfgang Schäuble weggebissen hat, Friedrich Merz weggebissen hat. Wenn Angela Merkel morgens aufsteht, macht sie ihrem Mann das Frühstück. Sie will, dass Joachim Sauer etwas Ordentliches im Bauch hat, bevor er das Haus verlässt.
Sie hat das selbst erzählt. Das war auf einem Flug von Nigeria nach Berlin im Juli dieses Jahres. Bei einem Mittagessen hat sie den nigerianischen Präsidenten Goodluck Jonathan gefragt, ob er zu Hause koche. Jonathan musste lachen. Er, der Präsident, ein Mann und kochen? Sie koche gern, hat ihm Merkel gesagt, und sie mache ihrem Mann das Frühstück. Jonathan stand auf und sagte in seiner Tischrede, die nigerianischen Frauen sollten sich ein Beispiel an der Bundeskanzlerin nehmen und ihren Männern auch jeden Morgen das Frühstück machen.
Merkel war amüsiert, als sie diese Geschichte im Flugzeug erzählte. Sie hatte etwas anderes gewollt. Sie hatte Jonathan als Menschen angesprochen, als ein Wesen, dem es möglich sein könnte, zu Hause zu kochen, so wie sie auch gern kocht und das Frühstück zubereitet. Jonathan machte daraus eine politische Botschaft: Ihr Frauen, seid dienstfertig gegenüber euren Männern.
Es ist tatsächlich nicht ganz leicht, sich vorzustellen, wie Angela Merkel morgens das Frühstück macht, Kaffee brüht und Marmelade auf den Tisch stellt, verschlafen noch, vielleicht mit ersten trüben Gedanken an den Euro. Sie ist die Bundeskanzlerin, sie trägt die Aura dieses Amtes mit sich, und darin verschwindet leicht der Mensch, der sich so verhält wie andere auch.
Merkel hat das Image eines Regierungsautomaten, sie gilt als kühl, als ewig gleichmütig, unnahbar. Ihre Einheitskleidung, Hose und ein zugeknöpftes Sakko, unterstreicht den Eindruck der Entrücktheit. Nach diesem Bild ist sie ein Mensch, der nicht das Frühstück macht.
Es ist die Rolle, die sie in der Öffentlichkeit spielt, das Bild, das sie abgibt. Aber es ist ein unvollständiges Bild. Ich habe Angela Merkel über viele Jahre begleitet, war auf ihren Reisen dabei, habe an fast allen Hintergrundgesprächen teilgenommen und sie oft auf ihren Terminen beobachtet. Sie war auch kühl, auch gleichmütig, nicht unnahbar, aber meistens distanziert. Ein Regierungsautomat ist sie jedoch nicht. Es gab immer wieder Momente, in denen sie anders war, in denen Merkel ein lebhaftes Gemüt zeigte. Im kleinen Kreis ist sie oft ganz anders als in der Öffentlichkeit.
Gemüt ist das Wort, um das es hier vor allem gehen soll. Was für ein Gemüt hat Angela Merkel, und welche Folgen hat das für ihre Politik, vor allem für ihren Kampf um den Euro?
Ein Gemüt setzt sich zusammen aus den Emotionen, die da sind, und denen, die nicht da sind. Emotionen bewegen sich im Spektrum von Liebe und Hass, das sind die Extreme.
In meinen Notizen findet sich einmal das Wort "geliebt". Da ging es um die Wehrpflicht, die habe sie geliebt, hat Angela Merkel gesagt. Es hat sie nicht daran gehindert, die Wehrpflicht ruck, zuck auszusetzen. Eine große Liebe war es wohl nicht. Hass kam nicht vor bei ihr, jedenfalls nicht hörbar, nicht sichtbar. Aber jenseits dieser Extreme kann man mit Merkel alles erleben. Zorn, maßlose Heiterkeit, Zuneigung, Missmut, Freude, Traurigkeit.
Tränen? Nie gesehen, außer Lachtränen. Frage an einen Vertrauten, der oft bei ihr ist: Gibt es Tränen der Traurigkeit oder der Wut bei der Bundeskanzlerin? Antwort: "Es gibt das gesamte Spektrum emotionaler Ausdrucksweise."
Also auch Tränen?
"Das gesamte Spektrum."
Ist das relevant? Politik werde zu stark personalisiert, heißt ein Vorwurf gegen die Medien, auch gegen den SPIEGEL. Es müsse mehr um Sachthemen gehen. Natürlich muss es um Sachthemen gehen, aber es kommt zudem sehr auf das regierende Gemüt an, auf den Menschen. Es macht einen riesigen Unterschied, ob Angela Merkel oder Peer Steinbrück regiert, und zwar nicht wegen der Programme, Ideologien oder Visionen, die spielen keine so große Rolle mehr - sondern wegen der Gemüter. Der Mensch in der Spitzenpolitik ist in all seinen Empfindungen politisch relevant, weil die Spitzenpolitik den ganzen Menschen fordert.
Paradoxerweise ist es umso schwieriger, über eine Bundeskanzlerin zu schreiben, je mehr man von ihr mitbekommt. Man sammelt ein Wissen an, das man nicht verwenden darf. Ich habe Dutzende Hintergrundgespräche erlebt, aber alle waren "unter drei". Das heißt, es darf nichts davon berichtet werden. Das Absurde daran ist, dass man nicht für sich zu diesen Hintergrundgesprächen geht, sondern für seine Leser. Aber die sollen nichts erfahren dürfen.
Als Angela Merkel in der Mongolei war, empfing sie der Präsident in der Staatsjurte, einem Zelt, das in Ulan Bator im Regierungspalast steht. Merkel wurde dort Stutenmilch angeboten, weil das in der Mongolei so üblich ist. Auf dem Rückflug nach Berlin fragte ein Journalist Regierungssprecher Steffen Seibert, ob die Bundeskanzlerin von der Stutenmilch gekostet habe. Seibert gab Auskunft, rief dann aber, das sei "unter drei". Die Stutenmilch war damit Staatsgeheimnis. So absurd ist das.
Fast alle Teilnehmer von Merkels Hintergrundrunde - das sind vor allem die Berliner Büroleiter der großen Medien - spielen mit diesem System. Sie deuten an, zitieren ohne Quellenangabe oder auch einmal vorsichtig mit, es gibt da eine Grauzone.
Dies ist ein Grauzonenbericht, es geht tief hinein, ohne dass Staatsgeheimnisse ausgeplaudert werden, jedenfalls keine bedeutenden.
Mensch Merkel
Merkel lacht. Sie steht im Regierungsflugzeug und lacht haltlos. Sie kann nicht mehr sprechen, ihre Augen glänzen, ihr Körper bebt. Sie will weiterreden, aber ihre Worte verenden in einem Prusten, sie lacht weiter. Tränen. Glucksen.
Sie kommt aus Litauen und hat gerade erzählt, dass die Litauer besorgt sind wegen eines Atomkraftwerks, das die Weißrussen an der Grenze bauen. Eines Tages hat sich der litauische Ministerpräsident offenkundig entschlossen, mit seiner Familie zu dieser Baustelle zu radeln, um sich mal einen Eindruck zu machen, getarnt als Touristen. Merkel ist an dieser Stelle schon ziemlich amüsiert. Aber dann war es noch so, dass der radelnde Ministerpräsident von der weißrussischen Polizei aufgegriffen wurde. Merkel beginnt zu lachen und verliert sich in diesem Lachen.
Sie kann ausgelassen sein. Sie ist ein eher fröhlicher Mensch, einer ihrer Hauptzustände ist der des Amüsiertseins. Sie findet vieles lustig an ihrem Kanzlerinnenleben, vor allem das, was ringsum so schiefgeht. Merkel ist nicht unbedingt ein Fan des Gelingens, wenn es um andere Leute geht.
In der Lachszene zeigt sich auch Statusbewusstsein. Man kann das nur so ungeheuer lustig finden, wenn man es für undenkbar hält, dass ein Regierungschef zur AKW-Baustelle eines Nachbarlandes radelt. Merkels Lachen ist also eine ähnliche Reaktion wie die von Goodluck Jonathan auf ihren Frühstücksservice für Joachim Sauer. Es zeigt sich jeweils die Verwunderung, dass andere Amtsträger ihre Amtswürde etwas lax definieren. Jeder hat ein eigenes Verständnis davon, wie weit er Mensch bleiben kann. Eine Grenze sieht aber jeder am Ende. Bei Merkel ist sie nur ein kurzes Stück in Richtung Staatsfrau verschoben.
Auf der dunklen Seite gibt es keine entsprechende Ausgelassenheit bei Merkel. Ich habe sie nie im Zorn brüllen gehört, und ihre Mitarbeiter sagen auch, dass sie das nicht tue. Ihre Art, Zorn zu zeigen, ist die Kälte. Bei einer Gesprächsrunde zu den Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke verhedderte sie sich einmal in den Zahlen und Fakten und bat einen Beamten um Hilfe. Der redete los, machte es aber nicht besser.
"Das ist eine sehr beachtliche Bemerkung", sagte Merkel zu dem Beamten. In ihrem Gesicht zeigte sich ein mokantes Lächeln, und ihr Ton war von böser Ironie vergiftet. Der Beamte erglühte und verlor dann seine Gesichtsfarbe. Als Leiche saß er weiterhin mit am Tisch.
Nach dem Gespräch ging Merkel zu ihm und sagte: "Die Antwort war auf jeden Fall richtig, hat mir aber nicht weitergeholfen." Ihr Gesicht war freundlich, milde, der Ton versöhnlich. In den Beamten zog wieder Leben ein. Merkel ist eine Herrscherin, die ihre Grausamkeiten nicht auf die Spitze treiben will.
Sie kann furchterregende Gesichter machen, und seltsamerweise passiert das oft, wenn sie Fragen hört. Man fragt also, wie das beim Präsidenten von Amerika oder Angola war oder wie es weitergeht mit der Koalition, und schaut dabei in eine Miene, die eine Bedrohung ist. Die Augen sind zusammengekniffen, das Kinn rückt vor, die Lippen sind schmal und bleich, weil Merkel sie fest aneinanderpresst.
Dann kommt eine freundliche Antwort, auch nach aggressiven Fragen. Das ist ein Rätsel ihrer Mimik, die manchmal verrutscht wirkt, als wären ihr Gemütszustand und ihr Gesicht nicht ordentlich aufeinander abgestimmt. Sie guckt grimmig, ohne grimmig zu sein, und sie weiß das. "Das ist halt meine Art", hat sie dazu gesagt.
Mit ihrer Sprache ist es ähnlich. Ihr verrutschen oft die Sätze, die eine Emotion ausdrücken sollen. Sie hat gesagt, dass sie sich über den Tod von Osama Bin Laden freue, und das war so kalt, dass sie, die Christin, es kaum so empfunden haben dürfte. Zum Abgang von Horst Köhler ist ihr das Kuriosum eingefallen, sie würde den aufs "Allerhärteste" bedauern. Merkel hat keine Sicherheit darin, Gefühle auszudrücken.
Sie hat nie Überraschung gezeigt, hat mit allem immer schon gerechnet und findet nichts dramatisch. Sie erzählt sich und ihren Zuhörern die Welt so, dass sie nicht heftig darauf reagieren muss. In ihrer Sprache heißt ein Streit mit der CSU "kleine Ausbuchtungen". Da kann man ja nur gelassen bleiben.
Merkels Dauerauftrag an sich selbst ist die Reduktion, runterdimmen, kleinmachen, entdramatisieren. Das hat den Vorteil, dass die Lage immer beherrschbar scheint, in ihrer Nähe kann Hysterie nicht aufkommen. Aber es hat den Nachteil, dass ihre Politik stumpf wirkt.
Mindestens zwei Spitzenpolitiker der Union haben Angela Merkel in den letzten Monaten ermuntert, eine große, gern auch emotionale Rede zur Lage des Euro zu halten, übertragen vom Fernsehen und vom Radio. Sie wollte das nicht. Sie will auf keinen Fall in eine große Gefühlssituation kommen, als habe sie die Sorge, dazu nicht das Richtige auf die richtige Weise sagen zu können.
Ihren Wahlkampf 2009 führte sie mit Absicht extrem stumpf, damit sich niemand über sie ärgern musste, also nicht ihretwegen für eine andere Partei stimmte. Sie hielt die Emotionen klein und damit auch die Wahlbeteiligung. Darin sah sie einen Vorteil für die Union, und ihre Rechnung ging auf. Aber der Demokratie, die zur Legitimation eine hohe Wahlbeteiligung braucht, hat sie damit einen Bärendienst erwiesen.
Ich habe dreimal bei ihr etwas erlebt, das man einen emotionalen Ausbruch nennen könnte. Einmal ging es um Karl-Theodor zu Guttenberg. Das war im März dieses Jahres, kurz nach seinem Rücktritt als Verteidigungsminister. Er hatte bei seiner Doktorarbeit heftig getrickst. Merkel wurde darauf angesprochen, und normalerweise weint sie Scheidenden keine Träne nach, aber diesmal zeigte sie sich berührt, zeigte eine Mischung aus Wut und Traurigkeit. Wut, weil Guttenberg so geschmäht wurde, Traurigkeit, weil er ihr fehlen würde.
Sie hielt spontan eine kleine emotionale Rede, sie rühmte ihn für sein Talent, Menschen zu erreichen, für seine Gewandtheit auf dem Parkett, sein gutes Aussehen, sie zeigte Freude darüber, dass jemand in ihrer Nähe war, der ein Star ist, nicht ein politischer Star, sondern ein Popstar. Merkel war während dieses Vortrags so bewegt, dass sie die ganze Zeit ein Fadenende an ihrem Ärmelknopf drehte. Am Ende sagte sie, dass "offenkundig die hohe emotionale Kompetenz, Menschen zu erreichen, nicht kombinierbar ist mit bürokratischer Akribie". Ein Satz über Guttenberg, aber er ergibt auch Sinn als Satz über die Unvereinbarkeit von ihren und Guttenbergs Fähigkeiten. An bürokratischer Akribie, an Detailbesessenheit lässt sie sich von keinem anderen Spitzenpolitiker übertreffen.
Sie hatte schon bei anderer Gelegenheit Guttenberg mit den Worten gerühmt, "ich finde das schön, ich kann nicht alles schaffen und abdecken". Er war eine Ergänzung ihrer selbst, war ihr Minister für Emotionen, für politisches Spektakel. Seltsam ist allerdings, dass sie eine emotionale Rede halten konnte auf einen Mann, der die emotionalen Defizite ihrer Politik ausbügeln sollte.
Die Pointe ihrer Kanzlerschaft ist, dass sie einmal eine schwerwiegende Entscheidung aufgrund von Emotionen getroffen hat. Das war der Atomausstieg nach der Katastrophe von Fukushima. Merkel hat erzählt, wie erschüttert sie von diesen Bildern war. Sie sah die rauchenden Meiler auch mit den Augen einer Physikerin, die allen weisgemacht hatte, das Restrisiko sei zu vernachlässigen. Sie musste etwas wiedergutmachen und verordnete ihrer Partei und Deutschland einen Hals-über-Kopf-Ausstieg.
Bundeskanzlerin als Beruf
Es gibt Kartoffelsuppe, wieder gibt es Kartoffelsuppe. Angela Merkel kocht gern selbst Kartoffelsuppe, aber sie lässt sie auch den Berliner Büroleitern zum Hintergrundgespräch auftischen. Kanzleramt, achter Stock, Speisesaal, Merkel beginnt mit einem kleinen Vortrag, dann folgt eine Fragerunde. Gibt es Kartoffelsuppe, nimmt Merkel einmal nach, "zwei Kellchen", sagt sie dann zum Kellner.
Am 9. September 2010 begann Merkel ihren Vortrag so: "Die Herbstsaison hat begonnen. Es wird ein Schlagabtausch stattfinden, auf den man sich freuen kann."
Am 20. Januar 2011 so: "Dies wird eines der spannendsten Jahre."
Am 29. August 2011 so: "Es verspricht ja ein interessanter Herbst zu werden."
Freude. Spannung. Interessantsein. Merkel spricht häufig so über ihre Arbeit. Sie ist gern Bundeskanzlerin, Bundeskanzlerin ist ihr Lieblingsberuf. Warum?
Eine Antwort könnte sein, dass sie ihre Positionen oder die Positionen der CDU durchsetzen will. Aber so redet sie nicht. Wenn man ihre Eröffnungssätze betrachtet, erkennt man eine Frau, die sich darauf freut, Aufgaben zu lösen. Je schwieriger diese Aufgaben sind, desto spannender und interessanter findet das Merkel, desto freudiger geht sie ans Werk.
In dieser Hinsicht ist sie mehr Wissenschaftlerin als Politikerin. Zur Politik gehört klassischerweise eine Idee, die man durchsetzen will. Je leichter das ist, desto besser, denn die Belohnung liegt darin, die Welt nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.
Ein Wissenschaftler, streng verstanden, will keine Idee durchsetzen, sondern eine Aufgabe lösen. Die Belohnung fällt umso höher aus, je schwieriger die Aufgabe war. So sieht das Merkel. Sie ist Aufgabenlöserin, die Ideen sind nachrangig.
Deshalb fällt es ihr auch leicht, althergebrachte Positionen der CDU zur Familie, zur Kernkraft oder zur Westbindung aufzugeben. Merkel ist mehr Marxistin als Hegelianerin. Sie versucht nicht, die Verhältnisse den Ideen anzupassen, sondern richtet ihre Ideen nach den Verhältnissen. Man kann das auch Pragmatismus nennen oder einfach Wendigkeit.
Einen ihrer seltenen Ausbrüche hatte Merkel, als sie über die Strategie der Grünen nach der Berliner Landtagswahl sprach. Sie fand es unmöglich, dass die Partei darauf bestand, ein Autobahnstück nicht ausbauen zu lassen, womit sie für den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit als Koalitionspartner ausfiel. Sie könne sich darüber richtig erzürnen, brach es aus Merkel heraus. Ihre Stimme wurde lauter, die Worte strömten schneller, sie war unter Dampf, als sie erzählte, welche Deals die Grünen untereinander und mit der SPD hätten machen müssen, um in der Berliner Regierung zu landen.
Es war ein Moment, der die Kanzlerin kompetent zeigte. Sie weiß, wie so etwas geht. Das ist das Politische an ihr: das Streben nach Machtanteilen. Aber es war auch ein trauriger Moment. Ich habe nicht einmal erlebt, wie sie sich in einer Sachfrage ähnlich erregt hat. Es ist keine originelle Erkenntnis, aber eine andere ist nicht möglich: Merkels Leidenschaft gehört dem Machtspiel.
Eine notorisch unüberraschte Aufgabenlöserin mit hohem Machtwillen ist eine unangenehme Gegnerin. Man kann sie kaum zermürben, weil jede neue Schwierigkeit als neue Aufgabe willkommen geheißen wird. Man kann sie kaum zur Verliererin machen, weil mit jedem Kompromiss ihre Aufgabe gelöst ist, sei er noch so faul, wie die Gesundheitsreform oder die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke.
Merkel arbeitet mit der stahlharten Kraft des Spaßes. Sie hat Spaß, wenn sie Akten studiert, sie hat Spaß, wenn sie in ewigen Sitzungen sitzt. Sie genießt noch immer die exotischen Seiten, die ihr die Reisen bieten, zum Beispiel die Staatsjurte in Ulan Bator mit dem Angebot, Stutenmilch zu trinken, oder ein Mittagessen in Nairobi, das eine Mischung war aus Staatsbankett und Disco, rote Tücher in einem Hotelsaal, Lichterketten, grün, weiß, rot, und eine Band, die etwas orgellastig, aber ungemein fröhlich aufspielte. Merkel nippte an ihrem Weißwein und freute sich.
Allerdings gibt es da auch noch die Journalisten, die ständig an ihren Rockschößen hängen und die sie vielleicht so betrachtet, wie es Peter Handke in seinem Stück "Untertagblues" beschrieben hat: "Und schon wieder ihr. Und schon wieder muss ich mit euch zusammen sein. Halleluja. Miserere. Ebbe ohne Flut. Ihr verdammten Unvermeidlichen." Sie sitzen bei Hintergrundgesprächen in ihrem Speisesaal, in ihrem Kabinettssaal und in der Lounge ihres Flugzeugs.
Die sieht ungefähr so aus, als hätte sie ein orientalischer Waffenhändler einrichten lassen, glänzend lackiertes Edelholz, dicke Polstermöbel, lila Licht, metallgerahmte Bildschirme, die anzeigen, wo die Maschine gerade ist.
Merkel kommt und bietet den Kontrast dazu. In ihren Händen hält sie einen dampfenden Pappbecher mit der Aufschrift: "Schöner wach werden in einem Hotel von HRS". Sie quetscht sich zwischen zwei Journalisten, die Lounge ist zu klein, und sagt: "Also, wir fliegen nach New York, wie bekannt ist." - "So, Mongolei ist das Thema." - "So, also guten Tag und herzlich willkommen auf der Afrika-Reise." - "Ja, wir fliegen bekanntermaßen nach Singapur." - "Also, es geht jetzt nach Indien." - "Ja, wir reisen nach Malta und Zypern."
Wer noch nicht mitbekommen hat, wohin die Reise geht, wird von Merkel nicht im Stich gelassen. Sie ist freundlich zu den Journalisten, auch wenn die böse Sachen geschrieben haben, sie ist da ziemlich souverän. Ihr Ton ist distanziert, es gibt keine Nähe, und das ist richtig so. Eine Ausnahme ist Kai Diekmann, der Chefredakteur von "Bild". Wer die Bundeskanzlerin einmal aufgescheucht erleben will, muss sie mit Diekmann erleben. Sie ist dann ganz Ohr und liebenswürdige Betriebsamkeit. "Bild" ist das Massenmedium, auf das sie setzt und vor dem sie Angst hat.
Im Verhältnis zu den anderen Journalisten spürt man eine seltsame Fremdheit, eine Verkrampfung, die sich über die Jahre nicht gelöst hat, obwohl Merkel einmal versuchen wollte, die zu überwinden.
Malta, im Januar. Merkel hat politische Gespräche geführt, hat eine Kirche besichtigt, ein Staatsbankett freudig abgesessen und bittet nun, zum Ende eines langen Tages, die Journalisten ihrer Reisegruppe zu einem Hintergrundgespräch. Ihre Mitarbeiter haben Sofas und Stühle so aufgestellt, dass die Journalisten der Kanzlerin gegenübersitzen.
Sie kommt und ist enttäuscht. Sie habe sich gewünscht, sagt sie, "dass wir mal ungezwungen zusammensitzen". Aber sie hatte an die Bar gedacht, keine Konfrontation, ein Miteinander. Sie versucht es trotzdem: "Was bewegt Sie so?", fragt die Bundeskanzlerin. Rotwein, Knabbereien.
Niemand ist dieser Situation gewachsen. Die, die sonst antwortet, fragt. Und die, die sonst nie privat redet, fragt privat. Aus der geplanten Ungezwungenheit wird etwas Gezwungenes. Niemand kommt heraus aus seiner Rolle, es folgt ein verdruckster Austausch, schließlich ist man bei Guido Westerwelle. Wie ihr Verhältnis zu ihm ist? Merkel hat einen Schluckauf.
Nach einer knappen Stunde steht sie abrupt auf und sagt: "Okay, see you, morgen ist frühe Abreise." Sie geht davon, vorbei an der leeren Bar, sie hat einen spitzen Schritt, eine Art Stechschritt, sie erblickt einen Mitarbeiter und klappt einen Unterarm hoch zur Begrüßung. Manchmal sieht Merkel aus, als spiele sie einen Roboter.
Das unterschwellige Thema dieses Abends auf Malta war Einsamkeit. Zum Beruf des Bundeskanzlers gehört, das fast jede Beziehung komplett über diese Rolle definiert wird, weil sie so herausragend ist. Man kann nicht mal eben einer Bundeskanzlerin sagen, was einen bewegt.
Diese Gezwungenheit gilt auch für Nichtjournalisten. Wenn Merkel Schuhe kauft, kauft die Bundeskanzlerin Schuhe, damit geht jede Normalität verloren. Die Verkäuferinnen erstarren vor diesen zierlichen Füßen der Macht. Merkel hat erzählt, dass sie deshalb nur ungern Schuhe kaufen geht.
Ihre spontanen Begegnungen mit Bürgern wirken fast immer gehemmt. Als sie im Oktober in Hanoi den Literaturtempel besuchte, sprachen sie mehrere Deutsche an. Die Touristen sagten: "Wir kommen aus Düsseldorf." - "Wir sind aus Thüringen." "Ah, aus Düsseldorf", sagte Merkel. - "Ah, aus dem schönen Thüringen." Die Leute wollen fast immer ein Foto mit Merkel, und Merkel stellt sich zwischen sie und versucht sich an einem Lächeln, das mehr ist als nur schmal. Oft wirkt es befangen.
Ich habe nie erlebt, dass einem Bürger etwas Originelles eingefallen wäre oder einer rechtes Interesse an Merkel gezeigt hätte. Die Bürger sind nur gierig auf das Foto. Bundeskanzlerin ist kein Beruf, der günstig ist für bedeutende menschliche Kontakte.
Die Reise, die auf Malta folgte, führte Merkel nach Asien. In Singapur hat sie eine kleine Party für ihre Reisegruppe organisieren lassen, ein ungezwungenes Beisammensein. Eine schwüle Nacht auf der Dachterrasse des Hotels Fullerton in Singapur, die Lichter einer reichen Stadt, drüben liegt ein gigantisches Schiff quer auf drei Hochhäusern. Es ist nicht wirklich ein Schiff, es sieht nur so aus. So baut man hier eine Spielbank.
Merkel lässt auf sich warten, man schwitzt, trinkt, isst Fingerfood. Peter Löscher, Chef von Siemens und Mitglied der Wirtschaftsdelegation, geht bald. Unten an der Treppe begegnet er Merkel. Sie beschwört ihn inständig, mit ihr wieder da hochzugehen, als wolle sie auf keinen Fall allein sein mit diesen sperrigen Journalisten.
Ein deutsches Europa
Am 2. Oktober 2008 flog die Bundeskanzlerin nach St. Petersburg, um sich mit dem russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew auszutauschen. Auf dieser Reise fielen Sätze, die damals schon aufhorchen ließen, deren immense Bedeutung sich aber erst in den vergangenen Monaten erschloss.
Die Finanzkrise hatte gerade begonnen, Irland war schon in Not, auch die deutsche Hypo Real Estate begann zu kippen. Damals wurde diskutiert, ob jedes Land seine Bankenkrise selbst bewältigen muss oder ob alle füreinander einstehen. Merkel machte im Flugzeug deutlich, dass es kein deutsches Geld für Irland geben würde.
Damals zeigte sich eine Haltung, die Merkels Politik in den vergangenen drei Jahren geprägt hat. Kein anderer Bundeskanzler hat das, was er für nationales Interesse hält, so sehr zur Richtschnur für sein Handeln gemacht wie Merkel. Auch diese Haltung kommt aus ihrer Gemütslage.
Angela Merkel hat eine doppelte Identität. Das zeigt sich, wenn sie "wir" sagt. Zum Beispiel so: "Wir waren ja auf der Seite Angolas, aus Angola hatten wir sehr viele Arbeitskräfte." Die Bundesrepublik kann damit nicht gemeint sein. Gemeint ist die DDR. Merkel hat ein DDR-Wir. Natürlich hat sie auch ein Bundesrepublik-Wir. Sie hat in dieser Beziehung zwei Wirs.
Das heißt nicht, dass Merkel keine deutsche Patriotin wäre. Sie ist eine. In ihrem ersten Wir war schon die Sehnsucht nach der Bundesrepublik drin, aber nicht die Sehnsucht nach Europa. Ihr träumerischer Blick übersprang den Westen des Kontinents und richtete sich direkt auf Amerika. Dort wollte sie unbedingt hin, von dort kamen die Jeans, die sie in der DDR ersehnte, Levi's.
Europa ist für Merkel historisch ein Niemandsland zwischen ihren beiden Sehnsuchtszielen, sie hat es erst allmählich in ihr zweites Wir aufgenommen. Sie ist Europäerin, aber ohne Herzergreifung, ohne Emotion.
Wenn sie von ihrer Euro-Politik erzählt, erwähnt sie oft ihren Amtseid. Sie habe geschworen, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Das ist ihre Aufgabe, sie will deutsches Geld schützen.
Sie will auch, dass die Euro-Zone und die EU stärker zusammenwachsen. Das will sie aus nationalem Interesse, aber nicht, um Deutschland in die Interessen der anderen einzufügen, wie das bei ihren Vorgängern Konrad Adenauer oder Helmut Kohl der Fall war. Sie will ein Europa, das Deutschland nützlich ist.
Als Angela Merkel Ende Mai nach Indien reiste, tat sie das mit viel Respekt. Sie mag den Ministerpräsidenten Manmohan Singh, den sie für einen altersweisen Mann hält. Sie spricht so warm über ihn wie über keinen anderen Kollegen, beinahe töchterlich warm und respektvoll. Ihr Respekt kommt aber auch daher, dass Indien so groß ist. Sie sagte schon auf dem Hinflug, ihr Ansatz sei nicht, "da hinzukommen und zu sagen, wie man mit 1,2 Milliarden Menschen umgeht".
Sie redet oft über solche Zahlen. In letzter Zeit rechnet sie gern vor, dass kein europäisches Land mehr als zwei Prozent der Weltbevölkerung stellt, dass man zusammen auf sieben Prozent komme, was auch nicht viel sei.
Sie sieht die Macht hinter diesen Zahlen. Und sie will Deutschland eine halbwegs mächtige Rolle in der kommenden Welt sichern, der Welt Chinas, Indiens, Brasiliens, der Welt der großen Völker. Früher waren Zivilisationsstufe, Technisierung und Kriegsfertigkeiten entscheidend. Je geringer die Unterschiede werden, desto mehr zählt die Zahl.
Merkel sieht die Lage so: Deutschland ist wirtschaftlich stark genug, um auch künftig auf den Weltmärkten eine große Rolle zu spielen. Sie will das mit politischer Macht absichern, damit Deutschland nicht zum Gewerbegebiet von China wird. Diese Macht gibt es nur über die Zahl, und dafür braucht sie Europa.
Aber sie braucht nicht irgendein Europa, eines, das Deutschland durchschleppen muss, überschuldet, lahm, rückständig. Sie hat dafür den Begriff geprägt, Europa dürfe nicht "eine Art Partialmuseum" werden. Was immer das genau heißt, sie ist manchmal nicht leicht zu verstehen in ihren Wortschöpfungen - auf jeden Fall heißt es nichts Gutes.
Deshalb sollen sich die anderen Länder anstrengen, um halbwegs so zu sein wie Deutschland, also fit werden für den Weltmarkt, und mit diesen erstarkten Nachbarn will sich Deutschland zu einem starken Europa enger zusammenschließen. Ziel von Merkels Politik ist also in gewisser Weise eine Deutschland-Vergrößerung, diesmal mit friedlichen Mitteln.
Am Donnerstag war sie in Frankreich, Präsident Nicolas Sarkozy treffen. Der italienische Ministerpräsident Mario Monti war auch dabei. In der Pressekonferenz erklärt sie die kommende Finanzpolitik, und Sarkozy misst sie dabei zweimal mit einem ernsten Blick, der vom Gesicht bis zu den Schuhen wandert und zurück. Dann redet er und erzählt, wie die beiden miteinander Politik machen, sich fast täglich abstimmen, sich nicht immer einig sind, und manchmal erkläre ihm die Bundeskanzlerin "in langen Sätzen" den deutschen Ansatz, und Merkel ist da schon amüsiert, und Sarkozy erzählt einen Witz, und sie lacht und freut sich ein Loch in den Bauch über diesen drolligen Mann neben ihr. Großes Getuschel, Gekicher und Geherze beim Abschied. Es ist nicht Liebe, aber gewiss auch nicht Hass.
Sarkozy ist das Gegenteil von Merkel, er ist die leibhaftige Unruhe einer Uhr, er redet und redet und sprüht vor Emotionalität. Manchmal, in den Verhandlungspausen, hört ihn die deutsche Delegation seine Mitarbeiter anbrüllen. Wenn er wieder bei Merkel sitzt, schwankt er zwischen Galanterie und Überredungsfuror. Die beiden schenken sich nichts.
Ich habe nicht einmal erlebt, dass Merkel über Sarkozy gelästert oder gespottet hat, und sie ist eine große Spötterin. Wo er zu viel rede, rede sie zu wenig, sagte sie einmal, was er anders zu sehen scheint, siehe die "langen Sätze".
Sie habe Konflikte mit ihm, sagt Merkel, aber ihre Treffen seien "getragen von einem tiefen Verständnis und der Überzeugung, dass man immer wieder zusammenfinden muss", außerdem von dem "tiefen Gefühl, es geht weiter". Sie hat einen ähnlichen Satz einmal über Guido Westerwelle gesagt, als der noch ihr Vizekanzler war. Es sind Sätze ohne Wärme, durchdrungen von Professionalität. Sie ist manchmal genervt, aber unerbittlich konstruktiv. Hier spricht die Aufgabenlöserin.
Sarkozy ist der dominante Typ, aber Merkel hat die dominante Wirtschaft im Rücken. Er möchte deutsches Geld und deutsche Bonität für die Rettungsaktionen, sie möchte möglichst wenig davon hergeben. Er bekommt weniger, als er will, sie gibt mehr, als sie wollte.
Merkels Problem ist, dass sich die beiden Ansätze ihrer Strategie schwer vereinbaren lassen: einerseits deutsches Geld beisammenhalten, andererseits ein deutsches Europa bauen. Sie versucht daher, sich so lange wie möglich gegen gemeinschaftliche Lösungen zu wehren, die deutschen Leistungen also niedrigzuhalten, um schließlich doch einzulenken, damit es mit Europa weitergehen kann.
Sie hat gleich zu Beginn der Krise einen großen Fehler gemacht. Sie hätte eine Rede halten müssen mit dem Inhalt: Wir sind gute Europäer, wir werden alle Instrumente einsetzen, die nötig sind, um die Krise zu lösen. Wir können jetzt aber noch nicht sagen, welche Instrumente das sein werden, weil wir den Verlauf der Krise nicht kennen.
Dies wäre ein offener Ansatz gewesen. Sie hat sich für einen geschlossenen Ansatz entschieden. Das wirkte dann so, dass ihr die Instrumente immer wieder abgehandelt werden mussten oder sie verspätet zu der Einsicht kam, sie anzuwenden. Ihre Krisenpolitik konnte damit nie souverän erscheinen und damit auch nicht besonders vertrauenswürdig.
Über einen Schuldenschnitt für Griechenland hat sie sich noch im Juli skeptisch geäußert. Dies war ohnehin der Monat, in dem sie das einzige Mal unsicher wirkte und davon redete, dass sie selbst manches nicht verstehe. In Kenia besuchte sie ein Forschungszentrum für Nutztierhaltung, Kittel an, Biologie, Rindviecher, Kittel aus. Am Ende des Rundgangs warteten die Unvermeidlichen und fragten nach dem Euro. Merkel guckte furchterregend, und diesmal passte ihr Gesicht wohl zu ihrem Gemütszustand. Kein Wort, nur dieser Blick. Sie stürmte zu ihrer Limousine, verschwand darin, brauste davon.
Nach der Sommerpause trat sie wieder gefestigt auf. Sie hatte sich zu einem Schuldenschnitt durchgerungen. Als sie ihn im Oktober in Brüssel bei den Banken durchsetzte, sah sie aus wie eine Siegerin, aber das war auch ein Sieg über sich selbst. Mit den Euro-Bonds könnte es ähnlich kommen.
Merkels Politik der Deutschland-Vergrößerung ist nur möglich, weil ihr Gemüt so ist, wie es ist, leise, bescheiden, samtpfotig, eine Patriotin ohne Pathos, weshalb man gar nicht so richtig merkt, wie national orientiert ihre Politik ist. Dass sie sich aber traut, nur 66 Jahre nach Kriegsende ein deutsches Dominanzprojekt in der Euro-Zone zu verfolgen, spricht für historische Unbekümmertheit.
Sie ist keine Politikerin, die ihren Ansatz stark aus der Geschichte bezieht. Über historische Linien habe ich sie nur einmal reden hören, da ging es um kommunistische Geschichtsphilosophie. Die Vorsitzende der Linken, Gesine Lötzsch, hatte gesagt, dass der Kommunismus ein Ziel ihrer Partei bleibe.
Merkel flog da von Malta nach Zypern, stand im Flugzeug und erklärte, warum der Kommunismus ein Geschichtsziel brauche. Ihre Zuhörer, fast alles Westdeutsche, staunten über die Kenntnisse dieser Kanzlerin. Das erste Wir war aktiviert bei ihr.
Sie kann nicht in einer Weise Geschichtspolitik machen wie Helmut Kohl oder Willy Brandt, die sich auf kollektive Erfahrungen von Krieg und Nachkriegszeit berufen haben. Für einen großen Teil ihrer Lebensgeschichte, das Arrangieren mit der Unfreiheit, ist nur der deutsche Osten erreichbar, der Westen betrachtet das gleichgültig oder misstrauisch.
Merkel macht zeitgenössische Politik wie kein anderer Bundeskanzler vor ihr, kleine Schritte im Hier und Jetzt, gedacht aus dem Hier und Jetzt. Vielleicht kann man so den Euro retten. Aber ein Europa, das mehr ist als ein Wirtschaftsraum, entsteht so nicht.
Eine Zwischenbilanz
Es geht ihr gut, es geht ihr sehr gut. Der Euro ist weit weg, der schwierige Horst Seehofer auch, Angela Merkel verbringt Zeit mit einem Mann, den sie wirklich mag.
Er ist deutscher Touristenführer in Hanoi, er zeigt ihr den Literaturtempel, und er hat eine sanfte, milde Art, ihr sein Wissen zu vermitteln. Sie stehen unter einem Torbogen, er zeigt ihr eine alte Medaille, in die Kalendertierzeichen geprägt sind. Merkel sagt mit dem freudigen Stolz der Wissenden, "wir sind ja im Jahr des Hasen".
Eine Bundeskanzlerin will natürlich zeigen, dass sie auch etwas weiß. Sie weiß das mit dem Hasen spätestens seit der Bundestagsdebatte zum Euro anderthalb Wochen zuvor, als ihr möglicher Herausforderer Peer Steinbrück, SPD, seine Rede mit dem Kalauer beendet hat, die Regierung verhalte sich entsprechend dem chinesischen Kalender, also hasenfüßig.
"In China ist das Jahr des Hasen", sagt der Touristenführer, "in Vietnam ist das Jahr der Katze."
"Ah, der Katze", sagt Merkel.
Hanoi ist die Hauptstadt von Vietnam, aber die Bundeskanzlerin bleibt gutgelaunt. Der Touristenführer hat das nachsichtig gesagt, nicht belehrend. Die beiden gehen weiter, machen halt vor riesigen steinernen Schildkröten, die steinerne Tafeln tragen.
Es ist heiß, alle schwitzen, und die vietnamesischen Begleiter drängen Merkel, Schluss zu machen, es kommen noch politische Termine. Aber Merkel will nicht, sie will weiter mit diesem sanften, gebildeten Mann durch den Literaturtempel ziehen, und das setzt sie auch durch.
Es geht nicht um Eros, überhaupt nicht, es geht um Wohlfühlen. Merkel hat sich mit diesem Mann und an diesem Ort sehr wohl gefühlt. Es war die einzige Gelegenheit, bei der ich dabei war, in der die Bundeskanzlerin über einen längeren Zeitraum einer Stimmung folgte, einem emotionalen Gemütszustand, und dabei nicht auf ihre Pflichten achtete.
Merkel hat selbst den Eindruck, dass sie rumrennt "wie bekloppt", dass sie rumrennt "wie ein Vollidiot". Sie hat manchmal eine etwas derbe Ausdrucksweise, gemeint ist, dass sie sehr viel arbeitet, aber sie hat nichts dagegen, auch wenn das so klingen mag.
Wenn sie von Freizeit redet, redet sie von "Stücken Freizeit", in denen sie am Wochenende ungestört ein Buch liest oder kocht und dabei ausnahmsweise nicht mit dem Regierungssprecher telefoniert. Seibert kennt ihre Stimme mit klappernden Kochtopfdeckeln im Hintergrund.
Eine ihrer Stärken ist diese Hingabe an ihren Beruf, ihre große Ernsthaftigkeit. Ich habe von ihr nicht einmal eine dieser grässlichen Politikerfloskeln gehört: "Mein Job ist nicht vergnügungsteuerpflichtig." - "Ich muss das hier nicht machen." Merkel muss das machen, sie will das tun, was sie tut, und nichts anderes. Für eine Bundeskanzlerin ist das eine angemessene Haltung.
Ihre Intelligenz ist eine Stärke, das weiß man ja. Aber man fragt sich doch, wie sie bei dieser Intelligenz eine solche Fehlleistung abliefern konnte wie die längeren Laufzeiten für Kernkraftwerke. Es ist eine Intelligenz, die sich vor allem damit belohnt, dass es überhaupt ein Ergebnis gibt. Das ist wenig für eine Intelligenz, die als erheblich gilt.
Politik ist ohnehin nicht nur Ergebnis, Politik ist auch Prozess. Merkel hat ihre Koalitionen nie so steuern können, dass sie halbwegs harmonisch wirkten, sie konnte keinen guten Geist stiften. Vielleicht hätte mal eine emotionale Rede im Kabinett geholfen.
Demokratie ist die Regierungsform, die den Mitmenschen braucht. Er muss motiviert werden, um eine Regierung oder das politische System zu tragen. So ganz ohne emotionale Ansprache geht das nicht. Die Demokratie hat mit Merkel dürre Jahre erlebt, und dahinter steckt ein großes Versäumnis.
Ihre Kanzlerschaft steht auch unter dem Eindruck ihrer Hemmungen. Öffentliche Kommunikation ist ihr Problem, aber Kommunikation ist extrem wichtig in einer Demokratie, weshalb Merkel bei allem Einsatz nur eine halbe Kanzlerin ist. Wäre sie in der Öffentlichkeit hin und wieder so wie im kleinen Kreis, wäre Deutschland und Europa geholfen.
Für ihr Bild in den Geschichtsbüchern ist aber nur noch entscheidend, wie sie die europäische Krise meistert, und das ist noch nicht absehbar. Wenn es ihr mit ihren Kollegen gelingt, neues Vertrauen in den Euro zu stiften und dabei Europa zusammenzuhalten, werden die Historiker im Rückblick finden, dass Merkel es insgesamt gut gemacht hat, ansonsten wird sie die Kanzlerin des zerbrochenen Euro gewesen sein.
Für den Moment hängt ein Urteil über sie auch von den Alternativen ab. Würde ein anderer diesen Job besser machen? Frank-Walter Steinmeier, SPD, ist ein ähnlicher Typ wie sie, genauso Thomas de Maizière, CDU. Die Demokratie würde mit ihnen womöglich genauso ausgedorrt wirken. Peer Steinbrück ist ein emotionaler Typ, aber er hat ein Problem mit der Ernsthaftigkeit und könnte über seine Worte und Selbstinszenierungen stolpern. Es fehlt der ideale Rivale, auch deshalb sieht Angela Merkel im Moment so unangefochten aus.
Und nun, zum Schluss, doch noch ein Staatsgeheimnis. Die deutsche Bundeskanzlerin, Frau Dr. Angela Dorothea Merkel, hat in der Staatsjurte von Ulan Bator an der Stutenmilch nicht genippt. ◆
(*1) Mit ihrem Ehemann Joachim Sauer, Präsident Barack Obama und dessen Ehefrau Michelle vor dem Weißen Haus.
(*2) Mit Touristenführer im Literaturtempel in Hanoi.
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 48/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 48/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BUNDESREGIERUNG:
Die halbe Kanzlerin

Video 01:44

Wahlkämpfer oder Präsident? Trump bleibt Trump

  • Video "Wahlkämpfer oder Präsident? Trump bleibt Trump" Video 01:44
    Wahlkämpfer oder Präsident? Trump bleibt Trump
  • Video "Riesenechse als Haustier: Kuscheln mit MacGyver" Video 00:58
    Riesenechse als Haustier: Kuscheln mit "MacGyver"
  • Video "Videoanalyse zur Schach-WM: Wie Carlsen im Schnellschach triumphierte" Video 10:39
    Videoanalyse zur Schach-WM: Wie Carlsen im Schnellschach triumphierte
  • Video "Last Christmas im Weißen Haus: Obama bringt Weihnachtsbaum zum Strahlen" Video 01:22
    Last Christmas im Weißen Haus: Obama bringt Weihnachtsbaum zum Strahlen
  • Video "ISS-Nachschub: Russische Transportkapsel verglüht nach Start" Video 00:39
    ISS-Nachschub: Russische Transportkapsel verglüht nach Start
  • Video "Österreich: Sechs Tote nach Familiendrama" Video 00:43
    Österreich: Sechs Tote nach Familiendrama
  • Video "Funkverkehr vor Flugzeugabsturz: Uns wird ein Treibstoffproblem angezeigt" Video 01:37
    Funkverkehr vor Flugzeugabsturz: "Uns wird ein Treibstoffproblem angezeigt"
  • Video "Polizeivideo aus Großbritannien: Schlagabtausch auf der Autobahn" Video 01:25
    Polizeivideo aus Großbritannien: Schlagabtausch auf der Autobahn
  • Video "Filmstarts im Video: Runterkommen mit Tom Hanks" Video 07:46
    Filmstarts im Video: Runterkommen mit Tom Hanks
  • Video "New York: Passant klaut Goldschatz aus offenem Lieferwagen" Video 00:46
    New York: Passant klaut Goldschatz aus offenem Lieferwagen
  • Video "Pirelli-Kalender von Lindbergh: Bikinis und hohe Hacken sind das Gegenteil von sexy" Video 01:17
    Pirelli-Kalender von Lindbergh: "Bikinis und hohe Hacken sind das Gegenteil von sexy"
  • Video "Lufthansa-Streik: Das endlose Pilot-Projekt" Video 01:17
    Lufthansa-Streik: Das endlose Pilot-Projekt
  • Video "Der neue Guide Michelin: Dieses Restaurant hat definitiv einen Stern verdient" Video 02:50
    Der neue Guide Michelin: "Dieses Restaurant hat definitiv einen Stern verdient"
  • Video "Luftverschmutzung: Ein Jahr Feinstaub im Zeitraffer" Video 02:14
    Luftverschmutzung: Ein Jahr Feinstaub im Zeitraffer
  • Video "Internet-Ikone: Neues vom Trump-Hump-Macher" Video 01:40
    Internet-Ikone: Neues vom "Trump-Hump"-Macher