28.11.2011

ENTSORGUNGBei Nacht zum Schacht

Auf einer Deponie in Herne fanden Ermittler gefährliche Abfälle. Es könnte die erste Spur eines großen Müllskandals sein. Auch die RAG ist betroffen.
Sie sollte ein Symbol werden für das schöne neue Ruhrgebietsversprechen: blühende Landschaften auf altem Industriemüll. Die ehemalige Deponie für Hochofengas-Schlämme des Konzerns ThyssenKrupp in Herne gilt als eines der ehrgeizigsten Projekte im Revier. Das "Landschaftsbauwerk Pluto" soll hier entstehen, ein 14 Hektar großes Gebiet mit Wegen, Feuchtgebieten und Wäldern.
Doch seit vergangener Woche steht die Halde in Herne wieder für das, was viele seit Jahrzehnten mit dem Revier verbinden: Dreck - und schmutzige Geschäfte.
Die Staatsanwaltschaft Bochum ermittelt gegen Verantwortliche des Bottroper Entsorgungsunternehmens Heinrich Becker wegen des Verdachts auf Betrug und des unerlaubten Umgangs mit gefährlichen Abfällen.
Bald dürften die Ermittlungen noch ausgeweitet werden, denn die Firma war nicht nur in Herne im Einsatz: Auch der Ruhrkonzern RAG ist betroffen, er hat Strafanzeige gestellt. Die Befürchtung der RAG: In stillgelegte Schachtanlagen könnten falsch deklarierte Abfälle gefüllt worden sein. Dem Ruhrgebiet droht ein neuer Müllskandal.
Auslöser für die Ermittlungen waren anonyme Hinweise, die im September 2010 beim Herner Oberbürgermeister Horst Schiereck (SPD) eingingen sowie schon im Juni bei einer Whistleblowing-Hotline. Den Telefondienst hatte ThyssenKrupp für öffentlichkeitsscheue Tippgeber eingerichtet.
Der Konzern hatte Nutzung und Umbau seiner Herner Deponie dem Entsorger Becker übertragen. Tausende Tonnen illegalen Mülls, so der unbekannte Informant, sollen unter Beckers Regie dort verbuddelt worden sein. ThyssenKrupp reagierte aufgeschreckt und veranlasste im August 2010 Probeentnahmen an 27 Stellen.
Gefunden wurde zunächst nichts. Doch die Hinweise fielen immer konkreter aus. Schließlich stießen die Staatsanwälte auf nicht genehmigte Abfälle: Gießerei-Altsande mit möglicherweise problematischen Rückständen und Schrott wie Reifen oder Gartenmöbel.
Die Aufsichtsbehörden rechnen mit Schlimmem. Gutachten sollen nun klären, ob beim unterirdischen Zusammensacken von Abfällen womöglich sogar die angrenzende Autobahn A 42 ins Rutschen geraten könnte, eine der meistbefahrenen Autobahnen der Region.
Anwälte der Firma Becker erklärten, die Standsicherheit sei gewährleistet, es sei nur ungefährlicher und auf keinen Fall giftiger Müll abgeladen worden.
Schon jetzt ist indes klar: Wieder einmal wurde im Müllgeschäft zumindest schlampig gearbeitet. Und die Affäre weitet sich aus. Denn Becker ist ein Großer im Abfallbusiness des Potts.
Regelmäßig wird die Firma für Industrie-Rückbauprojekte eingesetzt. Mancher Klient dürfte die Arbeit der Entsorger nun erneut prüfen. Auch der Bergbaukonzern RAG.
Die Revision des Unternehmens entdeckte kürzlich Unregelmäßigkeiten. So sollen vorgeschriebene Proben bei der Verfüllung von Schächten mit Müll falsch oder unvollständig durchgeführt worden sein - möglicherweise in Absprache zwischen Prüfern und Entsorger. Die RAG stellte Strafanzeige gegen Mitarbeiter der Firma Becker und des Prüfinstituts.
Zwar ist die Dimension des Falls noch unklar, aber beim Konzern "schrillten Alarmglocken", so ein Sprecher. Prüfer stellten Grenzwert-Überschreitungen bei mindestens einer Chemikalie fest, den polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK), die etwa in Hochöfen anfallen und teilweise als krebserregend gelten.
Die RAG reagierte verstört. ThyssenKrupp zog sogar schon erste Konsequenzen: Der Stahlkocher stoppte vorläufig alle Aufträge an Becker, es geht um jährlich acht bis neun Millionen Euro.
Das Motiv für die komplexen Müllschiebereien könnte ganz simpel gewesen sein, vermuten Fahnder: Problemabfälle sollten billig entsorgt werden. Bei Becker gibt es davon jede Menge. In Sichtweite der Deponie Herne betreibt die Firma die Aufbereitungsanlage Hafen Grimberg. Hier werden Reste aus Müllverbrennungsanlagen und Industrieabfälle verarbeitet. Teuer zu entsorgende Rückstände, so der Verdacht, könnten mit harmloserem Müll vermischt worden sein.
Entsprechende Zeugenaussagen von Mitarbeitern liegen den Ermittlern vor. So gab ein Baggerführer an, in Grimberg seien "falsche Stoffe" wie Gießerei-Altsande in Lieferungen für die benachbarte Deponie gekippt worden, "getarnt" durch eine "Deckschicht Rostasche". Ein Vorarbeiter aus Grimberg sagte, auch beim Befüllen von Schachtanlagen sei getrickst worden. Einmal hätten sogar noch "nachts" Materialien "ausgetauscht" werden müssen: Die verbotene Mixtur habe zu stark gestunken. Beckers Anwälte weisen sämtliche Vorwürfe zurück.
Inzwischen hat die Affäre NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) erreicht. Die fürs Bergrecht zuständige Bezirksregierung Arnsberg meldete dem Ministerium, sie fürchte, dass 2009 verdächtige Stoffe in zwei Schächte des stillgelegten Steinkohlebergwerks Lippe gekippt wurden. Die Aufklärung dürfte schwierig werden - der Müllmix ist fest einbetoniert.
Von Andrea Brandt, Frank Dohmen und Barbara Schmid

DER SPIEGEL 48/2011
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