28.11.2011

Schachstark

Global Village: Warum Armenien seinen Nationalsport zum Pflichtfach an Grundschulen gemacht hat
Er ist erst sieben, aber Tigran weiß schon, wie man Könige stürzt. Heute soll er dazu den Läufer benutzen, das schreibt der Lehrplan vor. Es ist Freitagvormittag in der Puschkin-Schule mitten in Jerewan, der Hauptstadt Armeniens, und Tigrans Klasse spielt Schach. 34 Siebenjährige in Rüschenblusen und Wollpullundern sitzen sich paarweise gegenüber, zwischen ihnen 17 Schachbretter. Tigran steht vorn an einer Tafel aus Plastik, auch sie ist ein Schachbrett. Drei Züge, dann hat er die Aufgabe seines Lehrers gelöst.
Armenien, der kleine Staat im Südkaukasus, hat als erstes Land der Welt Schach zum Pflichtfach gemacht. Seit diesem Herbst lernen alle Sieben- bis Zehnjährigen Schach, zweimal die Woche. Es ist auch ein Versuch, das Land zu retten.
Schon jetzt ist Schach Nationalsport. Der Präsident ist gleichzeitig Vorsitzender der Schachföderation, der Premierminister zweiter Vorsitzender. Ein Sieg im Schach läuft als Hauptmeldung bei den Abendnachrichten, Schachspieler werden wie Popstars gefeiert. Das hat mit Tigran Petrosjan zu tun, Schachweltmeister von 1963. Es hat aber auch mit der Identität der Armenier zu tun.
Denn als die Osmanen 1915 begannen, ihre Armenier zu vernichten - die meisten der etwa eine Million Opfer kamen auf langen Todesmärschen um -, war der Neid auf das Volk von Handwerkern und Künstlern eines ihrer Motive. Ein Volk von Denkern, wie die Armenier sagen.
Doch im Moment sind sie vor allem ein Volk in einer schwierigen geopolitischen Lage. Mit dem Nachbarn Aserbaidschan leben sie im Waffenstillstand, bald vielleicht wieder im Krieg, wegen der Region Berg-Karabach. Mit der Türkei haben sie kaum Kontakt, wegen des Genozids von 1915, den die Türken nicht als solchen ansehen. Mit Georgien müssen sich die Armenier vertragen, wegen der Häfen an der Schwarzmeerküste. Armenien ist ein Binnenstaat. Von Iran und Russland ist das Land wegen der Energieimporte abhängig.
Zweitschlechteste Volkswirtschaft der Welt nannte das Magazin "Forbes" Armenien in diesem Jahr. Früher, in der Sowjetunion, produzierte es wenigstens noch Maschinen und Schuhe. Heute sind die meisten Fabriken Ruinen. Und wer durch Dörfer fährt, wo Bauern ihre wenigen Kartoffeln zu mickrigen Pyramiden anordnen, versteht, dass Armeniens Berge für Landwirtschaft ungeeignet sind. Erdbeben gibt es hier, Korruption, Superreiche und keine Rechtssicherheit.
Dafür aber eine riesige Diaspora. Nur 3,2 Millionen leben in dem Land, das so klein ist wie Brandenburg. Sieben Millionen leben weltweit verstreut. Viele sind zu Zeiten des Genozids geflohen, viele auch nach dem Zerfall der Sowjetunion. Und nach wie vor suchen junge Menschen Arbeit in Russland oder den Vereinigten Staaten. Sie schicken dann Geld, etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Geld, mit dem man nicht planen sollte.
Es wird Zeit, dass sich Armenien etwas einfallen lässt. Etwas, das aus Armenien kommt und mit Armenien zu tun hat. Mit Kunst also oder mit Denken.
Smbat Lputjan, 53, lächelt selten, redet leise und kann ziemlich gut denken. Er ist Schach-Großmeister, Gewinner der Schach-Olympiade. Und Gründer der Schachakademie, in die Eltern ihre Kinder bringen, wenn sie wollen, dass aus ihnen etwas wird. Lputjan zeigt sein Reich gern: die Mauern, von steinernen Schachfiguren besetzt, den Vorgarten, das Gras zu einem Schachfeld geschnitten, die Teppiche, mit Pferden und Türmen bestickt.
Lputjan setzte eine alte Idee der Schachgemeinschaft endlich um. "Die Armenier müssen ihre analytischen Fähigkeiten ausbauen", sagt er. Das gehe mit Schach, weil Schach Logik trainiert, das Gedächtnis und die Konzentration. Das helfe für alle anderen Fächer. "Man lernt das Nebensächliche vom Wichtigen zu trennen." Kein Armenier sollte mehr ohne Schach aufwachsen.
Drei Jahre lang arbeitete Lputjan an dieser Mission, zog durchs Land, auf der Suche nach verborgenen Schachtalenten, die Grundschüler unterrichten könnten. Einmal hat er in einem kleinen Dorf gegen 150 Bewerber gleichzeitig gespielt. Ist von Tisch zu Tisch gegangen, bis er die Geeigneten gefunden hatte. 1360 Lehrer hat er inzwischen für den Schachunterricht ausgebildet, zusammen mit Psychologen und Pädagogen Lehrbücher geschrieben. 2,2 Millionen Euro gab das Bildungsministerium für Schachfiguren, Lehrbücher und Personal aus.
Weil ein Land mit vielen Schachspielern eben ein Land mit vielen Denkern ist, ein Land, dem man etwas zutraut. Mehr Hightech, das wäre etwas für Armenien. Die "cleverste Nation der Welt" nannte die BBC Armenien bereits. Davon will man jetzt mehr. "Lernen war immer der Weg zu überleben", sagt Lputjan.
Die Armenier hoffen, dass die Lehre vom Schachspielen zum Exportgut wird. Die Bildungsministerien Europas reagieren schon, Lputjans Lehrbücher liegen zum Übersetzen bereit.
In der Puschkin-Schule läutet es. Seite 36, sagt der Lehrer, sei die Hausaufgabe. Die Lektion über den Springer. Tigran bekommt eine gute Note, Schach ist sein Lieblingsfach. Aber wenn er groß ist, sagt er, bevor er den Klassenraum verlässt, will er nicht Schachspieler werden, sondern Künstler.
Von Julia Prosinger

DER SPIEGEL 48/2011
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