28.11.2011

ARCHÄOLOGIEGötterdämmerung am Nil

Eine Analyse an Mumien der 18. Dynastie - Ägyptens Blütezeit - hat verstörende Befunde erbracht: Tutanchamun humpelte als Folge einer bizarren Erbkrankheit, nach seinem Tod musste seine Witwe den eigenen Großvater heiraten. Starb der Pharaonenclan durch Inzucht aus?
Nachdem Jesus am Kreuz starb, war sein Grab am dritten Tage leer. Auch Mohammeds Leiche hat seit über 1300 Jahren keiner mehr gesehen. Bei Zarathustra ist nicht mal der Ort der Bestattung bekannt.
Der Vorläufer all dieser Männer, Pharao Echnaton (1353 bis 1336 vor Christus), der am Nil den Monotheismus erfand, ist dagegen gleichsam in Fleisch und Blut wieder aufgetaucht. Genetiker haben seine sterblichen Überreste identifiziert. Sie lagen - anonym abgelegt - bei Luxor im "Tal der Könige" im Grab Nummer 55.
Es gibt Röntgenbilder vom Religionsstifter und sogar einen genetischen Fingerabdruck. Aufgebahrt in einer Glasvitrine befindet sich der bedeutende Tote derzeit im Ägyptischen Museum von Kairo. Er war 1,60 Meter groß, zartgliedrig - ein Typ wie David Bowie.
Kurz nach der Steinzeit leitete Echnaton einen religiösen Umsturz ein, der das Denken der Menschheit in neue Bahnen lenkte. Für ihn gab es nur noch einen Gott: Aton, dargestellt als Sonnenscheibe. Andere Götzen verbot er. Aton symbolisierte reines Licht und Fruchtbarkeit, er war der Gott des überschäumenden Lebens. "Die Fische im Strom springen vor deinem Angesicht", heißt es im großen Aton-Gesang, den der Pharao selbst verfasste: "Wenn das Küken im Ei piepst, gibst du ihm Luft darinnen, um es zu beleben."
Leicht verändert findet sich diese Ode auch in der Bibel (Psalm 104). Nur wie kam sie dort hinein? Rätsel über Rätsel türmen sich um den seltsamen König, der das fromme Land am Nil in tiefe Verwirrung stieß.
Die ganze Radikalität dieses Mannes aber zeigt sich erst jetzt. An Echnatons Skelett haften nur wenige Gewebefetzen. "Er wurde erst nachträglich flüchtig balsamiert", erklärt der Anthropologe Albert Zink, "der glaubte nicht ans Jenseits."
Einfach im Grab verwesen? Was für ein Traditionsbruch in einem Land, in dem nur die Ewigkeit zählte.
Zink ist Leiter des Ötzi-Instituts in Bozen. Gemeinsam mit dem Tübinger Carsten Pusch, einem Molekularbiologen mit Pferdeschwanz, gehört er zu einem kleinen Kreis von Auserwählten, die Altägyptens Pharaonen als biologische Urkunden nutzen und deren Erbgut untersuchen.
Bereits im Jahr 2007 wurde das Projekt angeschoben. Die oberste Antikenbehörde stellte ein Team zusammen und ließ zwei Hightech-Labore einrichten.
Dann schwärmten die Genetiker aus. Sie drangen in modrige Grüfte ein und entnahmen den Toten Knochenmark - Vaterschaftstests für Urkönige. "Die Fachwelt war zuerst skeptisch", gibt Pusch zu. Mehrfach schon sei versucht worden, Mumien vom Nil genetische Informationen zu entlocken - "doch alle Versuche scheiterten".
Auch die Deutschen mühten sich anfangs vergebens. "Die Salböle und Balsamharze sind tief in die Knochen der Mumien eingedrungen", erklärt Zink. "Wo sonst beim Filtern eine klare Flüssigkeit mit DNA entsteht, gewannen wir nur schwarze Suppe." Erst eine Polizeitechnik, die zur Bestimmung verwester Leichen entwickelt wurde, brachte den Durchbruch.
16 Mumien wurden bislang untersucht. Ein erster Bericht erschien im "Journal of the American Medical Association" und löste eine Welle des Erstaunens aus. Die Forscher
‣ erstellten einen Stammbaum über fünf Generationen (siehe Grafik);
‣ ermittelten weibliche Intimpartner der Pharaonen und
‣ fanden Malariaerreger und Mordspuren.
Vor allem Echnatons Liebesleben überrascht. Von ihm wusste man bislang nur, dass er mit Nofretete - wohl seine Cousine - verheiratet war. Er pries sie als "Herrin der Lieblichkeit". Das Paar hatte sechs Kinder, allesamt Mädchen. Auf Steinreliefs sieht man ihn als treusorgenden Vater mit dem Nachwuchs auf dem Schoß.
Die DNA-Forscher ermittelten nun neue intime Details. Der König begehrte eine weitere Dame. Deren Mumie, "Younger Lady" genannt, lag im "KV 35" (für: Kings' Valley; Grab Nummer 35).
Irgendwann um 1340 vor Christus vergnügte sich Echnaton mit der zierlichen Frau unter dem roten Wonnemond der Aton-Stadt von Tell el-Amarna. In einem vergoldeten Bett kam es zum Beischlaf. Die Gespielin war seine eigene Schwester.
Neun Monate später kam ein Kind zur Welt, das heute Weltruhm genießt: Tutanchamun.
Unmissverständlich zeigt der Erbgutvergleich, dass der berühmte Kinderkönig, dessen überbordender Grabschatz fast unbeschadet die Zeiten überdauerte, der Sohn des geistigen Empörers Echnaton war - und zugleich ein Produkt inniger Geschwisterliebe.
Damit ist das zentrale Tabuthema benannt, das die DNA-Studie ans Licht gebracht hat: Die Königssippe der 18. Dynastie betrieb Inzucht. Über einen Zeitraum von 250 Jahren entstand ein immer engerer Blutkreis.
Cousinen heirateten Vettern, Brüder ihre Schwestern. Am Ende der Dynastie, das beweisen entzifferte Hieroglyphentafeln, verbanden sich sogar Väter mit Töchtern, und in einem Fall ehelichte ein Großvater die Enkelin.
Geradezu manisch seien die Vorfahren Tutanchamuns auf die "Reinhaltung des Blutes" erpicht gewesen, meint der Ägyptologe Christian Loeben aus Hannover. Sie wollten ihr Geschlecht durch reinstes Blut veredeln.
Dass derlei Treiben zu Erbschäden führte, wundert nicht. Ausgerechnet die schillerndsten Gestalten des Altertums verloren offenbar ihre "genetische Fitness" (Pusch). Weit überproportional litten sie an Klump- und Plattfüßen, seitlich verkrümmten Wirbelsäulen sowie Ansätzen einer Gaumenspalte.
Bei Tutanchamun, dem letzten Glied der Kette, waren die körperlichen Leiden womöglich dramatisch zugespitzt. Skulpturen zeigen den kleinen Prinzen zwar mit Pausbacken auf dem Streitwagen, bei der Löwenjagd oder als Kämpfer mit dem Speer in der Hand.
Die medizinische Untersuchung seines Leichnams indes legt nahe, dass der Monarch darbte. Er konnte nur mit Mühe gehen. Zwei seiner Mittelfußknochen waren verkrüppelt. Das Gewebe starb ab, was zu einer schmerzhaften Schwellung am Fuß führte. Pusch: "Er litt unter einem seltenen Erbleiden, Morbus Köhler II genannt."
Jäh löst die Diagnose auch das Rätsel, warum in Tuts Grab 130 verzierte Stöcke lagen. Bislang als Zepter und Hoheitszeichen gedeutet, darf man nun annehmen: Es waren Krücken.
Irgendwann stürzte der junge Mann. Die Röntgenbilder zeigen einen unverheilten Bruch oberhalb seines Knies. Diese Verletzung in Verbindung mit einer Malariainfektion und seiner insgesamt schwächlichen Verfassung gilt nun als Todesursache.
Damit lastet ein neuer Generalverdacht auf dem einst so glanzvollen Pyramidenstaat: Degeneration. Ausgerechnet jene Herrscher, die sich als "Zerschmetterer" und "Balken der Erde" feiern ließen, die Steinbauten in die Troposphäre türmten und bereits auf Luxusbetten schliefen, als alle Welt noch auf dem Fell pennte, wurden womöglich Opfer bizarrer sexueller Gepflogenheiten.
Der Verdacht, dass einst am Nil eine genetische Götterdämmerung erfolgte, ist auch deshalb so spannend, weil der gesundheitliche Verfall der Regenten in eine Phase höchster kultureller Blüte fiel. Die geprüften Mumien stammen allesamt aus der 18. Dynastie - Ägyptens goldenem Zeitalter.
Bis nach Palästina schritten damals die Armeen des Pharao. Auf Kriegsschiffen gelangten sie in den Sudan. Bei ihrer Rückkehr "hing der elende nubische Höhlenmensch mit dem Kopf nach unten am Bug der königlichen Barke", heißt es in einer Propagandaschrift.
Ein Flächenstaat entstand, über 1500 Kilometer lang, mit vollen Kornspeichern und grünen Papyrusplantagen. Trinkglas, Blitzableiter, Wasseruhren, Zahnpasta - all das benutzte die 18. Dynastie. Sternwarten entstanden, Priester lehrten Algebra. Auf den Straßen gackerten erstmals Hühner - Beutegut aus Syrien.
Auch in Sachen Mode, Architektur und Medizin gab das Land den Ton an. Der "Papyrus Kahun" beschreibt Tampons aus Gummi arabicum oder Krokodilkot zur Verhütung. "Hirten des After" flößten den Kranken mit Schilfrohren heilsame Tinkturen in den Anus.
An keinem anderen Ort jedoch bündelte sich der Glanz der Epoche so sehr wie im Zentrum des Landes, dem "hunderttorigen" Theben.
Wer sich der Stadt flussaufwärts näherte, kam zuerst an Bauerndörfern mit hohen Taubenschlägen vorbei. Dann weitete sich der Nil zur Ehrenstraße. Das Boot durchschnitt eine "Flucht himmlischer Bauten, umgrünt von Gartenwonne", so beschrieb es Thomas Mann in seinem "Joseph"-Roman. Lehmhäuser säumten das Ufer. Man hörte Marktschreier und Flötenspieler.
Drüben, am anderen Nilufer, erstreckte sich im Gegenlicht der Wüstensonne die Welt des Todes: der Friedhof der Staatselite, das "Tal der Könige".
Grüfte voller Gold und Edelsteine befanden sich dort. In den Kammern prangten Zaubertexte aus dem Totenbuch. Jeder Mensch, so glaubte das Volk, müsse sich am Ende seines Lebens einem moralischen Jenseitsgericht unterziehen, bei dem sein Herz gewogen werde.
"Ich habe kein Unrecht gegen Menschen begangen, und ich habe keine Tiere misshandelt", stammelten ausweislich der Grabinschriften die Sünder, "ich habe nicht Schmerz zugefügt und niemand hungern lassen, ich habe keine Tränen verursacht."
Aber wehe, ihre Seele wurde für zu schwer befunden. Dann biss der Unterweltdämon zu, "der das Verweste verschlingt, der von Fäulnis lebt".
Theben war keine Stadt, sondern ein Kosmos. Allein Amenophis III. errichtete dort den größten Totentempel, die schwerste Statue (1000 Tonnen) und die längste Prachtallee. "Ich schuf Größe ohne Grenze", prahlte der Pharao, "Wände aus Gold, Pflaster aus Silber und Fahnenmasten, die zu den Sternen emporstreben."
Auch dieser bauwütige Tycoon wurde genetisch überprüft. Seine Mumie zeugt von Karies und einem Klumpfuß. Klar ist nun: Amenophis war Echnatons Vater und der Opa von Tutanchamun.
In diesen drei Männern ballt sich das ganze Geheimnis der Epoche. Der Großvater vererbte ein Staatsgebilde voller Herrlichkeit. Unter dem Sohn verfiel es. Mit dem Enkel starb das ganze Geschlecht aus.
Der Ruin vollzog sich so schnell, dass einige auf eine Seuche tippten. Oder hatte eine Hungersnot den Nil heimgesucht? Beide Annahmen sind nun vom Tisch. In keiner der Mumien konnten die Erreger von Cholera, Pest oder Lepra gefunden werden. Auch gibt es keine Hinweise auf Mangelernährung - von Notzeiten keine Spur.
Umso deutlicher schälte sich für die Pipettenträufler des DNA-Teams das Phänomen der Inzucht heraus. "Das Erbgut der Mumien ist längst nicht so divers, wie es zu erwarten wäre", erklärt Pusch. Anders gesagt: Es verödete. Fast jeder war mit jedem verwandt.
Nur, was trieb diese Leute? Wieso scheuten sie sich nicht, jene sittliche Urregel zu brechen, die sonst von Polynesien bis nach Grönland überall auf der Welt gilt? Alle Kulturkreise der Erde belegen den Sex zwischen Verwandten ersten Grades mit Strafe. Wer sich der "Blutschande" schuldig macht, ist verflucht - so lehrt es bereits die griechische Tragödie.
Die Pharaonen dagegen, Geißel und Krummstab in den Händen, übertraten diese Grenze. Warum?
Die Ägyptologie ist auf diese Frage schlecht vorbereitet. Untersuchungen liegen kaum vor - und dies, obwohl auch der zentrale Mythos von Isis und Osiris um den Inzest kreist.
Das Geschwisterpaar, so erzählt es die Sage, regierte einst glücklich über Ägypten. Dann fiel Osiris einem Attentat zum Opfer, man zerstückelte ihn. Isis sammelte die Leichenteile ein, setzte sie zusammen und konnte den geliebten Bruder so zu einem letzten Geschlechtsakt bewegen.
Dann wurde ihr Sohn Horus geboren.
Jedes Bauernkind kannte damals diese Geschichte, die auch politisch von größter Bedeutung war. Denn der amtierende Pharao galt als Verkörperung des Horus. Nur er war der einzig legitime Herrscher und Garant der Fruchtbarkeit.
Dass es in den Privatgemächern der Könige ähnlich zuging wie im Mythos, mochten viele Fachleute nicht glauben. Zwar heirateten Inschriften zufolge schon vor 4500 Jahren einige Staatschefs ihre "Schwestern". Doch das, hieß es, seien wohl nur Pro-forma-Ehen gewesen.
Im Übrigen habe man den Begriff "Schwester" im alten Ägypten auch auf Cousinen, Tanten und andere weibliche Familienmitglieder angewendet.
Nur wenige Forscher wagten es bislang, sich mit dem heiklen Thema näher zu befassen - vor allem im angelsächsischen Raum. Sie vermuten, dass es in der Kernfamilie des Pharao ziemlich verzwickt zur Sache ging.
Die bislang geäußerten Ansichten seien nichts als Weichspülerei, meint etwa der britische Archäologe Nicholas Reeves. Sein Verdacht: "Der Vater-Tochter-Inzest scheint, Tabu hin oder her, eines der außergewöhnlichsten Merkmale der 18. Dynastie gewesen zu sein."
Zudem liegen nun auch Erklärungen für die intimen Gepflogenheiten der Nil-Potentaten vor. Demnach waren sie nicht pervers, sondern handelten schlicht aus Machtkalkül:
‣ Durch die Inzucht entstand ein enger Kreis besonders edelblütiger Prinzen und Prinzessinnen;
‣ aus dieser Blutlinie ging unumstritten der Thronfolger hervor;
‣ Fremde wurden draußen gehalten, Ansprüche von Neidern abgewürgt. Das verminderte die Gefahr von Revolten.
"Die Verehelichung von Familienmitgliedern hat zur Folge, dass ein König Reichtum, Privilegien und Macht nur mit Menschen teilen muss, die bereits seine Verwandten sind", erklärt der Amerikaner David Dobbs.
Schmorte Ägyptens feine Gesellschaft also im eigenen Saft, um sich gegen mögliche Putschisten abzuschotten und die eigenen Pfründe zu sichern?
Da könnte etwas dran sein. Mit Rebellionen jedenfalls hatte das Land schlimme Erfahrungen gemacht. Gerade in Übergangszeiten, wenn der alte König starb, preschten die Gegner hervor und machten eigene Ansprüche geltend. Bereits das Alte Reich war im Chaos geendet, der Pharao lag ermordet in seinem Blut. In der 12. Dynastie meuchelten Eunuchen den Regierungschef.
"Die hinterlistige Beibringung von Gift, das versteckte Messer, das unversehens dem Gottkönig zwischen die Rippen fuhr, waren allzu oft grausame Realität im politischen System Altägyptens", so Reeves.
Wer aber hätte mehr Angst vor Neidern haben sollen als die überreichen Könige der 18. Dynastie? Wegen ihres Übermaßes an Luxus waren sie von heimlichen Feinden umstellt.
Was für ein paradiesisches Land regierten diese Männer! Von Kreta segelten damals die Schiffe heran. Karawanen aus Äthiopien brachten Weihrauch, aus Indien kamen Gewürze. Der Staatschef zahlte in bar - mit Metall aus den eroberten nubischen Goldminen.
In einer Planwirtschaft nach Art des sowjetischen Staatskommunismus lenkten Tausende Beamte die Abgaben der Bauern direkt in den Kornspeicher des Pharao. Fürsten aus Babylon und Libyen schickten ihre Kinder zur Erziehung an den Nil. In der Oase Faijum entstand eine riesige Palastschule, in der auch der König und die hohen Beamten ihre Kinder unterrichten ließen.
In dem Säulenbau lebten zudem die weiblichen Mitglieder der Königssippe, dazu Ammen, Hofdamen und Nebenfrauen.
Geschminkte Kurtisanen mit dressierten Affen an der Leine schritten in dem Harem umher. "Kleiderzwerge" halfen ihnen in durchscheinende Gewänder. Diener vergossen Parfüm. Blinde Harfenspieler ergötzten die Damen.
Längst hatte sich das Land von seinen bäuerlichen Wurzeln gelöst. Ein Hauch von Dekadenz breitete sich über die Welt der Höflinge der späten 18. Dynastie.
Von Amenophis III., Tutanchamuns Opa, ist überliefert, dass er den "lap-dance" liebte, einen Striptease direkt über dem Schoß des Mannes. Und er ließ sich von einer Domina einheizen. In Inschriften heißt sie "Fräulein Peitschenschnur".
Dynastisch gesehen war derlei Lotterleben ohne Belang. Manch ein König zeugte hundert Kinder. Kronprinz aber wurde stets nur der erste Sohn der "großen königlichen Gemahlin". Diese war im Idealfall die Schwester des Pharaos.
"Du mein Bruder", singt eine Prinzessin in einem Gedicht aus dem Neuen Reich, "es ist süß, zum Teiche zu gehen, um vor dir mich zu baden, dass ich meine Schönheit sehen lasse in meinem Hemd von feinstem Königsleinen, wenn es benetzt ist."
Er sagt nur: "Küsse ich sie und ihre Lippen sind offen, bin ich fröhlich auch ohne Bier."
Abgeschirmt durch hohe Palastmauern, hinter denen Brunnen plätscherten und schwarze Sklaven den Edellingen Frischluft zuwedelten - so darf man sich den Hofstaat vorstellen. Ungefähr 5000 Personen gehörten diesem inneren Zirkel an.
Wundert es da, dass der Clan immer weiter entrückte? Vor allem die Könige umgaben sich bald mit einem überirdischen Glanz. Bis etwa 1400 vor Christus hatten sie artig dem Reichsgott Amun gedient. In dessen Tempel lebte die mächtigste Priesterschaft des Landes, die auch dem Staatschef dazwischenredete und ihm sittliche Vorschriften machte.
Das passte den politischen Führern offenbar nicht. Bald kam ein neuer Gott bei ihnen in Mode, der strahlende Aton. Die Staatschefs trugen nun Standarten mit gleißenden Metallscheiben vor sich her. Ihre Hälse schmückten sie mit breiten Goldkragen.
Unter Amenophis III., Echnatons Vater, nahm der Kult bereits eine zentrale Bedeutung ein. Er ließ sich als "glänzende Sonnenscheibe der Länder" rühmen. Als Herrscher vom Sudan bis zum Euphrat war er politisch so stark geworden, dass er sich im Zentralgestirn am Himmel spiegelte.
Schnappte er deshalb über?
Fakt ist, dass der Mann auch innerhalb seiner Familie bald jedes Maß verlor. Im 30. Jahr seiner Regierung heiratete er seine eigene Tochter. Das hatte vor ihm noch keiner gewagt.
"Große Königsgemahlin" nannte er das Mädchen. Er war Mitte vierzig, sie weit jünger. Im Volk, so Reeves, war diese Heirat völlig inakzeptabel.
Was den alternden König zu diesem Tabubruch trieb, ist ungeklärt. Mit schierer Angst vor Intrigen und Aufständen allein lässt sich der Schritt kaum erklären.
Vielleicht fühlte sich dieser Übermensch mittlerweile so edel und vornehm, dass er sich in Liebesdingen nur noch mit den eigenen Sprösslingen einlassen wollte.
Klar ist, dass sich die verhängnisvollen sexuellen Vorlieben der Dynastie unter dem Sohn Echnaton noch verstärkten. Den Inschriften zufolge heiratete er gleich drei seiner Töchter.
Mit der Krönung dieser merkwürdigen Gestalt im Jahr 1353 vor Christus trat das Land in seine revolutionärste Phase ein. Für eine kurze Zeit der Geschichte schien die Welt Kopf zu stehen.
Wahrscheinlich studierte Echnaton als junger Mann in Heliopolis (bei Kairo). Reeves zufolge war er "gut geschult in theologischen Detailfragen und versiert in den Geheimnissen der Tempelarchive".
Bald schon jedoch überwarf sich der ungestüme Mann mit den konservativen Amun-Priestern. Im fünften Jahr seiner Regierung floh er aus Theben. Fernab, 400 Kilometer flussabwärts in der Einöde von Tell el-Amarna, ließ er sich eine neue Hauptstadt errichten. Es war ein solares Utopia, "Horizont des Aton" genannt, in dem bald 50 000 Menschen lebten.
Die Beamten dort hatten kahlgeschorene Köpfe, rund und prall wie Eier. Im Palast prangten Bilder von Blumen, Girlanden und Obst.
Sich selbst ließ Echnaton proper, schwellend und mit dickem Bauchnabel darstellen. Reliefs zeigen ihn mit dickem Hintern und gewölbtem Kopf.
Lange hieß es, der Regent habe an einem Tumor in der Hirnanhangdrüse gelitten. Andere tippten auf das Barraquer-Simons-Syndrom, bei dem das Fettgewebe aus dem Gesicht verschwindet und sich an den Hüften anlagert.
Die aktuellen Untersuchungen zeigen: Nichts davon ist wahr. Auch der Schädel - angeblich rituell durch Metallklammern verformt - liegt, wenngleich knapp, im Normbereich.
Das aber bedeutet: Hofkünstler stellten ihren Chef mit Absicht verzerrt dar. Sie schufen einen neuen radikalen Kunststil. Hässliches wurde schön und Schönes hässlich. Ungeheure Spannung lag auf der Wiege des Monotheismus.
Auffällig ist, dass der Sonderling auch die Geschlechtsunterschiede einriss. Manche Statuen zeigen ihn ohne Penis.
Und immer wieder liebliche Szenen: Echnaton beim Babysitten. Echnaton beim Sonnenbaden. Mal küsst er seine Frau, mal lächelt er wie Buddha. Kriege hat dieser Mann nie geführt.
Eine merkwürdige süße Schwere liegt auf seiner Sonnenstadt. Eine US-Historikerin billigte ihr den Charme eines "luxuriösen Konzentrationslagers" zu.
Jeden Morgen opferte der König auf Altären der aufgehenden Sonne. Hymnen erklangen, wundervolle Anrufungen der Natur - und dennoch total öde. Für Schmerz und Trauer hatte diese Religion keinen Platz. Der Magier Echnaton verdrängte den Tod.
Stattdessen: Immer nur lächeln, immer vergnügt. Ein Wandbild zeigt zwei von Echnatons Töchtern mit Mandelaugen und Glatzen. Nackt sitzen sie sich gegenüber. Sie tragen nur Juwelen um den Hals und kraulen sich am Kinn.
Friede, Freude - Eierköpfe.
Eintracht herrschte dennoch nicht. Beim Einführen des neuen Ein-Gott-Glaubens wendete der König Gewalt an. Auf vielen Reliefs sind Aufseher mit Schlagstöcken zu sehen. Eines der größten Häuser der Stadt gehörte der Polizei.
Reeves nennt das Aton-Regime eine "Diktatur" mit erzwungen guter Laune. Ihn erinnern die vielen süßlichen Darstellungen der Königsfamilie an Propagandabilder wie zum Beispiel "Hitler, der seinen Hund tätschelt" oder "Stalin mit seiner Vertrauen einflößenden Pfeife".
Erst die jüngste Forschung lässt erahnen, wie abgedreht und verstiegen der König am Ende dachte. Bei seinen Zeremonien sah er sich zunehmend in der Rolle des alten Schöpfergottes der Ägypter.
Der hatte sich der Sage zufolge durch Samen oder Niesen selbst vermehrt und so die Welt erschaffen.
Diese Idee faszinierte den Sonnenschwärmer. Verkörperte nicht auch sein Aton Keimung, Wachstum und Gedeihen? Echnaton war ein naturbewegter Apostel des Lebens. Er wollte selbst Schöpfer sein.
Verblasste Inschriften aus Amarna zeigen, wie wahnhaft der König diesen Plan auch im Privaten umsetzte. Vieles spricht dafür, dass er seine Familie für eine Art Klonprogramm missbrauchte:
‣ Um 1340 vor Christus heiratete seine älteste Tochter Meritaton. Kurz danach brachte das Mädchen wahrscheinlich ein Baby zur Welt;
‣ Prinzessin Nummer zwei, Maketaton, starb im Kindbett. Ein Relief zeigt sie tot auf einer Bahre. Daneben schreit ein Baby, Echnaton beweint die Szene. Reeves zufolge war hier der "inzestuöse Vater" am Werk;
‣ die nächste Tochter, Anchesenamun, wurde ebenfalls früh schwanger. Wiederum dürfte Echnaton der Erzeuger gewesen sein.
Verdacht erregt auch eine unvollendete Statue, die der deutsche Ausgräber Ludwig Borchardt in Amarna fand. Sie zeigt den König mit einer Tochter auf dem Schoß. Er kost sie und berührt ihre Brust. Ist da wirklich nur eine harmlose Kuschelszene dargestellt?
Seinerzeit habe man das Motiv gewiss als anstößig empfunden, schreibt der Kunsthistoriker Leopold Zahn: "Der Verlust an Gefühl für Würde, Verhaltenheit und Abstand mag von den rechtdenkenden Untertanen übel vermerkt worden sein."
Noch durchschauen die Gelehrten den Wirrwarr nicht vollständig. Ein Hauch von Bhagwan und Sektentum schwebt über der Wiege des Monotheismus. Als der Guru nach 17 Jahren Regierung starb, war das Land aus den Fugen. Fremde Soldaten bedrohten seine Grenzen. In den alten Göttertempeln wuchs Gras.
Umgehend nutzten die Amun-Priester das Machtvakuum, um das Geschehen vergessen zu machen. Sie verfemten Echnaton, kehrten zum alten Glauben zurück und hoben das Knäblein Tutanchamun auf den Thron.
Die fatale Praxis der Inzucht aber griff weiter um sich. Klein Tut musste seine Halbschwester Anchesenamun heiraten. Er war 8, sie 15. Was für eine Wahl! Das Mädchen war vorher schon mit Papa Echnaton verheiratet gewesen.
Auf Reliefs ist das Kinderpaar anmutig dargestellt. Er sitzt auf einem Sessel aus Ebenholz mit Fußpolster. Sie hat eine Perücke aus nubischem Echthaar auf dem Kopf und reicht dem Gatten Lotosblüten und Duftöl.
Bilder voller Anmut.
Platonisch blieb die Beziehung freilich nicht. Das beweisen zwei balsamierte Föten aus Tuts Prachtgrab. Kaum 40 Zentimeter groß, lagen sie in kleinen Särglein aus Holz. Viele Forscher hielten sie bislang für rituelle Beigaben.
Leicht zerfleddert überdauerten die winzigen Körper in einem Depot an der Medizinischen Fakultät in Kairo. Die Genetiker beprobten sie mit Knochenbohrern. Ihr Befund: Tutanchamun war der Vater der Kinder, Anchesenamun die Mutter. Eine Fehlgeburt erlitt sie im fünften, die andere im siebten Monat.
"Irgendetwas ist schräg im Erbgut dieser Föten", vermutet Pusch, "es enthält etwas, das mit dem Leben nicht vereinbar ist."
Bald danach starb auch der humpelnde Tut selbst. Gekrümmt und mit dem Malariaerreger belastet, schleppte er sich zuletzt durch den Palast. Er wurde nur 19 Jahre alt.
Was für ein Schock mag die Ägypter damals gepackt haben! Das schönste und mächtigste Land der Welt war führerlos und damit ohne Heil. Schlimmer noch: Es gab keinen männlichen Thronfolger.
Seit langem vermuten die Experten, dass am Hof umgehend ein Kampf entbrannte. Wie ruppig es dabei zuging, davon zeugt nun ein neues Detail, das die Forscher aufgedeckt haben. Die Mumie von Tutanchamuns leiblicher Mutter, der "Younger Lady", weist ein Loch im Schädeldach auf. "Auch ist ihr Jochbein zertrümmert, die umliegenden Weichteile sind angeschwollen", erklärt Zink. "Sieht aus wie ein Keulenschlag ins Gesicht." Die Frau wurde etwa 35 Jahre alt.
Nach diesem Attentat blieb nur noch die junge Königswitwe als Letzte des Edelgeblüts übrig. Einsam, verzweifelt und ohne Nachwuchs sehen wir Anchesenamun im "Haus des Jubels" sitzen, ihrem Privatschloss in Theben. Die Dynastie stand am Abgrund.
Zwar versuchte ihr Großvater, ein Mann von über 60 Jahren, den Fortgang der Dynastie noch im letzten Augenblick zu retten. Er vermählte sich mit der einsamen Königin - eine Ehe zwischen Opa und Enkelin.
Doch das Not-Zucht-Programm schlug fehl. Aus. Vorbei.
Was blieb, ist der strahlende Grabschatz des Tutanchamun mit Zentnern von Gold und Geschmeide - und der böse Verdacht, dass Ägyptens Granden auf dem Gipfel ihrer Macht einem biologischen Verhängnis anheimfielen.
Abgründe haben die Humangenetiker aufgetan. Aber sie schaffen erstmals auch festeren Grund im Who's who der Königssippe, deren Stammbuch wichtige Seiten hinzugefügt werden konnten.
Nur zu gern würden die beiden deutschen Forscher bald wieder nach Kairo reisen, um die Verwandtschaftsbeziehungen der Pharaonen noch genauer aufzudecken.
"In den Museum-Depots liegen noch allerlei abgerissene Füßchen und Ärmchen", verrät Pusch, "vielleicht gibt es sogar noch Leichenteile von Nofretete."
Durch die "Arabellion" ist das DNA-Projekt ins Stocken geraten. Demnächst aber soll es weitergehen.
Aufmerksam schaut der drahtige Gelehrte in einen Glaskolben. Dann blitzen seine Augen voller Zuversicht. "Wir sind gerade dabei, ein neues Universum zu betreten."
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 48/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 48/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ARCHÄOLOGIE:
Götterdämmerung am Nil

Video 01:17

Bill Clinton lässt Obama warten "Bill! Let's go!"

  • Video "Bill Clinton lässt Obama warten: Bill! Let's go!" Video 01:17
    Bill Clinton lässt Obama warten: "Bill! Let's go!"
  • Video "Wütender Kunde im Apple-Store: Mann zertrümmert iPhones mit Boule-Kugel" Video 00:53
    Wütender Kunde im Apple-Store: Mann zertrümmert iPhones mit Boule-Kugel
  • Video "Nächtlicher Twitter-Ausraster: Trump pöbelt, Clinton bleibt cool" Video 01:23
    Nächtlicher Twitter-Ausraster: Trump pöbelt, Clinton bleibt cool
  • Video "Stars im US-Wahlkampf: Hilfe aus Hollywood" Video 02:55
    Stars im US-Wahlkampf: Hilfe aus Hollywood
  • Video "Vulkan Colima: Flug über den Feuerberg" Video 01:07
    Vulkan Colima: Flug über den Feuerberg
  • Video "Prinz George und Prinzessin Charlotte in Kanada: Darauf ein royales Pop" Video 00:48
    Prinz George und Prinzessin Charlotte in Kanada: Darauf ein royales "Pop"
  • Video "9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden" Video 01:54
    9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: "Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden"
  • Video "Riesenfisch im Video: Walhai nutzt Boot als Kratzbaum" Video 00:52
    Riesenfisch im Video: Walhai nutzt Boot als Kratzbaum
  • Video "Unbemannter Kampfjet X-47B: US-Navy veröffentlicht Video von Testflügen" Video 01:09
    Unbemannter Kampfjet X-47B: US-Navy veröffentlicht Video von Testflügen
  • Video "Videokommentar zu Zschäpe-Aussage: Sie las vom Blatt ab, ohne Empathie" Video 03:48
    Videokommentar zu Zschäpe-Aussage: "Sie las vom Blatt ab, ohne Empathie"
  • Video "Protest beim Putten: Vögel halten Golfball für Ei" Video 00:35
    Protest beim Putten: Vögel halten Golfball für Ei
  • Video "Steinbrücks launiger Bundestagsabschied: Das war der letzte Ton aus meinem Jagdhorn" Video 02:08
    Steinbrücks launiger Bundestagsabschied: "Das war der letzte Ton aus meinem Jagdhorn"
  • Video "Stögers Kampfansage an die Bayern: Niemand gibt sich geschlagen" Video 02:16
    Stögers Kampfansage an die Bayern: "Niemand gibt sich geschlagen"
  • Video "9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden" Video 01:54
    9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: "Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden"
  • Video "Pen Pineapple Apple Pen: Gaga-Video erobert das Internet" Video 01:58
    "Pen Pineapple Apple Pen": Gaga-Video erobert das Internet