28.11.2011

POPIm Casino des Kapitalismus

War da was? Noch nicht einmal ein halbes Jahr ist es her, dass die britische Sängerin Amy Winehouse mit 27 Jahren starb, doch ihr Ende dieser Woche erscheinendes postumes Album "Lioness: Hidden Treasures" klingt wie der Abgesang auf eine untergegangene Epoche. Es sind zwölf Songs, die meisten bisher unveröffentlicht, einige der Aufnahmen entstanden zu Anfang ihrer Karriere, eine nur wenige Monate vor ihrem Tod. Viele der Lieder sind Outtakes, Überbleibsel von Aufnahme-Sessions. Sie erzählen die Geschichte eines Niedergangs: Wie umwerfend die Sängerin sich 2004 noch einen Klassiker wie "Will You Still Love Me Tomorrow" zu eigen machte. Und wie unfreiwillig traurig die letzten Lieder sind - als hätte Winehouse zuletzt auch die Kontrolle über ihre Stimme verloren. Doch die Musik von Amy Winehouse klingt im Ganzen so, als sei sie aus der Zeit gefallen. Nicht nur wegen ihrer jazzigen Retro-Seligkeit. Diese Aufnahmen stammen aus einem London, das es nicht mehr gibt. Einer Stadt, die im Geld der Finanzindustrie schwamm und deren Maßlosigkeit sich in den Drogen- und Boulevardzeitungsdramen der Winehouse spiegelte. Dies ist das London vor der Krise und vor den Ausschreitungen, eine der Hauptstädte des Casino-Kapitalismus, und Winehouse ist seine Barsängerin. Im Wahnsinn der computergenerierten Spekulationsgewinne bildeten ihre Songs Inseln der Wiedererkennbarkeit, an ihrer Verzweiflung konnte man sich festhalten. "Lioness: Hidden Treasures" ist keine Weihnachtsplatte, auch wenn sie im Advent erscheint.

DER SPIEGEL 48/2011
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