28.11.2011

ENZENSBERGERS PANOPTIKUMQuaden, Wilzen und Chauken

Dritte Lieferung: Wie man Nationen am Schreibtisch erfindet
Im dritten Beitrag seiner Essay-Reihe beschäftigt sich Hans Magnus Enzensberger, 82, mit der Frage, wie aus Kollektiven Völker wurden.
Natürlich konnten die Germanen nicht wissen, dass sie Germanen waren. Das haben ihnen erst Griechen und Römer beigebracht, genauer gesagt, einige Schriftsteller, deren Werke sie nie zu Gesicht bekamen: Plutarch, Julius Cäsar und vor allem Publius Cornelius Tacitus mit seiner berühmten Schrift "Germania" aus dem Jahr A. D. 98. Ganze 25 Seiten, an denen sich viele Jahrhunderte später die Deutschen erfrischt haben.
Ich erinnere mich an einen Atlas. Grübelnd saß ich in der siebten Klasse vor einer Karte mit der sogenannten Völkerwanderung. Bunte Pfeile zeigten mir, was für Kollektive sich damals in der Mitte Europas herumgetrieben haben sollen. Unmöglich, sie aufzuzählen, die Quaden und die Rugier, die Wilzen und Chauken, und natürlich die Cherusker. Je mehr ich mich in dieses Bild vertiefte, desto mulmiger wurde mir, und ich begann an der Existenz dieser Völkerschaften zu zweifeln.
Auch die Bibel machte mir zu schaffen. Ob wir jemals von den Kanaanitern, Aschern, Leviten und Makkabäern gehört hätten, wenn sie nicht in diesem Bestseller erwähnt worden wären? Nationen waren das nicht, sondern eher obskure Stämme, Ethnien, Sekten oder einfach bloße Familienclans.
Ähnlich unübersichtlich war und ist die Lage anderswo, zum Beispiel im Kaukasus. Wer sich dort zurechtfinden will, tut gut daran, einen Kaukasologen zu Rate zu ziehen. Der wird ihm erklären, dass dort Dutzende von Völkern auf engstem Raum zusammenleben, die sich nicht nur was ihre Religion und ihre Gebräuche betrifft, stark voneinander unterscheiden, was zu endlosen Konflikten führt; sie sprechen auch grundverschiedene Sprachen, 40 bis 70 an der Zahl, mit Hunderten von Dialekten und diversen Alphabeten.
Wer das verstanden hat, wird deshalb stutzen, wenn er bei der Einreise in die Vereinigten Staaten gefragt wird, ob er etwa Kaukasier sei. Das bedeutet aber nicht, dass man einen Tschetschenen oder Inguschen in ihm vermutet. Das Wort "caucasian" ist nur eine höfliche Umschreibung dafür, dass man von weißer Hautfarbe ist, wenigstens, soweit man nicht aus Lateinamerika kommt; in diesem Fall würde man zu den Latinos gezählt werden, auch wenn man kein Wort Lateinisch spricht.
Wenn die Frage jedoch weniger der Herkunft als der Muttersprache gilt, gehören sowohl die Anglo- wie auch die meisten Südamerikaner, ebenso wie die Franzosen oder die Deutschen zu einer viel größeren Gruppe. Allesamt sind sie Indoeuropäer, die in Deutschland auch unter dem Namen Indogermanen bekannt sind. Leider weiß man nicht genau, wo diese Menschen außerhalb der Sprachwissenschaft zu finden waren. Für das nach ihnen benannte Idiom gibt es nämlich keinerlei Belege. Ihr Wortschatz besteht aus Vokabeln, die man bloß "erschlossen", um nicht zu sagen erfunden hat, weshalb sie in den Wörterbüchern stets mit einem kleinen (*) versehen werden.
Wie aber verhält es sich mit den Nationen, denen wir wohl oder übel angehören, weil wir nicht irgendwo, sondern dort geboren sind, wo jemand dieses Ereignis registriert hat? Natio heißt zunächst "Geburt" und erst in zweiter Linie "eine durch die Eigentümlichkeit zusammengehörige Menschenklasse, das Volk, die Sippschaft, die Gattung, Klasse, Schar". Seit wann es aber Nationen in dem Sinn gibt, wie sie sich beispielsweise in New York versammelt haben, darüber haben Historiker und die Völkerrechtler ganze Bibliotheken geschrieben. Zu dieser Frage soll hier nur mit der gebotenen Bescheidenheit eine Fußnote beigetragen werden, allerdings eine, die es in sich hat.
Es kommt mir nämlich so vor, als wären die meisten der Nationen von einer Handvoll stiller Gelehrter erfunden worden, und zwar innerhalb der letzten 200 Jahre. Zwar gab es ein paar verstreute Vorläufer, auf deren Ideen diese Autoren zurückgreifen konnten. Doch erst um das Jahr 18oo herum war eine kritische Masse erreicht. Es begann damit, dass die Forscher sich an ihre Schreibtische setzten, um herauszufinden, was der sogenannte Volksmund zu sagen hatte. Mit Eifer trugen sie Märchen, Redensarten, Rätsel, Lieder und Sagen zusammen.
Es waren zumeist Männer mit gestärktem Kragen, und sie sprachen Deutsch. Sie kamen aus Orten wie Mohrungen, Hanau, Ehrenbreitstein. Manche schlugen sich als Lehrer oder Pfarrer durch, andere brachten es sogar zu einer Professur. Einer der ersten aus dieser Schar von Schriftstellern trug den Titel eines Generalsuperintendenten, was sich schlimmer anhört, als es war; denn Johann Gottfried Herder blieb Zeit genug, um sich im beschaulichen Weimar seinen Studien hinzugeben. Der deutschen Sprache griff er mit neuen Vokabeln wie Zeitgeist oder Weltmarkt unter die Arme, und auch das Volkslied gab es nicht, bevor er es erfand - wenigstens fehlte ein Wort dafür. Er war auch einer der ersten Sammler solcher Gesänge. Dabei beschränkte er sich nicht auf die einheimischen Traditionen, sondern ging lieber gleich aufs Ganze. Polyglott, wie er war, übersetzte er auch Lieder aus dem Spanischen, dem Altnordischen, dem Litauischen und aus einem halben Dutzend anderer Sprachen.
Als ein paar Jahre später Achim von Arnim und Clemens Brentano mit "Des Knaben Wunderhorn" auf den Plan traten, gab es kein Halten mehr. Jacob und Wilhelm Grimm edierten deutsche, isländische und schottische Altertümer und schrieben mit ihrer Märchensammlung einen Weltbestseller. Auf einmal wurden überall Handschriften entziffert, und es hagelte Sagen, Sprichwörter und Balladen. Die Grimms verfassten Grammatiken und fingen ein deutsches Wörterbuch an, das so groß war, dass es erst im Jahre 1961, nach zwei Weltkriegen, mit der letzten, der 380. Lieferung abgeschlossen werden konnte.
Ich habe das Gefühl, dass es damals für die deutschen Dichter und Denker eine Lust gewesen sein muss zu leben. Die Sprachwissenschaft blühte auf, die Indogermanistik wurde erfunden, Sanskritforscher und Orientalisten beugten sich über die Quellen, Märchensammler schwärmten aus, keine Sprache war so entlegen, dass man sie nicht studiert hätte. Nach und nach wird all diesen Forschern aufgefallen sein, dass ihr Land, obwohl das alte deutsche Reich schon längst nicht mehr existierte, in aller Unschuld zu einer Weltmacht aus dem Geist der Philologie geworden war. An den Hochschulen fanden sich Schüler aus ganz Europa ein, und wer nicht selbst nach Göttingen oder Berlin pilgern konnte, las die dicken Bücher aus der Berliner Realschulbuchhandlung bei Mohr & Zimmer in Heidelberg oder bei Hirzel in Leipzig und holte sich dort, was er brauchte.
So brach ein sonderbarer Völkerfrühling an, mitten in einem biedermeierlichen Europa, das von den Kalkülen der Großmächte, von der Polizei und von der Zensur beherrscht war. Plötzlich wollte niemand mehr Randprovinz, Protektorat, Kolonie oder Anhängsel eines Imperiums sein. Alle sehnten sich danach, eine richtige Nation zu werden, souverän, unabhängig, mit allem, was dazugehört, eigener Flagge, eigener Hymne, eigener Amtssprache, eigenem König oder Präsidenten. Aber wie? Die Barrikadenträume von 1789 waren längst ausgeträumt. Da war es vielleicht klüger, den Hebel an anderer Stelle anzusetzen. Die Franzosen, die Engländer, die Russen, all die arrivierten Staaten Europas verfügten über eine ordentliche Nationalkultur. Überall Akademien, Universitäten, Konservatorien, in denen die eigene Sprache herrschte, während man in Norwegen Dänisch, in Finnland Schwedisch und in Estland Deutsch reden musste, um zur besseren Gesellschaft zu gehören, so als hätten die Einheimischen nichts zu sagen. Das musste anders werden. Die Deutschen hatten gezeigt, wie man das macht: nicht mit der Flinte, sondern mit Büchern in der Hand.
Und so fingen alle andern an, wie die Brentanos und die Grimms, ihre alten Lieder, Märchen und Sagen einzusammeln, Wörterbücher und Grammatiken zu verfassen und der Welt zu zeigen, dass sie mit diesem oder jenem Volk, wenn nicht gar mit einer neuen Nation zu rechnen hatte.
Ein Bauernsohn namens Vuk Karadžić, der seinen Jacob Grimm studiert hatte, wurde so in Serbien zum Vater seines Vaterlandes. In einer Person sorgte er für das vollständige Programm, sammelte die mündlichen Überlieferungen, schrieb ein großes Wörterbuch und begründete die serbische Grammatik und Orthographie. Am andern Ende Europas lebte ein gewisser Ivar Aasen, ein Autodidakt, und synthetisierte aus den Dialekten des Landes das Neunorwegische, inklusive Wörterbuch und elaborierter Grammatik, um der dänischen Buch- und Amtssprache etwas Ebenbürtiges entgegenzusetzen. Auch Elias Lönnrot, dessen Muttersprache, trotz des schwedischen Namens, das Finnische war, kam aus ärmlichen Verhältnissen. Sein Leitstern war Herder. Das Pensum war gigantisch: das erste umfassende Wörterbuch, die üblichen Lieder-, Sprichwörter- und Rätselsammlungen, vor allem aber erschuf er aus mündlichen Überlieferungen das "Kalevala", ein großes Epos, das heute jeder Finne schon in der Schule kennenlernt. Lönnrot hat auch zahlreiche neue Wörter erfunden.
Ähnliche Geschichten lassen sich aus Litauen und Lettland erzählen, und selbst das Tschechische hat erst durch Gelehrte wie Josef Dobrovský, den Begründer der Slawistik, und durch seinen Schüler Josef Jungmann im 19. Jahrhundert zu sich selbst gefunden. Leider muss man sagen: So vielversprechend und erfolgreich der Siegeszug der Philologie war, so böse hat er geendet. Was als Emanzipation begonnen hatte, schlug sich im Lauf der nächsten 150 Jahre nieder in Zwist, in Ressentiment, Fremdenhass und Krieg. Das berühmte Selbstbestimmungsrecht der Völker sorgt bis heute für Ärger. Unlängst haben es die Kosovaren und die Sudanesen des Südens zu einem eigenen Staat gebracht, andere, wie die Kurden, die Basken und die Schotten, stehen in der Warteschlange, ein Ende ist nicht abzusehen.
Der Einzige, der schon früh ahnte, wohin das führen mochte, war der Weimarer Hofprediger und Universalgelehrte Johann Gottfried Herder. "Nationalwahn", schrieb er, "ist ein furchtbarer Name. Wer nicht mitwähnet, ist ein Idiot, ein Feind, ein Ketzer, ein Fremdling." Und dies war seine Antwort auf die Frage, was eine Nation sei: "Ein großer, ungejäteter Garten voll Kraut und Unkraut. Wer wollte sich dieses Sammelplatzes von Torheiten und Fehlern so wie von Vortrefflichkeiten und Tugenden ohne Unterscheidung annehmen und gegen andre Nationen den Speer brechen? Offenbar ists die Anlage der Natur, dass wie Ein Mensch, so auch Ein Geschlecht, also auch Ein Volk von und mit dem anderen lerne, bis alle endlich die schwere Lektion gefasst haben: ,Kein Volk sei ein von Gott einzig auserwähltes Volk der Erde; die Wahrheit müsse von allen gesucht, der Garten des gemeinen Besten von allen gebauet werden.'"
Nur die wenigsten haben auf ihn gehört. ◆

DER SPIEGEL 48/2011
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