28.11.2011

SPIEGEL-GESPRÄCH„Es gibt noch eine Zugabe“

Der Musiker und BAP-Gründer Wolfgang Niedecken über seinen Schlaganfall, das schwierige Verhältnis zu seinem Vater und die Vereinbarkeit von Rock'n'Roll und Familie
Ein warmes Wohnzimmer im Kölner Süden, voller Bilder, voller Schnickschnack, hinter dem Fenster fließt der Rhein. Am Esstisch sitzt Wolfgang Niedecken, 60, im Baumfällerhemd, darunter ein T-Shirt mit der Aufschrift "Clodwigplatz", das ist jene Ecke Kölns, die sein Nabel der Welt geblieben ist. Seine Frau Tina steht in Pantoffeln mit Mäuse-Bildern in der Küche und bereitet einen Apfelkuchen vor. Sie wird sich, da, wo es passt, immer wieder in dieses Gespräch einbringen, das auch eine Bilanz von Niedeckens Leben ist. Zwei Etagen höher erlitt der BAP-Sänger vor vier Wochen einen Schlaganfall, über den er nun erstmals spricht.
SPIEGEL: Herr Niedecken, was ist am 2. November in diesem Haus geschehen?
Niedecken: Ich war gerade von einem Amerika-Urlaub mit einem Freund zurück, fühlte mich erholt, freute mich schon auf unsere BAP-Tour, die sechs Tage später beginnen sollte. Im Death Valley hatte ich mir aber einen starken Husten eingefangen, und der war wohl die Ursache für den Schlaganfall. Ich hatte eine Art Schleife in der Halsschlagader, eine Ausbuchtung. Durch den Husten hat sich die Halsschlagader an dieser Stelle offenbar verletzt, ein kleiner Riss. Und so hat sich dort ein Blutgerinnsel gebildet.
SPIEGEL: Wie haben Sie an jenem Tag bemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist?
Niedecken: Es war gegen 13 Uhr, ich saß in meinem Sessel im Arbeitszimmer und versuchte, ein Buch zu lesen, "Licht im August" von William Faulkner. Plötzlich bemerkte ich, dass ich nichts mehr kapierte. Ich musste die Seiten immer wieder neu lesen. Dann wurde es nebelig vor den Augen, alles sah merkwürdig aus, mein ganzes Umfeld hatte amorphe Formen. Und dann begegnete ich Gott sei Dank meinem Schutzengel.
Tina Niedecken: Ich war eigentlich unterwegs an diesem Vormittag und habe nur mal kurz zu Hause reingeschaut, um die Waschmaschine anzuwerfen. Als ich
Wolfgang gegen Viertel nach eins sah, fragte ich nur: "Wie siehst du denn aus?" Es war, als wenn die Seele aus seinem Gesicht gewichen wäre.
Niedecken: Sie sagt, sie habe mich noch nie so gesehen.
Tina Niedecken: Er sah schrecklich aus. Da war wirklich die Seele weg.
Niedecken: Ich bin nicht rumgetorkelt, ich konnte noch gehen. Ich konnte nur nichts mehr sagen, alles war so leer.
Tina Niedecken: Als ich sah, wie er versuchte, mir etwas zu sagen, es aber nicht konnte, da hab ich gedacht: Scheiße, der hat einen Schlaganfall. Das ist jetzt richtig ernst, das muss jetzt schnell gehen. Fünf Minuten später war der Notarztwagen da.
Niedecken: Ich habe den Rettungssanitätern noch sagen wollen: Lasst das, was soll denn der Quatsch? Ich wollte die Jungs nach Hause schicken. Aber ich konnte nicht sprechen.
SPIEGEL: Was geschah in der Klinik?
Niedecken: Mir wurde das Blut verdünnt, um das Blutgerinnsel aufzulösen. Wenn man Glück hat, ist dann bereits alles geklärt. Leider hat sich dieses Blutgerinnsel aber in Bewegung gesetzt, Richtung Gehirn. Als das klar war, wurde ich gegen 15 Uhr wieder in den Wagen gepackt und in die Neurochirurgie gebracht.
SPIEGEL: Haben Sie alles bewusst erlebt?
Niedecken: Ja. Bevor sie mich in Narkose versetzt haben, wusste ich genau: Jetzt geht es um die Wurst. Hoffentlich machst du die Augen noch mal auf.
Tina Niedecken: Dann sind die Ärzte mit einem Katheter auf Höhe der Leiste in seine Hauptarterie gegangen und hoch bis ins Gehirn gefahren. Diese zwei Stunden will ich nicht noch mal erleben. Der Professor und der Oberarzt waren bei unseren zwei Töchtern und mir, sie waren sehr besorgt. Es war wirklich eng. Nach zwei Stunden hatten sie das Blutgerinnsel erwischt und es wieder rausgezogen.
SPIEGEL: Hatten Sie Angst, dass Ihr Mann schwer geschädigt sein könnte?
Tina Niedecken: Natürlich, denn das alles dauerte bereits einige Stunden, Wolfgang hatte also über lange Zeit eine Unterversorgung im Hirn. Es war nicht klar, in welchem Zustand er wieder aufwachen würde. Ich saß also auf der Intensivstation an seinem Bett, wartete und fragte mich: Welchen Mann bekommst du nun wieder? Ist er halbseitig gelähmt, kann er noch reden? Wird das noch derselbe Wolfgang sein?
SPIEGEL: Können Sie sich an das Aufwachen erinnern, Herr Niedecken?
Niedecken: Das war gegen 22 Uhr, ein wunderschöner Moment. Ich hatte sie alle vor mir, meine drei Mädels, Tina und die Töchter. Ich dachte: Das ist geil. Ich bin wieder am Start. Es gibt noch eine Zugabe.
Tina Niedecken: Dann wollte er mir etwas erzählen, es lag ihm offenbar am Herzen. Aber er sagte nur "Amisch", immer wieder "Amisch". Ich dachte: Oh Gott, das Sprachzentrum hat es richtig erwischt.
Niedecken: Es war zum Verzweifeln. Ich wollte Tina sagen, welches Schwein ich hatte, dass ich nicht alleine war, habe es immer wieder versucht, aber es kam immer nur dieses blöde "Amisch" raus. Keine Ahnung, was das sein sollte. Dann wollte ich etwas aufschreiben, aber auch das war eine Katastrophe. Ich konnte nicht mal einen Stift halten. Zwei Stunden später kam endlich der erste zusammenhängende Satz über meine Lippen. Ich sah die Kabel, die ganzen Apparate und sagte: "Du leeven Jott."
SPIEGEL: Hatten Sie Angst, nicht mehr der Alte zu sein?
Niedecken: Ich war erst mal nur glücklich, dass ich noch lebte. Das ist das eigentliche Geschenk - das weiß ich erst jetzt, da ich dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen bin. Ich hatte allerdings gar keinen Zweifel, wieder der Alte zu werden.
SPIEGEL: War da keine Sorge, nie wieder Musik machen zu können?
Niedecken: Ich habe mir von Tina rasch eine Gitarre ans Bett bringen lassen. Das zu testen war mir unheimlich wichtig. Mit der linken Hand lief alles wunderbar, aber rechts ist mir das Plektrum immer wieder aus der Hand gefallen. Trotzdem habe ich keine einzige Sekunde gedacht: Das wird nicht wieder.
Tina Niedecken: Im Gegensatz zu uns.
Tina Niedecken steht jetzt auf, holt einen großen braunen Umschlag mit der Aufschrift "Radiologie" und zieht Aufnahmen vom Gehirn ihres Mannes heraus. Auf den Bildern schimmern manche Regionen weiß, diese Bereiche sind durch den Schlaganfall abgestorben.
Tina Niedecken: Diese Gehirnstellen sind einfach gekillt, wie von einer Festplatte gelöscht. Gemessen an diesen Bildern, ist sein jetziger Zustand ein Wunder. Er sucht manchmal noch nach Wörtern und tut sich mit dem Formulieren schwer.
Niedecken: Zum Training soll ich jetzt Scrabble spielen, also Wörter aus einem Buchstabensalat bilden. Als ich von der Intensivstation runter war, saß ich sechseinhalb Minuten davor und habe das simple Wort "Uhr" nicht erkannt. Drei Buchstaben!
SPIEGEL: Haben Sie an Gaby Köster denken müssen, die nach ihrem Schlaganfall knapp drei Jahre abtauchen musste und noch heute gezeichnet ist?
Niedecken: Gaby hat mich sofort angerufen und erzählt, sie habe unglaubliche Sorgen um mich gehabt. Dabei hat sie selbst viel Schlimmeres durchmachen müssen. Unsere Beispiele zeigen: Schlaganfälle können zu völlig verschiedenen Konsequenzen führen.
SPIEGEL: Wie fühlt es sich an, öffentlich krank zu sein? Kann man als Prominenter sagen: Meine Krankheit ist reine Privatsache, da lasse ich keinen dran teilhaben?
Niedecken: Ich selbst war schockiert, als die "Bild"-Zeitung gleich erfundene Details über meinen Schlaganfall verbreitete. Dass sie meine Töchter vor dem Krankenhaus fotografiert haben und ein Reporter ihnen aufgelauert hat und sie ausquetschen wollte. Als Tina und ich vor ein paar Tagen am Rhein spazieren gingen, sah ich plötzlich "Bild"-Paparazzi hinter dem Baum. Auf einem der Fotos sieht man mir den Schreck über den Fotografen richtig an. Ich schaue tatsächlich wie jemand, der einen Schlaganfall hatte.
Tina Niedecken: Schatzi, du hattest einen Schlaganfall!
Niedecken: Ja, weiß ich ja. Ich meine nur, es sah so aus, wie man sich Schlaganfall-Patienten im Boulevard vorstellt. Ich gucke so ein bisschen irre. Das Gefühl, die Kontrolle über seine Privatsphäre zu verlieren, ist schlimm. Das hat etwas von einer Vergewaltigung.
SPIEGEL: Welche Botschaft hatte der Schlaganfall? Wollte Ihnen jemand etwas mitteilen?
Niedecken: Ich habe schon immer am liebsten auf allen Hochzeiten gleichzeitig getanzt, weil mir so viele Dinge Spaß machen. Aber ich habe auch nur 24 Stunden zur Verfügung. Gerade in diesem Jahr habe ich es etwas übertrieben. Mein 60. Geburtstag auf einem Rhein-Schiff, von dem jetzt ein Film auf DVD erscheinen wird, dazu ein neues BAP-Album, meine Autobiografie, Lesungen, Konzerte.
SPIEGEL: Wie ist das, zu wissen, dass es um ein Haar vorbei gewesen wäre?
Niedecken: Das ist sehr gruselig. Ich muss mich auch erst dran gewöhnen, dass ich nicht ständig mit so einem geistigen Rollator rumlaufe. Ich will ja jetzt nicht ständig Angst haben und bei jedem Husten daran denken: Es könnte bald vorbei sein.
SPIEGEL: Sie wurden im selben Gebäude operiert, in dem Ihr Vater gestorben ist. Haben Sie in den vergangenen Tagen oft an ihn denken müssen?
Niedecken: Ja, sehr oft, aber auch vorher schon. Jedes Mal, wenn ich dieses Bettenhaus sehe, denke ich: Da ist er gestorben.
SPIEGEL: Bevor Ihr Vater, ein Lebensmittelhändler aus der Kölner Südstadt, zum Thema Ihres Hits "Verdamp lang her" wurde, lagen Sie lange mit ihm über Kreuz. Er war Mitglied der NSDAP gewesen und erzkatholisch. Wie haben Sie damals sein Sterben erlebt?
Niedecken: Das Sterben war ungeheuer tragisch, weil es vollkommen unnötig war. Mein Vater ist an seiner Sparsamkeit gestorben. Weil er wirklich zu geizig war, die Insulinspritze, die er gegen seine Zuckerkrankheit nehmen musste, zu wechseln. Er starb dann an einer Infektion. Das ist ohne Worte.
SPIEGEL: Woher rührte diese Sparsamkeit Ihres Vaters?
Niedecken: Er hat zwei Kriege erlebt, und er war im wahrsten Sinne des Wortes ein Patriarch, der sich um alles und jeden Sorgen machte, gerade auch um mich. Ich war sein Sorgenkind. Als ich in der Schülerband Musik machte, sagte er: "Was soll das denn?" Als ich dann Malerei studierte, sagte er: "Brotlose Kunst." Und als ich noch mal mit einer Band anfing, wurde er fast wahnsinnig. Bis zu seinem Tod gelang es mir nicht mehr, ihm die Sorge zu nehmen, ich könnte auf der Strecke bleiben. Er ist leider gestorben und hat sich Sorgen um den Kleinen gemacht.
SPIEGEL: Sie haben über ihn gesagt: "Er ist nicht beruhigt gestorben." Wären Sie beruhigt gestorben, wenn das mit dem Schlaganfall anders gelaufen wäre?
Niedecken: Nicht wirklich. Alle Eltern fragen sich: Was wird aus denen, die ich in die Welt gesetzt habe? Natürlich mache ich mir immer noch Sorgen, ob alle meine Kinder ihren Weg gehen werden. Die Mädels sind jung, die Jungs studieren und wissen nicht so richtig, welchen Beruf sie daraus mal machen sollen. Ich will helfen. Sie sehen: Familiengeschichte wiederholt sich, nur auf einer anderen Ebene.
SPIEGEL: Sehen Sie dadurch Ihren eigenen Vater noch einmal anders?
Tina Niedecken: Du hast schon in den vergangenen Jahren immer wieder gesagt, dass du deinen Vater heute viel besser verstehen kannst. Er wird ihm auch immer ähnlicher. Manchmal sage ich: "Ja, Josef …", so hieß sein Vater. Das heißt dann übersetzt: "Pass auf, dass du es nicht auch so machst wie er."
SPIEGEL: Als Sie damals am Telefon vom Tod Ihres Vaters erfuhren, dachten Sie da: Wir haben so viel verpasst?
Niedecken: Ja, das ist ja der Inhalt von "Verdamp lang her", darin heißt es: "Verdammt lang her, dass ich bei dir am Grab war / Verdammt lang her, dass wir gesprochen haben."
SPIEGEL: In Ihrer Autobiografie schreiben Sie: "Je älter er wird, desto öfter schaut der Seiltänzer in den Abgrund und macht sich Gedanken über das nicht vorhandene Netz." Machen Sie sich jetzt, nach diesem Schlaganfall, noch mehr Gedanken?
Niedecken: Auf jeden Fall. Jetzt ist mir aber bewusster, dass die Zeit immer knapper wird. Ich bin im Frühjahr 60 geworden und weiß, dass dies für einen Rockmusiker ein biblisches Alter ist.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich denn heute noch als Rock'n'Roller?
Niedecken: Tina und ich versuchen hier etwas, was nach dem gängigen Rock'n'Roll-Klischee gar nicht geht. Du kannst da eigentlich keine richtige Familie haben. Aber wenn man gewisse Spielregeln einhält, ist es ein Beruf wie jeder andere. Meine erste Ehe dagegen ist am Rock'n'Roll gescheitert.
SPIEGEL: Sex and Drugs and … Haben Sie mal härtere Drogen genommen?
Niedecken: Das war für mich vollkommen indiskutabel. Bei härteren Drogen hätte ich ja meine Kontrolle aufgegeben. Ich lebe ganz gerne in meiner Realität.
SPIEGEL: Sind Sie ein Suchtmensch?
Niedecken: Ich hatte Angst, ein Suchtmensch zu sein, 1987 war das. Ich habe seit 1984 viel Alkohol getrunken, dann erwischte mich in China eine Hepatitis. Und auch wenn das nichts mit dem Trinken zu tun hatte, dachte ich: Vielleicht hörst du's mal auf. Mal gucken, ob das geht. Ich habe dann zehn Jahre lang keinen Tropfen angerührt.
SPIEGEL: Wie viel haben Sie damals so getrunken?
Niedecken: In den härtesten Zeiten ging das schon beim Soundcheck los. Erste Flasche Wein, dann vielleicht noch eine, dann während des Auftritts noch eine und dann vielleicht noch eine zum Abfeiern, oder zwei.
SPIEGEL: Vier, fünf Flaschen am Tag also?
Niedecken: Ja, das war schon heftig in dieser Hochphase. Es gab einige in der Band, die das mitmachten, aber nicht alle. Das war schon meine eigene Schuld.
SPIEGEL: Wie kam es dazu?
Niedecken: Einerseits hatten wir natürlich Spaß zusammen, haben viel gefeiert. Aber ich war auch unglücklich in meiner Beziehung. Ich musste mir das schöntrinken, damit ich nicht immer an das dachte, was nicht funktionierte. Dann aber der Schnitt, zehn Jahre Pause. Inzwischen trinke ich wieder gerne mal ein Weinchen, kann es aber auch lassen.
Tina Niedecken: Also, die Zeiten sind jetzt auch wieder vorbei …
SPIEGEL: … sagt der Arzt, oder sagen Sie?
Niedecken: Ich sage mir momentan: Alles, was gefährlich sein könnte, lasse ich einfach mal weg. Das kann ja nicht nur der Husten gewesen sein.
SPIEGEL: Hatten Sie als Musiker je Lampenfieber oder Versagensangst?
Niedecken: Ich hatte das einmal sehr heftig. Als wir 1982 zweimal als Vorgruppe der Rolling Stones im Kölner Stadion spielten, hatte ich alle Formen von Lampenfieber. Brechreiz, Durchfall, Zähneklappern, Schweißausbrüche, ich bin fast umgefallen. Plötzlich stehst du auf der Stones-Bühne, das war verdammt groß. Danach dachte ich: Wenn du das hingekriegt hast, bekommst du alles andere auch hin.
SPIEGEL: In Ihrer Autobiografie schreiben Sie: "Als ich meinen Vertrag mit der Zukunft unterschrieben hatte, war mir bewusst gewesen, was ich tat. Ich hatte akzeptiert, dass die Selbstzweifel, die Ratlosigkeit und die Stunden in Finsternis ebenso dazugehörten wie die kostbaren Augenblicke." Was waren die Momente der Finsternis?
Niedecken: Das waren jene, in denen ich keinen Ausweg mehr gesehen habe: für die Zukunft der Band, aber auch in privaten Beziehungen.
SPIEGEL: Wie zeigt sich die Finsternis?
Niedecken: Ich kann schon ziemlich melancholisch durch die Gegend laufen und ziehe damit, glaube ich, auch die Familie in Mitleidenschaft.
Tina Niedecken, die sich zum Möhrenschälen in die Küche verzogen hatte, ruft ein lautes "Oh ja!" aus dem Hintergrund, dann kommt sie zurück an den Tisch.
SPIEGEL: War es so schlimm?
Tina Niedecken: Und wie! Das hat wohl mit dem Künstlersein zu tun. Diese extreme Melancholie und Schwere, die er dann oft kriegt - es ist oft schwierig, ihn da wieder rauszuholen, das kostet Kraft. Aber es ist besser geworden mit der Zeit.
Niedecken: Was mich immer wieder sehr geschmerzt hat, ist mein erster Familienversuch, der gescheitert ist. Das bricht immer wieder durch. Was ich mir schon für Gedanken gemacht habe, ob ich für meine beiden Söhne aus erster Ehe wirklich alles getan habe!
SPIEGEL: Sie singen auf dem neuesten BAP-Album, Sie würden heute, als älterer Mann, seltener auf sich hereinfallen. Worauf sind Sie früher hereingefallen?
Niedecken: In den achtziger Jahren wurde ich zu Gott weiß was befragt, dabei wusste ich gar nicht alles.
SPIEGEL: Nein?
Niedecken: Nein. Das habe ich mir damals aber nicht eingestanden. Ich hab auch gedacht, ich muss mich für Gott weiß was engagieren. Aber wer alles macht, dem hört irgendwann keiner mehr zu.
SPIEGEL: So haben Sie sich mit den Jahren das Image des Gutmenschen erworben.
Niedecken: Ha! Das böse Wort! Ich kann es nicht mehr hören. Es gibt aber Leute, die Gutmenschen tatsächlich gut finden, besser als Schlechtmenschen jedenfalls.
SPIEGEL: Meistens meint der Ausdruck eine naive Penetranz.
Niedecken: Ja, leider. Der gute Heinrich Böll galt ja als "Der gute Mensch von Köln". Ich finde aber, das ist keine Beleidigung.
SPIEGEL: Haben Sie auch darunter gelitten, von manchen mehr als Aktivist denn als Künstler gewürdigt zu werden?
Niedecken: Eigentlich kann man das ja nur sagen, wenn man fast alles kennt, was ich allein mit 17 Studioalben formuliert habe. Aber die meisten kennen ja nur die erste Hälfte der Achtziger. Da kann man sich über die Klischees nicht wirklich wundern. Aber mein Hauptthema ist mir nie abhandengekommen: mein Leben.
SPIEGEL: Währen Sie nicht lieber wie Ihr Idol Bob Dylan ein Weltstar geworden statt einer lokalen Größe mit überregionaler Ausstrahlung?
Niedecken: Nein, um genau diese Frage kreiste ja der Konflikt mit meinem langjährigen Gitarristen "Major" Heuser. Ich fand immer, dass wir uns etwas Tolles aufgebaut haben. Hätten wir etwas anderes gemacht, wären wir austauschbar geworden. Wer zum Teufel brauchte denn in den achtziger Jahren eine runkelnde Garagenband aus Deutschland, die englische Texte singt? Ich wollte, dass wir die Band für die Leute sind, nach dem Motto: "Wir spielen überall, wo eine Steckdose ist."
SPIEGEL: Sie schreiben, Sie hätten 15 Jahre lang unter der Situation gelitten, dass Ihr Gitarrist andere, größere Pläne für BAP hatte. Warum haben Sie beide erst vor zwölf Jahren und nicht früher den Schlussstrich gezogen?
Tina Niedecken: Weil du zu nett bist. Er hat das zu lange ertragen, obwohl er oftmals todunglücklich war.
Niedecken: Weil ich mich in einer Band befand, und diese Band war nicht nur ich. Das waren viele, die zum Gelingen beigetragen haben, und ich habe immer wieder versucht, möglichst kooperativ zu sein. Der Major wollte Erfolgreiches tun, und ich wollte was künstlerisch Interessantes machen und zudem meiner Muttersprache treu bleiben.
SPIEGEL: Dabei hatten Sie selbst lange Zeit Probleme mit den Kölnern.
Niedecken: Besonders mit diesem Überheblichkeitsgefühl. Wenn der Stadionsprecher des 1. FC Köln seine Ansage macht: "Willkommen in der schönsten Stadt Deutschlands!", das ist fremdschämen pur. Das ist schwer zu ertragen und auch schwer zu begründen, vor allen Dingen, wenn man nicht über den Tellerrand guckt. Die Kölner können feiern ohne Ende, letztendlich endet alles in einer Form von Karneval.
SPIEGEL: Sie haben über den Tellerrand hinaus geguckt. Warum sind Sie trotzdem in Köln geblieben?
Niedecken: Ich bin sehr froh, dass ich diesen Heimathafen habe. Der Rhein bedeutet mir wirklich viel. Aber das heißt ja auch, dass ich immer wieder aufbrechen kann und dass ich zurückkommen kann. Das ist der schönste Begriff, der mit Heimat jemals zu tun hat: aufbrechen zu können. Um noch mal auf dieses Scheißthema zu kommen: Wenn ich jetzt gelähmt hier rumsitzen würde und wüsste, ich kann nicht mehr aufbrechen, ganz ehrlich: Das würde nichts mehr werden.
SPIEGEL: Herr Niedecken, Frau Niedecken, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Klaus Brinkbäumer und Markus Feldenkirchen in Köln.
Von Klaus Brinkbäumer und Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 48/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 48/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL-GESPRÄCH:
„Es gibt noch eine Zugabe“

Video 01:10

Genua Rettungsarbeiten an eingestürzter Brücke

  • Video "Brückeneinsturz in Genua: Wir hätten nie gedacht, dass so etwas passieren kann" Video 01:25
    Brückeneinsturz in Genua: "Wir hätten nie gedacht, dass so etwas passieren kann"
  • Video "Team von Roger Schmidt: Peinliches Eigentor" Video 00:44
    Team von Roger Schmidt: Peinliches Eigentor
  • Video "Trump gegen Ex-Mitarbeiterin Omarosa Manigault Newman: Schlammschlacht wie im Reality-TV" Video 02:37
    Trump gegen Ex-Mitarbeiterin Omarosa Manigault Newman: Schlammschlacht wie im Reality-TV
  • Video "Rettungseinsatz: Wal aus Netz befreit" Video 00:33
    Rettungseinsatz: Wal aus Netz befreit
  • Video "Starke Regenfälle in New Jersey: Sturzflut schwemmt Autos gegen Brücke" Video 00:50
    Starke Regenfälle in New Jersey: Sturzflut schwemmt Autos gegen Brücke
  • Video "Wirtschaftskrise in der Türkei: Erdogan ist dafür verantwortlich" Video 03:33
    Wirtschaftskrise in der Türkei: "Erdogan ist dafür verantwortlich"
  • Video "Seltener Anblick: Wenn Wale vor der Terrasse jagen" Video 00:33
    Seltener Anblick: Wenn Wale vor der Terrasse jagen
  • Video "Video aus Alaska: Windböe schleudert Rennboot in die Luft" Video 00:57
    Video aus Alaska: Windböe schleudert Rennboot in die Luft
  • Video "Enthüllungsbuch über Trump-Regierung: Der Präsident belügt das amerikanische Volk" Video 01:54
    Enthüllungsbuch über Trump-Regierung: "Der Präsident belügt das amerikanische Volk"
  • Video "Türkei in der Krise: Erdogan setzt auf Eskalationskurs" Video 02:28
    Türkei in der Krise: "Erdogan setzt auf Eskalationskurs"
  • Video "Äußerst seltene Aufnahmen: Migaloo, der weiße Wal" Video 00:50
    Äußerst seltene Aufnahmen: "Migaloo", der weiße Wal
  • Video "Erdogan und die Wirtschaftskrise: Da sind ökonomische Terroristen auf Social Media" Video 01:05
    Erdogan und die Wirtschaftskrise: "Da sind ökonomische Terroristen auf Social Media"
  • Video "E-Bike Unimoke: Ein Schwergewicht mit Starthilfe" Video 03:35
    E-Bike "Unimoke": Ein Schwergewicht mit Starthilfe
  • Video "Ein Jahr nach Charlottesville: Diesmal ohne Hakenkreuze?" Video 02:26
    Ein Jahr nach Charlottesville: Diesmal ohne Hakenkreuze?
  • Video "Genua: Rettungsarbeiten an eingestürzter Brücke" Video 01:10
    Genua: Rettungsarbeiten an eingestürzter Brücke