28.11.2011

SPIEGEL-GESPRÄCH„Ein seelischer Kraftakt“

Die amerikanische Skirennläuferin Lindsey Vonn über eine Kindheit unter Leistungsdruck, den Bruch mit ihrem Vater, der auch ihr Trainer war, und das Ende ihrer Freundschaft mit der deutschen Rivalin Maria Höfl-Riesch
SPIEGEL: Frau Vonn, Sie sind die erfolgreichste Skirennläuferin der Gegenwart. Lässt der innere Antrieb, die Beste sein zu wollen, nicht irgendwann nach?
Vonn: Es wird eher schlimmer. Natürlich gibt es auch bei mir diese Tage, an denen ich morgens im Bett liege und denke, nee, heute nicht, heute bleibst du einfach liegen. Das hält ungefähr fünf Minuten an, dann schießt mir durch den Kopf: Die anderen trainieren bestimmt schon, los, auf! Ich verspüre den ständigen Drang, mehr machen zu müssen als die anderen.
SPIEGEL: Das klingt, als wäre es auf Dauer extrem anstrengend.
Vonn: Tja, ist es auch. Zeigen Sie mir einen Ausnahmeathleten, der nicht von dieser Angst getrieben wird, den Anschluss zu verlieren. Das beginnt doch schon in der Kindheit.
SPIEGEL: Sie verließen im Alter von elf Jahren Ihre Heimatstadt im Bundesstaat Minnesota und zogen mit Ihrer Mutter nach Vail, Colorado, tausend Meilen entfernt, um professionell trainieren zu können. Kamen Sie sich in dieser fremden Umgebung niemals verloren vor?
Vonn: Es fühlte sich an, als ob man mich auf einen anderen Planeten verpflanzt hätte. Ein Mädchen aus der Provinz zog in den Nobelskiort Vail. Ich sah nicht nur zum ersten Mal Pulverschnee, alles war anders. Ohne meine Mutter hätte ich das nicht gepackt. Es war ja nicht selbstverständlich, dass sie mich begleitete.
SPIEGEL: Die Karrieren einiger späterer Top-Athletinnen wie Martina Hingis oder Anna Kurnikowa im Tennis waren vom Ehrgeiz ihrer Mütter geprägt. Hatte Ihre Mutter mit Ihnen ähnliche Ambitionen?
Vonn: Nein, meine Mutter war diejenige, die am weitesten vom Skifahren entfernt war. Sie konnte mich noch nicht einmal auf den Berg begleiten, weil eines ihrer Beine gelähmt ist. Sie hatte bei meiner Geburt einen Schlaganfall erlitten.
SPIEGEL: Wer trieb Sie denn an?
Vonn: Es war mein Vater, der mein Talent entdeckte. Er kannte das Geschäft, fuhr selbst Skirennen. Zu dem Zeitpunkt arbeitete er bereits als Anwalt. Er kam ein Jahr später mit meinen vier kleinen Geschwistern nach und fing an, mich zu managen und zu trainieren. Unser schönes Haus in Minnesota wurde verkauft. Meine Familie begann alles in mich zu investieren: Zeit, Zuwendung, Geld.
SPIEGEL: Was bewog Ihre Eltern dazu, alles auf die Karte Lindsey zu setzen?
Vonn: Diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Es gab für meine Eltern wohl mehrere Gründe. Sie liebten mich. Sie wollten mir die beste Förderung bieten. Sie waren ehrgeizig. Vielleicht haben sie es auch ein bisschen für sich gemacht.
SPIEGEL: Waren Sie glücklich?
Vonn: Ich musste mich um nichts sorgen. Auf der anderen Seite spürte ich sehr früh den Druck, erfolgreich sein zu müssen. Meine Familie gab alles für mich auf, also nahm ich mir vor, irgendwann alles durch den Erfolg zurückzugeben.
SPIEGEL: Als Sie dann mit 17 bei den Olympischen Spielen von Salt Lake City in die Weltspitze stießen, brach das Familienprojekt auseinander. Was war passiert?
Vonn: Meine Familie ging zurück nach Minnesota. Anstatt in das alte Leben zurückzukehren, ließen sich meine Eltern scheiden. Das war hart. Meine Geschwister litten noch ein bisschen mehr als ich. Ich war schon in einer anderen Welt, weit entfernt. Trotzdem hatte ich Schuldgefühle, fragte mich manchmal, ob das ohne meine Skilaufbahn auch passiert wäre. Es war einer dieser Punkte in meinem Leben, an dem ich erkennen musste, dass nichts für ewig hält. Man muss loslassen, immer und immer wieder. Alles ist vergänglich. Ein schrecklicher Gedanke.
SPIEGEL: Ihr Vater trainierte Sie weiterhin, bis Sie vor sechs Jahren jeglichen Kontakt zu ihm abbrachen. Sie haben seitdem nicht mehr mit ihm gesprochen. Warum?
Vonn: Nach der Trennung meiner Eltern fühlte sich nichts mehr an wie früher. Ich suchte Halt, fühlte mich aber von Tag zu Tag unsicherer. Irgendwann begriff ich, dass ich aus diesem Vater-Tochter-Gefüge ausbrechen muss. Wieder so ein Punkt in meinem Leben, an dem ich loslassen musste. Ich fühlte mich irgendwie gefangen.
SPIEGEL: Aber weshalb dieser radikale Bruch? Sie weisen ja selbst darauf hin, wie viel Sie Ihrem Vater verdanken.
Vonn: Vielleicht ist genau dies der Grund. Für Außenstehende klingt es hart, ich weiß, aber es ging nicht anders. Ich wusste, dass ich den totalen Schnitt machen muss. Im Leistungssport dreht sich, vereinfacht gesagt, alles darum, die psychisch Stabilste zu sein. Profisport ist ein seelischer Kraftakt. Es geht um Selbstvertrauen. Du kannst Muskeln aufbauen, bis du platzt, aber wenn du im Kopf nicht frei bist, hast du keine Chance.
SPIEGEL: Die Trennung war eine Befreiung?
Vonn: Genau.
SPIEGEL: Denken Sie manchmal darüber nach, ob es das wert ist?
Vonn: Sie meinen den Verzicht auf die normalen Dinge des Lebens für die Karriere?
SPIEGEL: Ja.
Vonn: Besonders häufig habe ich während meiner Teenagerzeit darüber nachgedacht. Es fing schon damit an, dass ich keine normale Schule besucht habe. Ich wurde zu Hause unterrichtet. Somit gab es auch keinen Tanzabschlussball und auch keine normalen Freundschaften. Bis ich Maria kennenlernte.
SPIEGEL: Die deutsche Skirennfahrerin Maria Riesch und Sie waren von Beginn an Konkurrentinnen. Wie wurden Sie trotzdem Freundinnen?
Vonn: Wir sind beide sehr ehrgeizig und sensibel. Wir spornten uns gegenseitig an und spendeten einander gleichzeitig Geborgenheit, das war eine Art familiäre Wärme, die wir uns gaben. Wir taten uns gut. Bis vor einem Jahr hätte ich geschworen, diese Freundschaft würde nie enden.
SPIEGEL: Und jetzt ist sie vorbei?
Vonn: Zumindest ist sie abgekühlt.
SPIEGEL: Was ist geschehen?
Vonn: Es war keine Missgunst oder Eifersucht. Wir haben die Macht der Medien unterschätzt. Natürlich wussten wir, dass wir eine außergewöhnliche Story boten. Je erfolgreicher wir wurden, desto zugespitzter wurden wir zitiert.
SPIEGEL: Das reicht, um eine geschwisterähnliche Freundschaft abkühlen zu lassen?
Vonn: Irgendwann weißt du nicht mehr, was wahr ist und was nicht. Dann wirst du vorsichtiger und distanzierst dich automatisch von der anderen. Im Sommer haben wir uns in Neuseeland zusammengesetzt und beschlossen, dass wir uns nicht mehr öffentlich übereinander äußern. Es war ein sehr förmliches Gespräch, anders als früher. Irgendwie unheimlich. Vielleicht müssen wir uns doch eingestehen, dass Freundschaft unter Konkurrentinnen nur bis zu einem bestimmten Punkt möglich ist. Vielleicht sind wir aber auch einfach nur erwachsen geworden, wir sind beide mittlerweile verheiratet, haben andere Prioritäten gesetzt.
SPIEGEL: Sie werden beide von Ihren Männern gemanagt. Kann es sein, dass diese so ähnlich verlaufenden privaten Beziehungen beim Ende Ihrer Freundschaft eine Rolle gespielt haben?
Vonn: Nein. Das zeigt doch nur, dass wir uns sehr ähnlich sind.
SPIEGEL: Nicht nur Maria Riesch, auch andere Athletinnen kritisierten zuletzt, Sie würden sich zu aufdringlich inszenieren.
Vonn: Ich kenne dieses Gerede. Das ist Schwachsinn.
SPIEGEL: Zwei Tage vor dem Start der Olympischen Spiele in Vancouver gaben Sie eine Pressekonferenz und erklärten, dass Ihre Teilnahme wegen einer Schienbeinverletzung gefährdet sei. Ihr Gesundheitszustand bestimmte tagelang die Schlagzeilen. Eine Woche später gewannen Sie die Goldmedaille in der Abfahrt.
Vonn: Sie können mir glauben, dass es höllisch weh tat. Ich wünsche mir, endlich einmal an einem großen Wettkampf ohne Schmerzen teilzunehmen. Bei der WM in Garmisch, im Februar dieses Jahres, reiste ich mit einer Gehirnerschütterung an. Das Problem ist, dass diese Verletzungen die Konsequenz daraus sind, dass ich im Training meine Grenzen austeste. Dabei fliege ich dann schon mal bei Tempo 100 aus der Kurve und verletze mich. Während des Wettkampfs kann ich das Risiko dann aber genau kalkulieren, weil ich knapp unter dem Limit fahre. Dass die Diskussion über meine Verletzung in Vancouver solche Wellen schlagen würde, damit hatte ich nicht gerechnet.
SPIEGEL: Sie berichteten über Ihr verletztes Schienbein auf Facebook und twitterten darüber.
Vonn: Das hat doch nichts mit Inszenierung zu tun. Es gibt Sportler, die jede Gefühlsregung via Internet mitteilen. Das ist die moderne Art zu kommunizieren. Schauen Sie mal Shaun White zu, wie er das Snowboardfahren verkauft. Shaun ist total angesagt, weil er sich öffnet, er ist greifbar, die Kids wollen ihm nacheifern. Das ist doch der Sinn des Profisports, Leute zu begeistern und zu unterhalten. Dass uns das im Alpinsport nicht gelingt, ist traurig.
SPIEGEL: Kann es sein, dass europäische Athletinnen die Wirkung in der Öffentlichkeit nicht so wichtig nehmen wie Sie?
Vonn: Vielleicht ist das so. Vielleicht bewegen sich manche lieber im Schutz ihrer ewigen Routine. Erinnern Sie sich an meine Kritik an den Pistenverhältnissen bei der WM in Garmisch?
SPIEGEL: Sie machten sich damit nicht unbedingt beliebt.
Vonn: Intern kritisierten alle Fahrerinnen die Verhältnisse. Als es darum ging, vor laufender Kamera eine Meinung zu vertreten, erinnerte sich keine mehr daran, und ich stand da wie die ewige Nörglerin. Es ist doch verrückt, dass man taktieren muss, um beliebt zu sein.
SPIEGEL: Sie haben zur Vorbereitung auf diese Weltcup-Saison ein spezielles Leichtathletiktraining absolviert. Was versprechen Sie sich davon?
Vonn: Sprints, Starts und Steigerungsläufe helfen mir dabei, beim Slalom meine Kraft gezielter einzusetzen. Das war eine meiner Schwächen. Ich habe beim Umschalten, wie wir das nennen - also Tempo raus, Kurve, Antritt, Beschleunigung -, oft Zeit verloren. Außerdem fahre ich in dieser Saison zum ersten Mal in allen fünf Disziplinen auf Männerski. Die sind im Riesenslalom 1,91 Meter lang und sehr schwierig zu lenken. Auch dabei hilft das Leichtathletiktraining.
SPIEGEL: Sie verzichten diese Saison darauf, mit Ihren Kolleginnen in ausgewählten Hotels an den Wettkampforten zu übernachten, und reisen mit Ihrem Mann im Wohnmobil. Warum?
Vonn: Wenn Sie so lange dabei sind wie ich, kennen Sie alle Hotels, alle Marotten der Kolleginnen. Der Abstand soll mir dabei helfen, mich zu konzentrieren.
SPIEGEL: Ihr Mann Thomas trainiert und managt Sie. Können Sie Berufliches von Privatem trennen?
Vonn: Um ehrlich zu sein: Das gelingt uns überhaupt nicht. Wir haben eingesehen, dass wir das auch gar nicht müssen. Ich bin 50 Wochen im Jahr unterwegs, wir könnten ja gar keine Beziehung unter normalen Umständen führen. Thomas war selbst Skirennfahrer, ich vertraue seiner Fachkenntnis und seinem Feingefühl. Er strahlt genau das aus, was mir fehlt, er ist wahnsinnig ruhig. Das nimmt mir die Nervosität vor den Rennen. Und unserer Beziehung tut es auch gut.
SPIEGEL: Frau Vonn, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte die Redakteurin Cathrin Gilbert in Vail, Colorado.
Von Cathrin Gilbert

DER SPIEGEL 48/2011
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