28.11.2011

FUSSBALL

Gesprengte Brücken

Von Kramer, Jörg

Werder Bremen war ein Vorzeigeclub. Nun ist er wirtschaftlich angeschlagen und sportlich instabil. Auf einmal feiert Ex-Manager Willi Lemke ein Comeback.

Für seinen Einsatz als Sportbotschafter der Vereinten Nationen bekam Willi Lemke vor drei Wochen einen Ehrenpreis, die Berliner Friedensuhr. Kulturstaatsminister Bernd Neumann nannte den früheren Bremer Senator und Fußballmanager in seiner Laudatio einen Menschen, der "die Gabe hat, Konflikte zu lösen und Brücken zu bauen".

In den Gremien des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen gibt es Menschen, die ihn anders sehen. Gäbe es auch einen Wecker fürs Stiften von Unfrieden, würden sie Lemke lieber damit auszeichnen. Für die Konflikte und die gesprengten Brücken dieser Saison, Streit um den Haushalt und einen zum Machtkampf ausgewachsenen Vertragspoker, sehen sie vorrangig den Aufsichtsratschef verantwortlich.

Lemke, 65, wurde im März 2008 von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon zu dessen Sonderberater für "Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden" ernannt. Seither reist er als Repräsentant und Vermittler um die Welt, er unterstützt die Frauenfußball-Liga im Westjordanland, bewegt Uno-Blauhelme zum Bau eines Bolzplatzes für Kinder in der Elfenbeinküste.

Gleichzeitig führt er beim SV Werder den Aufsichtsrat, in den er nach seinem Ausscheiden als Clubmanager 1999 einzog. Weitestgehend hielt er sich da im Hintergrund - bis zum Sommertheater in diesem Jahr, nach einer sportlich enttäuschenden Spielzeit mit Platz 13 und damit verpassten internationalen Einnahmen. "Als hätte er darauf gewartet, dass es Werder schlechtgeht", sagt ein Clubfunktionär, der Lemke Geltungsdrang unterstellt.

Tatsächlich trat der oberste Aufseher bei einem zuerst harmlosen Streit um die Verpflichtung des griechischen Verteidigers Sokratis öffentlich als unerbittlicher Mahner auf, als die scheinbar einzig gewissenhafte Instanz, die hanseatische Kaufmannswerte bewahrt. Klaus Allofs, Sportmanager seit 1999 und seit zweieinhalb Jahren auch Chef der Geschäftsführung, musste sich öffentlich maßregeln lassen und Reue zeigen. Im Juni läuft sein Vertrag aus.

Zwei Jahrzehnte lang galt der SV Werder, seit 1988 dreimal Deutscher Meister und fünfmal Pokalsieger, als Gegenmodell des reichen FC Bayern München, dank umsichtiger Ausgabenpolitik, cleverer Spielertransfers und familiärer Atmosphäre. Jetzt stellt sich heraus, dass die heile Welt der Werder-Familie eine Schimäre ist und die wirtschaftliche Vernunft nur relativ war. Jedenfalls zahlt der Club nun den Preis für die Blüte früherer Jahre.

Sechsmal in sieben Spielzeiten gelangte Bremen in die lukrative Champions League. Da erlag der Club der gleichen Versuchung, die auch schon Schalke 04 und den VfB Stuttgart in finanzielle Schwierigkeiten brachte: Im Bestreben, sportlich in Europas Königsklasse mitzuhalten und vor allem beim jeweils nächsten Mal wieder hineinzukommen, wurde eine attraktive, aber teure Mannschaft angeschafft. Es kamen Miroslav Klose, Diego, Mesut Özil, Marko Marin.

Zwar wurden in den vergangenen fünf Jahren rund 90 Millionen Euro durch die internationale Spielteilnahme erwirtschaftet und weitere 80 Millionen aus Transfers, aber die brauchte der Club fürs Tagesgeschäft: Diese Einnahmen finanzierten den kostspieligen Spielerkader. Fast 50 Millionen Euro betrug zuletzt der Personaletat. Torsten Frings, der nach Kanada abwanderte, soll allein mehr als 4 Millionen im Jahr kassiert haben.

Solch üppige Gehälter sind nicht mehr bezahlbar von dem Moment an, da die europäische Oberklasse verpasst wird. Sie sind aber oft vertraglich versprochen.

Diesen Punkt haben die Bremer erreicht. Die vergangene Saison brachte, dank Champions-League-Einnahmen von 25 Millionen Euro, noch einen Gewinn von rund 8 Millionen, wälzt aber wegen des sportlichen Misserfolgs ein sattes Minus ins laufende Haushaltsjahr. Lemke sprach von einem zweistelligen Millionenloch. Der spätere Verkauf des Verteidigers Per Mertesacker für zehn Millionen Euro Ablöse zu Arsenal London hat geholfen, aber das Problem nicht beseitigt.

Die erfolgreiche grün-weiße Ära von Allofs und Thomas Schaaf, der als Cheftrainer ebenfalls 1999 anfing, mündet in eine Abwärtsspirale. Die Mannschaft startete mit schönen Resultaten in die Saison, wirkt aber nicht stabil. Auch taktisch scheint sie nicht gegen Katastrophen gerüstet. Und am Saisonende laufen 13 Verträge aus.

Das erweitert den Spielraum, wenn man Großverdiener wie Torwart Tim Wiese oder Tim Borowski von der Gehaltsliste bekommen will. Es mindert aber die Chancen, für abwandernde Profis Ablösegeld einzustreichen. Für Lemke wären solche Ausfälle "schwer zu ertragen".

Fraglich ist außerdem, ob Leistungsträger wie Torjäger Claudio Pizarro jetzt zum Bleiben bewegt werden können. Ohne europäische Präsenz würde ihnen die Perspektive fehlen - und Werder das Geld für ihre Gehälter.

Einstweilen regiert Sparkommissar Lemke, plötzlich seltsam dominant. Er wisse, dass er sich unbeliebt mache, wenn er alles kritisch hinterfrage, sagt er in einem Bremer Hotel. Werde das Minus so groß, dass Dispositionskredite nicht ausreichen, sei schwerstens gefährdet, was man in mehr als sechs Jahren aufgebaut habe. Seit mehr als sechs Jahren ist er Chefaufseher.

Gern erinnert Lemke an seine Managerzeit: Mit 2 Millionen Mark Schulden habe er Werders Geschäfte 1981 übernommen, ein Festgeldkonto mit 18 Millionen Mark habe er 1999 übergeben.

Dem Nachfolger Allofs hat der Aufsichtsrat nun einen leistungsbezogenen Vertrag angeboten; die rund 1,5 Millionen Euro Gehalt im Jahr wären damit künftig nicht mehr garantiert. Die lancierte Offerte wirkte wie eine Deklassierung. Nach zwei Verhandlungsrunden hat man sich angenähert.

Lemke erweckt nicht den Eindruck, als wolle er Allofs loswerden. Aber es könnte sein, dass er ihn öffentlich abstrafen will dafür, dass er seit Februar gepokert hat, gewartet auf einen besseren Tabellenplatz, ein besseres Blatt. Da wurde Lemke böse. Irgendwann, drohte er, stelle er vielleicht fest, dass auch andere Mütter schöne Töchter haben.


DER SPIEGEL 48/2011
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