28.11.2011

STARS„Zehn Jahre Bullshit“

Weshalb die einstige Fernsehhoffnung Sarah Kuttner heute lieber Bücher schreibt, als Shows zu moderieren
Kuttner, 32, galt einst als TV-Geheimtipp und moderierte auf Viva und MTV. Zuletzt feierte sie Erfolge als Autorin. Ihre Depressions-Fiktion "Mängelexemplar" war monatelang in den Bestsellerlisten. Nun ist ihr neues Werk "Wachstumsschmerz" erschienen.
SPIEGEL: Frau Kuttner, tut das deutsche Fernsehen genug für den Nachwuchs?
Kuttner: Tut es denn überhaupt etwas für junge Moderatoren? Seit Jahren jammert gerade das Öffentlich-Rechtliche rum und beteuert, man müsse jünger werden. Das ist der kleinste Teufelskreis der Welt: Die wollen frischer sein, arbeiten dafür Konzepte aus, haben aber Angst davor, am Ende wirklich jünger zu werden. Wenn das so bleibt, sollten einfach alle unter 50 von der GEZ befreit werden.
SPIEGEL: Das junge Moderatorenduo Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf ist nun gar für "Wetten, dass …?" im Gespräch. Wären die beiden mit der Verwaltung des Erbes überfordert?
Kuttner: Man sollte das Format einfach einschläfern. Das war's jetzt. Das Problem ist: Thomas Gottschalk ist eine riesige, bunte Rampensau, und mit Joko und Klaas wären es dann zwei riesige, bunte Rampensäue. Ob doppelt so viel auch doppelt so gut ist, weiß ich nicht.
SPIEGEL: Wie überlebt man in der TV-Welt?
Kuttner: Speichellecker kommen sicher weit. Bestenfalls muss man auf sein Wertesystem verzichten. Ein erfolgreicher Moderator ist sich für kaum etwas zu schade. Und ein richtig erfolgreicher Moderator hat im Grunde gar kein Ego. So jemand wie der ehemalige ProSieben-Moderator Matthias Opdenhövel funktionierte deshalb so gut, weil er einfach nur neben der größten Rampensau der Welt, Stefan Raab, stand und gar nicht erst versuchte, lustiger zu sein als der.
SPIEGEL: Ihr neues Buch soll nun mit einer Auflage von beeindruckenden 150 000 Exemplaren starten. Schreiben Sie auch deshalb, weil die Medien Buchautoren ernster nehmen als TV-Gesichter?
Kuttner: "Mängelexemplar" bekam kaum gute Kritiken. Und wenn, dann in seichten Blättern. Massenauflagen muss man als Feuilletonist doof finden. Das klingt armselig, aber mich treffen schlechte Rezensionen. Es wird ausgeteilt, und manche Dinge werden mit Absicht falsch verstanden.
SPIEGEL: Sie scheinen ein Imageproblem zu haben.
Kuttner: Die wenigsten Programmmacher, Intendanten oder Journalisten beschäftigen sich ernsthaft mit mir. Die haben irgendein Bild von vor sechs Jahren, was damals schon falsch war. Die denken, ah, die ist bunt und laut. Ich bin viel harmloser, als alle glauben: anständig, nicht ernsthaft rabaukig, ich sage nicht am laufenden Band ficken, kacken, kotzen. Ich bin nicht anstrengend, und nackig mach ich mich im TV schon gar nicht.
SPIEGEL: Geht es in der Buchbranche netter zu?
Kuttner: Ja! Allerdings hat man auch mit weniger Menschen zu tun. Man mailt dem Verlag den Text, das Feedback kommt, ist aber ruhiger und ehrlicher. Was ich mir in zehn Jahren TV-Gewerbe für einen Bullshit anhören musste, was mir Zucker in den Hintern geblasen wurde, und was ich hintenrum für Geschichten über andere Moderatoren gehört habe … Wahnsinn! Da ist die Buchbranche aufrichtiger.
SPIEGEL: Sie werden oft mit Charlotte Roche verglichen, die auch mal mit Viva anfing, heute aber noch mehr Bücher verkauft als Sie. Woran liegt's?
Kuttner: Ich will Charlotte nicht zu nahe treten, aber ich hätte das alles so nicht gemacht wie sie. Beide Bücher von ihr sind gar nicht so doof. Bei "Feuchtgebiete" war es mir zwar immer ein vollgesogener Tampon zu viel, aber die Geschichte fand ich schon sehr berührend. Es ist doch faszinierend, dass es in der Außenwahrnehmung nur noch darum geht, ob sich Charlotte im Schritt rasiert oder wäscht. Ich bin zurückhaltender als sie. Selbst wenn meine beiden Bücher autobiografisch wären, würde ich das niemandem mitteilen wollen.
SPIEGEL: Die Medien sehnen sich doch nach Authentizität.
Kuttner: Sicher würden sich meine Bücher noch besser verkaufen, wenn ich sagen würde, mein Leben, meine Depression, mein getrennter Freund. Aber dann verkaufe ich lieber weniger.
SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie von Ihren Buchstapeln im Handel Fotos machen?
Kuttner: Klar! Die Bestsellerliste flasht einen total. Da geht man mit tief ins Gesicht gezogener Mütze in den Buchladen und guckt natürlich, wo das eigene Buch platziert wurde. Manchmal liegt man total doof bei der Frauenliteratur oder zwischen Rocko Schamoni und Heinz Strunk, da mache ich sofort ein Foto und dekoriere auch mal um.
SPIEGEL: Schauen Sie noch gern fern?
Kuttner: Ich gucke TV, wie andere sich massieren lassen. Ich habe keinen Anspruch daran, sondern möchte, dass etwas möglichst Lautes und Buntes einmal durchs Gehirn fegt. Eines geht mir aber wirklich auf die Nüsse: diese "Tatort"-Sache. Das ist das neue Ding, was wir coolen Leute seit einiger Zeit schauen müssen. Eine Art neue Spießigkeit. Ich finde diese Krimis furchtbar altbacken und öde. Nichts ist schlimmer als der Satz: "Der beste ,Tatort' ist der Münsteraner."
Von Gitschier, Laura, Müller, Martin U.

DER SPIEGEL 48/2011
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