05.12.2011

VERBRECHENTödliche Spur

Im April starb in Bayern ein Motorradfahrer, weil er über Öl rutschte, das ein Unbekannter auf einer Landstraße vergossen hatte. Die Kripo sucht fieberhaft nach dem Täter.
Der Himmel war ohne Wolken, die Luft angenehm mild. Der 17. April dieses Jahres war einer dieser strahlenden Frühlingssonntage, an denen man keinen Gedanken daran verschwendet, dass alles Glück im Bruchteil einer Sekunde zerstört sein kann.
Die vierköpfige Familie war nach dem Mittagessen im Ort spazieren gegangen, danach gab es Waffeln für die Kinder. Und als sich Heike Deniffel mit einem Buch in die Sonne legte, beschloss ihr Mann Josef, noch eine Runde mit dem Motorrad zu drehen. Er holte seine zehn Jahre alte Honda aus der Garage, freute sich auf die Ausfahrt über die Hügel des Unterallgäus. Der 37-Jährige setzte sich auf die Maschine, bog auf die Landstraße ein. Es waren noch 5,25 Kilometer bis zu der Stelle, an der er sterben sollte.
Gegen 17 Uhr steuerte Josef Deniffel auf der Staatsstraße 2013 westlich von Markt Rettenbach eine leichte, ansteigende Rechtskurve an. Die Nachmittagssonne schien ihm ins Gesicht, die Ahornbäume am Straßenrand warfen Schatten auf die Fahrbahn. Deniffel konnte weder die Glassplitter erkennen noch das Motoröl, das als dunkler Fleck auf der geflickten Teerdecke schimmerte.
Seine Maschine kam ins Rutschen, stellte sich auf und schleuderte den Fahrer wie ein Katapult auf die Gegenfahrbahn. So hat es die Fahrerin des entgegenkommenden Autos in Erinnerung. Sie werde, sagte sie, niemals den Knall vergessen, mit dem Deniffel in die linke Seite ihres grünen Fords einschlug. Sie hatte keine Chance auszuweichen, er hatte keine zu überleben.
Der Tod des Familienvaters Josef Deniffel am Palmsonntag, dem Sonntag vor Ostern, hat nicht nur im bayerischen Schwaben wochenlang Zeitungsseiten gefüllt und die Menschen erschüttert. Er sprach sich unter Motorradfahrern in der ganzen Republik herum, wurde in Biker-Foren diskutiert; mehrere hundert Fahrer aus Süddeutschland trafen sich drei Wochen später zu einer Gedenkminute am Unfallort. Ein Geschäftsmann aus Düsseldorf, selbst Motorradfahrer, stiftete 42 000 Euro zur Aufstockung der Belohnung, damit der Verantwortliche für Deniffels Tod gefunden werde.
Denn das hat die Polizei eindeutig ermittelt: Es war kein Unfall, wie er auf beliebten Motorradstrecken häufig passiert, wenn die Fahrer öffentliche Straßen mit einem Rennkurs verwechseln. Josef Deniffel war mit angemessener Geschwindigkeit unterwegs, betonen die Kripo-Beamten im nahegelegenen Memmingen. Sie sind sich sicher, dass er Opfer eines gezielten Anschlags wurde; eines Attentats vielleicht nicht gegen ihn persönlich, aber gegen ihn als Motorradfahrer. Die Memminger Staatsanwaltschaft ermittelt seit April wegen Mordverdachts.
"Ich glaube nicht, dass es so einen Fall in Deutschland schon mal gegeben hat", sagt Kriminalhauptkommissar Hermann Albrecht. Er ist ein ruhiger, freundlicher Mittfünfziger und ein erfahrener Ermittler. Albrecht war an Deniffels Todestag im Einsatz, nicht als Polizist, sondern als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Über Funk hatte er damals gehört, dass es einen tödlichen Unfall gegeben habe. Die Feuerwehr sollte kommen und absperren.
Jetzt sitzt Albrecht im Besprechungsraum der Memminger Polizeiinspektion und hat die Fotos vom Tatort vor sich ausgebreitet: Vorn liegt Deniffels Motorrad mit verbogener Lenkstange, weiter hinten steht ein Rettungswagen, vor dem Sanitäter sich vergebens mühen, das Leben des am Boden liegenden Mannes zu retten.
Der Ermittler holt eine kleine Pappschachtel aus seinem Büro. Darin liegen, in Plastikbeutelchen verpackt, sechs Flaschenhälse, teils mit Schraubverschluss, teils mit Plastikstopfen. Es gibt nicht viele handfeste Spuren, auf die sich die Polizei bei ihrer Suche nach dem Täter stützen kann: ein paar Scherben von Wein- und Sektflaschen, die von einem großen Abfüllbetrieb aus der Region Stuttgart stammen und in Supermärkten verkauft worden waren. Dazu Proben der aufgesammelten Ölreste von der Straße.
An dem Sonntagnachmittag, als Josef Deniffel zum letzten Mal auf sein Motorrad stieg, hatte jemand in der Gegend um die "Schwäbische Bäderstraße" bei Memmingen neun solcher Flaschen aus einem fahrenden Fahrzeug geworfen. Alle Flaschen waren mit Motorenöl gefüllt und sorgfältig verschlossen worden. Falls der Werfer allein unterwegs war, muss er die Ölbomben in Griffweite gehabt haben, vielleicht lagen sie in seinem Auto auf dem Beifahrersitz.
Der Täter, so hat die Polizei rekonstruiert, fuhr von Erkheim im Norden Richtung Ronsberg nach Süden, bog zwischendurch für einige Kilometer auf eine versteckte Nebenstraße ab, die üblicherweise nur Ortskundige nutzen. Wenn er sich unbeobachtet fühlte, nahm er sich eine der Flaschen und warf sie nach links auf die Gegenfahrbahn, wo sie zerplatzte. Auf einer Strecke, für die Einheimische vielleicht 20 Minuten benötigen, produzierte er neun Todesfallen für Zweiradfahrer.
In den Tagen und Wochen nach dem Unfall fahndete eine 20-köpfige Ermittlungsgruppe nach Zeugen, Indizien, Beweisstücken, aber bis heute haben sie keine heiße Spur - nicht einmal eine klare Vorstellung vom Motiv des Täters. War es ein Psychopath? Eine durchgeknallte Jugendclique? Ein Motorradhasser?
In Deniffels Heimatort Markt Rettenbach glauben manche an einen Anwohner, der sich über den lärmenden Ausflugsverkehr ärgerte. "Es haben viele darüber geklagt, dass die Motorradfahrer bei schönem Wetter immer wieder mit ihren heulenden Maschinen durch den Ort rasen", sagt ein alter Mann mit Filzhut. Er steht vor Josef Deniffels Grab, er kennt die Geschichte der Familie. Die Welt ist klein in Markt Rettenbach. Vom Friedhof aus kann man Deniffels Elternhaus sehen, weißgetüncht, mit Solarpaneelen auf dem Dach. Vor drei Jahren hat es die kleine Familie renoviert und ist eingezogen.
Heike Deniffel sitzt am Holztisch in der Küche. Sie nennt ein paar Dinge, die ihr Mann noch erledigen wollte in diesem Jahr, die Verkleidung der Küchenschränke, die Terrasse vor dem Wohnzimmer. Josef Deniffel war Handwerker und Hausmann; er hat sich um die Kinder gekümmert, seine Frau hat als Bankangestellte das Geld nach Hause gebracht.
Der Sohn ist sieben, die Tochter elf Jahre alt. Heike Deniffel weiß nicht mehr, wie sie es den Kindern gesagt hat, an jenem Sonntag im April, als die Sanitäter plötzlich vor der Tür standen. Wie sagt man das auch? Der Vater lebt nicht mehr.
Von jetzt an ist er nur noch eine schöne Erinnerung. Für immer der Mann auf dem silbergerahmten Foto in der Küche, auf dem er seinen Hochzeitsanzug trägt, einen kleinen Ring im linken Ohr und einen Oberlippenbart.
"Der Seppi", sagt Heike Deniffel zärtlich, "war mein Erster." Er war sechs Jahre älter, sie spielten zusammen im Blasorchester, bauten zusammen das Haus um. Nur seine Liebe zum Motorradfahren war ihr fremd geblieben, hatte ihr Angst gemacht. Aber seit die Kinder da waren, sei er langsamer, vorsichtiger gefahren. "Er wusste, was er der Familie schuldig war", sagt Heike Deniffel.
Wahrscheinlich stamme der Täter aus der Gegend, haben ihr die Polizisten gesagt. Darauf lasse schon die gute Ortskenntnis bei der Wahl seiner Todesroute schließen. "Ich glaube, dass er hier aus Markt Rettenbach kommt", sagt die Witwe: "Der weiß genau, welche Familie er zerstört hat."
Manchmal, an der Supermarktkasse oder beim Überqueren der Straße, hat sie das Gefühl, dass sie beobachtet wird. Oder sie ertappt sich, wie sie selbst Leute mustert und sich überlegt: War's der? Sie fragt sich, ob dieses Gefühl jemals aufhören wird, bevor der Täter gefunden wird.
An Fingerzeigen habe es nicht gemangelt, erzählt Hauptkommissar Albrecht. Weil Zeugen am Tattag ein 3er-BMW aufgefallen war, der wie ein Verkehrsrowdy über die Straßen raste, wurden Dutzende Fahrzeuge dieses Typs in der Region überprüft. Es gab Hinweise auf Menschen, die Motorradfahrern die Pest an den Hals wünschten, einer davon soll über einen großen Altölvorrat verfügt haben. Es gab eine Hausdurchsuchung bei einem Anwohner, der gleich zwei Wohnsitze entlang der Strecke hatte. Aber es gab auch Entlastungszeugen, tote Spuren, wasserdichte Alibis.
"Es ist ein seltsamer Fall", sagt Albrecht und klingt ein wenig erschöpft. Seit Monaten durchforstet die Polizei Akten und Archive nach ähnlichen Vorfällen, die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY … ungelöst" wurde eingeschaltet, ein Profiler aus München konsultiert. Ohne Ergebnis.
Mitte September wurde bei Dillingen, rund hundert Kilometer von Markt Rettenbach entfernt, ein weiterer Ölfleck gelegt. Im Oktober kippten Unbekannte bei Bad Nenndorf in Niedersachsen nachts drei Eimer Rollsplitt auf die Fahrbahn. Auch dort habe offenbar jemand rasende Zweiradfahrer zur Räson bringen wollen, vermutet die Polizei.
Doch vermutlich waren das Nachahmungstäter, denn die Spurenlagen unterscheiden sich stark von der im Unterallgäu. Der Flaschenwerfer, der Josef Deniffel tötete, hat seitdem wohl nicht mehr zugeschlagen. Es sei möglich, meint Albrecht, dass der Täter von den Folgen seiner Ölflecken sogar selbst erschreckt war.
Albrecht war früher selbst mit einem schweren Motorrad unterwegs auf den schwäbischen Straßen. Inzwischen fährt er nur noch Roller. Und wie viele in der Gegend, die auf zwei Rädern unterwegs sind, fährt er seit Deniffels Tod vorsichtiger, den Blick häufiger auf die Fahrbahn gesenkt, auf der Suche nach Glassplittern und dunklen Stellen.
Aufgeben will Albrecht nicht. Er glaubt, dass er den Fall noch lösen wird. Vielleicht, weil der Täter die Schuld nicht mehr ertrage und sich offenbare; oder weil er sich durch einen Fehler verrate. "Irgendwann", sagt Albrecht, "machen die meisten einen Fehler."
Von Bartsch, Matthias, Vorfelder, Jochen

DER SPIEGEL 49/2011
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