05.12.2011

VERBRAUCHERSCHUTZSondermüll am Hals

Die Modebranche hat den Pelz wiederentdeckt. Doch die flauschigen Kleidungsstücke werden auch mit hochgiftigen Chemikalien aufgehübscht.
Burberry und Max Mara haben ihn, Woolrich und Kookai auch, Gucci sowieso. Wer derzeit auf der Suche nach Kleidung für den Winter ist, findet ihn überall, ob als freche Applikation, als Kragen, Kapuze, Schal oder Mütze: Es wird wieder Pelz getragen.
Schon im Frühjahr verzichtete bei den internationalen Modenschauen kaum ein Designer auf das teure Material, inzwischen findet es sich in fast jedem besseren Bekleidungsgeschäft.
Eine Milliarde Euro setzte allein die deutsche Pelzbranche im vergangenen Jahr um, ein Zuwachs von 4,5 Prozent. Die Zeiten scheinen passé, als Pelz entweder als trutschiges Oma-Produkt oder Tierquäler-Accessoire betrachtet wurde. Es sei doch ein wunderbares Naturprodukt, jubelt das Deutsche Pelzinstitut. Doch was vielen Kunden nicht klar ist, die sich mit den Resten von Füchsen und Nerzen wärmen: Was die Felle so flauschig macht, hat mit Natur nicht mehr viel zu tun.
"Wir haben Formaldehyd, Alkylphenolethoxylate, Schwermetalle und sogar DDT in Pelzen gefunden", sagt Manfred Krautter vom Prüfinstitut EcoAid. Der Chemieingenieur hat im Auftrag der Tierschutzorganisation "Vier Pfoten" Jacken, Mäntel, Mützen und Schals unter anderem aus Deutschland, Großbritannien, Österreich und der Schweiz untersucht. Sein Urteil ist vernichtend: "Der Großteil der untersuchten Produkte ist derart mit bedenklichen Chemikalien belastet, dass eine Gesundheitsgefährdung der Verbraucher und der Angestellten nicht ausgeschlossen werden kann."
Insgesamt hat sich sein Institut 35 Fellproben unterschiedlicher Hersteller angeschaut. 97 Prozent davon seien "stark bis sehr stark belastet" und deshalb "gesundheitlich bedenklich bis sehr bedenklich", heißt es in der Studie.
Offenbar enthielten viele davon Stoffe, die als krebs- und allergieauslösend gelten, Nervenschäden und Schleimhautreizungen auslösen können, in das Hormonsystem des Menschen eingreifen und zum Teil in der EU sogar verboten sind.
In mindestens zwölf Fällen war die nachgewiesene Belastung der Pelzprodukte so hoch, dass vermutlich gegen gesetzliche Auflagen verstoßen wurde. "Dazu kommt, dass man nicht weiß, wie dieser Cocktail von Schadstoffen wirkt", sagt Hermann Kruse, Toxikologe an der Universität Kiel. "Wenn man es an den Kriterien des Chemikaliengesetzes misst, ist das, was die Leute sich um den Hals legen, schlicht Sondermüll", ergänzt Krautter.
Und das, obwohl die untersuchten Kleidungsstücke alles andere als billig waren. Für ihre Tests kauften die Prüfer etwa Jacken von Nobelmarken wie Woolrich, Moncler, Burberry und Airfield, die mehrere hundert bis über tausend Euro kosten. Kinderjacken waren besonders stark belastet: "Hier lagen die Werte zum Teil weit über dem, was zum Beispiel bei Spielzeugen erlaubt ist - und das, obwohl Kinder besonders sensibel reagieren", so der Toxikologe Kruse.
Man habe keine geltenden gesetzlichen Grenzwerte verletzt, hieß es bei Airfield und Woolrich, andere betroffene Unternehmen äußerten sich nicht zu der Studie. So viel aber ist klar: Stimmen die Ergebnisse, reißt die Pelz- und Modeindustrie teilweise nicht nur die empfohlenen Grenzwerte. Sie ignoriert sogar den selbstgeschaffenen Industrie-Standard "SG Schadstoffgeprüft" für Lederwaren.
Der erlaubt beispielsweise bis zu 75 Milligramm des krebserregenden Formaldehyd pro Kilogramm - ein Wert, der in fast jeder zweiten Probe überschritten wurde. Eine enthielt sogar über 500 Milligramm. In diesem Fall empfiehlt das Deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung bereits einen Warnhinweis.
Noch drastischer ist das Ergebnis bei bestimmten Alkylphenolen, eine Art Reinigungsmittel, deren Einsatz in der EU verboten ist. Alle untersuchten Pelze enthielten den Stoff, der den Hormonhaushalt des Menschen durcheinanderbringen kann. Einige der untersuchten Fellstücke wiesen extrem hohe Konzentrationen auf: "Proben mit 2,5 Gramm pro Kilo sieht man als Chemiker eher selten", staunt Krautter.
Beim Deutschen Pelzinstitut bewertet man die Ergebnisse erwartungsgemäß anders: "Das ist nichts anderes als Panikmache und Hysterie", sagt Sprecherin Susanne Kolb-Wachtel. Formaldehyd etwa finde sich in jedem Alltagsgegenstand, keines der Ergebnisse überschreite irgendeinen gesetzlichen Grenzwert.
Dabei könnten die Unternehmen ihre Jacken und Mäntel in gleicher Qualität auch ohne Chemie-Cocktail herstellen. "Das wäre allerdings teurer, der Gewinn nicht so hoch", glaubt Thomas Pietsch von "Vier Pfoten".
Bereits im vergangenen Jahr gab es eine ähnliche Untersuchung. "Damals haben die Unternehmen Besserung gelobt, passiert ist nichts", sagt Pietsch. Einige Werte seien sogar schlechter geworden. "Das ist Verbrauchertäuschung."
Getäuscht wird auch in einem anderen Bereich, wie die Untersuchung zeigt: Ein Teil der geprüften Pelze war falsch deklariert. Vermeintlicher Waschbär entpuppte sich etwa als Marderhund. Das dürfte den meisten Kunden eher egal sein. Und der Etikettenschwindel macht sie wenigstens nicht krank.
Von Susanne Amann

DER SPIEGEL 49/2011
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