DER SPIEGEL



AFGHANISTAN

Rezept für den Bürgerkrieg

Von Reuter, Christoph

Die internationale Afghanistan-Konferenz will ein optimistisches Bild von der Zukunft des kriegsversehrten Landes entwerfen. Doch dessen Bewohner machen sich keine Illusionen: Ihre Armee kann sie nicht schützen, die Warlords bringen sich in Stellung.

Es gibt eine neue Waffe im afghanischen Kampf von jedem gegen jeden. Sie ist unsichtbar und allgegenwärtig. Gegen die Wucht dieser Waffe hat der Geheimdienst NDS den Schusswaffengebrauch freigegeben, das hat bereits zu Toten geführt. In ihren Freitagspredigten verdammen die Imame sie als teuflisches Instrument des Unglaubens.

Es ist: die Zahl 39.

Sie sei, so rumort es von Herat im Westen über Kabul bis Kunduz im Norden, die Zahl der Prostitution. Die Ziffer des Bösen. Autohändler, die ihre Fahrzeuge stets mit Nummernschildern verkaufen, müssen hohe Abschläge einräumen, wenn im Kennzeichen eine 39 auftaucht. Der paschtunische Parlamentsabgeordnete Mullah Tarakhel, Listennummer 39, ließ seine Leibwache das Feuer eröffnen, als tadschikische Kollegen über ihn spotteten, zwei Männer starben. Auf der Loya Jirga, der großen Ratsversammlung, stritten sich die Delegierten Mitte November weniger leidenschaftlich um die Frage eines strategischen Abkommens mit den USA als darum, wer im 39. der 40 Ausschüsse sitzen müsse - bis die Nummer schließlich übersprungen wurde. "In Afghanistan hat die 39 eine furchtbare Bedeutung, über die ich nicht reden kann", raunte Jirga-Sprecherin Safia Sediqi. Jemanden als "39" zu beleidigen sei eine so schwere Straftat, ließ der NDS verkünden, dass der Beleidigte seine Ehre auch mit der Waffe verteidigen dürfe. Die Geistlichkeit sieht den Teufel am Werk und die Sure 39 des Korans in Gefahr.

Von Herat aus soll sich Anfang des Jahres der Glaube an das Böse in der 39 ausgebreitet haben: Dort, hieß es, wohne ein Zuhälter im Haus Nummer 39, auch in seiner Telefonnummer und auf dem Autokennzeichen komme die verruchte Zahl vor.

Niemand kennt diesen Zuhälter. Niemanden kümmert es auch, ob die Legende überhaupt stimmt. Aber fast alle fürchten die Unglückszahl, und so wird das Land, das von den Taliban heimgesucht, von seinen Politikern ausgeraubt wird, von einem weiteren Unheil niedergedrückt, gegen das es kein Mittel zu geben scheint. Da ließe sich fragen, ob solch ein kabbalistischer Unfug zum Kern der afghanischen Misere führen kann.

Er kann durchaus. Denn er zeigt, wie weit dieses Land und seine Menschen von der Vorstellung entfernt sind, die sich der Westen von ihnen macht.

Zehn Jahre nach der ersten Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn findet an diesem Montag dort abermals eine internationale Afghanistan-Konferenz statt. Außer Grußworten und Beschwörungsformeln wird es wohl wenig geben. Zehn Jahre nach dem Sturz der Taliban-Herrschaft, nach - bis zum vorigen Freitag - 2734 gefallenen Soldaten der internationalen Nato-Schutztruppe Isaf, nach Zehntausenden toten Afghanen und einem verpulverten dreistelligen Milliarden-Dollar-Betrag sind weite Teile des Landes noch immer Kampfzone, könnte die afghanische Regierung ohne ausländischen Schutz nicht überleben und versinkt das Land in Korruption.

Aber davon wird in Bonn kaum die Rede sein. Wenn es um Afghanistan geht, hat sich die Lüge so wuchernd ausgebreitet, dass sie zur Norm geworden ist. Jede Seite präsentiert ihr Afghanistan: Die Nato und die Diplomaten verbreiten ihren "vorsichtigen Optimismus" und geben Versprechungen auf eine unsichere Zukunft ab. Präsident Karzai präsentiert sich als gebeutelte Unschuld; er sieht seinen Staat drangsaliert von den Ausländern - während er in Wahrheit selbst dessen Institutionen demontiert, um seine Macht zu sichern.

Die Afghanen haben sich dagegen zurückgezogen in Verzweiflung, Misstrauen und Verschwörungstheorien. Sie raunen von magischen Zahlen wie der bösen 39 oder heimlicher Konspiration der Amerikaner mit den Taliban. Sie sehen den Bürgerkrieg kommen, wollen die fremden Truppen nicht und wollen doch, dass sie bleiben. Sie sehen die dröhnende Militärmaschinerie der Ausländer, aber neun von zehn wissen nicht einmal, warum die überhaupt im Land sind. Sie sehen die Fassaden einer Regierung, aber dahinter nur die Willkür der Mächtigen, die sich mit Gewalt nehmen, was sie wollen.

"Transition" heißt das Hoffnungswort der internationalen Gemeinschaft, Übergang: Wenn die afghanischen Sicherheitskräfte sich nach dem Abzug der internationalen Kampftruppen 2014 aus eigener Kraft gegen die Taliban behaupten könnten, wären bislang zehn Jahre Militärintervention und Milliardenhilfen nicht vergebens gewesen. Dann ließe sich abziehen, ohne eingestehen zu müssen, dass diese Intervention gescheitert ist.

Auf dieser Annahme ruht bis heute die internationale Afghanistan-Politik, allen halbherzigen Verhandlungsversuchen mit den Taliban zum Trotz. Es ist eine Welt aus Willen und Vorstellung. Mit der Realität hat das so viel zu tun wie Einsatzübungen an Geländemodellen mit der wirklichen Lage draußen im Feld.

Ein kühler Morgen in Kunduz, in einer abgelegenen Ecke des Lagers der Afghanischen Nationalarmee, ANA, gleich neben dem deutschen Bundeswehr-Camp: Gegen neun hat sich ein knappes Dutzend afghanische Unteroffiziere vor dem Geländesandkasten der deutschen Ausbilder eingefunden. Liebevoll von den Hauptfeldwebeln Thorsten N. und Sebastian D. gebastelt, mäandert ein Fluss aus blauer Plastikfolie am Lager aus Bauklötzen vorbei, aus dem Filter einer alten Klimaanlage und großen Schrauben haben sie eine Miniaturbrücke gebaut. Hügelzug und Tal sind aus Sand geformt, verschiedenfarbige Kronkorken markieren Taliban und Soldaten. Ein Minarett mit Batteriebeleuchtung vollendet die Szenerie. Die Patrouillenaufstellung im Gelände soll geübt werden.

Wie also die Kronkorken der eigenen Truppe so aufstellen, dass sie nicht unter Feuer des Feindes geraten können?

"Wie?" Die Hauptfeldwebel und der Übersetzer stehen vor einer schweigenden Schar. Einer der afghanischen Unteroffiziere dämmert immer weg und droht umzukippen. Da ergreift ein anderer das Wort: "Also, der Fluss gefällt mir nicht. Afghanische Flüsse sind grün, nicht so blau!" Zustimmendes Murmeln. "Und der Hügelzug ist auch nicht gelungen."

Die Hauptfeldwebel sagen etwas von "markanten Geländepunkten" und dass dies doch nur ein Modell sei. Die afghanischen Unteroffiziere wollen lieber ausdiskutieren, warum sie das Modell nicht schön finden. Und zwischendurch mal Pause machen. Nach einer Stunde schließlich setzt einer die Kronkorken: in einer geraden Reihe in die Mitte des Tals. So, dass sie von den Taliban-Kronkorken umgehend alle erschossen würden. Nach zwei Stunden ist alles vorbei, "man darf die nicht überfordern", sagt der verantwortliche Hauptmann Thomas B. - und wird später resigniert erzählen, dass nichts besser geworden sei.

Es ist eine paradoxe Situation: Die afghanische Armee und die Polizei, deren Ausbildung, Gehälter, Waffen, Mahlzeiten, Fahrzeuge und Ausrüstung vor allem von den USA bezahlt werden, lassen sich oft nur mühsam zum Kämpfen tragen.

Die Taliban auf der anderen Seite kopieren dagegen ziemlich eifrig moderne Formen der Kampfführung, deponieren Tage zuvor Mullbinden und Infusionsflaschen in ihren Gräben, können tiefgestaffelte Hinterhalte organisieren und haben sogar den Geländesandkasten für sich entdeckt: In einem einstündigen Video zum Anschlag auf das Kabuler Intercontinental-Hotel Ende Juni sind die Kämpfer in einem Konferenzraum zu sehen. Vor ihnen ein fast metergroßes Modell des Hotels mit Nebengebäuden und Kontrollposten, an dem ein Mann mit Zeigestock den geplanten Angriffsablauf durchgeht. Thomas B. könnte neidisch werden.

Die afghanischen Regierungstruppen rücken zwar aus - aber nur, wenn die Soldaten nicht gerade wochenlang unentschuldigt abwesend sind, wenn ihre Offiziere nicht just wieder den Sprit auf dem Schwarzmarkt verhökert haben. Mit Kameras und Nachtsichtgeräten haben die Bundeswehrsoldaten in Kunduz immer wieder ihre afghanischen Verbündeten beim nächtlichen Abpumpen aus den eigenen Fahrzeugen beobachtet. General Fazil, bis zum vorigen Jahr Oberbefehlshaber einer Armee-Einheit in Kunduz, war berüchtigt dafür, monatlich Zehntausende Liter Diesel der Armee abzweigen zu lassen. "Diesel-Fazil", so sein Spitzname bei den Deutschen, hatte den Raubzug sogar für die Zeit organisiert, als er selbst zum Generalstabslehrgang in Deutschland war.

"Wir sind eine traurige Armee", sagt einer, der es wissen muss, denn er ist ein hoher Offizier. Jede Woche treffen sich Oberste, Bataillonskommandeure, Generalstabsoffiziere, die eines gemeinsam haben: in den achtziger Jahren auf der falschen Seite gestanden zu haben.

Man spricht Russisch.

Sie blieben als junge Offiziere damals beim Staat, obwohl der von den sowjetischen Besatzern eingenommen worden war. Sie gingen nach Moskau und Leningrad; Gastgeber Oberst Nadir trägt heute noch das sowjetische Fallschirmspringerabzeichen für seine 420 Sprünge.

Dann kam der Bürgerkrieg, kamen die Taliban, Jahre im Exil, kamen die Amerikaner und verbündeten sich mit den finstersten Warlords. Aber auch die Amerikaner merkten: Die professionellsten und integersten Offiziere sind jene, die damals beim Feind gelernt haben.

Weite Teile der Führungsriege in Armee und Polizei können sich heute auf Russisch unterhalten. Sie sind geblieben für ihr Land, ihr Pflichtgefühl und einen kümmerlichen Sold, der kaum fürs wöchentliche Wodka-Besäufnis reicht. Aber was sei das für eine Armee, die sich von Amerikanern herumschubsen lasse, sich herumschubsen lassen müsse, denn die bezahlen ja schließlich alles? "Ich werde immer kämpfen. Ich bin Offizier", redet sich Nadir in Rage. "Aber die Soldaten, die kommen nur, weil sie dafür bezahlt werden. Für drei Mahlzeiten am Tag. Wenn sie kein Geld mehr bekommen …" Eine Handbewegung ins Irgendwo zeichnet das Dilemma in die Luft.

Die Taliban mag er nicht, denn die wollen ihn umbringen. "Aber die haben ihren Stolz. Wir nicht."

Und wie ist es mit den Amerikanern?

"Nje gowori! Nje sprossi!" Sprich nicht, frag nicht!

Der Oberst in Uniform neben ihm: "Das sind alles Arschlöcher. Arschlöcher!" Nicht, mäßigt Nadir, weil sie schlechte Menschen seien, sondern weil sie mit ihren Milliarden eine Armee korrupter Opportunisten herangezogen hätten. Deren Loyalität gelte, wenn überhaupt, nur der eigenen Ethnie. "Ohne die Amerikaner", schwant es Nadir, "wird unsere Armee auseinanderfallen in paschtunische, tadschikische, Hazara-Einheiten."

Dabei sind die Taliban, die es nach Nato-Lesart auf dem Weg zur Stabilität zu besiegen gilt, in der Tat Ende 2011 militärisch weit schwächer als noch vor ein, zwei Jahren. Dazu haben die Versuche, mit ihnen zu verhandeln, wenig beigetragen. Dem Integrationsprogramm des afghanischen "Hohen Friedensrates" für aussteigewillige Kämpfer, für das allein Deutschland 50 Millionen Euro bereitgestellt hat, waren bis Mitte November zwar 2700 Aufständische gefolgt. Von denen sich viele schon kurze Zeit später beklagten, ihnen seien Geld, Jobs, ein Schaf versprochen, aber nie gegeben worden.

Es waren die "kill or capture"-Operationen, die gezielten Kommando-Einsätze amerikanischer Special Forces, welche die Taliban massiv geschwächt haben. Ein dichteres und offenbar verlässlicheres Informantennetz als früher, ein immenser Ausbau der Telefonüberwachung lassen die Taliban-Kommandeure bis hinunter auf Dorfebene zu Gejagten werden. Allein in der Provinz Kunduz brachten die US-Einheiten mehr als die Hälfte des gesamten Führungspersonals um. Tagelange Gefechte gegen Isaf-Truppen, wie es sie in Kunduz noch bis Ende 2010 gegen die Bundeswehr gab, sind in ganz Afghanistan selten geworden. Taliban-Kommandeure wie -Kämpfer sind vielfach nach Peschawar, Quetta, Karatschi zurückbeordert worden, um in Pakistan abzuwarten.

Nur geschlagen sind sie nicht, sie kopieren nun die Amerikaner auf ihre Weise. Mit fataler Präzision morden sie die Elite ihrer Gegner, afghanische Gouverneure, Generäle und Politiker, und bereiten sich so auf die Zeit nach dem Abzug der Ausländer vor. Gelegentliche Anschläge in Kabul wie auf das Intercontinental oder das Isaf-Hauptquartier wirken spektakulär, benötigen aber weit weniger Kämpfer als Feuergefechte im Gelände.

Irritiert verfolgen westliche Nachrichtendienste, dass die Taliban den Oberbefehl über die anhaltenden Operationen bereitwillig den usbekischen Kämpfern und sogar den afghanischen Konkurrenten des Warlords Gulbuddin Hekmatyar überlassen. Eines immerhin haben sie trotz aller Schläge nicht verloren: ihren Zusammenhalt. Etwas, das ihre Gegner nicht haben.

Khanabad liegt auf der deutschen Wahrnehmungslandkarte von Afghanistan weit hinter Kunduz. Dabei ist es dessen Nachbardistrikt, der jahrelang einfach zu friedlich geblieben ist, um Schlagzeilen zu machen.

Trotz gelegentlicher Klagen der örtlichen Notabeln, dass die Friedensdividende ihnen weniger Hilfe einbringe als den Aufstandsgebieten, floriert das Städtchen. Die Märkte sind voll, die EU lässt für zwölf Millionen Euro einen Bewässerungskanal sanieren, es gibt Straßenbauprojekte, vor allem aber eine integre Verwaltung. Was wiederum am Distriktchef Nizamuddin Nashir liegt, dem letzten Spross einer legendären afghanischen Industriellendynastie. Sein Großvater gründete vor einem Jahrhundert die untergegangene Baumwollspinnerei Spinzar, die in ihren besten Zeiten 30 000 Beschäftigte hatte und Baufirmen sowie eine Porzellanmanufaktur und Hotels in Kunduz und dem ganzen Norden unterhielt.

Über Nashir sagen der Schuhputzer vor dem Kebab-Stand ebenso wie die Bundeswehr und die US-Armee, dass er wirklich nicht korrupt sei und ein exzellenter Manager. Er selbst sagt, er wisse nicht, wie lange er sich noch halten könne. Denn Khanabad, diese kleine Insel des Funktionierens, wird bedroht von jenen, die sie doch beschützen sollten. "Es fing an mit ziemlich genau 28 Taliban", erzählt der Jurist mit dem Clark-Gable-Bärtchen und dem trockenen Humor. Die hatten sich am entlegensten Rand des Bezirks festgesetzt. Vor zwei Jahren setzte dann der Geheimdienst die sogenannte Arbakai, Anti-Taliban-Milizen, gegen sie ein. "Erst waren es 300 Mann. Nachdem die alle Taliban erledigt hatten, wurden es 500, 900, das ging plop, plop, plop, wie auf einer Kükenfarm." Bis 1500 Mann habe der NDS noch bezahlt, dann offiziell alle Gelder gestrichen.

Trotzdem gebe es nun annähernd 4000 Milizionäre in seinem Distrikt, "die nur noch gegeneinander um Macht und Schutzgelder kämpfen oder alte Fehden austragen", wobei bislang über hundert Menschen zu Tode gekommen seien. Um ein Organigramm der wichtigsten zwei Dutzend Kommandeure, ihrer Fehden und wechselnden Bündnisse zu entwerfen, braucht er fast eine Viertelstunde.

Als Ende August eine Schlacht der Milizen mit Mörsern und Panzerfäusten entbrannte, rief Nashir die ANA zu Hilfe, "um sie wenigstens zu einem Waffenstillstand zu bringen. Aber wie lange wird das noch funktionieren?"

Nashir pflegt unorthodoxe Bündnisse, "ich habe gute Kontakte zu den Amerikanern - und zu den Taliban. Wollten die mich umbringen, nichts wäre leichter als das. Aber ich bin nicht korrupt, die Leute mögen mich, also lassen sie mich in Ruhe". Der Feind eines wirklichen Staatsaufbaus in Afghanistan seien vor allem "die Mafiosi in der Regierung selbst. Die wollen gar keinen Staat! Sondern den Status quo erhalten und weiter kassieren! Würde das hier friedlich, hätten die gar keinen Platz mehr".

In der Zwischenzeit sei jeder dabei, für die Stunde X nach 2014 aufzurüsten: "Wenn die Ausländer abziehen, beginnt der Bürgerkrieg." Dessen Vorboten waren schon vor Jahren im Süden spürbar, wo Kommandeure wie Matiullah Khan in Uruzghan oder Abdul Raziq in Kandahar mit Hilfe der Amerikaner und den Millioneneinnahmen aus dem Geleitschutz für deren Konvois regelrechte Fürstentümer etablierten.

Mittlerweile aber bröckelt auch der einst so ruhige Norden: In Masar-i Scharif rüstet Gouverneur Mohammed Atta mit Millioneneinnahmen aus Ölschmuggel, Drogenhandel und Schutzgeldern seine eigenen Milizen auf. In Faizabad im Nordosten hat Vizepräsident Mohammed Fahim den berüchtigten Warlord Nazri Mohammed zum Bürgermeister gemacht. In Baghlan schossen Ende August tadschikische Einheiten der Nationalpolizei und die paschtunischen Kämpfer der örtlichen Polizei aufeinander, nachdem ein Polizeioberst einen Jungen aus der Verwandtschaft des paschtunischen Kommandeurs vergewaltigt hatte.

Die örtliche Polizei sollte eigentlich mit Förderung der Amerikaner und unter Aufsicht des Innenministeriums gegen die Taliban kämpfen - aber ihr Kommandeur Nur ul-Haq erpresst unter dem Schutz amerikanischer Special Forces in der Provinz ungehindert Schutzgelder von den Bauern, seinen Männern werden mehrere Morde vorgeworfen. "Was wollt ihr von mir", blafft er am Telefon, während Schläge und Schreie zu hören sind, "ich habe nichts mit der Regierung zu tun, ich mache, was ich will!"

Die Amerikaner wiederholen nicht, wie ihnen oft vorgeworfen wird, die Fehler der Russen - sie machen ihre eigenen. So, wie sie in den achtziger Jahren im Kampf gegen die Sowjetbesatzung und noch einmal 2002 Warlords und Kriegsverbrecher aufrüsteten, nur weil sie die Feinde ihrer Feinde waren, machen sie nun abermals aus Gangstern Verbündete.

Doch langsam gärt es auch innerhalb der Isaf-Nationengemeinde. In einer "secret" klassifizierten Einschätzung des schwedischen Militärs in Masar-i Scharif wird vernichtende Kritik an der Milizengründung geübt: Die Kämpfer des sogenannten Critical Infrastructure Protection Project (CIPP) würden "wahrscheinlich mehr Menschenrechtsverletzungen begehen als reguläre Polizeieinheiten, da sie weder ausgebildet noch kontrolliert werden". Und es verschlimmere die Situation, "dass es überhaupt keinen Mechanismus gibt, CIPP-Männer zur Rechenschaft ziehen zu können. Im Ergebnis könnte dies Teile der Bevölkerung erst recht den Aufständischen in die Arme treiben". Außerdem gebe es keinen Plan, wie diese Miliz wieder aufgelöst und entwaffnet werden könne.

Nach uns die Sintflut.

Der deutsche Generalmajor Markus Kneip ist als "COM RC North" Oberbefehlshaber aller Isaf-Truppen im Norden Afghanistans. Und sitzt zwischen den Stühlen. Denn was die Schweden nicht wollen, treiben die Amerikaner umso entschlossener voran. "Dass die Schweden sich Sorgen machen, nehme ich sehr ernst", räumt er ein. Im Übrigen seien es gar nicht so sehr die Amerikaner, die drängten, "sondern die afghanische Regierung: Die wollen mehr Männer, mehr Stützpunkte - und wir bremsen. Natürlich wollen wir keine anerkannten Verbrecher unterstützen!"

Präsident Karzai erklärt im SPIEGEL-Gespräch (siehe Seite 101), von der CIPP noch nie etwas gehört zu haben und grundsätzlich gegen Milizen zu sein, "die nicht der Armee angehören oder durch das Innenministerium kontrolliert werden".

Der afghanische Staat, dessen Sicherheit die Internationalen in zwei Jahren den Afghanen überlassen wollen, zerfällt längst von innen. "Loyalität", findet Thomas Ruttig, sei das, was im Kern fehle. Ruttig, Co-Direktor des Afghanistan Analysts Network, hat 2002 für die Uno jene Loya Jirga mitorganisiert, auf der damals US-Sondergesandter Zalmay Khalilzad und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld dafür sorgten, dass die Warlords des Bürgerkriegs die Macht abermals an sich reißen konnten - mit Hamid Karzai im Gepäck, von dem alle Seiten dachten, er sei ihre Marionette. "Was wir jetzt erleben, ist ein unkontrolliertes Wuchern von konkurrierenden Milizen, sind überdimensionierte Streitkräfte, deren Loyalitäten ebenfalls eher bei ihren früheren Befehlshabern als bei der Kabuler Regierung liegen - und nichts, was sie zusammenhalten könnte, zumal nicht nach einem Abzug der westlichen Truppen. Das ist ein Rezept für den Bürgerkrieg."

Vom Rest der Welt mögen die Taliban nie viel verstanden haben. Von Afghanistan verstehen sie umso mehr. Davon auch, dass es nicht darum geht, wer als Erster siegt. Sondern darum, wer übrig bleibt.


DER SPIEGEL 49/2011
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