05.12.2011

EUROPA

Unheimlich deutsch

Von Ehlers, Fiona; Heyer, Julia Amalia; Neukirch, Ralf; Puhl, Jan; Rohr, Mathieu von; Zuber, Helene

Von Frankreich bis Italien ist das Wirtschaftsmodell der Bundesrepublik zum Vorbild für Reformen geworden. Das Land wird bewundert, Europa wird deutscher. Doch mit der neuen Dominanz nehmen auch die Kritik an der Führungsrolle Berlins und alte Ressentiments zu.

Eine französische Trikolore leuchtet auf der Leinwand, vor der Nicolas Sarkozy gleich über die Euro-Krise sprechen wird. Sie ist so riesig, als ob sie jeglichen Zweifel daran beseitigen müsste, dass der Mann, der hier gleich auftritt, auch wirklich der Präsident Frankreichs ist und nicht etwa ein Abgesandter Angela Merkels.

Als Sarkozy vor seine Anhänger in Toulon tritt, es ist der Donnerstag vergangener Woche, redet er von der "Angst, dass Frankreich die Herrschaft über sein Schicksal verlieren könnte". Er beschwört in dramatischen Worten den französischen Nationalstolz, doch seine Antwort auf die Ängste ist das Gegenteil von national: "Frankreich und Deutschland haben sich entschieden, ihr Schicksal zu vereinen." Dies sei der einzige Weg aus der Krise, die "Konvergenz" beider Länder, die Angleichung.

Es gibt keinen Zweifel, wer sich hier wem angleichen will. Ein Präsidentenberater sagt anschließend, Sarkozy wolle "eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik und Schuldenabbau nach dem Modell von Gerhard Schröder". In seiner Rede kündigt der Präsident gar einen "Jobgipfel" mit Arbeitgebern und Gewerkschaften an, wie ihn Kanzler Schröder vor sechs Jahren abgehalten hatte.

Wenn man die Augen schloss, habe man Merkel sprechen hören können, schrieb die Tageszeitung "Libération" am nächsten Tag unter der Überschrift: "Ein Präsident nach deutschem Vorbild".

Schon Anfang November hatte Sarkozy in einem Fernsehinterview die für einen französischen Präsidenten geradezu unglaublichen Worte gesagt: "Meine ganze Arbeit besteht darin, Frankreich an ein System anzunähern, das funktioniert. Das deutsche System."

In seiner Rede in Toulon geißelte Sarkozy die französische Unart, das Wirtschaftswachstum seit Jahren mit Schulden zu erkaufen. Frankreich könne die Krise nur überwinden mit "Arbeit, Anstrengung und Kontrolle unserer Ausgaben". Das klang geradezu unheimlich deutsch. Zum Glück wehte noch die Trikolore, sangen am Ende alle gemeinsam die Marseillaise.

Das "deutsche Modell" ist in diesen Tagen der Krise in Europa zum Zauberwort geworden. Ausgerechnet die staubigen, trockenen Deutschen scheinen nun das Rezept zur Rettung des Kontinents zu besitzen.

Wie konnte das geschehen? Lange galt Deutschland als nicht besonders vorbildlich. Seit dem Krieg von Schuld geplagt, wirtschaftlich schwächelnd seit den späten achtziger Jahren. Die Deutschen wähnten sich umgeben von Nachbarn, die alle irgendwas besser machen: die Skandinavier mit ihrem Sozialstaat, die Franzosen mit ihrer Familienpolitik, die Briten mit ihrer Dienstleistungswirtschaft, die Oststaaten mit ihren niedrigen Steuern. Noch 2002 brandmarkte "Newsweek" Deutschland als den "kranken Mann Europas" - gebeutelt von wirtschaftlichen Problemen, "unsicher, was seinen Platz in der Welt betrifft".

Nun muss Deutschland den anderen als Vorbild dienen. Es ist fast das einzige Land der Euro-Zone, dem die Märkte noch vertrauen. Fast das einzige, das sich selbst in der Vergangenheit weitgehende Strukturreformen auferlegt hat. Deutschland ist auf einmal das faktische Zentrum Europas.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte Deutschland durch die europäische Einigung gebändigt werden, so wollten es die Franzosen und die Briten. Nie wieder sollte es zur dominanten Kraft in Europa werden. Doch nun ist es durch seine Wirtschaftskraft wie selbstverständlich zur Führungsmacht aufgestiegen, zum ersten Mal seit 1945, und man spürt, dass sich daran weder die Deutschen noch die anderen Länder gewöhnt haben.

Und so kennzeichnet ein Paradox die deutsche Dominanz in Europa. Mit der Bewunderung für die wirtschaftlichen Erfolge Deutschlands nimmt die Kritik daran zu, wie es seine Führungsrolle ausübt. Es ist nicht nur das Land, das selbst alles richtig gemacht hat, es ist auch das Land, das der Euro-Zone die Rettung über die Notenpresse oder gemeinsame Staatsanleihen verwehrt - noch. Es ist das Land, das den anderen seine Sparrezepte aufzwingt.

Dabei zeigt sich, nicht nur Angela Merkel möchte Europa nach deutschem Vorbild umgestalten. Das will sie zwar, und die Kanzlerin zeigt dabei kaum noch Hemmungen. Doch in vielen Ländern setzt sich auch ohne sie die Ansicht durch, dass Europa dem deutschen Vorbild folgen muss, um die gemeinsame Währung dauerhaft zu retten.

Die Deutschwerdung Europas lässt sich an vielen Orten beobachten: In Italien wurde der unseriöse Lebemann Silvio Berlusconi durch eine Regierung aus grauen Technokraten ersetzt, die sich schon rein äußerlich von allem Ausgelassenen und Südländischen verabschiedet hat. Premier Mario Monti schwört sein Land seit seinem Amtsantritt auf harte Sparmaßnahmen ein. Er ist bodenständig und bieder, in Italien nennen sie ihn "deutscher als ein Deutscher". Auch in den Medien, etwa der Sonntagabend-Sendung "Report", wird den Italienern vorgeführt, wo es die Deutschen überall besser machen: bei der Mülltrennung, der Wettbewerbsfähigkeit, beim Bildungssystem.

In Spanien hat schon der bisherige sozialistische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero Beamtenbezüge gesenkt und Sozialleistungen gekürzt. Wie der deutsche Arbeitsmarktreformer Gerhard Schröder ist auch er abgewählt worden, aber sein Nachfolger Mariano Rajoy hat bereits geschworen, er werde "um jeden Preis" das Haushaltsdefizit 2012 auf 4,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts senken, genau wie Merkel es fordert.

In Griechenland, das seinen Bürgern drastische Einschnitte zumutet, vollzieht sich die Deutschwerdung am unfreiwilligsten und am schmerzhaftesten. Seit November durchforstet nun auch noch der Deutsche Horst Reichenbach, Chef der sogenannten Task-Force der EU, mit seiner 30 Mann starken Truppe griechische Behörden und erklärt den Griechen, wie man Grundstücke vermisst, ein Kataster führt und Grundsteuer eintreibt. Das hat die Sache mit der Deutschenfeindlichkeit nicht besser gemacht.

Doch zugleich diskutieren Politiker und Medien in fast allen Ländern Europas seit Monaten deutsche Eigenarten wie das duale Berufsbildungssystem oder die Sozialpartnerschaft, die dem Land zu seiner Führungsposition verholfen haben. Alle wollen sich das Beste abschauen.

Nirgendwo kommt Deutschland aber der nationalen Psyche so bedrohlich nah wie in Frankreich. Warum es den Deutschen so gut und den Franzosen so schlecht geht, ist seit Wochen das große Thema aller Politiker und Medien. Täglich und geradezu obsessiv vergleichen die Zeitungen die beiden Länder miteinander. "Das deutsche Europa" titelte kürzlich das Wirtschaftsmagazin "Challenges", bewundernd und schaudernd zugleich.

Als der Automobilhersteller PSA, zu dem die Marken Peugeot und Citroën gehören, vor einem Monat bekanntgab, er werde 6000 Arbeitsplätze abbauen, konnten die Franzosen in den Abendnachrichten eine Grafik sehen, die dem nationalen Selbstbewusstsein einen weiteren Schlag zufügte: Sie zeigte, wie die Produktionszahlen von PSA in den vergangenen zehn Jahren stagnierten, während daneben die Produktionskurve von Volkswagen steil anstieg.

Der Ökonom Jean Peyrelevade hat dazu vor kurzem ein Buch veröffentlicht (Titel: "Frankreich, in kritischem Zustand"). Es ist im Wesentlichen eine Anleitung dafür, wie Frankreich werden kann wie Deutschland. Peyrelevades Analyse ist vernichtend: Die deutschen Unternehmen sind finanziell stark, die französischen verschuldet. Deutschland hat das Rentenalter konsequenter erhöht als Frankreich, und dessen Bürger arbeiten laut Tarif 35 Stunden pro Woche. In Deutschland stiegen die Gehälter langsamer als die Produktivität, in Frankreich war es umgekehrt. "Wir Franzosen haben uns immer weiter verschuldet, weil wir dank der Deutschen so billige Kredite aufnehmen konnten", sagt Peyrelevade. "Deutschland hat unseren Abstieg finanziert."

Nun hat Frankreich eine Staatsverschuldung von 85 Prozent und steht kurz vor dem Verlust der Bestbewertung "Triple-A". Auch deswegen versucht Sarkozy sein Land an Deutschland zu ketten, den historischen Rivalen. Frankreich war immer stolz darauf, wie es mediterrane Lebensart und nordeuropäische Wirtschaftsleistung verband. Nun drohe ihm "der Sog der Länder des Südens", sagte Sarkozy.

Vor anderthalb Jahren kritisierte die heutige IWF-Chefin und damalige Finanzministerin Christine Lagarde noch deutsches Lohndumping. Davon will heute niemand mehr etwas hören. Es ist Mainstream, das deutsche Modell gut zu finden. Der zentristische Präsidentschaftskandidat François Bayrou hat ein Buch geschrieben, in dem er schrödersche Reformen einfordert, und auch der Sozialist François Hollande lobt etwa die Senkung der Lohnnebenkosten.

Doch sind die Franzosen, sind die restlichen Europäer wirklich bereit zu harten Sozialreformen, einer Erhöhung der Wochenarbeitszeit und weiteren Rentenreformen? Wissen sie, was es für jeden Einzelnen bedeutet, wenn der Staat nicht mehr ausgeben darf, als er einnimmt?

Überall in Europa, wo sich Einschnitte ankündigen oder schon vollzogen sind, wird Deutschland nun zum Sündenbock. Denn es sind ja die Deutschen, die Reformen verlangen. Schnell weicht das Lob dann der Kritik, Merkel mische sich in die Innenpolitik anderer Staaten ein.

Das ist die Kehrseite der deutschen Dominanz in Europa. Von der "Germanisierung Europas" schrieb die rechte spanische Tageszeitung "ABC" vor kurzem, ein Publizist kommentierte, Deutschland sei gerade dabei, den "Dritten Weltkrieg zu gewinnen, den Krieg des Geldes". Das Glückwunschtelegramm, das die Bundeskanzlerin an den Wahlsieger Mariano Rajoy geschickt hatte, fassten viele in Spanien als Überheblichkeit auf.

"Lieber Herr Rajoy", hatte sie geschrieben, und die linksgerichtete Zeitung "Público" zitierte auf Deutsch und in Übersetzung aus dem Schreiben: Jetzt, da er ein eindeutiges Mandat erhalten habe, solle er "rasch" die nötigen Maßnahmen ergreifen. Falls es das Umfeld Rajoys war, das das Telegramm der Presse zuspielte, war es ein kluger Schachzug. So haben die Spanier weiterhin eine Schuldige für ihre Leiden.

Und so scheint er plötzlich wieder auf, der hässliche Deutsche: In Griechenland ist bei Demonstrationen das Hakenkreuz, zusammengesetzt aus den Sternen der EU-Flagge, schon lange ein beliebtes Motiv, ganz zu schweigen von Bildern der Kanzlerin in einer Art SS-Uniform.

Griechenland sei "zu einem deutschen Protektorat des Vierten Reiches in Europas Süden" geworden, sagt Georgios Trangas, einer der bekanntesten Journalisten des Landes. In seinem Magazin, das allabendlich gesendet wird, sind antideutsche Ressentiments ein zentrales Element. Zurzeit wünscht er in seiner Sendung, unterlegt von Marschmusik: "Frohe deutsche Weihnachten".

Im italienischen Fernsehen sieht man seit Tagen Fotos der Kanzlerin unter der Pickelhaube. Und selbst ein so bekannter Politiker wie der Franzose Arnaud Montebourg, der Shootingstar des linken Flügels der Sozialisten in Frankreich, scheut sich nicht mehr, das "deutsche Modell" mit allen Mitteln der Demagogie zu bekämpfen: "Die Frage des deutschen Nationalismus kehrt zurück durch die Politik nach bismarckscher Art, die Frau Merkel betreibt", sagte er vergangene Woche. Frankreich müsse die Konfrontation mit Deutschland aufnehmen und seine Werte verteidigen gegen das "deutsche Diktat".

Montebourg wurde für seine Worte auch in der eigenen Partei hart kritisiert, doch je mehr Sarkozy sich an Merkel heftet, desto mehr Kritik an Deutschland ist in Frankreich zu erwarten.

Die Regierung in Berlin reagiert hilflos auf die Anfeindungen aus dem Ausland. "Es ist schon dramatisch, dass in wenigen Monaten zerstört wird, was wir in Jahrzehnten an positivem Kapital angehäuft haben", sagt ein hoher Regierungsbeamter. Allerdings gebe es kaum Möglichkeiten, daran etwas zu ändern. Die deutschen Botschafter in den EU-Ländern wurden angewiesen, die deutsche Haltung stärker zu erläutern und den Kontakt mit ausländischen Medien zu suchen.

In der Regierung weiß man, wie begrenzt der Erfolg solcher Pressearbeit ist. Am wichtigsten sei, heißt es nun im Kanzleramt, an der Seite Frankreichs aufzutreten. Dadurch soll der Eindruck vermieden werden, Deutschland dominiere Europa. Die wirtschaftliche und politische Führungsrolle in Europa innezuhaben ist eine neue Erfahrung für Deutschland.

Aber Angela Merkel wird nicht nur kritisiert, weil sie bestimmt in Europa, sie wird auch kritisiert, weil sie die deutsche Führungsrolle nur einseitig zu verstehen scheint, als eine Art Erziehungsprojekt. Sie scheint sonst keine Rezepte zu haben, sie flößt kein Vertrauen ein, sie verspricht keine Rettung. Sie fordert viel, aber sie sagt nicht, wo es langgeht. Und so finden sich viele, die sich nicht weniger, sondern mehr deutsche Führung wünschen.

Dazu gehört ausgerechnet Polen, das Land, das sich lange Zeit am meisten vor einem wiedererstarkten Deutschland fürchtete. Außenminister Radoslaw Sikorski hielt vorvergangene Woche eine bemerkenswerte Rede in Berlin, in der er einen möglichen Kollaps der Euro-Zone als "größte Bedrohung für Polens Sicherheit und Wohlstand" bezeichnete.

Noch vor fünf Jahren fühlte sich Sikorski schon durch das deutsch-russische Abkommen über die Ostsee-Pipeline an den Hitler-Stalin-Pakt erinnert. Nun sagte er: "Ich fürchte mich weniger vor Deutschlands Macht, sondern beginne mich mehr vor Deutschlands Untätigkeit zu fürchten. Sie sind Europas unverzichtbare Nation geworden. Sie dürfen bei der Führung nicht versagen. Nicht dominieren, sondern führen bei den Reformen."

Polen hat vom EU-Beitritt profitiert wie kaum ein anderes Land, seine Wirtschaft boomte sogar im Krisenjahr 2009. "Polen will das Frankreich des Ostens werden", sagt Waldemar Czachur vom Zentrum für internationale Beziehungen.

Der liberale Premier Donald Tusk ist geradezu streberhaft bemüht, Musterschüler zu sein. Und so hat Polen getan, was vielen anderen noch bevorsteht: Es spart fleißig, hat sich eine Schuldenbremse in die Verfassung geschrieben und erhöht jetzt sogar das Rentenalter. Und trotz der Krise will Warschau den Euro in vier Jahren einführen.

Wenn Nicolas Sarkozy nicht aufpasst, hat Angela Merkel bald einen Neuen.


DER SPIEGEL 49/2011
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