05.12.2011

ISLANDGiftige Altlasten

Drei Jahre nach dem Kollaps hat das Land die Finanzen wieder unter Kontrolle, doch viele tausend Bürger müssen noch lange für den Größenwahn der Boomzeit zahlen.
Der Mann, der schuld an dem ganzen Elend gewesen sein soll, trägt ein kleinkariertes Jackett und hält den Kopf gesenkt. Geir Haarde war Premierminister, als Island vor drei Jahren eine Art Nahtoderlebnis durchlitt: Innerhalb weniger Tage kollabierten die drei größten Banken des Landes, der Kurs der Krone stürzte ab, der Staatsbankrott stand unmittelbar bevor.
Für das Finanzdesaster muss der ehemalige Regierungschef sich jetzt vor Gericht verantworten - als erster Politiker in ganz Europa. Die Verfassung aus dem Jahr 1905 macht es möglich, politische Repräsentanten zu verurteilen, wenn sie in einer staatsgefährdenden Situation nicht oder zu spät gehandelt haben. Haarde drohen bis zu zwei Jahre Haft. "Natürlich, aus heutiger Sicht hätte ich damals einiges anders gemacht", sagt der Angeklagte, der nicht einmal mehr ein eigenes Büro unterhalten kann. Freunde kommen für die Prozesskosten auf, sie haben ihm auch einen Arbeitsraum in einer Anwaltskanzlei verschafft.
"Ich bin der Sündenbock für alle, dabei habe ich nichts Kriminelles getan", behauptet Haarde: "Im Gegenteil, wir haben damals Island gerettet - und zwar ohne dass die Steuerzahler die Zeche für die Banken übernehmen mussten."
Der Ex-Premier klingt verbittert - und doch kann er für seine Behauptung einige Belege anführen. In Rekordzeit ist Island wieder auf den internationalen Geldmarkt zurückgekehrt, schon im Sommer konnte die Regierung erstmals nach der Krise wieder Staatsanleihen ausgeben. Das Haushaltsdefizit liegt bei 2,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Arbeitslosenquote fiel auf etwa sechs Prozent, sogar Wachstum von 2,2 Prozent dürfte Island in diesem Jahr erwirtschaften, die Krone ist, bei einer Inflation von 2,7 Prozent, relativ stabil. Trotzdem sind immer noch Zehntausende Isländer hochverschuldet, sie werden Jahrzehnte für den Größenwahn der Boomjahre zahlen.
Jetzt möchte die rot-grüne Regierung in Reykjavik das Trauma des Zusammenbruchs für immer hinter sich lassen. Sie strebt in die Europäische Union - und will, trotz Euro-Krise, so schnell wie möglich die Gemeinschaftswährung übernehmen.
Geir Haarde ist ein Vertreter jenes Politikertyps, der Island jahrzehntelang regiert hat: unauffällig, konservativ, mit wirtschaftspolitischen Einstellungen im neoliberalen Mainstream. Haarde stimmte zu, als das Land in den neunziger Jahren alle Beschränkungen für den Kapitalverkehr aufhob und die Banken privatisierte. Er war Außenminister, als sich die Geldhäuser mit ausländischem Kapital vollsaugten, bis die Bilanzsumme der drei größten Banken das Zehnfache des Bruttoinlandsprodukts überstieg und die Isländer in einen kollektiven Konsumrausch verfielen - finanziert auf Pump. Haarde war bereits Regierungschef, als 2008 die Schockwellen der Lehman-Pleite die Vulkaninsel trafen und die Ausländer über Nacht ihr Geld abzogen. Das Gericht wirft ihm vor, alle Warnzeichen übersehen zu haben.
"Niemand hat vor der Krise geahnt, was für ein Tsunami da auf uns zurollt", verteidigt sich Haarde. Den Prozess gegen sich hält er für eine "politische Farce", angezettelt von seinen Gegnern, Grünen und Sozialdemokraten, die heute regieren. Viele seien schuld an der Katastrophe: die isländischen Banker, die leichtfertig gehandelt, die Ausländer, die ihnen zu viel Geld gegeben hätten.
Bevor der Volkszorn Haarde im Januar 2009 zum Rücktritt zwang, hatte sein Kabinett Notgesetze verabschiedet, die den Staatsbankrott verhinderten: Die drei großen Banken des Landes wurden verstaatlicht und in die Insolvenz geführt. "Wir hatten das Glück, einfach zu klein zu sein, um sie rauszuhauen", sagt Haarde. Die Regierung garantierte die Spareinlagen der Isländer und ließ ausländische Gläubiger auf ihren Forderungen sitzen.
Vom Internationalen Währungsfonds, der Island damals einen Notkredit von 2,1 Milliarden Dollar gewährte, erhält der Pleitestaat von einst heute Lob für seine Sanierungsbemühungen. "Was Island tat, war richtig", sagt auch der US-amerikanische Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz.
Der Hauptstadt Reykjavik ist die Erholung anzusehen: Durch die Straßen schieben sich wieder nagelneue Landrover und andere Geländewagen, in den Restaurants hat Sushi den Stockfisch als Hauptgericht abgelöst. Die neue Konzerthalle am Hafen, vor zwei Jahren noch eine Betonruine, ist inzwischen eingeweiht. An der Küstenstraße, wo noch vor kurzem der Westwind durch die Fensterhöhlen halbfertiger Bürotürme heulte, sind alle Fassaden verglast.
Erst in den Vorstädten, etwa in Ulfarsfell, sind die Folgen der Krise noch zu erkennen. Dort wohnen Familien im Erdgeschoss ihrer Neubauhäuser, während im zweiten Stock noch der nackte Stahl in den Himmel ragt. Jedes zweite Haus ist unfertig, aber Bauarbeiter sind hier nicht mehr zu sehen.
Zehntausende Isländer haben in der Boomzeit Immobilienkredite aufgenommen. Als die Krone dann ins Trudeln geriet und bis zu 70 Prozent an Wert gegen den Euro verlor, konnten viele Isländer ihre Raten plötzlich nicht mehr zahlen. Die Banken hatten nämlich ihre Kredite gegen die Inflation abgesichert, ihre Forderungen stiegen parallel zur Geldentwertung, die Löhne und Gehälter der Kreditnehmer aber blieben konstant.
Heute beträgt die Verschuldungsrate der privaten Haushalte 225 Prozent des verfügbaren Einkommens. Rein rechnerisch muss damit jeder Haushalt einen Kredit abtragen, der höher ist als zwei Jahreseinkommen. In Deutschland liegt die Quote bei 95 Prozent.
Lisa Björk Ingolfsdottir gehört zu den wenigen, die aus ihrer verzweifelten Lage keinen Hehl machen: Noch vor fünf Jahren war ihr Leben perfekt gewesen, sie hatte eine Festanstellung als Buchhalterin und 9 Millionen Kronen (rund 57 000 Euro) Spareinlagen auf der Bank. Sie lieh sich 13 Millionen (rund 83 000 Euro) dazu und kaufte das Erdgeschoss eines zweistöckigen Hauses in der Nähe der Hauptstadt. Auch ein Garten für die beiden Töchter war vorhanden.
Doch mit der Kreditblase platzte auch Ingolfsdottirs Lebenstraum: Zuerst verlor sie ihren Job. "Anfangs war ich sogar noch ganz froh. Ich wollte die freie Zeit nutzen und meinen Abschluss an der Universität nachmachen." Dann gab es Streit mit ihrem Mann, darauf folgte die Scheidung. Heute lebt Ingolfsdottir als Alleinerziehende von der Sozialhilfe.
Ihre Wohnung gehört längst wieder der Bank. Obwohl sie noch bis vor einem halben Jahr ihre Raten abgestottert hat, sind ihre Schulden durch Inflation und Steuern auf etwa 21 Millionen Kronen gewachsen. Wie hoch der Betrag ganz genau ist, will sie gar nicht wissen. "Es gibt keine Jobs für mich", sagt sie, "und selbst wenn, wären die nicht so gut bezahlt, dass ich diesen Berg jemals abtragen könnte."
Experten schätzen, dass mehr als zehn Prozent der isländischen Schuldner in einer ähnlich ausweglosen Lage sind wie Lisa Björk Ingolfsdottir.
Die hohen Schulden privater Haushalte und kleiner Unternehmen seien die gefährlichste Altlast der Krise, meint Brynjar Peturson Young, ein Gift, das auf lange Jahre hin die Wirtschaftskraft der Insel zersetzen werde. Zu Boomzeiten war Young Unternehmensberater, ein Diplom der amerikanischen Elite-Hochschule Massachusetts Institute of Technology steht auf dem Notenständer am Klavier. Seine schicke, aber kahle Junggesellenwohnung hat er noch abbezahlen können. Young lehrt heute Wirtschaftswissenschaften an der Universität. Er sagt: "Ich rate meinen Studenten, das Land zu verlassen. Hier wird nichts besser." Auf seinem Laptop ruft er Grafiken auf, die seine Argumente untermauern. "Die Raten für die Kredite schlucken zu viel verfügbares Einkommen. Die Menschen müssen auf Jahrzehnte hinaus sparen."
Vor allem dem Mittelstand gehe so der Anreiz verloren, hart zu arbeiten. "Wegen der Schulden ist es für Ärzte, Lehrer oder Facharbeiter kaum möglich, ihren Lebensstandard zu steigern", sagt Young. Deshalb ist die Zahl derjenigen, die nach Norwegen oder Dänemark oder in die Niederlande ziehen, trotz der wirtschaftlichen Erholung nicht kleiner geworden. In den vergangenen drei Jahren haben etwa 8000 Auswanderer die Insel verlassen. Nun fehlen, bei nur 320 000 Einwohnern, vor allem die gutausgebildeten jungen Isländer.
Für Außenminister Össur Skarphedinsson, der seit 2010 mit Brüssel über den Beitritt Islands zur Union verhandelt, ist der Brain-Drain ein Grund mehr, seine Gespräche voranzutreiben. Der studierte Meeresbiologe ist ein Freund des Schnupftabaks, ein Mann von umwerfendem Optimismus: "Die EU ist eine Zone der Stabilität", behauptet er trotz der Horrormeldungen über das nahe Ende der Gemeinschaftswährung. "Merkel und Sarkozy werden den Euro niemals fallenlassen." Wenn es die EU nur schaffe, die Haushalte ihrer Mitglieder besser zu kontrollieren, so glaubt der nordische Merkel-Fan, "kann der Euro aus der Krise gestärkt hervorgehen".
Dass eine Mehrheit seiner Landsleute sich in Umfragen gegen EU und Euro ausspricht, ficht ihn nicht an: "Wenn die Währung gerettet ist, werden die Isländer dafür sein", glaubt Skarphedinsson. Mit dem Euro im Portemonnaie und auf der Bank sei das Trauma der Krise gebannt.
"Wir sind ein kleines Volk mit einer Mikrowährung", erklärt der Außenminister. Jede Investition, aber auch jede Firmenpleite zeige gleich messbare Auswirkungen auf den Kurs der Krone. Und außerdem: Nie wieder sollen die Isländer Gefahr laufen, über Nacht zu armen Schluckern zu werden. "Aus der Biologie weiß ich, dass es für Fische vorteilhaft ist, sich zu Schwärmen zusammenzuschließen", sagt er. "Dass Island im europäischen Schwarm nur ein kleiner Fisch wäre, macht mir keine Angst."
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 49/2011
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