05.12.2011

Überleben in Mississippi

Filmkritik: Die Tragikomödie „The Help“ erzählt vom Aufstand schwarzer Hausangestellter gegen den Rassismus.
Sie ist auf dem Weg nach Hause, endlich, es war ein langer Arbeitstag, sie ist nicht mehr die Jüngste, ihre Knie tun weh, sie sitzt im Bus, hinten natürlich, weil vorn nur die Weißen Platz nehmen dürfen, als der Fahrer plötzlich bremst: "Alle Nigger aussteigen!"
Aibileen Clark, Hausangestellte in Jackson im US-Bundesstaat Mississippi, steigt aus. Sie weiß, dass Widerspruch zwecklos ist, sie hört, dass in dieser Nacht ein Afroamerikaner erschossen wurde. Der Mob ist in Lynchstimmung und Hilfe von der Polizei kaum zu erwarten. Während der Busfahrer die weißen Fahrgäste vorsichtshalber direkt nach Hause bringt, läuft Aibileen um ihr Leben.
Dies ist, bis kurz vor Schluss, die einzige Szene in "The Help", dem Überraschungserfolg des Sommers in den amerikanischen Kinos, in der Aibileen beinahe die Fassung verliert. Ansonsten bewahrt sie Haltung, immer. Sie lächelt, wenn sie ihren Herrschaften das Essen serviert, sie lächelt, wenn sie die heulende Tochter der Herrschaften tröstet.
Und Aibileen schweigt, während sie Gäste bei einer Party bedient, Gäste, die über "die Farbigen-Situation" räsonieren. Also beispielsweise darüber, ob die schwarzen Hausangestellten eigentlich dieselben Toiletten im Haus benutzen dürfen wie ihre Arbeitgeber. Das sei gefährlich, die Schwarzen "haben andere Krankheiten". Dann reden die Gäste wieder über den Wohltätigkeitsball, bei dem Geld für Kinder in Afrika gesammelt werden soll.
"The Help" spielt Anfang der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, als Rassismus in den Südstaaten der USA Gesetz war. In Mississippi gab es damals Schulen speziell für Afroamerikaner, Eheschließungen zwischen den Rassen waren verboten. Wer sich "für soziale Gleichheit zwischen Weißen und Negern" aussprach, riskierte bis zu sechs Monate Gefängnis.
Skeeter (Emma Stone), eine junge Frau mit roten Locken und losem Mundwerk,
will trotzdem ein Buch schreiben über die Situation der schwarzen Haushälterinnen. Das heißt: Zuerst möchte Skeeter von Aibileen, der Angestellten einer alten Schulfreundin, nur ein paar Tipps für ihre Haushaltskolumne im "Jackson Journal". Es ist Skeeters erster Job als Journalistin. Sie hat studiert; während sie auf der Uni war, haben ihre Freundinnen von einst geheiratet und Kinder bekommen. Obwohl diese Frauen selbst von schwarzen Hausangestellten aufgezogen wurden, behandeln sie jetzt ihr Personal mit souveräner Herablassung, manche mit kalter Verachtung.
Skeeter ist irritiert, zumal die Haushälterin ihrer Eltern, Skeeters Ersatzmutter, spurlos verschwunden ist. Nach langem Zögern sind Aibileen und ihre Kollegin Minny (Octavia Spencer) bereit, Skeeter bei ihrem Buch zu helfen, anonym natürlich, alles andere wäre lebensgefährlich. Das Buch soll "The Help" heißen, ein doppeldeutiger Begriff, der "Hilfskraft" bedeuten kann, aber auch "Beistand".
Der Film "The Help" beruht auf dem Roman der US-Autorin Kathryn Stockett, einem Bestseller, 2009 erschienen, in 40 Sprachen übersetzt (Titel der deutschen Ausgabe: "Gute Geister"), mit einer Auflage allein in den USA von mehr als drei Millionen. Stockett, Jahrgang 1969, weiß und blond, wuchs selbst in Jackson auf, unter der quasi-mütterlichen Aufsicht einer schwarzen Hausangestellten, ebenso wie ihr Jugendfreund Tate Taylor, der jetzt bei der Verfilmung Regie führte.
In den USA hat "The Help" heftige Debatten ausgelöst: Stockett setze "ihrem eigenen Buch ein Denkmal", indem sie ihr Alter Ego, die Journalistin Skeeter, zur Heldin der Bürgerrechtsbewegung stilisiere, kommentierte der "New Yorker". Die "Vereinigung schwarzer Historikerinnen" kritisierte, das Werk offenbare eine verstörende Nostalgie für alte Zeiten. Ablene Cooper, eine ehemalige Hausangestellte von Stocketts Bruder, verklagte die Autorin wegen Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte, erfolglos.
Tatsächlich geht es, kein Wunder, um verletzten Stolz, um die Frage, ob Weiße schwarze Geschichte und Geschichten schreiben dürfen. Ein Problem, das dem Regisseur bewusst ist: "Wie kommen Sie darauf, wir brauchen Ihre Hilfe?", fragt die Hausangestellte Minny in einer Szene Skeeter.
Aus europäischer Perspektive wirkt die Diskussion sehr akademisch. "The Help" ist ein Spielfilm, keine Dokumentation, spannend, berührend, oft überraschend lustig und trotzdem wahrhaftig. Er rückt Frauen in den Mittelpunkt, die sonst meist im Abseits stehen, nicht nur im wirklichen Leben übrigens, sondern auch im Kino.
Die Mammy, das schwarze Dienstmädchen mit dem großen Herz, ist in Hollywood seit Jahrzehnten eine Rolle für leidensfähige Statistinnen. Hattie McDaniel, 1940 als erste Afroamerikanerin mit einem Oscar ausgezeichnet für ihren Auftritt in "Vom Winde verweht", fasste ihre Karriere einmal so zusammen: "Ich verdiene lieber 700 Dollar pro Woche damit, ein Dienstmädchen zu spielen, als 7 Dollar pro Woche damit, tatsächlich ein Dienstmädchen zu sein." Zur Premiere von "Vom Winde verweht" hatte man Hattie McDaniel nicht eingeladen.
"The Help" bietet jetzt einige der besten und größten Rollen seit langem für schwarze Schauspielerinnen. Viola Davis als Aibileen spricht nicht viel in diesem Film, aber in ihrem Blick spiegelt sich die Geschichte eines ganzen Landes. Es ist eine Oscar-würdige Darbietung.
Kinostart: 8. Dezember.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 49/2011
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