05.12.2011

INTERNETDiebe im Netz

Bitcoin ist die erste echte Internetwährung. Doch bislang lässt sich dafür kaum etwas kaufen - außer Burgern, Drogen und Pornos.
In Prag tagen die selbsternannten Währungshüter. Die Lage ist ernst, ihr Geld wurde abgewertet, fast auf Ramschniveau.
Rund 70 Hacker, Kleinunternehmer und Informatiker aus ganz Europa sitzen in einem kahlen Konferenzzentrum am Rande einer Plattenbausiedlung, trinken Instantkaffee aus Plastikbechern und reden sich die Köpfe heiß an diesem grauen November-Sonnabend.
Es geht nicht um die Rettung des Euro, sondern um die Zukunft von Bitcoin: Die erste echte Internetwährung ist anonym wie Bargeld, unabhängig von Banken und besteht aus nichts als Nullen und Einsen. Und viel Vertrauen.
Genau darin liegt das Problem. Anfang Juni noch war ein Bitcoin über 30 Dollar wert, heute sind es 3. "Gestern standen wir am Abgrund", warnt ein Redner auf der Bühne, "morgen sind wir vielleicht einen Schritt weiter."
Digitales Geld ist schwer in Mode. Auch die großen Internetkonzerne bereiten eigene Bezahlsysteme vor - die aber wohl nur existierende Dollar, Yen oder Euro der realen Welt digital tauschbar machen. Eigentlich zahlt der Nutzer also doch wieder mit seiner Kreditkarte.
Bitcoin dagegen ist radikaler: eine eigene Währung, die ohne Banken funktioniert. Auf der Konferenz der Bitcoin-Förderer demonstriert ein Programmierer, wie es geht: Er ruft auf seinem Android-Handy eine Bitcoin-App auf, scannt die Kontodaten des Empfängers mit der Kamera ein, drückt auf "senden". Sein Nachbar schaut auf seinen Laptop - schon erscheint dort der Betrag "1,0000 BTC".
Keine Bank hat etwas von dieser Überweisung mitbekommen, Absender und Empfänger bleiben anonym, versteckt hinter verschlüsselten Datenpaketen, die nicht von einer Zentralinstanz geprüft werden, sondern von allen teilnehmenden Rechnern - nach dem Prinzip von Tauschbörsen (siehe Grafik).
Die Entstehungsgeschichte von Bitcoin liest sich wie ein Cyberpunk-Roman. Am 3. Januar 2009 startet ein geheimnisvoller Informatiker namens Satoshi Nakamoto ein Programm, das die Bitcoins erzeugt und verwaltet. Jeder kann es sich kostenlos herunterladen und damit weltweit fast gebührenfreie Überweisungen an andere Teilnehmer tätigen. Doch je mehr Menschen das Programm laufen lassen, desto weniger neue Digital-"Münzen" werden geprägt.
So wird die Geldmenge automatisch begrenzt, ihr Maximum hat Nakamoto festgesetzt auf 21 Millionen Bitcoins - dann ist Schluss. Bislang ist rund ein Drittel dieser Höchstmenge im Umlauf. "Bitcoin hat damit quasi einen eigenen privaten Goldstandard eingeführt", schreibt der Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman in seinem Blog. Zudem erfüllt die Hackerwährung die Forderung radikaler Finanztheoretiker wie Friedrich August von Hayek: das Abschaffen der Zentralbank.
Als Garantie gilt nicht wie beim Euro das Versprechen der EZB, sondern das Vertrauen in die Wirtschaftskraft der Teilnehmer und in die Zuverlässigkeit des Programms: "In Code We Trust".
Selbst der Name des Währungsstifters ist ein Pseudonym; niemand weiß, wer sich hinter Satoshi Nakamoto verbirgt. "Die Software ist derart gut gemacht, dass es sich vermutlich um ein ganzes Team von Kryptografie-Experten handelt", glaubt der Konferenzteilnehmer Clemens Cap, Informatikprofessor aus Rostock. "Wir wissen, dass Bitcoin funktioniert, aber wir wissen nicht genau, warum."
Cap sieht die Währung als ein Experiment. Frühestens in zehn Jahren, schätzt er, könnte sich Bitcoin oder eine vergleichbare Kryptowährung wirklich etablieren. Er möchte bald EU-Gelder beantragen für ein begleitendes Forschungsprojekt.
Noch vor den Akademikern hat sich allerdings die digitale Halbwelt auf das Internetgeld gestürzt. Auf dubiosen Sites wie "Silk Road" werden Drogen gehandelt und mit Bitcoins bezahlt - natürlich anonym. Der demokratische US-Senator Charles Schumer forderte bereits ein Verbot. Der US-Geheimdienst CIA ist alarmiert.
Doch auch ganz normale Spekulanten trieben die Nachfrage nach Bitcoins schon in ungeahnte Höhen. Zwischen Januar und Juni stieg der Kurs im Vergleich zum Dollar um das Hundertfache.
"Ich habe eine Rendite von 120 Prozent gemacht", erzählt ein Clubbetreiber aus München, der auf dem Dachboden zehn schnelle Rechner laufen hat, die Bitcoins erzeugen.
Doch dann kam der Crash. Im Juni brachen Hacker in eine Bitcoin-Tauschbörse ein und plünderten Nutzerkonten. Durchs Internet geisterten Viren wie "Infostealer" und "Devilrobber", die Bitcoins von infizierten Rechnern stahlen.
Das Vertrauen bröckelte, der Kurs stürzte ab; heute liegt er noch bei drei Euro pro Bitcoin. "Das ist gut, endlich sind die Spekulanten wieder weg", sagt Amir Taaki, der die Prager Konferenz mitorganisiert hat. Der ehemalige Profi-Pokerspieler hält mit ernstem Gesicht und im lila Pulli endlose Predigten gegen das Finanz-Establishment.
Selbst die Anhänger geben indes zu, dass die Nutzer sich von dem virtuellen Geld kaum etwas kaufen können. Nur etwa 50 000 Leute nutzen die Bitmünzen, schätzt Taaki, und weltweit vielleicht hundert Läden akzeptieren sie im Tausch gegen Computerteile, Pornos, Online-Poker-Chips oder Alpakasocken. Nostalgiker können sogar Bitcoin-Münzen kaufen.
Aber vielen Anarchokapitalisten geht es weniger ums Geld als ums Prinzip. Jörg Platzer etwa bietet Hamburger und Bier gegen Bitcoins an in seiner Bar "Room77" in Kreuzberg; zum Nachtisch empfiehlt er gebratene Mars-Riegel und Livemusik. Er träumt davon, die "Teilchenmünzen" zur lokalen Kiezwährung zu machen.
Noch allerdings ist der Einstieg ins verschworene Bitcoin-Universum schwierig. Wer keine Burger oder Socken verkauft, muss zum Beispiel Überweisungen auf windige Konten in Hongkong tätigen - in der vagen Hoffnung, dafür einen Zahlencode gutgeschrieben zu bekommen.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 49/2011
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